(Un-)Ruhe #1 Ruhe nach dem Sturm

(Un-)Ruhe #1 Ruhe nach dem Sturm

von Vivien Claire Bergjann

Ich bin unru­hig, aber ruhig.
Du bist ruhig, aber unru­hig und es sind noch 323 Wor­te für uns übrig.

Ist dir auf­ge­fal­len, dass wir uns nichts mehr zu sagen haben? Das sage ich dir nicht; weil es dich noch unru­hi­ger machen wür­de, aber ich weiß es und auch du kannst es spü­ren.
Du bist ver­stummt, erschro­cken dar­über, dass dir die Wor­te aus­ge­gan­gen sind, die du an mich rich­ten könn­test.
Ich weiß, dass wir uns nur noch weni­ge Wor­te zu sagen haben und das die­se end­li­che Anzahl mit jeder Sil­be die ich spre­che, unauf­hör­lich gegen Null geht.

Ich ver­brau­che unse­re letz­ten 240 Wor­te, weil ich weiß, dass du es nie­mals könn­test. Du wür­dest ewig mit mir in die­ser Ruhe leben, wohl­wis­send, dass du uns bei­den so nur Zeit raubst. Doch ich will uns die­se Zeit nicht rau­ben. Wir müs­sen jetzt aus­ein­an­der­ge­hen um wie­der laut zu sein, um wie­der Wor­te fin­den zu kön­nen, die wir an neue Augen und Mün­der rich­ten kön­nen.
Einst waren wir immer ruhig, weil wir immer unru­hig waren. Wir waren so gelas­sen mit­ein­an­der, weil es nie still wur­de. Selbst unser Schwei­gen war nie Stil­le, denn unter unse­rem Schwei­gen lag Sicher­heit. Es war die Sicher­heit dar­über, dass die Anzahl an Wor­ten, wel­che wir noch mit­ein­an­der wech­seln wür­den so hoch war, dass wir nicht ein­mal bemerk­ten, dass die­se Anzahl klei­ner wur­de.
Zu unru­hig waren unse­re Gesprä­che, zu ruhig unse­re Gemü­ter.
Doch schon jetzt haben wir nicht mehr als 100 Wor­te für­ein­an­der übrig. Dabei hat­ten wir gedacht, dass sie uns nie aus­ge­hen wür­den. Aber der Moment kommt näher, die Anzahl sinkt unauf­hör­lich und ich las­se sie wei­ter­sin­ken, indem ich dir all das sage, weil du es nicht schaffst die­se letz­ten Wor­te mit mir zu wech­seln. Du hältst uns so in einer Gei­sel­haft von­ein­an­der und ich kann das für uns bei­de nicht mehr mit­an­se­hen, also muss ich jetzt die­je­ni­ge sein, die uns durch die­se letz­ten Wor­te freigibt.

Jetzt blei­ben uns nur noch 20 Wor­te, aber eins will ich dir noch sagen:
Ich bin dir so dank­bar für jedes Wort, wel­ches wir mit­ein­an­der gewech­selt haben.

Null und end­lich ist es ruhig.