„2312″

Im Jahre 2312 hat die Menschheit beinah unser gesamtes Sonnensystem bevölkert. Der Mars ist zu einem sozialdemokratischen Idealplaneten geworden. Sowohl die Venus, als auch der Saturn sind besiedelt, Merkur ist eine Art Schatzkammer für Kunstwerke. Viele der Splitterwelten und Monde entwickelten ebenfalls eigene Gesellschaftssysteme und Wirtschaftsformen. Asteroiden werden zu Terrarien umfunktioniert, die entweder als umherfliegende Farmen oder als Lebens- und Neuzüchtungsräume für bedrohte Tierarten genutzt werden.Nur auf der Erde ist viel beim Alten geblieben oder hat sich verschlimmert. Die Streitigkeiten der Nationalstaaten bestehen weiterhin, die Bevölkerung explodiert nahezu. Die Umwelt ist beinahe zerstört, viele Tierarten auf der Erde ganz ausgestorben. Ohne die Versorgung aus dem All mit Nahrungsmitteln und anderen Rohstoffen würde die Erdbevölkerung viel Not leiden. Und doch verachten sie die „Raumer

Wer bei 2312 Weltraumschlachten in kolossalen Ausmaßen und thrillerartig aufbereitete Action erwartet, wird wohl enttäuscht werden. Es geht Kim Stanley Robinson auch nicht darum, Themen wie Sex und Gewalt im Übermaß in seinem Buch zu platzieren, um seine Leserzahl zu maximieren. Er erschafft vielmehr ein gigantisches Universum innerhalb unseres Sonnensystems, in dem die handelnden Figuren dennoch nicht klein wirken, sondern sich in das große Ganze einfügen. Es geht um die vielfältigsten Themen wie Genderorientierung (Die Zweigeschlechtigkeit ist in 2312 eine Normalität), Entwicklung von Gesellschaften, Künstliche Intelligenz, aber auch Politik und Macht in einem Raum, der so weitläufig und komplex ist, dass er vielen der Erdenbewohner auch zu groß erscheint und sie vom Geschehen im Weltraum wenig Notiz nehmen. So wollen sie auch die geradezu traumhafte Technik des Terraformings nicht annehmen, das die Raumer perfektioniert haben und mit der auch die Erde wieder in einen Zustand gebracht werden könnte, die ihrem ursprünglichen zumindest ähnelt.

Die Geschichte beginnt mit einem Sonnenaufgang auf Merkur, dem die gyandromorphe Heldin des Buches, Swan, beiwohnt. Mit aller Wortgewalt schildert Robinson dieses beeindruckende Naturspektakel, sodass man selbst seine sieben Sachen packen möchte, um dieses Wunder zu erleben. Diese – und viele weitere – Augenblicke des Buches sind es, die 2312 so lesenswert machen. Denn eins ist sicher: Wenn Robinson einen Sonnenaufgang auf dem Merkur beschreibt, dann mit einer Poesie, die das Können der meisten seiner Genre-Kollegen übertrifft.

Der Tod Alex‘, der Großmutter Swans, die eine berühmte Diplomatin im politischen Netz des Sonnensystems ist, lässt Swan mit den zwei anderen Hauptfiguren des Romans in Kontakt kommen: Wahram, ein krötenähnlich aussehender Diplomat vom Titan und Genette, ein kleingewachsener Inspektor einer interstellaren Polizeibehörde. Zusammen mit ihnen findet Swan Hinweise auf eine Bedrohung für die Menschheit, die in den Weiten des Raumes lauert und auch nicht vor Massenmord zurückschreckt. Bei den Ermittlungen zu dieser Bedrohung agieren Swan, Wahram und Genette mal zusammen, mal getrennt, doch die Geschichte bleibt dabei immer interessant und so voraussehbar wie der Fall eines Würfels.

Zwischendurch gibt Robinson in Gestalt von sogenannten „Listens“ rätselhafte Eindrücke wieder, die wohl von den Charakteren selbst stammen und dem Leser enormen Spielraum zur Interpretation lassen. Auch die Unterbrechungen der Geschichte durch die „Auszüge“ sind alles andere als uninteressant, so werden in ihnen doch Ausschnitte aus den verschiedensten fiktiv-zukünftigen Enzyklopädien präsentiert, die das Bild von Robinsons Zukunftsvision mit Einblicken in den Sinn des Zwitterlebens für die Langlebigkeit oder Abrissen der kulturgesellschaftlichen Entwicklungen seit unserer Zeit abrunden. Zu guter Letzt gibt es da noch die „Quantum-Walks“, die dem Leser Einblicke in das Denken eines Quantencomputers geben, was eine wirklich außergewöhnliche Leseerfahrung zur Folge hat.

So ist 2312 nicht nur Krimi, Zukunftspanorama oder Entwicklungsroman, sondern vielmehr alles zusammen, eine Bündelung an Themen und Genres, die so komplex ist, wie das darin beschriebene Sonnensystem. Es bedarf nicht wenig, um in einem so vielfältigen Genre wie dem Sci-Fi ein Meisterwerk zu schaffen, doch 2312 darf diesen Titel stolz tragen, da Robinson es schafft, in nur knapp 600 Seiten unsere heutigen, oft mit Scheuklappen behafteten Sichtweisen und Perspektiven auf heikle Themen wie Modifikation des menschlichen Körpers (in Swans Fall zum Beispiel durch das Einsetzen von Lerchengehirn in ihr eigenes, durch das sie wie dieser Vogel pfeifen kann) oder auch Terraforming radikal auf den Kopf zu stellen und dabei nicht zu vergessen, was der eigentliche Sinn eines Romans ist: Eine starke Geschichte zu erzählen.

2312
Autor: Kim Stanley Robinson
Umfang: 589 Seiten
Erscheinungstermin: 11. März 2013 (in deutscher Sprache)
Verlag: Heyne Verlag