„Theater stirbt aus“, sagt der Typ mir gegenüber. Etwas dicklich, randlose Brille, er riecht nach Bier.
„Warum studierst du sowas? Geh lieber ins Kino!“, empfiehlt er mir – sein Freund liegt schlafend auf der Bank neben ihm.
Ich komme gerade aus dem Nürnberger Kali und habe „Keine Palmen. Keine Löwen. Keine Affen.“ von Yvette Coetzee gesehen. Stattdessen ein Wohnzimmer, viel Sand und Bilder von Erinnerungen, Sehnsüchten.
Es riecht nach Kaffee und die Protagonistin schneidet einen Kuchen mit der Fliegenklatsche in Stücke, als wäre er Afrika. Sie hat Schokocreme im Gesicht, an ihren Fingern und am Oberschenkel, sie greift mit der ganzen Hand in Kuchenreste und steckt sich die cremige Masse in den Mund.
Gemeinsam mit Ekel fühle ich die Betroffenheit im Zuschauerraum. Manche lachen leise, andere wollen lieber schweigen.
„Bei uns gibt’s gar kein Theater mehr“, sagt der Typ mir gegenüber.
Draußen ist es dunkel und unser Zug fährt viel zu langsam.
„Daraus machen sie gerade ein Einkaufszentrum. Da werd ich dann auch hingehen.“
Er lacht und ich denke an gestern, an Gisèle Vienne, Etienne Bideau-rey und ihre Showroomdummies.
Ich habe noch nie gesehen, dass so viele Menschen den Raum während einer Performance verlassen haben. Nicht, weil sie schlecht war oder langweilig, sie war schwer zu ertragen.
In einer steril wirkenden Wartehalle ist das Gesicht einer Frau verzerrt: Ein Lächeln, das alle Zähne zeigt und kaum Lippen, es erinnert an Vampire, während die Frau sich bewegt, als wäre sie eine Schaufensterpuppe. Dazu Geräusche, die weh tun. Sie klingen unnatürlich, wie nicht geölte Zahnräder vielleicht, oder aneinander reibendes Glas.
Immer wieder geht die Saaltür auf und die sitzen bleibenden Zuschauer scheinen hin und her gerissen von Empörung und Betroffenheit.
Am Ende höre ich Sätze wie: Ich hab keine Ahnung, was ich davon halten soll. Darüber muss ich erstmal nachdenken.
„Und jetzt schreibst du deinen Bericht über das Stück“, sagt der Typ mir gegenüber, weil ich immer wieder versuche, mit dem Blick auf meinen Block aus dem Gespräch zu flüchten.
„Nicht direkt“, sage ich.
„Ich würde umsatteln, kein Mensch geht mehr ins Theater. Das hat keine Zukunft.“
Ich denke an dieses Festival, daran, wie schwer es mittlerweile ist, noch Karten zu bekommen, und wie viele Menschen aus unterschiedlichen Ländern sich hier im Theater aufregen oder gegenseitig staunen lassen.
Der Zug hält.
„Wir müssen aussteigen!“, schreit der Typ seinen Freund an. Der liegt reglos. Immer wieder: „Wir müssen aussteigen!“
Erst als der Zug fast wieder anfährt, taumelt der fast noch Schlafende aus dem Abteil.
Von Rebekka Knoll