Kategorie ‘Rezensionen’

Nino Haratischwili – Juja

von Tabea Krauß • Datum: 20. Juli 2010 • Ausgabe: 10.1 - Fremdheit

Erzählen für den Tod

Bücher, die von Büchern handeln, haben einen ganz eigenen Zauber. Bücher, in denen Lesen zum Abenteuer wird, ziehen uns besonders in ihren Bann. In Nino Haratischwilis Roman „Juja” wird Lesen zum tödlichen Abenteuer.

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Jacques Roubaud - Der Verwilderte Park

von Tabea Krauß • Datum: 18. April 2010 • Ausgabe: 10.1 - Fremdheit

Sommernachmittagsträume

Jacques Roubaud reichert seine traurig schöne Erzählung mit jeder Menge Sprachspiel an und macht es dem Übersetzer schwer

“Der verwilderte Park”, “Le parc sauvage” - bereits der Titel dieser kleinen Erzählung  vermag Assoziationsexplosionen in Leserköpfen auszulösen. Der verwilderte Park - das klingt nach dem romantischen Kampf von Kultur und Natur, nach überwucherten Statuen, morschen Bänken. Das klingt auch nach Sommerkindertagen, Abenteuerlust und fantastischen Spielen fern der Erwachsenenwelt.
Der Titel verspricht nicht zuviel.

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Reif Larsen - Die Karte meiner Träume

von Carolin Hensler • Datum: 28. März 2010 • Ausgabe: 10.1 - Fremdheit

Das vermeintliche Gleichgewicht unserer Welt basiert auf einem komplizierten Gefüge aus Kontrollmechanismen. In Listen halten wir die Bevölkerungszahlen unseres Landes fest, speichern wir die Kontaktdaten unserer Lieben oder dokumentieren die Ebbe in unseren Kühlschränken. Kein Gebäude wird ohne Strukturplan, keine Straße ohne Eintrag ins bundesweite Verkehrsverzeichnis erbaut. Diagramme verdeutlichen uns die jährlichen Niederschlagsraten und veranschaulichen die Sitzverteilung im Bundestag. Kein strukturiertes Leben ohne diese Listen, Diagramme und Karten.

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Marion Boginski - Elsas Blaubeeren

von Carolin Hensler • Datum: 28. Juli 2009 • Ausgabe: 9.1 - Ethik und Ästhetik

Nein, es folgt kein Rezeptvorschlag für backwütige Küchenfetischisten. Es geht nicht um Obstküchlein, Soufflés oder Pfannkuchenbeilagen. Auch die deutsche Nahrungsmittelanbaukultur spielt in Marion Boginskis Roman Elsas Blaubeeren keine Rolle. Enttäuscht? Das müssen Sie nicht sein. Sicherlich haben Sie zumindest bei dem Namen Elsa an genau das gedacht, was auch der Autorin im Kopf umhergeschwirrt ist, als sie begann, die Geschichte niederzuschreiben. Natürlich, Elsa ist ein altes Mütterchen. Und das Einzige, was Elsa von vielen anderen Mütterchen unterscheidet, ist… nicht der Hang zu Blaubeeren – wo denken Sie hin? Es ist die schlichte Tatsache, dass Elsa tot ist und trotzdem eine stille Hauptrolle in der Welt ihrer Familienangehörigen spielt. Und was für eine…

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Daniel Alarcón - Lost City Radio

von Carolin Hensler • Datum: 02. April 2009 • Ausgabe: 9.1 - Ethik und Ästhetik

Woran dachte Daniel Alarcón, als er den Titel Lost City Radio für seinen Roman wählte? Verbirgt sich eine Absicht hinter diesen drei Worten? Sollte die Geschichte eines verschollenen Kofferradios aufgedeckt oder gar die Vergangenheit einer verlorenen Stadt und ihres einzigen Radiosenders enthüllt werden? Was bedeutet Lost? Bezieht Alarcón sich damit auf eine Stadt, auf ein Rundfunkgerät oder auf die Menschheit im Ganzen? Was, wenn seine Titelwahl alle drei Möglichkeiten umschließt? Vielleicht steckt aber auch eine ganz andere Botschaft dahinter, und die drei vermeintlich harmlosen Worte stehen für etwas weitaus Größeres, Allumfassendes. Für etwas, das gegen das Vergessen ankämpft, in einem Land, das sich selbst vor langer Zeit verloren hat … Den ganzen Beitrag lesen »



Jaroslav Rudiš - Grandhotel

von Ulrike Jochum • Datum: 25. Februar 2009 • Ausgabe: 9.1 - Ethik und Ästhetik

„Ich heiße Fleischman. Bin einhundertneunundsiebzig Zentimeter groß und dreiundsiebzig Kilo schwer.” Eine sonderbare, höchst eigentümliche Gestalt stellt sich mit diesen Worten in Jaroslav Rudiš tschechischem Roman „Grandhotel” vor.

Fleischman beobachtet am liebsten die Wolken und misst dreimal am Tag das Wetter, das er akribisch in einem Diagramm festhält, welches nicht nur „die Wetterlage, sondern auch alle persönlichen Stürme, Zwänge, Schwankungen und Ängste” dokumentiert. Er weiß nämlich, dass „alles, aber auch alles, mit dem Wetter zusammenhängt.” Den ganzen Beitrag lesen »



Horst Bredekamp - Sankt Peter in Rom und das Prinzip der produktiven Zerstörung

von Tabea Krauß • Datum: 15. Januar 2009 • Ausgabe: 9.1 - Ethik und Ästhetik

Eine mächtige Kuppel aus weißem Marmor thront über einer breit gelagerten Fassade und beherrscht den strahlend blauen Himmel über der Stadt Rom. Majestätisch präsentiert sich die Peterskirche auf dem Cover von Horst Bredekamps Monographie „Sankt Peter in Rom und das Prinzip der produktiven Zerstörung. Bau und Abbau von Bramante bis Bernini“. Aber Achtung: bevor Sie zu einer weiteren Abbildung der monumentalen Kuppel – nun in Nahsicht – auf Seite 2 blättern, verweilen Sie einen kurzen Moment auf der ersten Seite. Ganz unscheinbar rechts unten findet sich eine kleine Karikatur. Ein Karnickel sitzt in einer Latzhose auf einem Säulenstumpf und lässt die Hasenfüße baumeln. An seinem Gürtel hängt ein Meißel, in der Hand hält es eine Flasche Bier, zwischen den Lippen klemmt eine Zigarette. Auf dem Kopf aber trägt dieses Bauarbeiterkaninchen einen Helm, der der Kuppel von Sankt Peter gleicht.
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Amanda Sthers - Der Gesang der Zikaden

von Carolin Hensler • Datum: 06. Januar 2009 • Ausgabe: 9.1 - Ethik und Ästhetik

Die wirklich guten Geschichten schreibt das Leben nicht, es malt sie. In festen, einprägenden Strichen werden Lebenslinien nachgezeichnet, wandeln sich die Handlungsstränge zu einem Farbspiel aus allen Tönen. Manchmal schnell und ohne erkennbares Muster, manchmal langsam und tiefgehend, als zeichnete der Pinsel nicht lediglich eine Geschichte, sondern ein Lebensgefühl nach - einer Melodie gleich, deren schwerem, melancholischen Takt der Hauch eines stillen Crescendos innewohnt. Die Stille spielt in diesen Geschichten ihre Hauptrolle. Und doch sind es die kleinen Töne, die kaum hörbaren, die sanften Farbtupfer im bedrückenden Grau, die das Ende zu einem Finale ohne Schwermut und die Geschichte zu einer Liebeserklärung an das Leben werden lassen. Den ganzen Beitrag lesen »



Anna Enquist – Kontrapunkt

von Ulrike Jochum • Datum: 26. November 2008 • Ausgabe: 9.1 - Ethik und Ästhetik

Die Musik, eine Mutter und eine Tochter stehen im Vordergrund von Anna Enquists neuem Roman „Kontrapunkt”. Wie die Aria aus Bachs Goldberg-Variationen, so ist auch dieses Buch „ein ruhiges, tragisches Lied”. Auf dem Cover sieht man eine Hand, noch in Bewegung, über einer dunklen Wasseroberfläche, auf der sie sich spiegelt. Das Bild strahlt die Stille aus, von der die Geschichte handelt, sowie die Verlorenheit der Mutter: „Ob auch die Stille Musik war, wusste sie noch nicht so recht.” Die spiegelnde Wasseroberfläche erscheint wie eine Grenze, die man nicht durchdringen kann. Für die Mutter liegt dahinter die Vergangenheit, die sie nicht an den „Würgegriff” der Zeit verlieren möchte. Und ihre Tochter. Die Hand auf dem Bild ist klein, vielleicht eine Kinderhand - wie die der Tochter, die, so macht die Bewegung glauben, sich entzieht.

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Getrud Leutenegger - Matutin

von Tabea Krauß • Datum: 18. September 2008 • Ausgabe: 8.1 - Phänomene der Gegenwart - Gegenwart als Phänomen

Ma-tu-tin, ein schönes Wort. Drei Vokale, vom dunklen a zum hellen i, gebettet zwischen vier Konsonanten, ein Wort, das man sich gesungen vorstellen mag. Matutin kommt vom lateinischen matutinus „morgendlich” und bezeichnet in der katholischen Liturgie ein Gebet zwischen Mitternacht und frühem Morgen. Der frühe Morgen, das ist auch die Zeit der Vögel. In der Dämmerung beginnt ihr Konzert. Matutin, so heißt das neue Buch der Schweizer Autorin Getrud Leutenegger und Vögel spielen darin eine tragende Rolle.

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