Begegnungen zwischen Heimat und Fremde

SCHAU INS BLAU: Herr Zaimoglu, Sie sind 1964 im anatolischen Bolu geboren, lebten seit 1965 unter anderem in Berlin und München, und haben nun Ihren Lebensmittelpunkt seit 1985 in Kiel. Wo ist Ihre Heimat? Oder könnte man von Heimaten sprechen?

FERIDUN ZAIMOGLU: Heimat – das ist Deutschland und vornehmlich ist es Norddeutschland geworden. Ich bin zwar in München aufgewachsen und habe das Münchner Bayrisch gelernt. Meine Umgebung war eine Kulturkatholische, insofern geht mir das Herz auf, wenn ich in Bayern bin. Es ist mir vertraut. Heimat verbinde ich mit einer gewissen Vertrautheit, aber auch mit einer Herzensbindung. Also kann ich sagen, dass Norddeutschland meine Heimat ist. Aber es ist auch Deutschland. Wenn ich deutsch höre, dann weiß ich, ich bin im deutschsprachigen Raum und wenn ich im deutschsprachigen Raum bin, dann weiß ich, ich bin zuhause.

SCHAU INS BLAU: Insbesondere in Kiel?

FERIDUN ZAIMOGLU: Insbesondere in Kiel. Ich bin da ja seit 31 Jahren und schon daraus kann man entnehmen, dass ich mich dort wirklich wohl fühle. Heimat wird besonders in der Kultur von Schreiberinnen und Schreibern immer wieder auch als magischer Ort, als Nicht-Heimat, als Überwindung der Heimat oder als Sprache verstanden. Alles schön und gut, aber für mich hat Heimat mit Land, mit Himmel und mit Erde zu tun.

SCHAU INS BLAU: Bei unserem ersten Telefonat erwähnten Sie, dass Sie zur Zeit ein nomadisches Leben führen. Sie sind sicherlich viel unterwegs. Welche Rolle nimmt in diesem Zusammenhang die „Heimat“ für Sie ein?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich komme mir vor wie ein Wandermönch. Mir gefällt es sehr, herumzureisen und zu lesen. Ich sehe darin nicht etwas Besonderes. Da erwächst mir nicht ein bestimmter Lebenssinn, höchstens Lebenslust. Ich reise von Stadt zu Stadt und lerne Deutschland kennen. Darauf möchte ich nicht verzichten, weil ich, wenn ich beispielsweise in Kleinstädten lese, mit den Menschen des Volkes in Berührung komme. Dann lausche ich ihren Geschichten. Und so bekomme ich Dinge mit, die vielleicht ein Stubenhocker oder ein Schreiber, der sich nicht hinaus traut, nicht mitbekommen würde. Mein Erkenntnisgewinn ist der Tatsache geschuldet, dass die Menschen so freundlich sind und mir Geschichten erzählen. Aber ich bin dann – insofern haben Sie Recht, auf die Heimat zu verweisen – froh, wenn ich nach vielen Wochen wieder zurück in meine Heimatstadt Kiel fahre. Dann einfach auch umfalle und eben nicht reise. Bis Mitte Dezember wird das der Fall sein.

SCHAU INS BLAU: Die andere Seite der Medaille ist natürlich die Fremde mit der man während des Reisens ständig in Berührung kommt. Ich weiß nun nicht, ob Sie schon häufig in Augsburg waren, aber eventuell könnte Ihnen hier auch einiges fremd erscheinen…

FERIDUN ZAIMOGLU: Gar nicht! Ich fühle mich hier gar nicht den Elementen ausgesetzt. Ich fühle mich nicht Wind und Wetter ausgesetzt. Ich weiß wohl, dass Sie richtig liegen. Ich habe manche Kolleginnen und Kollegen gesehen, die Angst vor dem Publikum hatten, oder die Angst haben und dieses Fremdheitsgefühl bekommen, wenn Sie aus Ihrer Wohnung oder Ihrem vertrauten Milieu hinausgehen. Aber ich gehe gerne unter die Leute. Ich gehöre zu denen, die sich gerne in Bahnhöfen aufhalten, also bin ich heute, als ich ankam, eine Zeitlang im Augsburger Hauptbahnhof geblieben, habe mich umgeschaut und mich gefreut. Natürlich bekomme ich nur bestimmte Winkel und Ecken zu sehen und kann nicht sagen, ich sei wirklich in Augsburg gewesen. Fremd ist es mir aber nicht. Fremd wird es mir, wenn ich die Sprache nicht verstehe. Wenn ich auf andere Sitten und Bräuche stoße. Wenn ich darüber rätseln muss, wie sich Menschen verständigen. Das ist in Augsburg nicht der Fall und in München schon gar nicht. In Bayern eigentlich sowieso nicht, denn Bayern ist für mich der Sehnsuchtsort meiner Kindheit. Hier kann mir gar nichts fremd sein.

SCHAU INS BLAU: Macht vielleicht auch diese Existenz als reisender Nomade etwas mit dem Gefühl der Fremdheit? Löst sich durch das nomadische Leben das Gefühl der Fremdheit auf? Frei nach der Devise: „Heimat findet man unterwegs“?

FERIDUN ZAIMOGLU: Die Fremdheit kann sich nicht auflösen, wenn sie sich gar nicht erst einstellt. Wenn ich zum Beispiel durch Ostdeutschland fahre, dann könnte man meinen, dass ich mich in den Städten Ostdeutschlands anders fühle, da mir Städte unvertraut sind. Auch dort empfinde ich aber keine Fremdheit. Fremdheit ist mir, das habe ich im Laufe der Jahre festgestellt, unverständlich geworden. Ich frage mich, was das ist, wenn ich mich in Deutschland bewege. Fremd ist es mir, wenn ich auf einem Jahrmarkt bin und die Leute zu laut sind. Lärm ist mir fremd. Lärm ist etwas, dass in mich eindringen will und vor dem ich fliehe. Das wäre Fremdheit, wenn man den Begriff negativ besetzen will. Ich bin aber gerne durchlässig. Wenn ich reise, dann schaue ich mich natürlich um und oft geschieht es, dass ich eine Idee oder ein Dialogfragment festhalte, es mir auf Papier notiere und später dann aufgreife. Auf Reisen bin ich also gerne ein Jäger und Sammler. Ich bin aber nicht in einem fremden Milieu unterwegs. Die Fremde wäre für mich das Ausland, wobei ich mich auch dort nicht angegriffen fühle. Sie merken schon; ich denke nach und versuche „das Fremde“ zu verstehen. Das Wort „Fremdheit“ an sich ist mir fremd. Ich versuche diesen Begriff zu knacken und das will mir nicht recht gelingen, weil es zu meinem Schreiben gehört das souveräne Ich zu zerstören. Ich betreibe eine Art Selbstverschwendung. Fremdheit bringe ich in einen Zusammenhang mit einer gewissen Lust am Anderen und mit der Aufgabe des Eigenen. Ich habe große Lust mich anzugreifen, mich zum Verschwinden zu bringen.

SCHAU INS BLAU: Verstehen Sie auch das Schreiben als eine Form der Heimat?

FERIDUN ZAIMOGLU: Schreiben ist meine Arbeit, mein Leben, darin erblicke ich den Sinn des Lebens und es ist mein Alltag. Wissen Sie, ich komme aus Arbeiterverhältnissen und bin mit der schönen Arbeitermoral aufgewachsen. Die lautete: „Wo hängt der Hammer?“ Schau hin, erkenne und lass dir nichts einreden. Am Anfang waren bei mir Worte und erst später stieß ich auf Begriffe. Heimat ist für mich ein Begriff, den ich erst zurückführen muss auf das eigentliche Wort. Wenn Sie mich fragen, ob Schreiben Heimat ist, dann würde ich erstmal nein sagen. Heimat ist das Meer, ist der raue Himmel in Kiel, sind die Menschen, ist meine Geschichte und die eigene Biographie. Das Schreiben ist zwar ein essentieller Akt – das stimmt wohl – aber ich müsste ein Wort mit einem Begriff in Verbindung bringen. Das grenzte aber an Schwindel, es gehörte nicht zu mir. Ich schreibe, ich erfinde Geschichten und ich versuche, in diesen Geschichten einen hohen Wiedererkennungswert zu erlangen. Ich kann nicht sein ohne zu schreiben. Es ist also für mich wirklich essentiell. Zur Heimat gehört das Schreiben, gehören die Bücher, die ich lese und die ich habe, dazu gehören die Menschen, dazu gehört – wie schon gesagt – der raue Himmel, das Meer, die Ostsee, aber das bloße Schreiben als Heimat zu bezeichnen würde ich nicht tun.

SCHAU INS BLAU: Schreiben wäre dann ein Teil der Heimat und nicht die Heimat selbst?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ganz genau.

SCHAU INS BLAU: Gleichzeitig suchen Sie beim Schreiben auch die Begegnung mit dem Fremden.

FERIDUN ZAIMOGLU: Jetzt gehe ich im Geiste die Bücher durch. Was ist allen Protagonisten, allen Fantasiefiguren in meinen Büchern zu eigen? Sie werden nicht geschont, sie werden von der Wirklichkeit verätzt. Sie verwandeln sich. Sie müssen es, auch wenn sie es nicht wollen. Im Ausgang der Geschichte werden sie nicht die selben sein wie am Anfang. Man kann natürlich sagen, dass sie sich in Gefahr begeben oder aus ihrem vertrauten Milieu herauskatapultiert werden. Sie verwandeln sich, sie müssen sich verwandeln. Dann ist es die Fremderfahrung, als viel mehr das Fremde, dem sie sich stellen müssen. Dieses Fremde hat viele Gesichter in meinen Büchern. Mal ist es eine bis dahin unbekannte Frau, die zu Beginn der Geschichte mit einem Unfall konfrontiert wird. Das Selbstverständliche hört für sie auf und die Selbstverständlichkeiten brennen ab. Im neusten Buch ist es ein Kind, das sich in einem gärenden Milieu behaupten und sich ihm stellen muss. Man hat über das Buch gesagt, es sei eine Fabel der Fremdheit. Ja, dem stimme ich zu. Ich liebe es, Männer und Frauen aus den Geschichten herausbrechen zu lassen. Sie brechen aus einem Gefüge hervor, das sich sehr schnell als Illusion oder als ein illusionärer Aufenthaltsort entpuppt. Insofern könnte man das Fremde auch als das Furchteinflößende begreifen. Und diese Menschen – ich tue mal so, als würde es diese Fantasiefiguren wirklich geben – würden ganz sicher nicht aus freien Stücken die Begegnung mit dem Fremden suchen. Sie würden sich den vielen Gesichtern der Fremdheit nicht stellen wollen, aber sie müssen. Darum geht es in meinen Geschichten, in meinen Büchern.

SCHAU INS BLAU: Die Figuren Ihrer letzten Bücher Leyla, Isabell und Wolf haben auf den ersten Blick wenig mit Ihnen gemeinsam. Dennoch greifen Sie auf die Perspektive des Ich-Erzählers zurück. Ist das Schreiben aus dieser Perspektive für Sie Herausforderung oder Einladung zu einem fiktiven Dialog?

FERIDUN ZAIMOGLU: Am Anfang steht immer der unbedingte Wille mit mir und meinen Verhältnissen zu hadern. Je weniger Zaimoglu sich in einem Roman von mir findet, desto besser. Ich will mich natürlich nicht langweilen, aber es ist auch keine bloße Entscheidung, ein Buch zu schreiben oder nicht. Tatsächlich brenne ich für den Stoff. Und wenn es denn so ist, dass ich die Geschichte unbedingt aufschreiben möchte, dann fängt etwas an, was ich als „Anverwandlung“ bezeichne. Ich trage mich ab, ich bringe mich zum verschwinden. Ich möchte es nicht nur dabei belassen zu schrumpfen. Es ist tatsächlich ein radikaler Akt und, obwohl es sehr philosophisch klingt, eine Selbstvernichtung. Ich kann nur Geschichten schreiben, wenn ich weiß, dass ich an die Grenzen meiner Belastbarkeit gelange. Ich muss aus mir schöpfen und gleichzeitig mit mir brechen. Schreiben bedeutet für mich harte Recherche, die Reise zu den Schauplätzen, Ortsbegehungen, aber auch noch mehr. Wenn ich eine magersüchtige Frau beschreibe – nicht nur beschreibe, sondern die Ich-Perspektive einnehme – dann nehme ich vierzehn Kilo ab, verdammt noch mal. Oder wenn ich einen sechsjährigen deutschen Bub beschreibe, wenn ich der sein soll, dann verbiete ich mir jegliche Klugscheißerei. Dann darf ich nicht klüger sein als er. Ich darf nicht vorkommen, denn erst dann kann ich Wolf, der sechsjährige Bub in den 1930ern in Istanbul, sein. Dann kann ich auf dem Papier mit meinem Geschlecht brechen und Leyla sein, und so weiter.

SCHAU INS BLAU: Bei Ihrem neuen Buch Siebentürmeviertel hatte ich den Eindruck, es sei beinahe gewachsen. So als hätte das Buch irgendwann eine gewisse Eigendynamik bekommen. Schließlich sprechen Sie zahlreiche aktuelle Themen an, die organisch verwoben sind.

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich verstehe wohl. Das Buch ist gewachsen, aber ich hatte von Anfang bis Ende einen zähen Ablaufplan. Ich wusste, wohin die Reise geht und habe es nicht darauf ankommen lassen, mir zu Beginn der Recherche Leerstellen zu leisten und dann darauf zu hoffen, dass es im Schreibprozess schon werden wird. Ich kann so nicht schreiben. Deswegen habe ich eineinhalb Jahre gebraucht, um diesen Fahrplan mit Kapiteln und Szenen zu erstellen. Dann habe ich mich hingesetzt und geschrieben. Ich wusste ja von der heutigen Situation nichts. Wer hätte denn geahnt, dass die Schranken fallen. Vor fünf Jahren habe ich mich aufgemacht für die Recherche und habe das Manuskript schließlich abgegeben, bevor es zu dieser Flüchtlingswelle kam. Auf diese Art habe ich auch jedes andere meiner Bücher verfasst. Ich hielt kurz inne und dann war es immer eine Mischung aus Rausch und Vernunft. Es gab rauschhafte Zustände in Momenten der Recherche und anschließend habe ich mich im zweiten Akt nüchtern hingesetzt und aufgeschrieben. Die Herausforderung ist nicht das Aufschreiben, sondern im nüchternen Aufschreiben dennoch eingetaucht und eingestimmt in der Geschichte zu bleiben. Also wenn sie fragen, ob die Geschichte gewachsen ist, dann kann ich ja sagen. Sie ist sogar gewuchert. Aber das war der Plan. Das klingt seltsam und paradox, schließlich ist der Plan das Gegenteil von Rausch und Wildwuchs, aber genau das zu erreichen gelingt mir über die Sprache. Es gelingt mir auf der Grundlage der festgehaltenen Geschichte, die eine Grundlage von siebzig oder achtzig Seiten umfasst. Von dort aus gelingt es mir, die Geschichte nach allen Seiten ausstrahlen zu lassen. Und gerade bei Siebentürmeviertel wusste ich ja, dass es ein epischer Roman und ein langer Weg wird. Allein deswegen lässt es sich schon nicht verhindern, dass die Geschichte über die Grenzen hinauswuchert.

SCHAU INS BLAU: Gerade in Siebentürmeviertel, aber auch in Leyla nehmen Dialoge eine herausragende Rolle ein. Welche Bedeutung hat der Dialog in Ihrem Schreiben und zwischen wem findet er statt? Ganz offensichtlich natürlich zwischen den entsprechenden Charakteren, aber gibt es da auch eine Metaebene?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich bemühe mich darum, der Geschichte, die ich erzählen will, gerecht zu werden. Sowohl bei Leyla, als auch bei dem Roman Siebentürmeviertel, war ich mir im Klaren darüber, dass es auch eine Zeitreise ist. Wir befinden uns in einer anderen Zeit, in der Gerüchte, Gerede, Geflüster eine große Rolle spielten. Im Armeleuteviertel Siebentürmeviertel und in der Kleinstadt Leylas herrschen arme Verhältnisse. Das bedeutet auch die Abwesenheit des Lärms von Elektrogeräten. Die Menschen hatten einfach nicht das Geld, obwohl die technischen Geräte ja bereits existierten. Sie hätten sich einen Fernseher oder ein Radio kaufen können. Nur konnten die Menschen, von denen hier in diesen beiden Büchern die Rede ist, sich diese Geräte nicht leisten. Worum geht es also? Ich musste mir die Gegenwart verbieten in der Recherche, in der Zeit der „Anverwandlung“. Und ich musste mir vorstellen, was stattdessen war. Man hat miteinander gesprochen. Es herrschte keine Hochzeit des Briefeschreibens, also hat man auch nicht viel geschrieben. Das Briefeschreiben ist ja eine Kultur des Bürgertums. Damit war mir klar, dass ich die Bücher szenisch und dialogisch gestalten muss. Dazu gehören auch lange Dialogsequenzen, die man ganz banal als Verständigungsmittel schlechthin bezeichnen könnte. Menschen haben eben miteinander und übereinander gesprochen. Nicht umsonst galt der Spruch oder die Redeweise „Das Gerücht tötet den Mann“. Man behauptet, man spricht, man spricht miteinander, aber es gibt auch böses Gerede. Daraus folgt dann, dass andere Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Das musste ich abbilden. In der Nacherzählung geht das nicht, denn es ist ja Gegenwart in meinen Geschichten. Besonders bei Siebentürmeviertel ist es ja so, dass der deutsche Bub Wolf als schweigsamer Junge gilt, der Geheimnisse für sich behalten kann. Aber er lebt in diesem Milieu und gerade in diesem Milieu wird die Tradition der mündlichen Überlieferung besonders hochgehalten. Das musste ich mir vergegenwärtigen. Ich werde nicht nur im Sinne einer radikalen Rollenprosa hineingeweht wie ein böser Geist, um ein Bild des Neuen Testaments zu benutzen. Ich bin nicht nur Wolf, sondern auch das Viertel, auch all diese Fabeln, all diese ganzen Regeln, all das Hergekommene und Überlieferte. Das alles findet ja auch seinen Niederschlag in den Gesprächen und Dialogen. Deswegen sind die beiden Bücher sehr dialoglastig geraten, aber das ist dem Umstand geschuldet, dass ich auch die Zeit abbilden und verhandeln wollte in diesen Büchern.

SCHAU INS BLAU: Hat, wer Schreibkunst betreibt, einen gewissen Sinn für das Sezieren von Sprachkörpern?

FERIDUN ZAIMOGLU: Das ist ein sehr schöner Gedanke, über den ich nachdenken muss. Wenn ich mich eingestimmt habe auf die Geschichte, wenn ich mich der Protagonistin oder dem Protagonisten anverwandelt habe, wenn der Abstand geschmolzen ist, wenn ich tatsächlich meine Perspektive überwunden habe, dann fliegen mir die Worte zu. Das Wort wird dann übermächtig. Man könnte sagen, du erzählst die Geschichte und du als Schreiber Zaimoglu hast eben diese Worte. Aber mir geht es tatsächlich darum, mich im Deutschen auch zu verschwenden. Ich kann vielleicht deswegen mit den Sprachexperimenten der siebziger Jahre und mit den rekapitulierten Sprachexperimenten in unserer Zeit wenig anfangen. Also zapfe ich die alten Quellen, die vielen schönen Quellen der deutschen Sprache, an. Ich unterstreiche: Die Einstimmung ist sehr wichtig. Wenn ich soweit bin, dann geht es wie im Rausch. Aber Sie haben Recht, im ersten Akt des Schreiben, das kein Schreiben ist, sondern Recherche, komme ich mir vor wie in einem Präpariersaal, komme ich mir vor wie einer, der zupft, zerrt und schaut, ob das Fleisch der Worte blutet. Es ist brutal, aber ich muss es versuchen, denn erst darüber erschließt sich mir die Tauglichkeit oder die Untauglichkeit der Worte. Denn mit den Worten werde ich ja auch, jedenfalls versuche ich es, die Leserin oder den Leser hoffentlich davon überzeugen, dass sie sich in der Gegenwart der alten Zeit befinden.

SCHAU INS BLAU: Gerade die Frauenfiguren in Leyla, werden sehr detailliert und auf verschiedenen Ebenen betrachtet. Ich finde es spannend, dass das Buch ja prinzipiell von patriarchalen Strukturen ausgeht, in denen diese Frauen aufwachsen. Dennoch ist da eine gewisse Spannung zu spüren zwischen Determination, Hörigkeit und Selbstbestimmung. Die Frauen sind Opfer ihrer Umstände und doch gibt es einen emanzipatorischen Drang, der beispielsweise in der Figur der Kupplerin Ipek Hamin zum Ausdruck kommt. Da nimmt sich eine Frau Freiheiten im Rahmen ihrer Möglichkeiten. Ist das in gewisser Weise schon eine Überschreitung der kulturellen Grenzen, die bewusst angelegt ist oder hatten Sie ein historisches Vorbild?

FERIDUN ZAIMOGLU: Diese Zeit, in der die Geschichte Leylas spielt, ist historisch verbürgt. Es ist eine Zeit, in der das Alte, um es mal sehr drastisch zu sagen, anfängt zu stinken wie ein Leichnam. Wir haben eine verwesende Zeit und verwesende Sippen. Wir haben Frauen, denen ihre Minderwertigkeit über den Ahnenglauben, über das Hergekommene, über die Überlieferung erklärt wird. Es ist aber auch eine Zeit, in der die eisernen Winde der Moderne wehen. Sowohl in Leyla, wie auch im Siebentürmeviertel, haben wir es mit archaisch verfassten Gesellschaften zu tun, in denen das Gesetz – das Gesetz der Väter und Vorväter – in Stellung gebracht wird gegen die Frauen, in denen man ihnen ihre scheinbare Zweitrangigkeit und Zweitklassigkeit, ihre Minderwertigkeit, immer wieder vor Augen führt. Wir kennen das ja, wo Unrecht herrscht, entsteht Druck und wo Druck herrscht, besteht die Möglichkeit, dass die Unterdrücker besiegt werden. Wir haben so viele Unbesiegbare, so viele Kräfte und Mächte, die von sich behaupten, unbesiegbar zu sein. Wir haben so viele Menschen, die Majestät vorgegeben haben, die Unfehlbarkeit und Stellvertreterschaft vorgegaukelt haben, donnernd sterben und niedergehen sehen. Im Grunde genommen ist das eine Schwellenzeit, die in den beiden Romanen Leyla und Siebentürmeviertel beschrieben wird. Eine Schwellenzeit der verwesenden Regeln und Überlieferungen, der verwesenden Männer, die für sich den Herrschaftsanspruch, also das Recht der Herrschaft über die Frau, erheben.

SCHAU INS BLAU: Ich habe die Namenlosigkeit des Sohnes von Leyla als einen Schlüsseltopos des Romans betrachtet. Darin wird die Verweigerung von Zuschreibungen wunderbar deutlich.

FERIDUN ZAIMOGLU: Das finde ich sehr klug. Die Schreiber verstecken etwas da und dort. Sie vergraben kleine Dinge, die nicht gleich offensichtlich sind. Sie haben das ausgegraben und ich kann Ihnen nur mit einem donnernden Jawohl zustimmen. Tatsächlich ist es so und alles Weitere wäre nur eine Paraphrase Ihres Fundes.

SCHAU INS BLAU: Nun würde ich gerne auf Ihr neues Buch Siebentürmeviertel, das es verdient auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2015 geschafft hat, zu sprechen kommen. Sie beschäftigen sich darin mit zahlreichen hochaktuellen Themen. Unter anderem finden sich Bezüge zu Migration, Fremdheit, Gewalt und Religion. Sie haben nun schon gesagt, dass Sie vor fünf Jahren mit dem Schreiben des Buches begonnen haben. Da waren diese Themen noch außerhalb unseres Blickfeldes. Wie sind diese Themen zusammen- und hineingewachsen in Ihr Buch?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich habe eigentlich, ohne auf die Gegenwart zu schauen, der Logik der Geschichte entsprochen. Als ich das Manuskript abgegeben habe, war die heutige Situation immer noch nicht da, waren die Massen nicht da, waren die Schranken noch nicht durchbrochen, waren die Menschen in Not noch nicht bei uns. Mir schwebte eine Geschichte von epischer Länge vor und ich musste in meiner Vorbereitungsphase und im tatsächlichen Akt des Schreibens immer an die Geschichte und ihre innere Logik denken. Ich durfte die Geschichte nicht übersteigen und darüber nachdenken, was sonst noch zu dieser Geschichte gehören mag. Ich verzichte auf die Metaebene, aber die versteckten Momente ergeben sich für mich, wenn ich diese Geschichte aufschreibe. Sie ergeben sich für mich nicht, wenn ich bestimmte Aspekte besonders berücksichtige. Am Anfang, wie am Ende steht die Geschichte. Auch da muss ich in gewissem Masse von meinem Recht, die Aussage zu verweigern, Gebrauch machen.

SCHAU INS BLAU: Als ich Siebentürmeviertel gelesen habe, bin ich ebenfalls dieser Spur der Identität gefolgt. Wolf wird zu Beginn eine eindeutige Identität zugeschrieben. Gleich zu Anfang lesen wir „Sie nennen mich Hitlers Sohn. Flüchtiger Arier, Kind mit Kraft. Sie nennen mich Windhundwelpe des Führers.“ (7) Und so weiter. Wolf selbst entzieht sich diesen eindeutigen Zuschreibungen, jedoch möchte er dazu gehören. Er sucht Identität und findet sie schließlich auch, wenn er schreibt: „Sohn Abdullah Bey und Bayka Hanim. Kind meines Viertels, Bruder meinen Brüdern, Deutsches Blut, Türkische Haut. Das bin ich. Haus, Hof und Heimatboden. Das liebe ich.“ (515) Hat Wolf Frieden gefunden mit seiner Identität, die eben nicht so genau bestimmbar ist?

FERIDUN ZAIMOGLU: Im Prolog steht: „Das Viertel ist mein Land“. Und am Ende steht der Satz: „Kind meines Viertels“. Das Viertel ist mein Land, ist eher eine Behauptung. Kind meines Viertels, das ist viel mehr und viel näher an dem, was Wolf erlebt hat. Tatsächlich hat er nicht nur eine, sondern viele Erfahrungen gemacht. Er hat Mutproben bestanden, daher nennt man ihn „den Arier mit Narben“. Er hat diese Zeit nicht wie sein Vater als Übergangszeit angesehen. Sein Vater wollte in seine Heimat zurückkehren, wenn die Gauner aus dieser Heimat endlich weg sind. Wolf hat nicht seinem Vater gleichgetan und sich herausgehalten, er hat gelebt. Es ist seine Biographie. Es geht ihm nicht darum, sich von außen zu betrachten – dann würde er von Identität sprechen. Es geht ihm um Zugehörigkeit. Immer wieder, vor allem in den Kriegsjahre, wird er angefeindet und ihm wird die Frage gestellt: „Avir, wem gehört deine Treue? Bist du bei denen oder bist du bei uns?“ Und er sagt: „Ich bin deutsch, ich bleibe Deutsch.“ Und „Ich bin Christ, ich bleibe Christ.“ Es gibt die ein oder anderen Szenen, in denen er einen Kumpel anfährt. Warum machen die sich so viele Gedanken, viel mehr Gedanken als er selbst, über ihn. Sie sollen jetzt mal damit aufhören, denn es sei so: er sei Christ und er sei deutsch. Aber das Viertel ist sein Land. Beziehungsweise er ist Kind seines Viertels. Ich würde nicht von einem Aufschub sprechen, sondern davon, dass Wolf all diese Kämpfe brauchte. All diese ausgefochtenen Kämpfe – Lebenskämpfe – und all diese Zeit brauchte es, um diese Zugehörigkeit in diesen einfachen Worten wiederzugeben: Kind meines Viertels. Es bringt ja alles, was ihn ausmacht auf den Punkt. Man sollte bedenken, wie seine Pflegeeltern sehr darum bemüht sind, dass das Muslimische bloß nicht auf ihn abfärbt. Sein Vater hatte es nicht sonderlich mit Religion und doch wird der arme Wolf zum Priester gebracht und ihm wird eine Bibel besorgt.

SCHAU INS BLAU: Nun sind wir bei der Religion angekommen. Die einzelnen 99 Kapitel Ihres Buches sind mit jeweils einem der 99 Namen Gottes überschrieben. Gerade als Theologe fand ich das spannend. Ein Name mit dem sowohl die muslimischen Theologen, wie auch viele christliche Theologen wenig anfangen können, der aber die muslimischen Mystiker und die christlichen Mystiker verbindet, findet sich auch unter den 99 Namen Gottes nicht: der Fremde. Könnte der Verweis auf die Fremdheit Gottes auch ein befriedendes Potential haben?

FERIDUN ZAIMOGLU: Sehr sehr schön. Ich denke jetzt laut nach: der fremde Gott. Da ich gläubig bin, aber nicht religiös, versuche ich auf dem Boden des Glaubens eine Antwort zu finden. Der fremde Gott ist für mich nicht der ferne Gott. Fremdheit im Sinne einer Ferne oder Abgerücktheit Gottes, der willkürlich bestimmt, wem seine Gnade teilhaftig wird und wem nicht, das kann es für mich nicht sein. Es kann für mich aber auch nicht der Gott der Humanisten sein. Der ferne Gott ist nicht der Gott, der feindlich ist. Eine Feindschaft Gottes gegenüber seiner Schöpfung verbietet sich mir. Es gibt ja der Gedankenspiele viele. Ein fremder Gott ist für mich ein Gott, der selbstverständlich in Differenz zu setzen ist zu seiner Schöpfung. Er ist ein schöner Gott und der Schöpfer aller Schönheit. Er ist der Schöpfer von Vertrautheit und Fremdheit, der Schöpfer der Gegensätze. Und wir Menschen versuchen mit einem Teelöffel Hirn über unseren Schöpfer nachzudenken. Das kann natürlich – um das Bild christlicher und muslimischer Mystiker zu bemühen – nur darauf hinauslaufen, dass wir auf dem Reittier Vernunft bis an das Ufer des Ozeans gelangen. Ich verlasse mich gerne auf den gesunden Menschenverstand und halte wenig von Schwärmerei. Ich halte wenig von der Illusion, dass der Mensch mit dem einen Gott verschmelzen könnte. Es ist aber auch eine Illusion, dass man glaubt, man könne sich dem Schöpfer entfremden. Der fremde Gott ist für mich, um meine lauten Gedanken zusammenzufassen, verständlich, auch wenn es meinetwegen im heiligen Buch heißt: „Der Herr ist euch näher als eure eigene Halsschlagader“. Er ist das Wesen aller Paradoxien, denn man versteht ihn letztendlich natürlich nicht. Er ist der, der jede Erklärung und jede Annährung übersteigt. In diesem Sinne ist Fremdheit für mich ein schöner Wesenszug Gottes.

SCHAU INS BLAU: In Ihren Texten habe ich den Eindruck, dass das Fremde selten das Beängstigende ist, meist das Faszinierende. Inwiefern sind sie von der Fremdheit fasziniert? Inwiefern findet sich auch in Ihren Büchern diese Spur der Faszination?

FERIDUN ZAIMGOLU: Fremdheit kommt immer überfallartig. Seien wir doch ehrlich, wir setzen uns Fremdheit nicht gerne aus. Fremdheit ist oft unangenehm. Man kann sie lesen, man kann darüber philosophieren, man kann darüber viel erklären, aber im wirklichen Leben ist die Fremdheit eine Unverschämtheit. Sie ist nicht wohl dosiert und ich habe versucht, in allen meinen Büchern das Unangenehme, das Spitze, das Schneidende, das Zunahekommende der Fremdheit in verschiedenen Bildern zu zeichnen. Wenn Sie fragen, ob ich von der Fremdheit fasziniert bin, dann möchte ich zurückfragen: Fremdheit? Was soll das sein? Ich verstehe Sie wohl, aber ich tue jetzt so, als würde ich Sie nicht verstehen. Was soll die Fremdheit sein? Das ist ein Wort, das ist schon wieder ein Begriff. Ich kenne die Fremden, ich kenne Fremdheitserfahrungen, ich kenne ein fremdes Land, ich kenne Fremdheit im Sinne einer Unvertrautheit, ich kenne das Fremde, aber Fremdheit? Erst einmal habe ich Verständnisprobleme. Und tatsächlich begeistert mich die Fremdheit bis zu einem bestimmten Punkt, denn ich bin ein Schreiber und ein Schreiber ist machtlos. Das ist auch schön so. Ein Schreiber kann in seinen Büchern Welten entwerfen, aber dann geht er raus, stolpert über eine Unebenheit im Gehweg und fällt. Spätestens dann müsste ihm ja dämmern, dass er in der wirklichen Welt lebt. Da kann er noch so sehr auf die Welten in seinen Büchern pochen. Fremdheit als Chance, Fremdheit als eingewobener Stoff in die Geschichte – in meine Geschichte – macht mir gute Laune. Ich möchte nicht darauf verzichten. Oft übersetze ich Fremdheit in soziale Begriffe. Es sind meistens unbürgerliche Helden in meinen Geschichten. Aber wenn ich rausgehe, dann weiß ich, dass wir Menschen aus Fleisch und Blut sind und dass die Fremdheit nicht faszinierend ist. Ich will mir aber auch im wirklichen Leben immer wieder Behaglichkeitsverlust erlauben. Es soll mich anfallen. Es darf nicht nach meiner Pfeife gehen. Also das eine sind die Bekenntnisse, sind die Ängste, ist die Umsicht, sind die Absichten, das andere ist das Leben, das stärker ist als mein kleines Hirn, als all meine Absichten und stärker übrigens als jedes Fremdwort.

SCHAU INS BLAU: Herr Zaimoglu, ich bedanke mich ganz herzlich für Ihre Zeit, Ihre Antworten, Ihre Offenheit und die vielen Einblicke in Ihr Schreiben und Denken.

Das Gespräch mit Feridun Zaimoglu führte Hannes Müller.

Feridun Zaimoglu

Feridun Zaimoglu wurde 1964 in Bolu (Türkei) geboren, wuchs in München, Berlin und Bonn auf und lebt seit 1985 in Kiel. Dort studierte er Kunst und Humanmedizin. Heute arbeitet Zaimoglu als Schriftsteller, Dramaturg, Drehbuchautor und freier Journalist. Sein Debütroman Kanak Sprak (1995), der eine Debatte zu Subkultur und Migration entfachte, wurde ein multimedialer Erfolg. Zaimoglu gilt als Gründer der gesellschaftspolitischen Bewegung Kanak Attak, die sich für eine multikulturelle Gesellschaft einsetzt. Neben zahlreichen Stipendien und Förderungen, wie u.a. das Literaturstipendium Inselschreiber (2003), das Villa-Massimo-Stipendium (2005) und die Tübinger Poetik-Dozentur (2008), wurde Zaimoglu u.a. mit dem Friedrich-Hebbel-Preis (2002), dem Grimmelshausen-Preis (2007), dem Jakob-Wassermann-Literaturpreis (2010) und dem Berliner Literaturpreis (2016) ausgezeichnet. 2015 war Zaimoglu außerdem Mainzer Stadtschreiber und Nominierter für den Deutschen Buchpreis (Longlist).