Forschung
I Holocaust – Genozid
II Erzählen nach der Postmoderne
III Anthropologie – Ethik
IV Wendephänomene (1989; Jahrtausendwende; Osteuropa)
V Differenz (gender, race, class, generation)
VI Literarische Übersetzung
VII Der Zusammenhang von Disparitätseindrücken und der Zirkulation von Literatur in nichteuropäischen Sprachen
VIII Zeitstruktur und Zeitwahrnehmung in Literatur und Kultur der Gegenwart
I: Holocaust – Genozid
Holocaust und Genozid gehören zu den unübersehbaren, aktuellen Themen der Gegenwartskultur. Nicht nur das Gedenkjahr 2005 “60 Jahre Kriegsende” zeigt die beklemmende Präsenz des dunkelsten Kapitels der deutschen Geschichte im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Kultur und Literatur der Gegenwart reflektieren die Zeit des Nationalsozialismus, besonders Holocaust und Genozid, in vielfältiger, spezifischer und bislang tatsächlich noch wenig erforschter Weise. Die internationale Dimension des Reflexionsprozesses verleiht der Aufarbeitung der NS-Zeit heute nämlich eine ganz andere Qualität und Argumentationsstruktur als der nationalen ‘Vergangenheitsbewältigung’ in den 50er und 60er Jahren. Gründe für die gegenwärtig verstärkte Thematisierung des Holocaust in der europäischen und amerikanischen Gegenwartskultur mögen die deutsche Wiedervereinigung 1989, der europäische Einigungsprozess, die allmählich einsetzende kritische Aufarbeitung der Besatzungszeit in Ländern wie Frankreich, Dänemark und den Niederlanden, die Öffnung osteuropäischer Archive, die politische Wende in Osteuropa oder auch die jüngere Auswanderungswelle osteuropäischer Juden in westeuropäische Länder sein. Für Literatur- und Kulturwissenschaftler sind sowohl der Standort der FAU Erlangen-Nürnberg als auch die deutsche Geschichte Verpflichtung genug, sich einem Thema höchster politischer und moralischer Relevanz zuzuwenden. Nürnberg, heute Stadt der Menschenrechte, früher der Reichsparteitage, der Rassengesetze und der NS-Prozesse, erscheint heute als symbolischer Ort einer aktiven Gedächtnis- und Gedenkkultur, an der auch die Universität beteiligt ist. So vergeben seit 1999 die beiden Philosophischen Fakultäten und die EWF jährlich den Lilli-Bechmann-Rahn-Preis, um an das Unrecht zu erinnern, das während der NS-Zeit im Zusammenhang mit der Aberkennung von Doktortiteln jüdischer Gelehrter geschah. Zudem hat sich die Philosophische Fakultät II immer wieder an einzelnen Aktionen (Arbeitskreis “Geschichte der Philosophischen Fakultät während des Nationalsozialismus und danach”; “Gedenkwoche zur Bücherverbrennung”) beteiligt. Eine konzertierte, fächerübergreifende und längerfristig konzipierte Kooperation im literatur- und kulturwissenschaftlichen Bereich fehlt allerdings bislang. Der Themenschwerpunkt “Holocaust – Genozid” soll mit besonderer Bezugnahme auf die menschenverachtenden politischen Geschehnisse während der Zeit des Nationalsozialismus der literarischen und kulturellen Adaptation dieses Themas nachgehen. Der Diskussion durch deutschsprachige, anglophone, frankophone, aber auch osteuropäische sowie asiatische Literatur soll breiter Raum gewährt werden. Der Themenschwerpunkt berührt zahlreiche Forschungsfelder der traditionellen Literatur-, aber auch der neueren Kulturwissenschaft:
Themenkomplexe
- Ästhetik des Bösen
- Literatur und Theodizee
- Tragik und Tragikomisches als Verarbeitungstechnik des Grauens, Funktion des Grotesken, Satire, Literarisierung als Banalisierung historischer Ereignisse
- Fiktion und Wahrheit: Biographie, Autobiographie und Fiktionale Biographie, Realismusdebatte
- Gattungspropädeutische Fragen (Thema des Holocaust in Lyrik, Drama und Roman)
- Imagologie (Auto- und Heteroimagines sowie nationale Stereotypen)
- Gedächtnisforschung und kollektive Erinnerung, Literarische Anthropologie
- Kulturelle Verarbeitung jüngerer Erscheinungsformen von Völkervernichtung (Afrika, Balkan)
Aktuelle Projekte
In ihrem „den deutschen Freunden“ gewidmeten Roman weiter leben schreibt Ruth Klüger: „Über die Geschichte der sogenannten ‚jüngsten Vergangenheit’ [...] ist so viel geforscht und geschrieben worden, daß wir sie langsam zu kennen meinen, während die Geschichte der Vergangenheitsbewältigung noch aussteht.“ Das Desiderat, das Klüger 1992 noch beklagt – und dem sie selbst in ihrem Roman, Maßstäbe setzend, begegnet – läßt sich in den Werken der Gegenwartsliteratur so nicht mehr auffinden. Die Autorinnen und Autoren, die seit den 90er Jahren die Shoah zu ihrem Thema wählen, schreiben nicht nur über ein geschichtliches Ereignis, das es zu erinnern gilt. In der Regel reflektieren sie zugleich die persönlichen und gesellschaftspolitischen Funktionen und Funktionalisierungen des Umgangs mit der Shoah. Sie verstehen ihre Werke dabei als Gegenentwürfe zu einem sprachlichen oder auch bildkünstlerischen Pathos des Gedenkens, dem sie mit Beredtheit und Bilderreichtum, mit Polemik, Komik und anderen, vielfältigen Formen des Tabubruchs entgegen arbeiten.
Ausgehend von Klügers Überlegungen widmet sich die Sektion Holocaust und Genozid zunächst der Frage nach den spezifischen Formen von Darstellungen der Shoah in der Kunst sowie in der deutsch- und fremdsprachigen Literatur der Gegenwart. Diese Fragen sind in ihren wichtigsten Teilaspekten – wie etwa dem der Komik –, bereits vergleichsweise gut erforscht bzw. sind durchaus im Blickfeld der aktuellen Shoahforschung. Längerfristiges Ziel der Arbeit der Sektion ist es daher, diese Teilaspekte in einer übergreifenden Fragestellung zusammenzuführen und voran zu treiben. In kritischer Reflexion – nicht zuletzt der Benennung der eigenen Sektion, die sich künstlerischen Darstellungen von Holocaust und Genozid widmet – fragt sie nach den Folgen, die der neue Shoahdiskurs für das Problem der ‚Vergleichbarkeit’ aufwirft. Genauer: Die Sektion stellt die Frage, auf welche Weise sich das von Anfang an zentrale Problem der Vergleichbarkeit in den künstlerischen und gesellschaftspolitischen Diskursen seit 1945 bis in die Gegenwart verschiebt. Eine internationale Tagung im Winter 2007/08 verfolgt diese Fragestellung aus zwei unterschiedlichen, einander ergänzenden Perspektiven. Sie untersucht zum einen die Verschiebungen, die sich zwischen den Werken der ersten Generation zu denen der zweiten und dritten Generation beobachten lassen. Zum zweiten analysiert sie die unterschiedlichen Konnotierungen und Kontextualisierungen, in denen die Rede von der (Un)Vergleichbarkeit der Shoah in der Kunst und Literatur der Gegenwart steht.
Ansprechpartner
Prof. Dr. Rudolf Freiburg
Prof. Dr. Dirk Niefanger
PD Dr. Bettina Bannasch
II: Erzählen nach der Postmoderne
Die Krise der Moderne geht – so Jean-François Lyotard – mit einer Ablösung von den großen sinnstiftenden Erzählungen einher. Erkenntnisskepsis und das Schwinden authentischer Erfahrung münden in eine Repräsentationskrise und führen letztlich zu einer Problematisierung des Erzählens; Realität wird zur Simulation. Während die moderne Literatur spezifische Strategien der narrativen Krisenbewältigung entwirft, löst sich die Postmoderne von der ‘Ästhetik der Negation’ und beginnt ein fröhliches Spiel mit den Traditionen. Literatur fungiert nicht mehr länger als Sinnfindungsinstanz, sondern vielmehr als Experimentierfeld.
Betrachtet man die gegenwärtige Literatur der sog. ‘Jungen Generation’, lassen sich einige interessante Tendenzen feststellen: Offensichtlich handelt es sich um eine Literatur, die wieder auf die Suche nach dem Subjekt geht und die Indifferenz der Postmoderne als Mangel erfährt. Wie in der Postmoderne wird durchaus auf tradierte Formen des Erzählens zurückgegriffen – eine Häufung novellistischer Merkmale ist auffällig – allerdings wieder mit einem existenziellen Anspruch auf Erfahrungsvermittlung. Mediale Komponenten werden nicht mehr länger als Spielmaterial verstanden, sondern als spezifischer Bestandteil der Lebenswelt. Darüber hinaus lassen sich auch Bezüge zur Moderne feststellen: Es existiert ein Verlustbewusstsein und eine daraus resultierende Melancholie, die allerdings einer Neubewertung unterworfen ist. Das Sinnzentrum ist nur noch als Leerstelle verfügbar, woraus spezifische Strategien erwachsen, wie etwa eine Rückkehr zu mythischen Erzählweisen. Ferner ist die Stärkung des Erzählers zu nennen, der sich für die Authentizität des Erzählten zu verbürgen scheint. Zusammen genommen führen diese Punkte zu der Annahme, dass Elemente wie Schönheit und Authentizität erneut zu Fundamenten des Textes werden und in den Schreibprozess selbst verlagert werden. Sinn wird nicht mehr länger außerhalb des Textes gesucht, sondern im Text selbst verankert. Erzählen wird somit wieder zu einem Ereignis.
Aus den oben genannten Punkten ergeben sich eine Reihe notwendiger Fragestellungen, die in einzelnen Arbeitsgruppen intensiver erarbeitet werden müssten, um dann in einem zweiten Schritt mit anderen Sektionen verknüpft werden zu können. Hier einige Beispiele:
Themenkomplexe
- Die Untersuchung medialer Erzählkomponenten in der Literatur der Gegenwart (neben den seit der Moderne Eingang findenden filmischen Techniken: Auswirkung massenmedialer Phänomene und Strukturveränderungen durch digitale Medien – Internet)
- Nach dem Feminismus: Fragen des geschlechterspezifischen Erzählens
- Wiederbelebung traditioneller Formen des Erzählens
- Mythische Erzählweisen
- Neubewertung des Melancholiediskurses
- Frage nach der Autorschaft (Autorpluralität, Starkult etc.)
- Musikalische Elemente in der Literatur der Gegenwart (auch Popkultur)
- Neubewertung der Intertextualität
- spezifische Strategien der Bildlichkeit in einer dominant visualisierten Kultur
Ansprechpartner
Prof. Dr. Christine Lubkoll
Dr. Stephanie Waldow
III: Anthropologie – Ethik
Die Medizin im weitesten Sinne hat die Physik als Leitwissenschaft abgelöst. Schlagworte wie Gentechnik, Klonen, künstliches Leben sind Anzeichen für das große öffentliche Interesse an den grundlegenden Fragen, die sich nach den Fortschritten der Wissenschaft neu zu stellen scheinen. Die Diskussionen um die Ausbreitung von AIDS, um Hirnforschung und Willensfreiheit aber auch um die Überalterung der Gesellschaft und daraus resultierende Forderungen an die Medizin haben ihren festen Platz im Feuilleton. Tatsächlich begegnet der Großteil der Gesellschaft den im engeren Sinne kulturellen Auswirkungen des wissenschaftlichen Wandels lange bevor er mit deren konkreten (medizinischen) Ergebnissen in Berührung kommt – wenn überhaupt. Die große Aufmerksamkeit für einzelne Forschungsergebnisse und Phänomene kommt zustande, weil zentrale Interessen jedes einzelnen und der Gesellschaft zugleich betroffen werden: das tradierte Selbstverständnis der Individuen und die Regeln ihres Zusammenlebens scheinen in Frage gestellt. Unter diesen gewandelten anthropologischen Voraussetzungen wird auch der Streit um die Konzeption des klassischen Subjekts, der einen Höhepunkt in den 60er und 70er Jahren hatte, erneut aufgegriffen.
Dieses Phänomen korrespondiert das zunehmende Bewusstsein für die gesellschaftliche Bedeutung ästhetischer Artefakte und künstlerischer Repräsentation in den Geisteswissenschaften, der sog. cultural turn. In diesen Zusammenhang gehören nicht nur neue thematische, sondern vor allem auch methodische Orientierungen.
Dennoch liegt Themenauswahl und Schwerpunktsetzung dieses Arbeitsbereiches die Annahme zugrunde, dass die Geisteswissenschaften nicht nur eine lange Tradition der Beschäftigung mit genau solchen ethischen Problemstellungen besitzen, wie sie derzeit dringlich erscheinen, sondern auch über ein lange etabliertes und bewährtes Instrumentarium zu ihrer Aufarbeitung verfügt.
Themenkomplexe
- Körperkonzepte
- Biopolitik und Bioethik als politisch-kulturelle Konzepte
- Zum Begriff Verantwortung. Hirnforschung und Willensfreiheit
- Gentechnik und Entwürfe des Posthumanen
- Theorie des Souveräns und des Ausnahmezustands (Agamben/Schmitt)
- medizinische und literarische Krankheitsbilder (AIDS, Alzheimer)
- Tod und Sterben als kulturelles Phänomen
- biologische, technische und metaphorische Netzwerke
- Wandel und Konstanz der Melancholie-Vorstellungen
- Erzählen als anthropologische Konstante
- Forschung in der Kunst. Mediale Präsentationen und fiktive Prognosen (SF, Phantastik, bes. Film)
Ansprechpartner
PD Dr. Holger Helbig
Dr. Markus May
IV: Wendephänomene (1989; Jahrtausendwende; Osteuropa)
Der Begriff Wende stellt ein in letzter Zeit häufig genutztes Muster zur Beschreibung historischer Veränderungen bereit. In der deutschen Nachkriegsgeschichte bezeichnet er mehrere Prozesse, die sich zwischen der Trennung und der Wiedervereinigung zweier deutscher Staaten ereignet haben. Sie werden mit Schlagworten wie der Stunde Null, der konservativen Wende, der 89er Wende erfasst. Diese spezifisch deutschen Phänomene sind eingelagert in größere historische Veränderungen, die mit demselben Begriff beschrieben werden: etwa die Folge von ‘Wenden’ in den osteuropäischen Staaten von Polen bis zur Ukraine oder die Hinwendung zu einem Europa der Nationen.
Das Beschreibungs-Modell, das mit dem Begriff Wende aufgerufen und benutzt wird, soll auf der Grundlage von vergleichenden Studien theoretisch genauer erfasst und historisch kontextualisiert werden. Offensichtlich geht mit den politischen Veränderungen auch eine im engeren Sinne kulturelle Umorientierung vor sich. Das zentrale Phänomen nimmt sich dabei auf den ersten Blick paradox aus: Während sich das gesellschaftliche Interesse am Zukünftigen ausrichtet, tritt im kulturellen Bereich nun deutlich stärker die Vergangenheit in den Vordergrund (’Aufarbeitung’). Bedeutet das, dass die Utopien aus dem literarischen in das politische Feld ausgewandert sind? Und korrespondiert dies den gesamtgesellschaftlichen Stagnationsphänomenen, wie sie etwa in Frankreich und Deutschland zu beobachten sind, und der ökologisch wie sozial rücksichtslosen Marktwirtschaft, wie sie sich in Osteuropa gegenwärtig etabliert?
Aus den konkreten Studien heraus sollen Ansätze erarbeitet werden, die es gestatten, den Zusammenhang zwischen politischer, ideengeschichtlicher und literarischer Tradierung, der im Falle der Wende zum Vorschein kommt, allgemeiner zu fassen. Welche theoretischen Konzepte sind geeignet, die komplexen Vorgänge im kulturellen Feld zu beschreiben? Werden in Wendezeiten verstärkt Traditions- und Wertungsmuster gestiftet?
Themenkomplexe
- Trennung und Wiedervereinigung: Anfang und Ende welcher Geschichte?
- Kulturelle Symbole und literaturhistorische Phantasien: Stunde Null und die Wende.
- Gescheiterte Wende-Versuche: Tauwetterperiode, Bitterfelder Weg.
- Wie verhält sich akademische Geschichtsschreibung zu literarischer Verarbeitung zu populärer Dokumentation?
- Deutschlandbilder im Wandel (Selbst- und Fremdwahrnehmung).
- Der zunehmende Einfluss osteuropäischer Literaturen auf die deutsche (Übersetzungen, Vorbilder, Bezugnahmen).
Ansprechpartner
Prof. Dr. Dirk Niefanger
PD Dr. Holger Helbig
V: Differenz (gender, race, class, generation)
Die Entwicklungen in der europäischen und amerikanischen Gegenwartsliteratur sind von den soziopolitischen Entwicklungen der letzten Dekaden kaum zu trennen. In den USA beispielsweise haben die sozialen Protestbewegungen (die Beat-Bewegung der 1950er, die Bürgerrechtsbewegung der 1960er, die Frauenbewegung der 1970er und 80er, um nur einige zu nennen) tief greifende kulturelle Umbrüche ausgelöst, die sich in literarischen Texten und poetischen Diskursen niedergeschlagen haben und sogar zum Teil von ihnen antizipiert und mitgestaltet worden sind. Die Auswirkungen der minority discourses um gender, race, class, generation daneben aber auch Differenzdiskurse um Alterskohorten und Religionszugehörigkeit, sind somit nicht nur theoretischer Natur (Stichwort: Kanondebatte), sondern die Gegenwartsliteratur selbst ist Schauplatz und Austragungsort vielfältiger gesellschaftlich-kultureller Verhandlungen. Neuen multiplen Identitätsentwürfen stehen brüchige Inszenierungen von vermeintlich einheitlichen Identitäten und abgrenzbaren Differenzen gegenüber. Literarische Entwürfe, die das kulturelle Imaginäre hinterfragen und erweitern, treten neben narratives of containment und ihre literarischen Selbstbespiegelungen. Gleichzeitig lassen literarische Texte der letzten Jahre wieder das ‘Erschreiben’ einer wie auch immer gearteten Gemeinschaft erkennen, die Differenzen artikuliert und überbrückt.
Jenseits des nationalen Paradigmas stellt sich die Postmoderne als postkoloniale Ära dar: “The Empire writes back to the centre” – so hat es Salman Rushdie für die anglophone Welt formuliert. In der Tat sind die amerikanischen und die britischen Gegenwartsliteraturen Beispiele dafür, wie das thematische und ästhetische Innovationspotenzial nicht-weißer Autorinnen und Autoren das Zentrum belebt, das sich aus weißer, männlicher Perspektive lange Zeit einer Repräsentationskrise und einem Sinnverlust anheim gefallen sah. Ähnliches lässt sich auch für frankophone und deutschsprachige Literaturen konstatieren. Die Differenzdiskurse um gender, race, class, generation erhellen diesen Zusammenhang um ‘Verlust’ und ‘Gewinn’ und sind gleichzeitig als Antriebsmotor des Trends zu betrachten, der mit neo-realistischen Erzählformen die Rückkehr zu ‘kleinen Erzählungen’ eingeleitet und das postmoderne Schreiben von der Dekonstruktion zur Rekonstruktion geführt hat.
Der Multikulturalismus der Gegenwartsliteratur ist an die Pluralität von Lebens- und Erzählwelten gekoppelt; dies drückt sich nicht nur in der literarischen Themenwahl (Migration, Kulturkontakt, Hybridität, etc.) aus, sondern auch in der Art und Weise ihrer Umsetzung. Autoren und Autorinnen verwenden u.a. klassische Stilmittel der Moderne verbunden mit populärkulturellen Formeln des Films und der Musik, mythische, folkloristische, orale Erzählstoffe überführt in das 20. und 21. Jahrhundert sowie neue Formen individueller und kollektiver Erzählinstanzen.
Themenkomplexe
- Literatur und Migration (amerikanische Einwanderungsliteratur der sog. new immigrants aus Asien, Afrika, Südamerika und Osteuropa; Black British writing)
- Gegenwartsliteratur und postkoloniale Theoriebildung (die Theorie in der Literatur, Auflösung von Genregrenzen)
- fiktionale Vergangenheitsbewältigung (Kolonialismus, Sklaverei, Krieg)
- Gegenwartsliteratur, Differenzdiskurse und Populärkultur
- Literatur und Transdifferenz (Inszenierungen von Differenzvielfalt, Hierarchisierungen von Differenzen aus der Sicht der gender studies, postethnische/postfeministische Positionen)
- deutschsprachige Minderheitenliteraturen in Osteuropa
- literarische Repräsentationsformen, political correctness und Demokratisierung; Literatur, Religion und Ethik
- critical whiteness studies, queer studies, ageism, regionalism und andere Erweiterungen der ‘Triade’
Ansprechpartner
Prof. Dr. Doris Feldmann
Prof. Dr. Heike Paul
VI: Literarische Übersetzung
Der Erfolg eines Buches hängt wesentlich von der Qualität seiner Übersetzungen ab. Übersetzungen sind sprachschöpferische Leistungen und somit ein fester Bestandteil der “nationalen” Gegenwartsliteratur. Sie leisten einen entscheidenden Beitrag zum Verstehen des Fremden. Die damit verbundene Sprach-, Literatur- und Kulturtransferleistung wird jedoch häufig nicht als solche wahrgenommen, die Differenz des Fremden ist in der Quasiidentität der Übersetzung aufgehoben. Der geplante Themenblock “Literarische Übersetzung” versteht sich über den technischen Aspekt hinaus als fächerübergreifende “Schwellenkunde”. Neben den theoretischen Fragen Alterität und Identität, Intertextualität und Übersetzung, intralinguales/intermediales Übersetzen, Mehrsprachigkeit und Multikulturalität soll – als Beitrag zur angewandten Literaturwissenschaft – auch die Stellung der Übersetzer im Literaturbetrieb kritisch beleuchtet werden. Verlage gehen zum Teil erschreckend verantwortungslos mit Übersetzungen um. Übersetzungen werden im Feuilleton – wenn überhaupt – meist kenntnislos undifferenziert und pauschalisierend besprochen. Wie lassen sich hierfür Qualitätsstandards formulieren?
Sein besonderes Profil gewinnt der geplante Themenkomplex unter anderem durch die enge Verbindung von Theorie und Praxis. Das Interdisziplinäre Zentrum für Literatur und Kultur der Gegenwart kann hierbei an bestehende Strukturen anknüpfen. Seit 1999 bestehen die “Wolfenbütteler Übersetzergespräche” unter Leitung des Erlanger Romanisten Adrian La Salvia. 2004 wurde im Rahmen des Erlanger Poetenfests die “Erlanger Übersetzerwerkstatt” gegründet. Anlässlich der Erlanger Übersetzerwerkstatt 2005 wird erstmalig der “Erlanger Übersetzerpreis” vergeben. Teilnehmer der Übersetzergespräche sind Übersetzer bzw. Autoren, in deren Schaffen das Übersetzen einen breiten Raum einnimmt, sowie Theoretiker unterschiedlicher Disziplinen, die sich schwerpunktmäßig mit Übersetzungen beschäftigen. Von dieser fest etablierten Plattform aus sind zahlreiche Kooperationsangebote mit der Universität denkbar. Mehrfach schon wurden Studenten in die Gespräche integriert, um eigene Arbeiten vorzustellen. Hier kann eine Ausweitung auf das akademische Lehrangebot erfolgen, die langfristig zur Entwicklung eines eigenen Studiengangs führt. Darüber hinaus ergibt sich jederzeit die Möglichkeit, teilnehmende Autoren zu Vorträgen oder Vorlesungen nach Erlangen zu verpflichten. Unter Umständen könnte sogar der “Erlanger Übersetzerpreis” mit einer entsprechen Poetikdozentur verbunden werden.
Links: http://www.uebersetzergespraeche.de, http://www.poetenfest-erlangen.de
Das wichtigste Handwerkszeug des literarischen Übersetzers sind Wörterbücher, und zwar zweisprachige wie einsprachige Wörterbücher der jeweiligen Ausgangs- und Zielsprachen. Entgegen landläufiger Meinung kennzeichnet ausgiebiges Nachschlagen nicht die „armen Poeten“ unter den Übersetzern, sondern gerade die Besten ihrer Zunft. Diese wissen, dass bei anspruchsvollen Texten hervorragendes Fremd- und Muttersprachwissen allein nicht genügt, sondern immer auch ein Brainstorming nötig ist, sei es im punktuellen Austausch mit Kollegen, aber eben auch unerlässlicherweise durch das Konsultieren der verschiedensten Nachschlagewerke. Gute professionelle Übersetzer haben den Wörterbuchreflex – ihre Auftraggeber lassen ihnen jedoch nicht immer genügend Zeit, diesen im nötigen Umfang anzuwenden.
Das Institut für Angewandte Sprachwissenschaft widmet sich seit mehr als 20 Jahren, unter der Leitung des Institutsvorstands Prof. Dr. F. J. Hausmann, vornehmlich der Wörterbuchforschung. Das Institut besitzt eine in langen Jahren zusammengetragene, überaus reichhaltige Bibliothek von Allgemein- und Spezialwörterbüchern (z.Zt. etwa 3000 Titel, zu den gängigen indoeuropäischen, vereinzelt aber auch zu exotischen Sprachen, Wörterbücher vom 17. Jahrhundert bis 2005, von der einbändigen Tasschenbuchausgabe bis zum größten französischen Wörterbuch in 16 Foliobänden). Bisher diente die Bibliothek schwerpunktmäßig der Forschung und Lehre auf dem Gebiet der französischen Lexikographie und Metalexikographie (M. Heinz, die am Institut für Angewandte Sprachwissenschaft alle Stationen vom Grundstudium bis zur Habilitation durchlaufen hat, ist z.B. Mitautorin des französischen Referenzwörterbuchs Le Nouveau Petit Robert. - Im Juni 2004 hat das Institut ein von der DFG gefördertes internationales Kolloquium in französischer Sprache „Les Premières Journées allemandes des dictionnaires“ durchgeführt (www.ias.uni-erlangen.de/klingenberg), dem Anfang Juli 2006 die „Deuxièmes Journées allemandes des dictionnaires“ folgen werden.)
Seit einiger Zeit werden am Institut für Angewandte Sprachwissenschaft nun auch verstärkt die französische (und frankophone) Literatur und Kultur in Forschung und Lehre mit einbezogen, eine allmähliche Umorientierung, die auf eine an den bayerischen Universitäten bisher nicht existierende „Französistik“ hinauslaufen könnte. Durch eine Annäherung von Sprach- und Literaturwissenschaft auch in den anderen romanischen Einzelsprachen, einhergehend mit Abkehr von der, notgedrungen deutschsprachigen, Gesamtromanistik, bestünde auch erstmals die Chance der Schaffung einer „Hispanistik“ und einer „Italianistik“: an den bayerischen (und deutschen) Universitäten wäre diese Spezialisierung ein Novum – im europäischen Ausland dagegen ist sie seit jeher (und nicht erst seit „Bologna“) sinnvollerweise das Übliche. Die im heutigen Europa immer wichtiger werdenden Doppeldiplome, die es für Vollromanisten nicht geben konnte, wären für Französisten, Hispanisten oder Italianisten endlich realisierbar.
Im Sommersemester 2004 wurde am Institut für Angewandte Sprachwissenschaft erstmals ein HS in literarischer Übersetzung veranstaltet. Die zehn Teilnehmer(innen) des Seminars übersetzten einen vollständigen Roman (Meuse l’oubli (1999) – Maas des Vergessens) vom Französischen ins Deutsche. Die schon an und für sich anspruchsvolle Übersetzungsarbeit an dem mit Schwierigkeiten gespickten Text (in rhythmus- und klangbetonter lyrischer Sprache, ohne sprachliche Automatismen fixierter Rede, mit Regionalismen, Polysemiehäufungen, erfundenen Wörtern, Anspielungen aller Art) wurde mit Wörterbuchbenutzungsforschung und -kritik kombiniert. Der Autor des Textes, Philippe Claudel (dessen bisher letzter Roman, Les âmes grises (2003) – Die grauen Seelen in Frankreich mit dem prestigeträchtigen Prix Renaudot ausgezeichnet und seitdem in 25 Sprachen übersetzt wurde) kam zu einem Werkstattgespräch in eine der Seminarsitzungen – sein erster Kontakt mit einer deutschen Universität – und gab abends, zusammen mit seinen Erlanger Übersetzer(innen), eine Lesung am Deutsch-Französischen Institut (gefördert von der Ambassade de France en Allemagne). Bestärkt durch die Idee eines IZ für Literatur und Kultur der Gegenwart und die dadurch erleichterte instituts- und fächerübergreifende Zusammenarbeit, wird auch in diesem Sommersemester am IAS wieder ein Übersetzungs-HS angeboten: es wird der zweite Roman desselben Autors übersetzt; dieser wird sich in der Sitzung am 12. Mai 2005 erneut den Fragen der Studierenden stellen und abends zusammen mit ihnen eine Lesung halten. Philippe Claudel, der großes Interesse an der in Erlangen geleisteten Übersetzungsarbeit zeigt (die in Zukunft fortgesetzt und verstärkt werden soll), ist selbst Lehrbeauftragter für „Anthropologie culturelle et littérature“ an der Universität Nancy II und könnte Kontakte zu anderen jungen Autoren, aber auch zu Übersetzern, Literaturwissenschaftlern und Filmemachern aus der gesamten Frankophonie vermitteln. Da Ph. Claudel auch Drehbuchautor ist – am 21. September 2005 läuft in Frankreich die verfilmte Fassung von Les âmes grises an – eröffnet sich auch hier die Möglichkeit eines intermedialen Übertragungsvergleichs und einer interlingualen Übersetzung des Drehbuchs. Es zeichnet sich zudem die Möglichkeit ab, dass Claudel für die vom IZ geplante Vortragsreihe „Fußball in der Kultur und Literatur der Gegenwart“ gezielt einen Text verfasst, der in Erlangen übersetzt und hier erstmals präsentiert würde.
Zum Webauftritt der Sektion “Literarische Übersetzung”
http://www.ias.uni-erlangen.de/claudel
http://www.ias.uni-erlangen.de/claudel2
Themenkomplexe
- Übersetzungen sind Begegnungen mit dem Fremden, sie liefern Material für eine interkulturelle Imagologie
- Übersetzen als Dialog: Alterität und Identität
- Übersetzen als Widerstand
- Übersetzen als intralinguales Phänomen: Übersetzungen als Überschreibungen (“réécriture”)
- Übersetzen als Medienwechsel: intermediale Übersetzungen (Vertonung und Illustration als übersetzerische Verfahren)
- Intertextualität und Übersetzung
- Mehrsprachigkeit und Multikulturalität
- Stellung der Übersetzer im Literaturbetrieb und im Feuilleton
- Literarische Übersetzung und Wörterbuchbenutzungsforschung / Wörterbuchkritik
- Der Autor als „Hilfsmittel“ bei der literarischen Übersetzung
- Experimentelle Verzahnung von Schreiben und Übersetzen (Der Übersetzer als Auftraggeber für den zu übersetzenden Text)
Ansprechpartner
Dr. Adrian La Salvia
PD Dr. Michaela Heinz
VII: Der Zusammenhang von Disparitätseindrücken und der Zirkulation von Literatur in nichteuropäischen Sprachen
Die Literatur der Gegenwart vieler asiatischer und afrikanischer Länder bringt europäische oder westliche Leser häufig dazu, Vergleiche mit Werken ihrer eigenen Kultur anzustellen. Dabei kommt es selbst bei Personen, die die Werke im Original lesen, oft zu einem Eindruck von Disparität, die zum Beispiel mit kultureller Andersartigkeit, der Ungleichzeitigkeit literarischer Entwicklungen, sprachlicher Eigenheiten oder gar offen eurozentrisch mit kultureller Rückständigkeit erklärt wird. Andere Leser stellen sich hingegen die berechtigte Frage, ob denn die bei einem solchen Vergleich angelegten Maßstäbe für die betreffende Literatur überhaupt Geltung beanspruchen können.
Die Sektion unternimmt den Versuch, verschiedene Faktoren zu beschreiben, die bei solchen Disparitätserfahrungen bei der Lektüre von Werken in außereuropäischen Sprachen oder deren Übersetzungen eine Rolle spielen. Dabei ist zunächst zu beachten, dass mit Ausnahme von Kulturen mit rein oraler Tradition viele dieser Kulturen nichteuropäischer Sprachen in ihrer Geschichte literarische Werke hervorgebracht haben, bei deren Lektüre kein Eindruck einer Disparität entsteht.
Lässt sich demzufolge diese empfundene Unterschiedlichkeit auf bestimmte historische-, politische- und ökonomische- Bedingungen oder auf ungleichzeitige Entwicklungsverläufe zurückführen? Oder, geht sie gar auf Einflüsse kolonialer Fremdherrschaft zurück, die – einigen post-kolonialen Theoretikern zur Folge – zur Durchsetzung ihrer Macht den Kulturen ihre eigene Sprache und ihre Ausdrucksformen nahm? Oder, rufen eher im Schreiben zum Ausdruck kommende kulturelle Eigenheiten und letztlich unüberwindbare Wissenslücken auf Seiten des westlichen Lesers ein Defizitempfinden hervor?
Der zweite Begriff der Zirkulation verweist in diesem Zusammenhang noch auf einen anderen Aspekt. Zunächst pragmatisch auf die Frage, welcher Art von nicht europäisch sprachlicher Literatur es aus welchen Gründen überhaupt gelingt, in unseren Buchläden in Übersetzung verfügbar zu sein. Und systematisch in dem Sinn, welche Instanzen hier und dort bestimmen, welche Literatur zirkuliert wird? Hierunter fällt auch die Frage der Rolle von Exilautoren in der Verbreitung der Literatur ihre Landes und der Wahrnehmung und Beurteilung ihrer Werke in ihrer ehemaligen Heimat. So nehmen arabische Exilliteraten vielfach eine Vorreiterrolle in dem Sinne ein, dass ihr eigenes literarisches Schaffen die Literatur ihrer Länder beeinflusst und fördert. Dagegen ist die Rückwirkung chinesischer Exilautoren kaum wahrnehmbar, auch wenn ihre Werke in China zugänglich sind. Die Gegenwartsliteratur der VR China befindet sich derzeit immer noch in einem Prozess der Entideologisierung und des catch-up, den chinesische Literaten – zumindest im persönlichen Gespräch – auch konstatieren würden. Parallel dazu erhält der chinesische Autor Gao Xingjian den Literaturnobelpreis. Ist die Wertschätzung des Werkes Gaos durch dessen große Neigung und Kenntnis französischer Literatur erklärbar? Oder sind es andere Gründe, die das Erscheinen und die Wahrnehmung von Werken in außereuropäischen Sprachen im Westen bestimmen?
Themenkomplexe:
- Kulturelle Bedingtheit von Maßstäben für die Beurteilung von Literatur
- Kulturelle Bindung literarischen Schaffens
- Zirkulationsweisen und Leserinteressen
- Disparität als literarisches Thema
- Literarische Entfaltungsmöglichkeiten unter Bedingungen von Zensur
- Ursachen literarischer Beurteilung
- Die Wirkung von Exilliteraten auf die eigene und die fremde literarische Kultur
Ansprechpartner:
Dr. Claudia Ott
Dr. Michael Schimmelpfennig
Zum Webauftritt der Sektion
VIII: Zeitstruktur und Zeitwahrnehmung in Literatur und Kultur der Gegenwart
Wie kaum ein anderes Phänomen seiner diachronen Existenz stellt sich die Zeit dem einzelnen Menschen, aber auch dem generationenübergreifenden kulturellen Gedächtnis als rätselhaft dar. Maßgeblich das aktive und das passive Leben in seinen biologischen und historischen Dimensionen bestimmend, ist die Zeit seit dem Beginn menschlichen Staunens und Nachdenkens Gegenstand zahlreicher Spekulationen in den verschiedenen Kulturen. In den mediterranen Gesellschaften wird, seit der jüdischen und christlichen Verbindung von Religion und Geschichte, die Paradoxie des subjektiven Zeiterlebens und seines intrikaten Zusammenhangs mit der kosmischen und der göttlichen Zeit vielfältig religiös und kulturell bearbeitet. Freilich wird der Ablauf der Zeit von jedem Menschen ’subjektiv’ erlebt, und diesseits des Kontrastes von zyklischer und linearer äußerer Zeit wird das eigene Leben immer wie in einem unaufhaltsam strömenden Fluss befindlich oder an ein Rad gebunden empfunden, das sich unablässig dreht und alles Lebendige bis zum Tod hin mit sich nimmt. Mit dem Gefühl, die Zeit bestehe aus irreversiblen, insofern unabänderlichen Prozessen, verbindet sich daher auch die Erfahrung, dass sie qualitativ sehr unterschiedlich ist: Sie kann den glücklichen Augenblick bringen, sie kann aber auch auf dem menschlichen Dasein lasten. Im Zustand der Lähmung oder der endlosen Langeweile gewinnt man sogar den Eindruck, dass die Zeit stillsteht.
Das Individuum teilt den Ablauf der Zeit an jedem Jetztpunkt seines Bewusstseins in Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft ein. Die Vergangenheit wird teils mehr oder weniger schnell vergessen, teils als Erinnerung aufbewahrt, so dass vergangene Geschehnisse wieder imaginativ wiederholt werden und in der Gegenwart wirken können. Die Zukunft ist die verborgene Zeit, die trotz des höchstwahrscheinlich Eintretenden (die Ereignisse in der Natur) und trotz aller praktischen Zukunftssorge (die Arbeit der Geschichte) für das Individuum ein unbekanntes Schicksal darstellt, das es einerseits erhofft, andererseits fürchtet. Um die Unsicherheit gegenüber dem sicher Kommenden, aber weithin Unbekannten und Zu-fälligen zu vermindern, versucht der Mensch, die Zukunft in gewissen Belangen und auf unterschiedliche Weise durch Prognosen zu erhellen und durch kulturelle Projekte und Produkte mitzubestimmen. Zwischen vergangener und künftiger Zeit liegt die Gegenwart, die Jetzt-Zeit, der Augenblick, in dem das Leben erlebt wird. So flüchtig die Gegenwart ist (nicht nur in der Beobachtung des Physikers, sondern auch in der des Psychologen und des Phänomenologen), so bedeutend erscheint sie der subjektiven Wahrnehmung als Zeit aktuellen Wirkens und Erleidens.
Für die Zeitwahrnehmung der gegenwärtigen Kultur sind zwei Faktoren besonders wichtig, die nebeneinander existieren und offensichtlich im gleichen Maße an Intensität gewinnen wie sie sich gegenseitig auszuschließen scheinen. Die rasante Entwicklung der Technologie hat einerseits dazu geführt, dass leistungsgebundene Zeitabschnitte immer kürzer werden, so dass die jeweilige Leistungsfähigkeit gesteigert wird. Im Verhältnis zur Gesamtleistung verlängert die Technologie die Zeit, indem sie den Umfang der innerhalb einer bestimmten Zeitdauer zu erbringenden Leistung erweitert. Dies führt zur Steigerung des Zeitdrucks, unter dem wir leben, baut in seinen Produkten aber auch ein Widerlager zur irreversiblen Vergänglichkeit alles Zeitlichen auf. Andererseits gewinnt die Unterhaltung immer mehr an Bedeutung in der Lebensgestaltung, was unvermeidlich die Intensivierung der Unterhaltungsangebote bis zur völligen Unübersichtlichkeit verursacht. Dabei hat die Unterhaltung nicht zuletzt die Funktion zu “zerstreuen” und im Extrem die Zeit “totzuschlagen”. So kann Unterhaltung einerseits das Eintauchen in die Vergänglichkeit alles Zeitlichen sein, in einem gewissen Sinne aber auch das Widerlager zu dem irreversiblen Zeitablauf, der das menschliche Leben mit dem Tod beendet.
Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen gehen mit der Zeit unterschiedlich um. Während beispielsweise in Deutschland versucht wird, den Zeitpunkt genau zu fixieren und die Folge der Zeitpunkte linear aneinander anzuschließen, könnte sich der Augenblick im Orient (und nichtquantitativen Zeitkontexten auch in Deutschland) auf Stunden ausdehnen. Auch die monotheistischen Religionen, die Gott und eine irdische Geschichte korrelieren, fassen die Zeit unterschiedlich auf. So betrachtet das Judentum die gegenwärtige Zeit als Zeit der Bedrängnis, der eine kommende, durch die Anwesenheit des Messias befreite Zeit gegenübergestellt wird. Im Christentum bleibt die Auffassung von zwei Zeiten, einer bisherigen und einer kommenden, zwar weiterhin erhalten, wird jedoch um ein neues, u.U. revolutionäres Moment erweitert: Die Ewigkeit und ihre Vollkommenheit ist schon in der vergehenden, “alten” Zeit im Kommen und auf diese nicht verendlichte Weise gegenwärtig wirksam. Im Islam verliert die jetzige Weltzeit weitgehend an Bedeutung, weil sie im Schatten der prophetischen Ermahnungen und Drohungen im Blick auf das Leben nach dem Tode und dem Jüngsten Gericht steht. Literarische Zeugnisse verschiedener Kulturen und Religionen können daher im Vergleich zur Erstellung einer Art Kulturgeographie der Zeit dienen, zumal dann, wenn solche literarischen Werke die Zeitmatrix ihrer Stoffe und den Zeitindex der schriftstellerischen Arbeit, die sie hervorbringt, in bewusste, oft komplexe Beziehung setzen.
Themenkomplexe
- Zeitmesser der Kulturen (Bewegung des Fixsternhimmels, Jahreszeiten; Sonnen-, Wasser-, mechanische Uhren)
- Erlebte und (naturwissenschaftlich, technisch etc.) präparierte Zeit
- Kulturelle Rhythmisierung der Zeit (Arbeit und Muße, “Freizeit”)
- Korrelationen von Erinnerung und Erwartung
- Lebensphasen (Passageriten, Geburtstage, Festtage)
- Phänomenologien der Gegenwart
- Leben im Horizont der Zukunft: individueller Tod, apokalyptische Szenarien, chiliastische Projekte
- Chronos und Kairos: quantitative und qualitative Zeiten
- Imaginäre Zeit-Räume und ‘reale’ Zeit
- Gesunde Zeit – kranke Zeit
- Weltzeit in der religiösen Literatur
- Zeit der Ökonomie – Ökonomie der Zeit
Ansprechpartner
Prof. Dr. Walter Sparn
Dr. Georges Tamer

