Kategorie ‘Schau ins Blau Archiv’

Der öffentliche Raum als Aktionsfeld – Klaus Staeck

von Ulrike Jochum • Datum: 10. September 2009 • Ausgabe: 9.1 - Ethik und Ästhetik

Klaus Staeck ist Deutschlands bekanntester politischer Plakatkünstler. Anlässlich des 60-jährigen Geburtstages der Bundesrepublik und des 20. Jahrestages des Mauerfalls zeigte das Erlanger Poetenfest eine Ausstellung seiner wichtigsten Arbeiten, die bis in die aktuelle Gegenwart ein Stück Zeitgeschichte dieses Landes spiegeln.

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Ich will etwas Authentisches!

von Melanie Zipf • Datum: 23. Juni 2009 • Ausgabe:

Das Helmi mit „Faust auf Faust” in Erlangen und Florian Loycke mit Schau ins blau im Café

„Einfach” ist noch ein stark untertriebener Ausdruck, wenn man sich das selbst gebastelte Bühnenbild zu „Faust auf Faust” des Berliner Puppentheaterkollektivs ‘Das Helmi’ betrachtet, das im Rahmen des Figurentheaterfestivals zu sehen war. Reichlich unprätentiös kommen aber nicht nur die aus Pappe konstruierten Hochhäuser, die den schwarzen Tisch in der Bühnemitte rahmen, daher. Auch die einfachen Schaumstoffpuppen sind zwar charakterstark, aber dennoch unglamourös. Für ‚Das Helmi’ sind weder ein perfektes Lichtdesign noch eine bis ins letzte Detail choreographierte Inszenierung nötig, um das Publikum fast zwei Stunden mitzureißen.  Mit einer Mischung aus Musik und Metareflexion wird im Laufe des Theaterabends aus Goethes Klassiker ein kritisches Zeitstück, das den ‚Therapiewahn’ der heutigen Zeit ebenso behandelt wie die Klimakatastrophe. Die semiimprovisatorische Inszenierung bietet viele Pointen, die die Lachmuskeln des Publikums aufs Äußerste strapazieren und lässt es trotzdem an Tragik nicht fehlen, wenn Faust Frau und Kind verlässt, um „eben schnell Kippen zu holen” und natürlich nicht wieder kehrt.

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In totaler Blindheit sehen

von Denis Leifeld • Datum: 02. Juni 2009 • Ausgabe:

Von allein Seiten dringen Nebelschwaden an mich heran und umschließen mich. Nichts nehme ich mehr um mich herum wahr, nichts als künstlich erzeugtes Weiß. Ganz plötzlich umnebelt mich diese umstürzende Veränderung der Aufführungssituation. Alles um mich herum verschwindet. Das Etablierte bricht zusammen, macht Raum für ein Theater zwischen Unsichtbarkeit und überfordernder Visualität.

Zuvor saß ich in der vorletzten Reihe des Experimentiertheaters Erlangen, die Eintrittskarte von FEED des Medienkünstlers Kurt Hentschläger  in der Hand, und blickte auf eine riesige Leinwand, auf der computeranimierte, gesichtslose Körper im Rhythmus der Musik zuckten. Mehrere Zuschauer versperrten mir teilweise die Sicht auf die Leinwand, sodass ich zwischen den Köpfen der Zuschauer hindurch blicken musste, um diese schwebenden, sich vervielfältigenden Körper erscheinen und verschwinden zu sehen, im unregelmäßigen Puls des Lichts und der Musik. Doch jetzt scheint das Publikum verschwunden zu sein: Ich allein im Theater, im Nebel, im Nichts.

In immer schnelleren Geschwindigkeiten wird verschiedenfarbiges Stroboskoplicht auf und in den Nebel geworfen. Kurt Hentschläger improvisiert die Lichteffekte auf die experimentelle Musik und führt mich an neue und andere Wahrnehmungen heran, die immer intensiver werden. Das schnelle Blitzen des Lichts und die Soundfrequenzen bringen das weiße Environment in Bewegung: Farbformationen entstehen, die mein Gehirn in dynamischen Mustern auf der Netzhaut entstehen lässt. Ich sehe einen wabernden Tunnel mit einem hellen Licht am Ende; ich befinde mich in einem Nebelsturm, der mich mitzureißen und im Raum schweben zu lassen scheint, den computeranimierten Figuren im ersten Teil der Performance gleichend; ich sehe flüchtige, kaleidoskopartige Licht- und Farbformationen auf mich zu stürzen. Ich werde in einen Zustand versetzt, der vielleicht visuell einer Trancesituation gleicht, mich aber trotzdem bei vollem Bewusstsein lässt, sodass ich das vielfache Spiel der Medientechnik erfahren kann. Trotz dieser technischen und medialen Präzision dieser Multimedia-Performance ermöglicht diese Aufführung extrem subjektive Wahrnehmungen und Erfahrungen. Ich assoziiere eine von starkem Regen aufgewühlte Wasseroberfläche, die ich nun im Weiß des Nebels zu sehen meine. Die extrem unruhigen Lichteffekte lassen bei mir dieses innere Bild entstehen – als eine Möglichkeit unter vielen. Andere Zuschauer assoziieren menschliche Figuren, die sich durch den Raum bewegen. Alles scheint möglich zu sein, in diesem Theater der mentalen Bilder. Kurt Hentschläger bringt einen Raum hervor, der sich als Möglichkeitsraum zeigt. Grenzen ästhetischer Wahrnehmung und Erfahrung brechen zusammen und werden um ein Vielfaches überschritten; subjektive Bezugnahmen und individuelle Bilder zirkulieren dynamisch im Nebel und gehen ein vielfältiges Spiel ein.

Kurt Hentschläger macht das Unmögliche möglich: in totaler Blindheit sehen.

von Denis Leifeld



Gerüche zwischen Zugsitzen

von Melanie Zipf • Datum: 27. Mai 2009 • Ausgabe:

„Theater stirbt aus“, sagt der Typ mir gegenüber. Etwas dicklich, randlose Brille, er riecht nach Bier.

„Warum studierst du sowas? Geh lieber ins Kino!“, empfiehlt er mir – sein Freund liegt schlafend auf der Bank neben ihm.

Ich komme gerade aus dem Nürnberger Kali und habe „Keine Palmen. Keine Löwen. Keine Affen.“ von Yvette Coetzee gesehen. Stattdessen ein Wohnzimmer, viel Sand und Bilder von Erinnerungen, Sehnsüchten.

Es riecht nach Kaffee und die Protagonistin schneidet einen Kuchen mit der Fliegenklatsche in Stücke, als wäre er Afrika. Sie hat Schokocreme im Gesicht, an ihren Fingern und am Oberschenkel, sie greift mit der ganzen Hand in Kuchenreste und steckt sich die cremige Masse in den Mund.

Gemeinsam mit Ekel fühle ich die Betroffenheit im Zuschauerraum. Manche lachen leise, andere wollen lieber schweigen.

„Bei uns gibt’s gar kein Theater mehr“, sagt der Typ mir gegenüber.

Draußen ist es dunkel und unser Zug fährt viel zu langsam.

„Daraus machen sie gerade ein Einkaufszentrum. Da werd ich dann auch hingehen.“

Er lacht und ich denke an gestern, an Gisèle Vienne, Etienne Bideau-rey und ihre Showroomdummies.

Ich habe noch nie gesehen, dass so viele Menschen den Raum während einer Performance verlassen haben. Nicht, weil sie schlecht war oder langweilig, sie war  schwer zu ertragen.

In einer steril wirkenden Wartehalle ist das Gesicht einer Frau verzerrt: Ein Lächeln, das alle Zähne zeigt und kaum Lippen, es erinnert an Vampire, während die Frau sich bewegt, als wäre sie eine Schaufensterpuppe. Dazu Geräusche, die weh tun. Sie klingen unnatürlich, wie nicht geölte Zahnräder vielleicht, oder aneinander reibendes Glas.

Immer wieder geht die Saaltür auf und die sitzen bleibenden Zuschauer scheinen hin und her gerissen von Empörung und Betroffenheit.

Am Ende höre ich Sätze wie: Ich hab keine Ahnung, was ich davon halten soll. Darüber muss ich erstmal nachdenken.

„Und jetzt schreibst du deinen Bericht über das Stück“, sagt der Typ mir gegenüber, weil ich immer wieder versuche, mit dem Blick auf meinen Block aus dem Gespräch zu flüchten.

„Nicht direkt“, sage ich.

„Ich würde umsatteln, kein Mensch geht mehr ins Theater. Das hat keine Zukunft.“

Ich denke an dieses Festival, daran, wie schwer es mittlerweile ist, noch Karten zu bekommen, und wie viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern sich hier im Theater aufregen oder gegenseitig staunen lassen.

Der Zug hält.

„Wir müssen aussteigen!“, schreit der Typ seinen Freund an. Der liegt reglos. Immer wieder: „Wir müssen aussteigen!“

Erst als der Zug fast wieder anfährt, taumelt der fast noch Schlafende aus dem Abteil.

Von Rebekka Knoll



„Sex, Drugs and Rock´n Roll“

von Anne Herwanger • Datum: 26. Mai 2009 • Ausgabe:

zu Puppentheater Halle: „Buddenbrooks“

Tony, die jüngste, wird vom aufdringlich schleimigen Herrn Grünlich beim Sex mit sich selbst gestört, Christian, das schwarze Schaf der Familie singt und säuft sich durch ferne Lande und nur Thomas versucht zu Hause verzweifelt, den Laden zusammenzuhalten – so kennt man die Buddenbrooks bisher noch nicht.

Fast dreistündiges Puppentheater nach der Vorlage von Thomas Mann, die an die 800 Seiten umfasst – das kann einen schon abschrecken. Wer sich aber am Sonntagabend trotzdem in die Tafelhalle in Nürnberg wagt, dem wird ein wirklich unterhaltsames Schauspiel mit hohem künstlerischem Anspruch geboten.

Komischerweise findet die Mehrheit des Publikums die gewitzten Anspielungen und slapsticknahen Szenen kein bisschen lustig.

Als Thomas Buddenbrook sich selbst Mut antrinkt, um seiner Anna den Laufpass zu geben und aus Hilflosigkeit immer mehr ins Klischeebeziehungsgeschichtliche abrutscht, lache ich alleine und als Christian Buddenbrook gemeinsam mit seinem Spieler zu Gitarrenrhythmen sympathisch über Londoner Liebschaften schmalzt, klatscht keiner den Takt mit.

Hinter dem, auf den ersten Moment manchmal oberflächlich wirkenden Humor, versteckt sich tiefer Ernst. Die Last, sein Leben gemäß dem Ansehen einer alteingesessenen Lübecker Handelsfamilie ausrichten zu müssen, schwingt immer mit. Gelegentliche mal melancholische, mal wütende Exkurse der verschiedenen Familienmitglieder bezeugen das und der deutlich düstere zweite Teil der Aufführung zeigt, wie die (Puppen-) Familie an eigenen Anforderungen und widrigen Umständen zerbricht.

Gleichzeitig sind manche Szenen aber auch an zeitlose Thematiken angepasst.

So eine Szene, in der Mama Buddenbrook mit Thomas und Tony im Boot sitzt und über die Musikalität der einzelnen Familienmitglieder diskutiert wird. Und wieder enttäuscht mich das Restpublikum. Keiner scheint das Komisch - Treffende dieses Moments zu verstehen, dabei müssen sich die Puppenspieler selbst manchmal das Lächeln verkneifen.

Ansonsten scheinen Puppen und Puppenspieler zu verschmelzen. Das Ensemble spielt so einfühlsam und gekonnt, dass die Puppen nicht nur lebendig wirken, sondern auch ihren ganz eigenen Charakter bekommen. Kurios sind einige physische Ähnlichkeiten zwischen den Puppencharakteren und denen, die ihnen Leben einhauchen – ob sie beabsichtigt sind oder nicht, bleibt ungeklärt.

Insgesamt ist es bewundernswert, wie es die Haller geschafft haben, einerseits nah an der Vorlage zu bleiben und andererseits einen etwas trägen Klassiker äußerst unterhaltsam zu inszenieren. Bleibt nur zu hoffen, dass das Publikum das auch verstanden hat.

von Anne Herwanger



„Und du, verdammt, liebe mich!“

von Anne Herwanger • Datum: 26. Mai 2009 • Ausgabe:

zu Froe Froe:„Orfee“

Da sitzt die Heldin der Tragödie, eine süßigkeitensüchtige Eisverkäuferin in pinken Pumps, in ihrer Eisdiele und schmachtet ihren Orpheus an. Der ist aber kein griechischer Adonis, sondern eine grünhäutige Puppe in roter Trainingsjacke, die die „Lie-hie-be“ besingt. Ein schönes Paar!

Sie verbringen auch eine wirklich romantische Zeit zusammen, bis unglücklicherweise Hades, der selbstverliebte Herrscher der Unterwelt, ein Auge auf die blondbezopfte Eisverkäuferin wirft.

Traditionell griechische Tragödie ist anders.

Hades, eine Mischung aus Kaya Yanar und italienischem Mafiaboss, sehnt sich nach ein bisschen Leben in seinem tristen Reich, lässt deshalb Euridike sterben, in die Unterwelt bringen und befiehlt ihr, ihn zu lieben. Niemand, und schon gar nicht Persephone, seine verbittert Gattin in der Midlife-Crisis, kann ihn davon abbringen, auch wenn dieser vom Wutanfall bis zum verzweifelt-verruchten Kneten ihrer Hängebrüste alle Mittel recht sind.

Eurydike hält jedoch auch im Totenreich an der Liebe zu Odysseus fest und erweist sich als erstaunlich temperamentvoll und trotzig. Der cholerische Herrscher der Unterwelt, der vor Eurydikes Ankunft extra noch in roter Schürze sein Reich geputzt hat, will nicht glauben, dass diese ihn verschmäht. Während der nächsten Dreiviertelstunde versucht er alles, um seine Angebetete herumzukriegen.

Das alles übrigens mit einem süßen belgischen Akzent, den alle Froe Froes in verschiedenen Ausprägungsstufen besitzen und der -wenn auch nicht dem Verständnis- so doch dem Spaßfaktor sehr zuträglich ist.

Zugegeben, der Humor des Stückes ist ziemlich platt. Aber die gekonnte, aufwendige Inszenierung in Kombination mit der erfrischend freakigen Puppenspielertruppe macht alles wieder wett. Das Spektakel, das die Belgier auf der Bühne veranstalten, ist auch wirklich beeindruckend. Die Puppen und Puppenspieler singen, swingen, kreischen und heulen, dass es eine Freude ist, aufmerksam begleitet von zwei Live-Musikern im Rüschenhemd.

Ein bisschen makaber, aber zum Schreien komisch wird es, als Orpheus zum Ende hin versucht, sich auf vielfältige, musikalisch unterlegte Weisen umzubringen, um endlich seine Geliebte wiederzusehen. Währenddessen wird diese vom König der Unterwelt im hautengen, roten Samtanzug umrappt. Die Zuschauer liegen vor Lachen unter den Stühlen.

Und auch der Medieneinsatz überzeugt: Eurydikes Leiden wird live mit einer Kamera abgefilmt und auf zwei verschiedene Leinwände übertragen, unterbrochen von Projektionen der Wasserspiele in einem Goldfischglas. Und als das Eismädchen endlich ihrem Geliebten zurück in das Reich der Lebenden folgen darf, unter der Bedingung, dass dieser sich nicht umsieht, wird ihr Bild auf einen aus der Dunkelheit rieselnden Wasserschleier projiziert. So zittert das ängstlich-erwartungsvolle Gesicht auf der Wasserwand -genauso wie die Zuschauer- mit dem unsicheren Orpheus und als dieser sich doch umschaut, sinkt das nasse Bild tröpfchenweise in sich zusammen.

Doch selbst das tragische Ende kann die Lachtränen in meinen Augenwinkeln nicht trocknen.

Ein Theaterabend, der nicht schockiert und provoziert, sondern einfach unterhält, tut nach der anstrengenden letzten Woche gut

von Anne Herwanger



Aufräumen in der Werkstatt

von Melanie Zipf • Datum: 23. Mai 2009 • Ausgabe:

Rückblick auf zwei intensive Tage im Jungen Forum Intermedial im Experimentiertheater

Die letzten Kekse werden schnell selbst gegessen; die abgestandenen Apfelsaftschorlereste ins Waschbecken gekippt – und leer ist das improvisierte Buffet, an das die dauerbeschäftigten Studierenden der gastierenden Akademien aus Jerusalem, Berlin und Stuttgart, die Studenten der Theater- und Medienwissenschaft und andere, interessierte Besucher in den letzten beiden Tagen, zwischen Vorträgen, Präsentationen und Workshops strömten. Ob nun Improvisationen zu Glückskeks und Foto, Szenen des ambivalenten Verhältnis zwischen Mensch und Schokoladenhohlkörperfigur, Anregungen zum Urknall, Youtube-Fundstücken und dem ‚uncanny valley’ – einer unheimlichen und geheimnisvollen Zone der Rezeption von Mensch und Menschenähnlichem in Film und Figur - wie freundlich blickt da ist ein Schokoosterhase…

In den letzten Jahren wurde das Angebot im Rahmen des Jungen Forum Intermedial, das vordringlich eine Programmschiene für Studierende und in Ausbildung begriffene Personen ist, kontinuierlich ausgebaut. Traditionellerweise zeigen die Hochschulen schon länger die Ergebnisse ihre Arbeit im Rahmen des Festivals – nicht zuletzt, um auch den Übergang von Studium und Engagement ins Visier zu nehmen. Jedoch blieb die Präsenz innerhalb des Festivals und seinen Veranstaltungen meist auf die eigenen Aufführungen bezogen. Mit diesem Format, das vor vier Jahren als Versuch mit einem eintägigem Symposion startete und eine Schnittmenge von den Studierenden vor Ort und den Festivalgästen bilden sollte, gelingt ein mehrfacher Austausch: Diejenigen, die Figuren- und Objekttheater nicht unbedingt zu Kern ihres Curriculums zählen, mischen sich mit denjenigen, die das professionell tun und so am konventionalisierten Theaterverständnis rütteln. Zudem wird die akademische Expertise der hiesigen Universität, bzw. ganz konkreter Arbeits- und Forschungsfelder in das Festival gespeist: Ausdruck hierfür war das Schattentheater-Gastspiel der Levana-Schule Schweich, einer Schule für Schüler mit geistiger Behinderung. Hier wurde mehr als deutlich, welche integrative Kraft Theater in der Schule haben kann – und dabei ein Paradigma ästhetischer Bildung und Erfahrung markiert.

Man kann sich nur den warnenden Worten des Eröffnungsredners (wie lange ist das her…) in Erlangen anschließen, der der gegenwärtigen Förderpolitik der öffentlichen Kassen die Gefahr einer auf den kurzen Effekt gerichteten Finanzierung unterstellte: Dass nachhaltige Förderung eines Konzepts und Formats sich mehr als bezahlt macht, zeigt die überwältigende Beteiligung in der letzten Tagen.

Andé Studt



Leicht verzerrte Gesichter und etwas zu helle Haut

von Melanie Zipf • Datum: 21. Mai 2009 • Ausgabe:

zu Ulrike Quade: “The Wall”

Figurentheater – immer wieder lese ich dieses Wort auf Plakaten, Flyern, Programmheften. Ich denke an Holzköpfe, die jemand bemalt hat, an Handpuppen oder die teure Mädchengestalt, die bei meiner Oma auf der Kommode sitzt.

Vieles habe ich bislang auf diesem Festival gesehen – Bilder, Objekte und Tänze, aber keine Puppen.

Ich bin in der Tafelhalle in Nürnberg und auf meinem Schoß liegt ein Flyer, Figurentheaterfestival steht darauf und ich würde heute so gerne eine Figur sehen.

Noch sitzt aber nur ein Mann mit Mikrofon auf der Bühne. Er bewegt sich nicht. Dahinter stehen gemusterte Wände, sie haben Türen und als das Licht im Zuschauerraum ausgeht, treten durch diese Türen drei Menschen auf die Bühne.

Ulrike Quades „The Wall“ beginnt, draußen regnet es und die Akteure bewegen sich ruckhaft zu einer leisen Radiomusik, die der Mann mit Mikrofon einspielt. Es regnet.

Vielleicht sehe ich auch heute keine Puppen, denke ich, doch dann kommt der Moment fast plötzlich, auf den ich seit Freitag warte: die Wände drehen sich, das Muster ist nicht mehr sichtbar, alles ist einfarbig, dunkel und nur in einem schmalen Spalt steckt eine nackte Puppe. Man sieht ihre Beine, den Hintern und einen zurückgelegten Kopf. Fast könnte sie ein Mensch sein, ihr Gesicht ist nur leicht verzerrt, ihre Haut nur etwas zu hell.

Sie bewegt ihr Gesicht, den ganzen Körper, sie ist gefangen, während mich das scheinbar Lebendige im Unbelebten fängt.

Die Wände drehen sich wieder und ich sehe auch die Frau hinter der Puppe, sie hat ihre Hand im Plastikkopf, leiht ihr ihre Stimme und doch schwebt die Plastikfigur in einem Zwischen von Lebendigkeit und ihrer eigentlichen Materialität.

Bisher habe ich mit dem Wort Figurentheater den lustigen Kasperl verbunden, jetzt sitzt da eine nackte Puppe auf der Bühne, menschengroß, mit erstaunlicher Beweglichkeit, Glatze und starrem Blick über einem weit geöffneten Mund.

Kurz denke ich an den Sandmann von E.T.A. Hoffmann und kurz verstehe ich, wie sich Nathanael in Olympia täuschen konnte.

Ich möchte auch getäuscht werden.

Im Spiel zwischen Mensch und Maschine wird eines klar: Die Puppen haben hier die Macht, vor allem die Macht über mich als Zuschauer. Ich vergesse, wer hier wen lenkt, wer hier wem seine Stimme leiht. Ich mag dieses Vergessen – draußen donnert es und die Musik wird immer lauter. Wer lenkt hier wen? Wer ist hier Puppe? Wessen Spiel beobachte ich?

Erst als die Plastikgestalten im Schatten verschwinden und die Schauspieler sich verbeugen, will ich den Unterschied wieder berücksichtigen.

Langsam wird es hell im Zuschauerraum.

Rebekka Knoll



„unbezahlbar“ - Das Papiertheater

von Anne Herwanger • Datum: 19. Mai 2009 • Ausgabe:

„Moments like this one, to share art with the world“. Nur ein roter Schriftzug unter vielen, aber ich muss lächeln, als ich ihn lese – da spricht mir jemand aus dem Herzen.

An die hundert Menschen drängen sich um den überdimensional langen Tisch auf dem Nürnberger Rathausplatz, dessen Oberfläche mit weißem Papier eingeschlagen ist, genauso wie die Teller, Messer und Gabeln, die im Meterabstand ordentlich auf ihm aufgereiht sind.

Einen Ort der Zusammenkunft, der gemeinsam verbrachten Stunden will Johannes Volkmann, der Initiator der Aktion, für seinen unaufdringlichen Denkanstoß wählen. Und als „gedankliche Nahrung“ bezeichnet eine Infotafel die Idee, dass jeder, der möchte, auf den Tisch schreiben kann, was für ihn persönlich unbezahlbar ist. In Auseinandersetzung mit den anderen Stimmen fordert Volkmann den Besucher dazu auf, innezuhalten und sich darauf zu besinnen, was für ihn wirklich wichtig ist.

Volkmanns Konzept besticht durch seine Einfach- und Offenheit. In den nächsten zwei Jahren wird er in Großstädten überall in Europa seine weißen Werte-Tische aufstellen. Keine große Vorankündigung, jeder, der vorbeikommt, darf mitmachen, einmal oder mehrmals das Papier beschriften. Regeln für die Schreiberei gibt es nicht.

Ich sehe Schriftzüge in Chinesisch, Japanisch, Arabisch und diversen europäischen Sprachen, Kindergekrakel, kleine Zeichnungen und die bizarrsten Rechtschreibabenteuer („Maine gezundhait“). Der Wunsch Volkheimers, das Tischtuch solle zu einem „geistigen Regenbogen“ werden, scheint in Erfüllung gegangen zu sein.

Nachdem man das Tischtuch oder einen eingepackten Teller beschriftet hat, holt man sich an einem Stand eine kleine Papiertüte ab. Auf diese sind die Statements verschiedener Politiker (z.B.: Horst Köhler: „das Glück geliebt zu werden und lieben zu können“) gestempelt. Von Hand - jede Tüte ist also ein Einzelstück und damit unbezahlbar.

„unbezahlbar“ kommt gut an: Sofort nachdem ich zwischen „Die Famielie“ und „Mohammed“ meinen eigenen Kommentar gesetzt habe, reißt mir eine aufgeregte Reisegruppe aus Bosnien-Herzegowina den Stift aus der Hand.

Ich hole mir meine original-einzigartige Tüte ab.

Von Anne Herwanger



Von geilen Böcken und dichten Nebel – Theater als Markierung von Wahrnehmungsgrenzen

von Melanie Zipf • Datum: 19. Mai 2009 • Ausgabe:

Auftakt des 16. internationalen Figuren.Theater.Festival in Erlangen

Wenn man es schafft, dass sich am Montag, d.h. an dem Tag wo nicht nur Museen und Frisöre geschlossen haben, sondern auch kein nennenswertes Metropolregionen-Feuilleton geschrieben wird, die BILD-„Zeitung“ über Kultur erregt, dann hat man als Festivalorganisator eigentlich nicht viel fasch gemacht:

Irre Ziegenbockgesänge treiben Zuschauer aus dem Konzertsaal – zugegeben: ein sperriger Auftakt des diesjährigen Figuren.Theater.Festivals, der jedoch zugleich eine Seite des Selbstverständnisses und Qualitätsanspruchs markiert. Das Festival, das in seiner 16. Auflage einen runden 30. Geburtstag feiert, zeigt Erlangen alle zwei Jahre die große und unfassbar weite Welt des (Figuren- und Objekt-) Theaters. Da ist für ein konventionelles Theaterverständnis, das aus der Vorstellungskraft herkömmlicher Hirne entstammt, die unter Theater sprechend handelnde Menschen verstehen, manchmal nur bedingt Platz. Darum macht man ja ein Festival: Wenn sich die Wahrnehmungs- und Ausdeutungsmuster der Zuschauer nicht herausgefordert sähen, es wäre von allen künstlerisch Involvierten grob fahrlässig gehandelt. Auch wenn man sich in Versalien ausdrückt, ist man nicht automatisch im Recht – Großdruck ersetzt nicht das Kleinkarierte.

Und an Herausforderungen war das erste Festivalwochenende wirklich nicht arm: Der in Chicago lebende Österreicher Kurt Hentschläger sorgte dafür, dass die Erlanger Feuerwehr einen Großeinsatz hatte, weil dem Experimentiertheater der Universität dichte und weithin sichtbare Rauchschwaden entstiegen. Der Rauch entpuppte sich als Theaternebel von zwölf (!) Nebelmaschinen, der in der Performance FEED dafür sorgte, dass den Zuschauern komplett die Sicht genommen wurde, so dass diese sich wummernden Beats und flackernden Stroboskopen ausgesetzt, ganz und gar mit ihrer Netzhaut beschäftigen – und die Puppe in sich entdecken durften. Ein einmaliges Erlebnis, von dem die Presse jedoch nur wenig Notiz nahm obwohl es sich bei Hentschäger um einen der avanciertesten Medienkünstler weltweit handelt.

Grete L. und ihr K. ließ die Puppen nicht tanzen, sondern ficken: In einem wahren Feuerwerk an Stellungen jagten Kasper und Gretl hintereinander her, um dann nach Geburt ihres Babys in den Frustrationen einer Beziehung zu enden. Der Teufel bekommt sein Recht, das Ende ist tödlich.

Dem Sex nicht abgeneigt zeigten sich die Hasen Neville Tranters – auch hier zeigte sich das Dionysische im roten Phallus. Der Mensch ist nur in der Verkleidung menschlich – in seinem Solo ging Tranter voll in der Parabel auf und bewies wieder einmal, dass er zu den Großen seines Faches gehört.

Und auch Gobo. Digital Glossary der russischen Performer Akhe rüttelte an den Sehgewohnheiten – in der Verschränkung von Spiel, Präsentation und Projektion verschwammen die Grenzen zwischen tatsächlich Sichtbaren und schon vorgefertigtem Bildmaterial. In der Tat ist alles Gobo – unsere Lebenswelt und Wirklichkeit ist eine große Illusion. Dass diese auch ihre Nachtseiten hat, wird uns auf ästhetisch herausragendem Niveau in den kommenden Tagen auf dem Festival bewiesen.

André Studt