Acuns Geschichte

Puls von 180, stockender Atem, beklemmendes Gefühl in der Brust, trübe Augen, magnetischer Magen – ein schwarzes Loch. Seine Finger zuckten nervös, als das gewohnte Surren ausblieb. Seine ausgestreckte, flache Hand blieb leer. Der Bankautomat hatte seine Karte eingezogen. Auf dem Display stand 11.24 Uhr.

Warum mussten ihn die Ziffern so hämisch angrinsen? Eins, eins, Punkt, zwei, vier. Das Fixieren auf ein Detail aus seiner Umgebung konnte sehr beruhigend wirken. Waren seine Gedanken gerade wirr oder extrem klar? Und liebte sie ihn? Diese Bauchschmerzen! Die liebten und umarmten ihn. Acun fühlte sich wie ein riesiger, kopfloser Kopf.

Er wollte sich kurz umblicken, um zu überprüfen, ob ihn jemand beobachtete. Eine Zehntelsekunde später überlegte er es sich anders, blickte sich also nicht um, weil er spürte, dass ihm alles egal war – außer dieser Frau. Und weil er gelernt hatte, dass es im Leben wirklich nicht darauf ankam, wie man nun vor dieser oder jener Person in dieser oder jener Situation dastand.

Kurz darauf trat er vor die Automatik-Schiebetür, ging nach draußen und lief einige Male um den Häuserblock – zunächst langsam, dann panisch und gehetzt, so als könnte er seine Gedanken einholen, wenn er nur schnell genug lief. Dann die Enttäuschung, die ihn ins Stadtzentrum führte.

Weshalb waren in dieser Straße drei Drogeriemärkte direkt nebeneinander angesiedelt? Er reflektierte, dass das ein Gedanke jener Sorte war, die er von früher recht gut kannte. Früher – als Langeweile noch eine Option war. Er lief an den Drogeriemärkten vorbei und bog links ab zum Brunnen in der Mitte des großen Platzes.

Vor dem Brunnen hockten zwei Männer. Der eine sah sehr heruntergekommen aus mit seiner zerfetzten Kordhose und dem fettigen, grauen Bart, welcher den dreckigen Kaffeebecher in seiner Hand beinahe streifte. Der andere, ein recht gepflegter Mann um die vierzig, lächelte vergnügt, ebenfalls einen Kaffeebecher vor sich haltend. Der Becher des Heruntergekommenen war halb voll von Münzen, der des Gepflegten vollkommen leer.

Plötzlich überkam Acun ein enormes Verlangen, irgendetwas zu tun. Er wollte sich kurz umblicken, um zu überprüfen, ob ihn jemand beobachtete. Eine Zehntelsekunde später überlegte er es sich anders, blickte sich also nicht um… Er kramte einen Beutel aus seiner Tasche hervor – einen Beutel im Beutel, den er einfach nicht wegwerfen konnte, obgleich er ganz dreckig und zerschlissen war. Vielleicht weil er Raum schaffen konnte, wo keiner zu sein schien. Acun sehnte sich nach mehr Raum, mehr Kreativität, mehr Offenheit, mehr Mut und mehr Haltung! Er kannte Menschen, die alles dafür taten, peinliche Situationen im Leben zu vermeiden und deshalb vieles gar nicht erst versuchten.

In ungefähr zwei Metern Abstand von den beiden Kaffeebecher-Männern ließ er sich nieder, lehnte sich gegen die Brunnenmauer und hängte den Beutel über seinen rechten Unterarm. Er trug eine dunkle Jeans, ein dunkelgrünes Hemd und seine schwarzen Haare waren gepflegt, aber durcheinander. Sogleich bemerkte er die verstörten Blicke seiner Nachbarn: „Entschuldigen Sie bitte, ich möchte Sie nicht provozieren. Es spielt keine Rolle für mich, wie nötig Sie es haben. Ich sitze nur hier, weil ich momentan keine Kraft habe, irgendetwas anderes zu tun.“

Der Heruntergekommene war taub oder hatte nicht zugehört, während der Gepflegte kurz nickte, jedoch keine Miene verzog. Ein Passant ließ im Vorbeilaufen ein hektisches „Geht arbeiten!“ fallen. Acun blickte zu Boden, ein bitteres Schmunzeln auf den Lippen. Wie sehr er seine Arbeit doch liebte! Er brauchte etwas Zeit zum Nicht-Nachdenken, sah auf und sah sie.

Puls von 180, stockender Atem, beklemmendes Gefühl in der Brust, leuchtende Augen… Er war wie erstarrt. Sie trug einen kurzen, bunten Rock. Puls von 190. Ihr Gesicht war zart und ein bisschen schief und ihre Haare glänzten nussbraun im Sonnenlicht. Puls von 200. Sie wirkte so vollkommen und gleichzeitig nicht perfekt, irgendwie unglaublich stark.

„Acun, was tust du hier?“ War sie freiwillig nähergekommen oder hatte sein Blick sie angesaugt? „Acun?“, fragte sie erneut und man konnte ihr ansehen, wie überrumpelt sie war, ihn hier anzutreffen. „Alles in Ordnung mit dir, Acun?“, rief sie nun lauter und bestimmter und zupfte dabei nervös am bunten Stoff ihres Rocks. Puls von 170. „Hallo, ich…“ Acun spürte etwas Hartes in seinem Nacken.

Zwei starke Hände packen ihn an und ziehen ihn zurück. Hinter ihm die Hände – Abstoßendes, das ihn anzieht. Vor ihm sie – Anziehendes, das zurückweicht. Die Dialektik der Welt? Die starken Hände bohren sich fester in seine Schultern, als er nicht reagiert und ziehen ihn mit sich fort. Ihr Blick ist wie versteinert: „Was wollen Sie? Lassen Sie ihn los!“ Und ihre Stimme klingt zittrig und hart und wunderschön und brutal. Nun läuft sie hinterher, nach rechts in die Einkaufsstraße und an den Drogeriemärkten vorbei. Und ihm sind die Hände gebunden.

Nach ungefähr zehn Minuten machen sie Halt vor einem großen Backsteingebäude. Die beiden Männer schubsen Acun und er, unfähig, sich mit seinen Händen abzufangen, fällt auf die Knie. „Haben Sie hier gearbeitet?“, ruft der eine, auf das Backsteingebäude deutend. „Hier geschrieben?“, brüllt der andere. Acun sieht sich um. Sie kauert hinter ihm auf dem Boden. Ihr Gesicht berührt den Asphalt, gegen den sie wild atmet. „Ja, ich habe hier gearbeitet – hier geschrieben.“ Ihr Kopf schießt in die Höhe und ihre Blicke treffen sich für einen viel zu kurzen und viel zu langen Augenblick.

Acun wollte sie wiedersehen und er hatte sie wiedergesehen. Beim Betteln, so dachte sie, aber das war ihm egal. Sie hatte ihn angesprochen, sogar nach ihm gerufen und ihn dadurch verraten.

Es war 12.04 Uhr. Der Rollladen war halb heruntergelassen, sodass sich das gleißende Sonnenlicht nur bis zur Schreibtischkante hin ausbreiten konnte. Heißer März in Mitteleuropa. Acun klappte seinen Laptop zu und lehnte sich zurück. Sein Magen fühlte sich irgendwie magnetisch an – wie ein schwarzes Loch. Nachdem er seine dunkelgrüne Tasche gepackt hatte, verließ er das Büro. Die anderen Türen, die von dem langen Gang abgingen, waren alle verschlossen. Seine Kollegen hatten die Redaktion sicher schon vor ein bis zwei Stunden verlassen. Die Wenigen, die es sich noch erlauben konnten, bei der Arbeit zu erscheinen. Konnte er es sich noch erlauben? Würde er jemals aufhören? Und warum war er noch hier? Vielleicht hoffte er, dass die Zukunft, seine eigene und die seiner Kollegen, nicht so verlaufen würde wie in seiner Geschichte. Aus diesem Grund schrieb er noch.

 

 

 

Anna Appel

Anna Appel, geboren 1995, studiert Theater- und Medienwissenschaft sowie Germanistik an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Bereits gegen Ende ihrer Schulzeit begann sie, Gedanken zu notieren und kleinere Texte zu verfassen. Durch ein theaterwissenschaftliches Projektseminar, Dramaturgie-Hospitanzen am Theater und die Mitarbeit in der Redaktion eines Uni-Blogs, verfestigte sich ihr Wunsch, literarisch tätig zu sein. Mit „Acuns Geschichte“ bewarb sie sich bei der Bayerischen Akadmie des Schreibens.