Ein tiefer Fall

von Florian Stöckle

 

Die Freundinnen trafen sich bei der Parkbank. Zweige wuchsen an den dünnen Beinen empor und der weiße Lack blätterte bereits an mehreren Stellen ab.

»Ist lange her, Meike«, flüsterte Vanessa und berührte die Hand ihrer Freundin mit den Fäustlingen.

»Die Zeit vergeht schnell.« Meike musterte zweifelnd das morsche Holz. Schließlich ließ sie sich vorsichtig auf ihrem blumengemusterten Schal nieder und zog ihre Jacke bis unters Kinn. »Es ist so ungewöhnlich kalt für September …«

»Ein bisschen wie damals, oder?«

»Kann schon sein.« Meike drehte den Kopf und wandte sich ihrer anderen Freundin zu. Sophie lächelte sie an mit ihren feinen, jungen Lippen. Ein eisiger Wind blies ihr ins Gesicht und wehte Blätter über die Bank.

»Geht es dir wieder etwas besser?« Meike nahm Vanessas Stimme nur ganz leise wahr. Eine plötzliche Berührung an ihren Fingerknöcheln erschreckte sie. Sammy, Meikes Golden Retriever, schnüffelte an dem Griff ihrer Tasche.

»Ein bisschen. Aber es fühlt sich immer noch komisch an, in meinem Alter alles noch einmal von vorn zu beginnen.« Ihre Lippen pressten sich zu einem dünnen, farblosen Strich zusammen, während sie zwischen Vanessa und Sophie geradeaus auf das Klettergerüst blickte. Alt und vor sich hin rostend stand es da. An den Stangen mit den dunkelroten Flecken turnte Vanessas kleiner Sohn. »Er ist so groß geworden, seit ich ihn das letzte Mal gesehen habe.«

Vanessa schmunzelte, während sie leicht den Kopf senkte. »Ja. Tut mir leid, dass es wegen dem Umzug so lange nicht geklappt hat.« Ihr Blick wanderte an Meike vorbei zu Sophie, und auf ihrem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus. »Aber du hattest recht: Es ist wie früher. Nur wir drei.«

Die Frauen schauten wieder zu dem alten Spielplatz, der nur aus einem Klettergerüst in Form eines kleinen Eiffelturms und zwei Wipptieren in einer Sandgrube bestand. Ein Drache und ein Fuchs sahen auf den ungepflegten Sand hinab.

»Ich erinnere mich noch gut, wie wir hier alle miteinander gespielt haben. Es ist schon so viele Jahre her!« Meike blickte bedrückt zu Boden.

»Das mit Ben hat nicht gehalten?«

Meike schüttelte den Kopf. Blickte in Sophies blaue Augen. »Nichts hält eben ewig. Er ist wieder zurück nach Irland. Ist wahrscheinlich besser so.« Meike beobachtete ihren Hund, wie er seine Schnauze an Sophie rieb, dann kraulte sie sein Fell. Ein bisschen war sie immer noch neidisch auf Sophies schöne Lippen und ihre goldblonden Locken. Sie konnte es nicht leugnen.

Der Junge war unterdessen bis auf die Spitze des Turms geklettert, löste einen Handschuh von der fleckigen Stange und winkte den Frauen zu.

Vanessa winkte zurück. Sophie strahlte wie immer und Meike erinnerte sich, wie sie das letzte Mal zu dritt auf dem Spielplatz herumgetollt hatten. Sie war damals vom Gerüst gefallen und hatte sich das Knie aufgeschlagen. Nur ein wenig Blut. Eigentlich lächerlich. Trotzdem hatte Meike Vanessa damals weinend angefleht, mit ihr nach Hause zu gehen und Sophie einfach stehen gelassen, die meinte, das wäre doch alles nicht so schlimm.

Seitdem war Meike oft hingefallen. Und immer mehr schmerzte es sie. Am liebsten hätte sie darüber mit ihren Freundinnen geredet. Aber nicht heute. Nicht, nachdem sie sich nach einem halben Jahr endlich wiedersahen. Stattdessen sagte sie: »Ich wäre auch gerne früh Mutter geworden.« Ihre Augen folgten dem Jungen, der vom Gerüst heruntergeklettert war und sich nun auf den grünen Drachen setzte. Das Reptil wippte hin und her. Meike merkte, wie ihre Hände zitterten.

»Du wärst immer noch jung, wenn du jetzt ein Kind bekommen würdest.« Vanessa musste auf einmal grinsen. »Wir sind doch erst sechsundzwanzig!«

»Und du hast schon Mann, Kind und Karriere!« Meike konnte sich nicht mehr zurückhalten, eifersüchtig Vanessas teuren Kaschmirmantel zu beäugen, der sich um ihre schlanken Hüften schmiegte.

»Du kannst immer alles schaffen, wenn du dran bleibst und weißt, was du willst«, hallten Sophies Worte in ihren Ohren. Sie hatte Meike das schon unzählige Male gesagt. Als Meike in der Schule die ersten schlechten Noten bekommen hatte. Als sie wegen ihres Gewichts ständig gehänselt worden war. Als die Lehrer ihr sagten, sie würde wegen ihrer Lese- und Rechtschreibschwäche immer etwas hinter den anderen zurückbleiben.

»Wo machst du denn jetzt deine Ausbildung?«

»In einer Bäckerei.« Meike seufzte. Streichelte dabei unaufhörlich Sammys Fell. Seine schwarzen Augen musterten sie. Dann bettete er seinen Kopf auf ihre Oberschenkel. »Der vierte Anlauf. Ich hoffe, diesmal halte ich es durch.«

Vanessa nickte. »Und du wohnst bei deinen Eltern?«

Der Junge ritt den Drachen. Kaugummikauend sah er zu den Frauen auf der Bank einige Meter abseits des schmalen, schwarzen Gedenkkreuzes. Gestrüpp wucherte um das Kreuz im Schatten der Bäume. Der Junge runzelte die Stirn, als er es zwischen den Büschen entdeckte.

»Jonas«, rief Vanessa. In einer Hand hielt sie eine orange Brotzeitbox. »Wir müssen bald wieder heimgehen. Iss noch etwas.«

Der Junge lief zu den Freundinnen und steckte sich kleine Gurkenscheiben in den Mund.

»Du musst schon wieder los?«

Vanessa zog den Mantel enger. »Ja. Ich muss am Nachmittag in der Boutique aushelfen. Meine Angestellte ist krank.«

»Aber sonst läuft bei dir alles wie immer? Tut mir leid, ich habe gar nicht gefragt. Ich bin so egoistisch.« Meike vergrub die Hände im dichten Pelz ihres Hundes, während sie zu Sophie hinüber starrte.

»Das stimmt doch nicht, Meike.« Vanessa kraulte Sammy zwischen den Ohren, der sie anknurrte. Der Junge stand neben ihr und spähte zu dem Kreuz im Inneren des kleinen Wäldchens. »Dir geht es zurzeit eben nicht gut. Aber du solltest nicht alles so schwarz sehen, weil das mit Ben nicht geklappt hat. Du hast ja immerhin noch deinen Sammy, auch wenn er mich nicht mag.« Vanessa schnitt vor dem Hund eine Grimasse, worauf das Tier den Kopf einzog.

Meike stand auf und umklammerte das Bild, das sie neben sich auf die Bank gelegt hatte. Ihre Finger streichelten über den Rahmen, über das Glas und sie verlor sich in Sophies eisblauen Augen. Blonde Strähnen fielen in ein sonst makelloses Gesicht. Fast war es Meike, als stünde die Freundin vor ihr.

Meike wanderte zu dem Gedenkkreuz im Schatten der Äste. Darunter ruhte nur eine schlichte Tafel mit Namen, Geburts- und Todesdatum. Sie wischte die abgefallenen Blätter beiseite und bettete Sophies Bild zwischen die kleinen Zweige. Sophie saß auf einem Gartenstuhl in einem weißen Kleid und strahlte sie an. Das fröhliche Lächeln einer Zehnjährigen. Meike zog drei weiße Rosen aus ihrer Tasche und legte sie neben die schwarze Platte. Sie spürte Vanessas warme Fäustlinge auf ihrer Schulter, während Jonas eine Kaugummiblase platzen ließ. »Bis bald, Sophie. Wir werden für immer beste Freundinnen sein.«

Vanessa fasste die Hand ihres Sohnes, der fragend zu ihr aufschaute und drückte sie ganz fest.

»Sechzehn Jahre ist es jetzt her«, flüsterte Meike. Aus den Augenwinkeln musterte sie den verlassenen Spielplatz, den eine Mauer aus Gestrüpp einschloss. Vor sechzehn Jahren wurde Sophie hier von einem Mann angesprochen, missbraucht und ermordet. An jenem Abend, als Meike und Vanessa sie dort allein zurückgelassen hatten. Die Menschen kamen nur noch ungern zu dem Klettergerüst aus vor sich hin rostendem Stahl.

Meike band sich den Schal mit dem Blümchenmuster um, nachdem sie sich von Vanessa verabschiedet hatte. Mutter und Sohn verschwanden im Park, während Sammy einmal mehr Sophies Gesicht ablecken wollte und Meike ihn sachte von dem Bild wegzog.

»Es tut mir so leid, Sophie«, sagte sie dann, wie so viele Jahre zuvor.

Florian Stöckle

Florian Stöckle, im Oktober 1993 in Günzburg geboren, studierte nach dem Abitur Germanistik und Geschichte an der Universität Augsburg. Derzeit schließt er in Germanistik den aufbauenden Masterstudiengang ab. Geschichten schreibt er schon seit seiner Kindheit. Neben der Teilnahme an kleineren Schreibwettbewerben ist die Bayerische Akademie des Schreibens sein erster Schritt in eine größere Öffentlichkeit. „Ein tiefer Fall“ war sein Bewerbungstext zum Thema „Haben und Sein“.