Der Himmel über Sylt

Meine Augen sind offen. Ich habe aufgehört, an Felix zu denken. Wir sind uns im Urlaub auf Sylt begegnet. Wir müssen sechzehn gewesen sein. Vielleicht siebzehn. 

Es war beim Bierkaufen in List auf Sylt, in einer alten, engen Getränkehandlung, in der immer die Beatles oder die Animals oder die Beach Boys und solche Sachen liefen. Der Verkäufer war so ein alter Hippie, mit weißen Haaren bis zum Hintern und langem Bart und Ohrringen und was weiß ich. 

Felix stand mit einem Sixpack Jever vor mir in der Schlange. Ich hatte mir ein paar Astra Urtyp geholt. Mir war gleich seine schöne, gleichmäßige Bräune aufgefallen, und der Sand, der an seinen Waden klebte und langsam trocknete und dabei irgendwie glänzte oder vielmehr glitzerte. Ich weiß nicht genau, wie ich das beschreiben soll. Er war sehr schlank. Sein Haar war dunkel und feucht, er musste schwimmen gewesen sein. Sein Blick war gleichermaßen intensiv und verträumt, als begreife er alles, was ihn umgab, und nehme es zugleich nicht zur Kenntnis. Ein Blick, wie ich ihn niemals wieder gesehen habe.

Es war einer der heißesten Sommer auf Sylt, an den ich mich erinnern kann. Die Sonne brannte von einem leuchtend blauen Himmel herunter. Das Meer war wild, die Gischt fast unnatürlich weiß. Alle Urlauber gingen surfen, schwimmen oder wenigstens Radfahren. Alle waren gutgelaunt. Alle trugen Sonnenbrillen. Allen war es wichtig, eine Sonnenbrille zu tragen. Ich trug eine silberne, verspiegelte Ray Ban. Das weiß ich noch genau. Ob wir im Laden ins Gespräch kamen oder auf dem Weg zum Strand, ich bin mir nicht mehr sicher. Felix fragte mit einem Blick auf das Bier, ob ich jetzt gut vorbereitet sei auf den Abend. Er fragte das mit einem ironischen Unterton und gleichzeitig selbstironisch, als bedauere er eigentlich, dass er mich auf diese Weise ansprechen musste, dass es gewissermaßen keine andere, keine bessere Möglichkeit gab. Sein Ausweg bestand darin, so zu tun, als nehme auch er seine Verstellung nicht ernst. Sein Blick war da bereits anders als im Laden: etwas müde und etwas traurig aus intelligenten Augen. Er trug keine Sonnenbrille. Was ich ihm entgegnete, weiß ich nicht mehr. 

Es stellte sich heraus, dass wir beide auf dem Weg zum Weststrand waren. Wir gingen und sprachen von Wellen und Wind. Auf unserem Weg fielen mir ein paar Leute auf, die ich von früher kannte, ich war schon als Kind immer auf Sylt gewesen. Ohne dass wir es explizit thematisiert hätten, bildete sich eine Gruppe, und wir liefen gemeinsam weiter, nicht in dauerndem Gespräch, aber einander immer zugewandt. Niemand drängte sich auf. Alles ergab sich locker und natürlich. 

Am Weststrand angekommen, legten wir uns in den Sand und öffneten unsere Bierflaschen. Die Stimmung war gut. Wir sprachen von Serien, von Mode und Musik. Ab und zu wurde Volleyball gespielt oder Boccia. Alle blieben, bis die Sonne unterging. Fast alle blieben länger.

Der Nachtwind war angenehm kühl nach so viel Sonne. Wir besprachen inzwischen fast nur noch abstrakte Themen, redeten von Ideen, von fernen Konflikten und theoretischen Problemen, von Politik und Genderfragen, nicht von uns. Und doch tastete man sich ab in solchen Unterhaltungen, prüfte, wer noch welche Anspielung verstand, wer wann nichts mehr begriff und aussteigen musste. Wir testeten einander und stellten uns den Tests der Anderen. Dazu tranken wir und tranken wir und rauchten Zigaretten.

Eine Stunde nach Sonnenuntergang kam die Idee auf, schwimmen zu gehen. Einige schwammen nackt. Der Himmel über Sylt war unbewölkt. Der Mond war annähernd voll. Ich fühlte mich frei, auf eine beängstigende Weise. Der Sand war kalt geworden. Das Wasser war sehr kalt. Auf dem Meer glitzerte das Licht des Mondes und der Sterne. Eine Welle strich über meine Zehen. Ich ging noch einige Schritte, bis ich bis zur Hüfte im Wasser stand. Felix war neben mich getreten. Meine Hände waren kalt. Er fragte, ob ich mich noch an das Lied aus dem Getränkeladen erinnern könne. Es waren die Beatles gelaufen, das wusste ich noch. Den Titel des Liedes hatte ich vergessen. Ich nickte. 

Felix lächelte. »Ich habe die Stones ja immer lieber gehabt als die Beatles. Ich denke, das verrät einiges über mich.«

Ich versuchte mich an einem fragenden Blick.

»Die Beatles waren Arbeitersöhne, die ins Bürgertum drängten, ins Populäre”, erklärte Felix. Er hatte einen Hang zum Erklären. »Die Beatles haben den Massengeschmack bedient und gleichzeitig klassische Einflüsse hereingelassen. Auch Exotik, Esoterik. Was immer das Bürgertum gerade bewegte. Im Grunde wollten sie nichts anderes, als in einer behüteten, stabilen Mitte ankommen, mit der sich jeder abfinden kann. Die Stones dagegen kamen selbst aus der Mittelschicht, aber sie drängten ins Anarchische, Extreme. Jagger trifft Richards auf dem Weg zur London School of Economics, aber die Musik, die sie machen, ist das Gegenteil von Aufklärung, sie ist gegen die Normalität gerichtet. Da ist so viel Rohes, Barbarisches, Körperliches. Knochengeklapper, das aus dem Urwald dringt. Rape, murder! It‘s just a shot away! Sie feiern die Zerstörung. Sie umarmen die Zerstörung. Sie wissen: Glück hat viel mit Zerstörung zu tun. Dylan, der ist noch so ein bürgerlicher Renegat, auf seine Weise. Und ich…« 

Er unterbrach sich. Ich warf meinen Zigarettenstummel in die Wellen. Er wurde mitgerissen. Obwohl mich der Inhalt seiner Erklärungen selten interessierte, hörte ich Felix immer gern zu, in diesem Moment und auch später noch. 

Er nahm meine Hand. »Glück hat viel mit Zerstörung zu tun, und Barbarei viel mit Freiheit.« 

Ich erwiderte den Blick seiner traurigen klugen Augen.

»Smells like teen spirit.«

Sein Lächeln war matt. Er beugte sich zu mir herunter, um

mich zu küssen. Ich schloss meine Augen. Er schmeckte nach

Jever. Am Strand wurde uns, glaube ich, applaudiert.

»With the lights out, it‘s less dangerous«, flüsterte er in

mein Ohr. Ich lächelte. Wir küssten uns erneut. Der Mond war voll. So voll.

»Hast du Lust, schwimmen zu gehen?«, fragte ich.

Natürlich hatte er. 

Wir fassten uns an den Händen und sprangen ins Wasser. Wir schwammen ein paar Meter hinaus und dann parallel zum Strand. Wir entfernten uns von den Anderen. Es war sehr kühl, sehr dunkel. Ich hatte keine Angst. Wir sprachen weiter von Glück und Musik. Nach fünfzig Metern blieben wir stehen. Das Wasser war nicht tief. Meine Zehen vergruben sich im Sand. Wir küssten uns wieder. Er streichelte meine Hüfte, meinen Rücken. Ich küsste ihn wilder. Er war ein wirklich hübscher Junge.

Sieben oder acht Jahre später sitze ich in der Coffee Lounge im Wolkenkratzer von B&C, der Großbank, bei der ich angestellt bin, in einem bequemen Schalensessel mit rauchgrauem Bezug. Ich kann mir kostenlos Kaffee in diversen Zubereitungsformen und Röststufen, frisch gemixte Smoothies und täglich wechselndes Gebäck servieren lassen. Ich habe einiges getan, um hier sitzen zu können. Ich bin mir meines Glückes bewusst. Das jeweilige Gebäck des Tages steht auf einer Schiefertafel mit Kreide angeschrieben. Heute gibt es: Dinkel-Scones mit Soja-Sahne und Goji-Marmelade. Die Schiefertafel sieht auf dem grau karierten, makellosen Teppichboden denkbar fremd aus. Ich bin nicht besonders häufig in der Coffee Lounge. Nicht aus Protest, schlicht aus Zeitmangel. Ich trinke ungesüßten Espresso. Im Augenblick bin ich der einzige Gast.

Ich warte auf den neuen Projektmanager. Ich bin nicht nervös. Wir hätten uns auch in einem Büro treffen können, der Manager hat die Coffee Lounge vorgezogen. Es macht mir nichts aus. Ich vermute in ihm ein Exemplar der neuen Führungskraft, die nicht als Autorität gefürchtet, eher wie ein großer Bruder angehimmelt werden will. Er verspätet sich ein wenig. Ich warte.

Hauptsächlich in solchen Momenten denke ich an Sylt, an den Himmel über Sylt. Ich verdiene diese Momente nicht. Ich plane sie nicht. Ich rühre in meinen Espresso. Ich rücke meinen Kragen zurecht. Ich lehne mich zurück. Ich schließe meine Augen.

Felix und ich blieben nicht lange im Wasser. Es war einfach zu kalt. Wir legten uns an den Strand. Wir waren allein. Ich bat ihn, mich zu küssen. Ich fror, ich war nass, ich war sandig. Auch er war klamm und zitterte, doch als er mich umarmte, spürte ich seine Erektion. Ich fühlte sie an meinem linken Oberschenkel. Ich kann mich genau an die Stelle erinnern. Er legte eine kalte Hand auf meine Hüfte und küsste meinen Hals. Langsam tasteten sich seine eisigen Finger an der Innenseite meiner Oberschenkel nach oben.

Ich blicke aus dem Fenster. Die Luft außerhalb unseres Wolkenkratzers ist grau und undurchsichtig. Wir sind in dichten Nebel gehüllt. Vielleicht in eine Wolke. Weder die Stadt noch das Meer sind zu sehen. Mir kommt der sinnlose Gedanke, dass die ganze, von uns finanzierte Welt möglicherweise längst nicht mehr vorhanden sein könnte, dass es möglicherweise nichts gibt, kein Ausland, keine Märkte, kein Meer. Nur unsere Büros. Nur unsere Coffee Lounge. Ich sehe nichts weiter. Nebel und Wind. Regen. Schlieren am Glas. Ich schließe meine Augen. Wieder. 

Felix Eltern bewohnten ein palastartiges Ferienhaus. Es gab eine prachtvolle Rosenhecke, Blumenbeete, mehrere hochgewachsene Birken und Lindenbäume. In der weitläufigen Gartenanlage stand eine Hütte, in der Felix schlief. Hier nisteten wir uns ein. 

»Wir könnten auch ins Haus gehen«, sagte Felix, »meine Eltern werden nichts dagegen haben, dass du da bist. Abgesehen davon geht es sie auch nichts an.«

Solche Aussagen ließen ihn abgeklärt und selbstsicher wirken in meinen jungen Augen. Sein offensichtliches Wissen machte ihn zusätzlich attraktiv. Ich genoss es, mich seiner Anziehungskraft hinzugeben. Was an dieser Figur echt war und was nicht, konnte ich nicht feststellen. Es interessierte mich auch nicht. Ich wollte nicht sein wie er, aber ich wollte so sein können. 

Die folgenden Tage verbrachten wir fast ausschließlich zusammen. Wir unterhielten uns. Wir gingen schwimmen. Wir hatten jede Menge Sex. Es war eine wirklich gute Zeit. Drei Tage, nachdem wir uns getroffen hatten, verließ ich Sylt, um von Hamburg nach Singapur zu fliegen. Ich besuchte dort eine studienvorbereitende Summer Academy der Singapore Finance&Business School mit internationaler Ausrichtung. Die Bewerbung für die Academy und ein entsprechendes Stipendium war eines der ersten Projekte, die ich ohne jede Hilfe erfolgreich angegangen war. Dass es geklappt hatte, vermittelte mir das Gefühl, autonom und erwachsen geworden zu sein. Ich ging in Hamburg zum Gate, die Sonne verschwand hinter dem Rollfeld, und ich trat in mein neues, besseres, freieres Leben. So dachte ich es damals.

Felix und ich hatten Kontaktdaten ausgetauscht. Daraus ergab sich erstaunlich wenig. Ein paar Mal versuchten wir, uns zu einem Treffen zu verabreden, zu dem es letztendlich nie kam. Unser Kontakt wurde seltener, dann sporadisch. Schließlich ließ er nichts mehr von sich hören. Er schreibt Gedichte und studiert Kunstgeschichte. Das ist das Letzte, was ich von ihm weiß. Dass ich davon erfahren habe, liegt nun drei Jahre zurück. Ich schreibe ihm nicht mehr. Zu oft hat er meine Nachrichten, auch längere, emotionale, unbeantwortet gelassen. Ich weiß nicht, was aus ihm geworden ist. Ich habe das alles nie so schwer genommen. Ich habe aufgehört, an Felix zu denken.

Abends nach der Arbeit gehen alle feiern. Ich gehe mit allen. In Augenblicken, in denen ich mich unbeobachtet fühle, starre ich ins Stroboskoplicht, bis es wehtut, bis meine Augen tränen. Ich höre die Wellen. Ich sehe den Mond. Ich fühle mich leicht, und das Gewicht der Welt wird spürbar. Ich fühle mich frei. Ich fühle mich lebendig. Als ich an diesem Strand auf dem Rücken liege, liegt alles, mein ganzes Leben, so viele Leben beängstigend offen vor mir. Ich muss nur meine Hand ausstrecken. Ich muss nur eine Tür aufstoßen. Mein Blick ist in den Sternenhimmel gerichtet. Mein Rücken wird in den kühlen Sand gepresst. Er ist über mir – schwer, geschickt und voller Kraft. Ich sehe den Mond. Ich sehe die Sterne. Meine Augen sind offen.

Philipp Neudert

Philipp Neudert (*1997) war Preisträger des Treffens Junger Autoren in den Jahren 2014 und 2016. Er ist Stipendiat des Literaturlabors Wolfenbüttel (2016) und der Bayrischen Akademie des Schreibens (2018). Seine literarische Tätigkeit umfasst erzählende Prosa, Essays, Blogbeiträge und Theaterkritiken. Er studiert Philosophy&Economics in Bayreuth.