Die brennende Masse

Ich lag zusammengekauert unter einem der Biertische. Mein Bein war eingeschlafen und machte sich bemerkbar. Nein, ich kann mich jetzt nicht bewegen! Aber wir müssen hier schon ewig liegen…vielleicht kann ich mich doch ein bisschen bewegen. Ich drehte vorsichtig mein Bein und lag nun direkt neben Nina. Als die Schüsse fielen hatte ich sie am Handgelenk gepackt und sie unter den Tisch gezerrt. Woher hatte ich diese Eingebung? Da lagen wir nun nebeneinander, aber ich konnte immer noch nicht ablesen, was Nina fühlte. Ihr wird’s wohl genauso gehen. Ich hatte gebetet, gefleht, an meine Familie gedacht, mit den Tränen gekämpft, den Würgereiz unterdrückt, die Schnappatmung besiegt. Wahrscheinlich hatte das niemand mitbekommen. Wird Gott dich wohl gehört haben? Wird er dich überhaupt beachten, dich bekennende Atheistin, die bei jeder Gelegenheit Zweifel und Kritik an der Kirche äußert, die heute zum ersten Mal gebetet hat? Ich reckte meinen Kopf ein wenig, um zu sehen, wo die anderen waren. Ich sah Markus und Corinna vor uns liegen, beide bewegungslos. Corinna hatte die Augen geschlossen. Sie ist sehr gläubig, sie betet sicherlich auch. Aber ihr Gebet wird wohl erhört. Lass das, hör auf sowas Trauriges zu denken. Denk an etwas Fröhliches. Familie! Meine Familie! Die werde ich vielleicht nicht mehr wiedersehen. Ich sah meine Schwester am Mittagstisch einen Witz erzählen und uns alle lachen. Oh Gott, wie schrecklich, ich weiß nicht, ob ich sie wiedersehe. Ein Felsbrocken drückte auf meine Brust, ich konnte nicht mehr richtig atmen. Beruhig dich! Oder er hört dich! Er, er, ich hatte ihn gesehen, ich hatte diesen wilden, verrückten, fixen Ausdruck in seinen schwarzen Augen gesehen. Wieder eine dieser Eingebungen, woher kamen die? Mein Bauch hatte sich zusammengezogen als sich unsere Blicke trafen. Woher wusste ich so genau, dass er es war? Es hätte jeder sein können. Nein, er war es, ganz sicher, ganz ganz sicher. Mein Bauch hatte sich zusammengezogen, aber ich hatte kein Wort herausbringen können. Bin ich schuld, dass ich nicht alle gewarnt habe? Ach was, seit wann hört die Polizei auf Eingebungen?! Aber ich bin schuld, dass ich hier bin! Ja, hätte ich mal auf meine Eltern gehört. Vielleicht sehe ich sie nie wieder. Oh Gott! Wieder konnte ich nicht mehr richtig atmen. Beruhig dich! Das hätte doch niemand ahnen können. Nach den ganzen anderen Anschlägen haben sie schließlich ein Rucksackverbot erlassen. Und du wolltest deine Freunde wiedersehen, niemand macht dir das zum Vorwurf. Denk an etwas Schönes! Warum treffe ich eigentlich immer falsche Entscheidungen? Und dauernd rege ich mich über Kleinigkeiten auf! Über Markus hatte ich mich jeden Tag geärgert, weil er vergessen hatte seine Sonnencreme mit zum Strand zu nehmen, weil er zu wenig Bargeld auf die Ausflüge mitgenommen hatte, weil er ständig hungrig war und andauernd denselben Witz brachte. Und jetzt hoffte ich einfach nur, dass er noch am Leben war! Aber er sieht lebendig aus, ja, er ist noch am Leben. Moment, wo sind eigentlich Laura und Martina? Wie hat dieser verdammte Kerl eine Waffe ins Zelt schmuggeln können? Wie verdammt noch mal? Monatelang haben die doch darüber diskutiert. Rucksackverbot hin, Rucksackverbot her. Mehr Sicherheitskräfte hin, mehr Sicherheitskräfte her. Vielleicht haben die Populisten doch Recht, vielleicht hätten wir die Flüchtlinge nicht ins Land lassen dürfen. Nein, nein, nein, das ist Blödsinn! Kerle wie dieser Scharfschütze, das sind doch die, vor denen die Flüchtlinge flüchten. Weiß doch jeder! Woher willst du denn wissen, dass das ein islamistischer Anschlag war? Weiß ich einfach, ich habs an seinen Augen gesehen. So, genug mit dem Blödsinn! Du hast gar nichts gesehen! Wo sind die anderen? Es ist plötzlich so ruhig. Die Schreie waren verhallt und die Stille klebte wie Blei an meinen Gliedern. Ich zog meine Beine zusammen und hielt meine Knie. Autsch! Vorsichtig reckte ich meinen Kopf unter dem Tisch hervor. Nichts bewegte sich. Ich machte Nina ein Zeichen und stand auf. Die Halle war völlig verwüstet, kaputtes Glas, überall Blut. Ich fing an zu schreien, Tränen strömten unkontrolliert über mein Gesicht. Ich schmeckte das Salz, das einzige Zeichen, dass ich noch am Leben war. Die Sanitäter kamen. Dann die Polizei. Dann die Reporter. Ich stand immer noch so da, ich konnte nicht aufhören zu schreien. Hör auf zu schreien! Hör jetzt auf zu schreien!

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Der Spiegel hatte ein Bild von mir getitelt, von meinem schmerzverzerrten Gesicht, hinter mir die apokalyptische Verwüstung. Bildüberschrift: Wie können wir noch so weitermachen? Anscheinend hatte ich auch ein Interview gegeben. Ich hatte erzählt von den vier Schüssen, die ich gehört hatte – oder waren es fünf? – und von meinem Instinkt, Nina mit unter den Biertisch zu ziehen. Ich hatte erzählt, dass wir noch zwei Freundinnen vermissten, dass wir uns eigentlich hier zusammengefunden hatten, um nach dem Auslandssemester wieder als Gruppe zusammenzukommen. Und dann musste ich spucken, ab da setzt meine Erinnerung wieder ein. Wie eine leblose Hülle ließ ich mich treiben, zu den Ärzten, zur Polizei, zum Psychologen, zur Therapie, nach Hause, wo ich es nicht lange aushielt, meine Eltern wollten mich nicht mehr loslassen. Zurück in meine Wohnung, die mich verhöhnte, weil sie genauso leblos war wie ich. Zurück zur Arbeit, wo ich einfach nur mechanisch alles abarbeitete, was mir in die Hand gegeben wurde. Du bist ein gottverdammter Roboter! Ich sah meine Kollegen nur still an, wenn sie einen Scherz machten. Wie kann man überhaupt gerade lachen? Hat denn keiner von denen die Bilder in den Nachrichten gesehen, von der aufgelösten, völlig erstarrten Masse, von den zerstörten Bierkrügen, von den Blutlachen, von den entsetzten Gesichtern? Kann denn irgendwer jetzt einfach so weiterleben? Sie hatten Laura und Martina wiedergefunden. Laura schleppte Martina, sie zog ihr steifes Bein hinter sich her. Er hatte sie getroffen! Oh Gott, ich hätte doch jemandem Bescheid sagen sollen! Ich sah Martina ausgelassen tanzen, Salsa, Jive, Tango, sie konnte einfach alles. Sie kann einen ganzen Raum mit ihrer Fröhlichkeit tragen. Kann? Oder konnte? Ich wusste schon als wir noch unter den Tischen lagen, dass wir uns niemals unbefreit wiedersehen würden, dass all unsere Erinnerungen überklebt worden waren. Ich hatte nicht mal Nina wiedergesehen. Naja gut, wie denn auch? Du hast ja seitdem dein Handy nicht mehr angeschaltet. Nach Feierabend ging ich vorbei an den wütenden, flammenden Massen, die nun das Stadtbild prägten. Merkel auf dem Scheiterhaufen, Merkel erhängt, Merkel erwürgt. Das Brüllen war grenzenlos. Auf der Arbeit hatten sie von verfolgten Flüchtlingen erzählt. Von brennenden Asylheimen. Naja, manche hatten auch schon vorher gebrannt. Aber jetzt brannte das ganze Land. Die Masse schrie und keifte, irgendwo sah ich Plakate mit meinem Gesicht, mit meinem schmerzverzerrten, mit Tränen überströmten Gesicht, hinter mir die Apokalypse. Ich rannte nach Hause, vielleicht könnte ich mit jemandem telefonieren, vielleicht Nina anrufen. Ich schaltete mein Handy an, Whatsapp-Nachrichten fluteten meinen Bildschirm. Am 01. Oktober um 17:56 Uhr hatte Corinna geschrieben: „Martina, wo bist du?“ „Laura, wo bist du?“ „WO SEID IHR?“ Ich rannte zurück zur Arbeit und steckte meine handgeschriebene Kündigung in den Briefschlitz am Eingangstor. Zehn Stunden später lag ich an einem weiten Sandstrand und stellte mich tot.

Jasmina Zakaria

Dass man keine Geisteswissenschaftlerin sein muss, um gesellschaftlich relevante Literatur zu schreiben, beweist Jasmina Zakaria, Jahrgang 1991. Um eine Teilnahme an unseren Schreibworkshop bewarb sie sich mit einer Kurzgeschichte und einem szenischen Text – zwei sensibel erzählte Abbildungen der Traumata junger Erwachsener in einer Gesellschaft, die mitten in Veränderung begriffen ist. Eine junge Frau überlebt den Bombenanschlag auf ein Volksfest, verliert aber das Vertrauen in ihr Umfeld. Eine Andere versucht ihrem Vater klarzumachen, dass sie als Einwandererkind zweiter Generation mehr vom Leben erwartet als ein sicheres Auskommen. Beim Versuch einer Klärung übertönt sie ihn derart, dass der Vater schweigend zurückbleibt. Seit ihrem Master of Science in Betriebwirtschaftslehre an der Universität Bayreuth und einem Auslandssemester in Brasilien arbeitet Jasmina Zakaria in einer Bank in Frankfurt am Main. Wenn sie über ihre Arbeit spricht, hört man ihr deutlich ein tiefes Interesse an marktwirtschaftlichen Prozessen an, aber auch am Umgang mit Menschen. Auch ihr neuer Text lässt eines nie außer Acht: den Respekt vor dem einzelnen Menschen und seinen liebenswerten, verflixten Eigenheiten.

 

Geschrieben von Ulrike Almut Sandig.