Das Diebesgut der Lika Rose

Lika erwacht erneut. Als man ihr die Handschellen abstreifte, fühlte sie sich erleichtert, andererseits war da plötzlich auch die Angst. Die Metallfessel hatte ihr eine gewisse Sicherheit verliehen und obwohl sie nicht wusste, welchen Vergehens, wenn es denn überhaupt eines gegeben hatte, sie beschuldigt wurde, hatte sie sich nicht gegen die Festnahme gewehrt. Das wusste sie, weil es keine Abriebspuren an ihren Handgelenken gab. „Du darfst gehen“, meinte der Polizist irgendeines Dienstgrades.

Sie betrat die Straße, ohne den zukünftigen Weg zu kennen. Sie setzte langsam, aber bestimmt einen Fuß vor den anderen. Der zeitliche Rahmen der Unterbringung war ihr nicht bekannt, ihre Schätzung belief sich auf drei bis 23 Stunden. Parallel blickte sie auf den Dokumentenstapel, den man ihr bei der Entlassung ausgehändigt hatte. Wo war sie? Und wo war sie aufgegriffen worden? Hatte jemand jemanden bei ihrem Anblick alarmiert? Wieso die Polizei? Hatte sie vielleicht doch ein Verbrechen begangen?

Sie setzte sich auf einen kalten Stein. Sie nahm das erste Papier zur Hand. Gelblich. Sie zögerte. Aber sie musste verstehen, was passiert ist.

Der Häftling 38.17.67 hat sich … 

Lika erwacht erneut. Ihre Glieder fühlen sich sehr steif an, als hätte sie sie tagelang nicht gerührt. Sie schafft es dennoch, sich irgendwie aufzuraffen. Sie sagt sich los vom kalten Stein. Links und rechts ein, zwei Arbeitspassanten, vor ihr ein Schaufenster: „Silber gegen Zahn.“ Ihr Spiegelbild verstört sie für einen Moment. Glatze. Nirgends Narben. Ihr ist kotzübel. Sie hat Hunger. Sie bewegt sich zaghaft eckig. Und ihr fehlen Zähne, zumindest 29, drei hat sie noch. Sie wird nervös. Wer sollte ihr die Zähne klauen? Und warum? Aber sie gewöhnt sich schnell an dieses Gefühl. Sie muss einfach nur zum Zahnarzt. Und die Glatze ist auch ok. In ihren roten Klackerschühchen stolziert sie die Pflasterstraße entlang. Klickerdiklack. Krschhh. Sie stolpert über irgendjemandes Füße, fällt aber nicht hin. Sie denkt nach. Alles so weit passabel, doch das Problem mit dem Loch im Bauch hat sie noch nicht gelöst. Sie entdeckt eine Bäckerei, die ihr vertraut vorkommt. Sie muss eine Stammkundin sein.

Harry kennt Lika von hier und da. Sie darf anschreiben, ihre Brezel ohne Butter, nur mit Sesam. Einen Eistee gönnt sie sich auch, obwohl es nicht sonderlich heiß ist. Likas Mimik starr, Harry beschämt, ohne rot zu werden. Er hat ja einen Ruf, den es zu wahren gilt. Und raus da.

Lika wird beim Gedanken an den Zahnarzt deutlich unwohl. Sie muss die übrigen Zähne noch irgendwo putzen. Oder sie erklärt sich. Vielleicht weiß der Arzt Bescheid? Ein ausgedörrter mittelgroßer Mann, mit für einen Zahndoktor ungewöhnlich gelblichem Gebiss, einem leicht schiefen Grinsen aufgequollener Nase, huscht auf seiner Mission an Lika vorbei, nicht ohne sie kurz gestreift zu haben. Sie bittet den hageren, bärtigen Zahnarzthelfer um einen kurzfristigen Termin und um eine Zahnbürste. Er gewährt ihr beides. Er öffnet eine Schublade, auf der „Lika, 38.17.67, Diagnose: Silber, Behandlung: Zahn“ in serifenlosen Lettern geschrieben steht. „Lady Rose, bitte benutzen Sie die Toilette auf der hinteren Seite des linken Ostflügels. Da steht alles bereit.“ Sie widersetzt sich mit keinem Ton der harschen Empfehlung und wendet sich nach Osten. „Liebe, liebe Lika, warum hast du dich so gehen lassen, dich verkrochen, so still und leise? Ich verzeihe dir, deinen Sprung, deine Absicht, deine Maske. Was ich dir nicht vergeben kann, ist die Wegnahme des einen Schlüssels, des einzigen Grals, des einzigartigen Fensters. Ich werde dich vergessen, aber das vergesse ich nie.“ Dieser Gedanke klingt wie ein kakofoner Geigenspielbeginner, aber es ist Musik in ihren Ohren, störrisch, aber notwendig. Sie muss, muss ihre Zähne endlich putzen. Den Gedanken aber nicht weichen lassen. Sie kramt in ihrer Hosentasche, sie findet einen Zettel:

„Als Lösung machte es sich zum Affen,

als Garant für treue Begleitschaft war es schon genaugenommen verwahrlost.

Vergrämt und verraten glasklar in der Sinnkrise.

Ein stolzer Tropfen einst,

beinahe zusammen mit dem Felsen, der die Liebenden beherbergt.

Verlassen und vertrieben in die unwegigen Abgründe.

Aber wenn du es doch besser weißt, dann mache es nicht so schlecht,

schlimm genug die Verleugnung, die Verelendung des Gemeinten,

faserig die Erinnerung an die beschworene Erquickung.

Loslösung abgetaucht.

Und jetzt der Untergrund.“

In Berührung, Juris P.

Wer zum Teufel ist diese Person? Vielleicht der Arzt? Und wenn nicht: Vielleicht weiß er was. Sie geht weiter Richtung Osten, Richtung Tür. Sie wird schneller, hastiger, atemloser – und stolpert erneut. Sie merkt, wie sie jemand an den Haaren ziehen will, aber da gibt es nichts zu ziehen. Sie bricht in wirres Gelächter aus, was für eine dämliche Handlung! Sieht man denn nicht, dass ich kahl bin?, denkt sie. Ihr rechtes Auge ist mittlerweile rot vom ständigen Kratzen. Lika macht trotzdem weiter, sie kratzt leidenschaftlich, schnell, langsam, faster, stop. And go! Go! Go! Go! Gooooooooooooood! Ein kleiner silberner Tropfen kullert aus dem Auge. Er ist kalt und hat keinen besonderen Geschmack. Die Wunde ist zu. Sie dreht sich auf den Rücken, kontrolliert, ob ihre Zähne da sind. Nein, noch immer nicht. Darauf ist Verlass. Sie springt auf, schaut in den Spiegel über dem Waschbecken. Ihr strahlt ein 80er-Jahre-Model entgegen, verwirrt ist sie nicht. Sie überprüft die Zahnlage noch einmal. Wie gehabt. Sie muss schrubben, reiben, kreisen, leiden. Die drei Backenzähne sind jetzt rein. Nun ab zum Arzt. Vielleicht weiß er ja was.

– Lady Rose, wie immer?
– Ich schätze. Warten Sie. Nein, wie immer.
– Sascha, wie immer, bitte.
– Luka, wie immer, bitte.
– Lory, wie immer, bitte.
– Jesse, wie immer bitte.
– Schon fertig?
– Auf Wiedersehen.

Sie kontrolliert.

✓ (Check!)

Den roten Fuß vor den anderen. Gemächlich. Juuuuris!!! Sie dreht sich um. Wer hat gerufen? Wo ist die Quelle, wo ist die Mündung? Ihre Schritte werden schneller, ihr Atem noch mehr, sie läuft, sie rennt, sie hetzt. Sie hält. An der Theke des Goldhändlers wird sie aufgegriffen. Ihr Auge pocht.

– Wie viele möchten Sie dafür?
– Wofür?
– Für das Silber?
– Nein. Für Ihre Tränen.
– Ich bin nicht traurig.
– Das weiß ich nicht.
– Ich biete: 29 Zähne.
– ✓ (Check!)

Lika erwacht erneut. Vor ihr glitzert und funkelt es. Ihre Fingernägel sind gepflegt, obwohl ihre Hände ihr an diesem Tage sehr grobschlächtig und zugleich filigran erscheinen. Sie nimmt wie selbstverständlich eine Packung Silikon, den Propanbrenner und die Küvette, um nicht zu vergessen ein apartes Stückchen Keramik aus dem Regal. Sie stellt es der richtigen Reihenfolge auf die Theke und beginnt mit der Arbeit. Bei Anblick ihres Anblicks in diesem Spiegelsaal ertönt aus dem Nichts ein „Juuuuris!!!“ aus dem Hinterzimmer. Sie erhascht einen kurzen Widerhall aus dem Gegenspiegel: Ein großer, schlanker, kahler junger Mann verhöhnt sie mit seinem sauberen Lächeln. Kling, kling. Eine kahle Dame betritt das Geschäft …

Kristina Beck

Kristina Beck besitzt eine große Leidenschaft für Verrätselungen. Ihre Geschichten funktionieren immer auf zwei Ebenen: einer offensichtlichen und einer abgründigen. Sie ziehen uns hinein in eine Welt, die zunächst fremd erscheint und am Ende – im wahrsten Sinne des Wortes – unheimlich vertraut. Wie ein Traum, vielleicht ein Albtraum, der lange nachhängt, weil sein Personal, seine Symbole, seine Atmosphären sich festsetzen. Was Becks Erzählungen neben dem Inhaltlichen zu einem besonderen Erlebnis machen, ist ihr feines Gespür für das Klangliche. Sprache wird hier ernst genommen, Wörter und Wendungen werden in ihrer Mehrdeutigkeit ausgelotet. Beck vermag es, den Leser stolpern zu lassen, taumeln und immer wieder ein neues Gleichgewicht zu suchen. Man muss wachsam sein bei diesen Texten, auf der Hut –  darin liegt ihr erzählerisches Geschick und der große Lesereiz.

 

Geschrieben von Jan Valk.