Brian Clegg: Vor dem Urknall

Brian Clegg legt mit seinem Werk Vor dem Urknall ein wissenschaftlich fundiertes Buch vor, das es schafft, auch den physikalischen Laien in die faszinierende Welt dieses Fachs zu entführen. Der Verfasser nimmt den Leser - wie der Untertitel des Buches bereits verspricht – mit auf eine Reise hinter den Anfang der Zeit. Doch nicht nur das: Vor dem Urknall verschafft zusätzlich einen Einblick in das Leben und Wirken der bekanntesten und bedeutendsten Physiker.

Brian Clegg: Vor dem Unknall

Mit leicht verständlicher Sprache, die sich zahlreicher amüsanter Vergleiche und anschaulicher Beispiele bedient, bringt Clegg dem interessierten Leser die Welt der Physik näher. Er beginnt – wie sollte es anders sein – mit der allseits bekannten Urknall-Theorie des belgischen Priesters Georges Lemaître, die anfangs wohl deswegen nur wenig Zustimmung fand, weil „die meisten Leute glaubten, Belgien habe nun wirklich nichts zu bieten außer Pommes Frites und guter Schokolade. Und sein Priestertum kam Lemaître in einer zunehmend atheistischen oder agnostischen Wissenschaftsgemeinde ebenso wenig zugute“ (S. 12). Auch bei der Erklärung zur Steady-State-Theorie, die von Fred Hoyle als Alternative zum Urknall entwickelt wurde, behält Clegg seine fröhlich, frische Erzählweise bei. Es scheint an Ironie zu grenzen, dass genau jener Wissenschaftler, der die „Konkurrenztheorie“ zu Lemaîtres aufstellte, der Namensgeber der Urknalltheorie sein sollte. „Zuvor wurde das, was wir heute den Urknall nennen, als dynamisches Universum oder dynamisches Entwicklungsmodell bezeichnet“ (S. 12).

Er paart durchgehend Wissensübertragung mit Lesespaß, was es dem Leser leicht macht, die von ihm behandelten Inhalte aufzunehmen und zu verstehen. Auch wenn man bis dato noch keine enge Verbindung zum Fach Physik pflegte.

Dabei vernachlässigt der Autor auch die Gegenüberstellung von Religion und Wissenschaft nicht. Er geht in diesem Kapitel unter anderem auf den Anfang der griechischen Mythen ein. Dort stand ein chaotischer Zustand – ein „leerer Raum“.

„In dieser Leere [befand sich] ein Vogel namens Nyx, der ein goldenes Ei
legte, aus dem Eros, der Gott der
Liebe hervorging. Die zwei Hälften der
Schale wurden zu Himmel und Erde –
Uranos und Gaia -, die wiederum die
nächste Generation von Göttern – die
Titanen – hervorbrachten“
(S. 20).

Solche mythologischen Exkurse erleichtern es dem Leser, dem Geschriebenen konzentriert zu folgen. Sie sind eine willkommene Abwechslung zum physikalischen Faktenwissen, das – ohne jene Abstecher in die Mythologie – leicht ermüdend wirken und somit den Laien überfordern könnte.

Eine weitere wichtige Frage, die Clegg zu beantworten versucht, ist die nach dem Beginn der Zeitmessung oder besser gesagt – dem Beginn der Zeit. Er geht hierfür auf die Bekenntnisse des heiligen Augustinus von Hippo ein. Dieser war nämlich – wie Albert Einstein – der Meinung, dass Zeit untrennbar zum Raum gehöre. „Und wenn die Zeit vor der Schöpfung nicht existierte, machte es keinen Sinn, wenn Gott herumsaß und auf irgendeinen beliebigen Augenblick wartete, um mit der Schöpfung anzufangen. Vor der Schöpfung gab es einfach nur Gott, weder Zeit noch Raum“ (S. 202). Diese Theorie sollte uns auch in unserer heutigen Zeit zum Grübeln bringen. Gibt es überhaupt eine Vergangenheit? Oder ist die Vergangenheit lediglich ein Konstrukt aus unseren – meist fehlerhaften – Rückblicken? Clegg schafft es, mit einfachen Beispielen aus dem Alltag eine Lösung anzubieten:

„Vor kurzem erhielt ich die E-Mail eines Freundes, der sagte, er habe
mich mit meinem Hund spazieren gehen
sehen und ich hätte dabei mit dem
Handy telefoniert. Ich wusste, das
konnte nicht stimmen, erstens, weil
ich an diesem Nachmittag nicht mit dem
Hund draußen gewesen war, und
zweitens, weil ich nie das Telefon
mitnehme, wenn ich mit dem Hund
rausgehe“
(S. 203).

So ist „die Vergangenheit […] nichts weiter als eine Kette von Erinnerungen“ (S. 203). Dabei ist es egal, ob diese der Wahrheit entsprechen oder lediglich Teil unserer Fantasie sind.

Ebenso kompliziert verhält es sich mit der Zukunft. Clegg zeigt auf, dass die Zukunft lediglich „eine Ansammlung von Wahrscheinlichkeiten“ (S. 204) ist. Zur Verdeutlichung bringt er an, dass es, wenn eine Person in der Nacht stirbt, für diese Person kein Morgen gäbe – also auch keine Zukunft. Diese Überlegungen, die zum Nachdenken anregen, werden durch anschauliche Beispiele deutlich gemacht, die den Leser zu weiteren Denkprozessen anregen.

Ebenso erfolgreich schafft es Brian Clegg, die Erklärungen wissenschaftlicher Begrifflichkeiten mit einfachen und humorvollen Vergleichen an den Leser zu bringen. So erklärt er die vierte Dimension, indem er den Leser dazu auffordert, sich seine Person in einem Comic auszumalen. „Nun stellen Sie sich vor, irgendjemand in der dreidimensionalen Welt hebt eine der Figuren aus Ihrer Illustration im Comic heraus und setzt sie in einem anderen Bild wieder ab“ (S. 221). Ebenso würde es sich mit etwas verhalten, was sich in unserem Universum in einer vierten Dimension bewegen würde.

Auch geht Clegg in seinem Buch darauf ein, wie schwer es für die Menschen ist, sich mit dem Phänomen Zufall zu arrangieren. Was, wenn die Entstehung des Universums reiner Zufall gewesen wäre? Für viele würde dies eine unbefriedigende Erklärung darstellen, da der Mensch „ein falsches Verständnis des Zufalls“ (S. 255) hat. Er bringt als Beispiel zwei Lottoziehungen an, bei der einmal die Zahlen 24, 39, 6, 41, 17, 29 gezogen werden und das nächste Mal die Zahlen 1, 2, 3, 4, 5, 6. Clegg nimmt an, dass bei der zweiten Ziehung von Sabotage ausgegangen werden würde. Er erklärt dies so, dass „unsere Gehirne […] blind gegenüber Wahrscheinlichkeiten sind“ (S. 257). Jedoch macht er dem Leser unmissverständlich klar, dass die Wahrscheinlichkeit der zweiten Ziehung ebenso hoch liegt, wie die der ersten Ziehung.

Clegg arbeitet durchgehend mit erfrischenden Erklärungen, die mit einem Augenzwinkern verstanden werden müssen. Er lässt keine physikalischen Grundbegriffe ungeklärt, sodass der Leser das Buch am Ende mit Wissen über schwarze und weiße Löcher, Wurmlöcher, Atome, etc. zur Seite legt. Auch die Namensgebung von Sternen wird erläutert.

Auf 352 Seiten gibt der Autor einen Crashkurs in Sachen Physik. Zwar ist es für den Laien nicht immer leicht, den Inhalten und Erklärungen zu 100 Prozent zu folgen, jedoch ist es dem Verfasser gelungen, ein Werk zu schaffen, das einen umfassenden Überblick über frühere und derzeit gültige Theorien über die Entstehung des Universums gibt.

Ob jeder Leser mit dem Ergebnis des Buches zufriedengestellt werden kann, ist fraglich. Dies liegt jedoch nicht an Brian Clegg. Das könnte vielmehr daran liegen, dass man sich durch viele, viele Seiten physikalischen Grundkurses und historischen Überblicks über Physiker kämpft und doch keine eindeutige Antwort auf die Fragen aller Fragen bekommt: Woher kommt unser Universum? Sie bleibt unbeantwortet. Es wird wohl auch noch einige Zeit dauern, bis sie eindeutig geklärt werden kann. Vielleicht wird dies auch niemals der Fall sein. Denn „im Vergleich zu den meisten Wissenschaften leidet die Kosmologie am fehlenden experimentellen Ansatz. Es wird nie möglich sein, Experimente durchzuführen, jedenfalls nicht mit dem Universum als Ganzem unter kontrollierten Bedingungen und mit verwertbaren Ergebnissen“ (S. 99).

Doch was macht das schon, wenn man stattdessen – oder besser gesagt: nur deswegen – ein Buch wie Vor dem Urknall vorgelegt bekommt, dass die vorhandenen Theorien so angenehm und spritzig an den Leser bringt, dass es gegenwärtig zweitrangig ist, woher das Universum kommt? Vielleicht bekommen wir irgendwann in der Zukunft eine endgültige Antwort – wenn es sie denn gibt.

Brian Clegg: Vor dem Urknall. Eine Reise hinter den Anfang der Zeit
Rowohlt Taschenbuch Verlag 2013
352 Seiten