Ein Wiener Autor in Erlangen

"Literatur bietet zumindest die Chance neuer Fortschreibungen. Sie versucht zuweilen dem Entsetzen mit Humor zu begegnen, und zwar nicht um es durch brüllendes Gelächter zu übertönen, sondern, im Gegenteil, damit das Lachen einem im Halse stecken bleibe. Der Witz dient der Erkenntnis, wenn er uns das Denken nicht erspart, aber erleichtert, wenn er sich nicht über die Opfer lächerlich macht, sondern uns mit ihnen fühlen hilft."

„Unser Schreiben ist der Beweis, dass es ein Leben nach dem Massenmord gibt.“
(Doron Rabinovici)

Wer sich nach einer Alternative zu den gängigen Hauptseminaren sehnt und wem Literaturanalyse mit Hintergrundwissen aus Sekundärliteratur allein nicht genügt, der ist richtig beim Poetikkolleg der Erlanger Germanistik. Hier hat man als Student nach einigen vorbereitenden Sitzungen die Möglichkeit, persönlich mit einem Schriftsteller über dessen Werk und die Hintergründe seines Schaffens zu diskutieren. Endlich können offene Fragen direkt geklärt und die Neugier auf die Person hinter dem literarischen Text gestillt werden.
Zum Poetikkolleg des vergangenen Sommersemesters hatten die leitenden Dozenten, Dr. Aura Heydenreich und Prof. Dr. Gunnar Och, den österreichischen Essayisten und Romancier Doron Rabinovici eingeladen.

In Tel Aviv geboren, aufgewachsen in Wien, ist er dort seit den Neunziger Jahren in der Schriftstellerszene beheimatet und gilt neben Robert Schindel oder Eva und Robert Menasse als jüdischer Autor „der zweiten Generation“ nach der Shoah. All diese Schriftsteller verbindet ein besonderer Umgang mit der gemeinsamen Vergangenheit, ein neues Schreiben über die Shoah, aber vor allem auch die Suche nach der eigenen Identität als Nachkommen derer, die das Schreckliche erlebt, oft aber wenig darüber preisgegeben haben.
„Wie es war und wie es gewesen sein wird“ ist eine der zentralen Fragen im Schreiben Rabinovicis. Sein gleichnamiger Essay, ein Text über den Umgang mit der Shoah aus heutiger Sicht, über Erwartungen an die Geschichtsschreibung und das Bewahren und Durchbrechen von Tabus, stand am Beginn des Poetikkollegs. Es folgte die intensive Lektüre und Analyse der Romane „Die Suche nach M.“ und „Ohnehin“, die noch dadurch an Präzision gewann, dass Bezüge zu Arthur Schnitzlers Roman „Der Weg ins Freie“ hergestellt werden konnten. Höhepunkt des Kollegs war schließlich das Gespräch mit Doron Rabinovici selbst, der sich in zwei Seminarsitzungen den Fragen der Teilnehmer stellte und gänzlich unbefangen über seine schriftstellerischen Ambitionen, seinen Werdegang und sein politisches Engagement inner- und außerhalb Österreichs Auskunft gab. Den Studenten erschien er offen und leger, aber durchaus bestimmt in seinen Aussagen, vor allem, wenn es um die noch immer mangelhafte Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit in Österreich ging.

Gespräch

Doron Rabinovici
Doron Rabinovici 2
Doron Rabinovici 3

Rabinovici ist jemand, der die Dinge beim Namen nennt. „Es geht nicht darum, ob etwas positiv ausgeht, sondern ob man vor sich selbst das Richtige tut.“ Und dazu gehört sicher auch, die Öffentlichkeit für Tatsachen zu sensibilisieren, die gerne unter den Teppich gekehrt werden. Ob er sich dabei manchmal zu weit aus dem Fenster lehnt? Das Problem bestehe nicht darin, die gesellschaftlichen Missstände anzusprechen, in denen man lebt. Gefährlich sei vielmehr, „auf einem beschädigten Stuhl zu sitzen und zu glauben, er sei ganz“.

Sieht Rabinovici sich selbst in der Rolle des politisch engagierten Intellektuellen? Als studierter Historiker, sagt er, sei er das wohl schon. Er habe sich bereits zu Studentenzeiten gegen braune Tendenzen und latenten Antisemitismus in der österreichischen Öffentlichkeit engagiert. Als Romancier gehe es ihm aber nicht nur um Aufklärung. Da habe er mehr Raum, könne sich ausprobieren und das tun, was ihm am meisten zusage: Geschichten erzählen und fabulieren.

In seinem Werk verknüpft der Autor jüdische Geschichte mit aktueller Gesellschaftssatire, um immer auch eine Gegenwartsperspektive zu eröffnen: „Ich möchte“, so das Credo, „nicht über die Vergangenheit schreiben, sondern über den gegenwärtigen Umgang mit ihr.“ Mal experimentell, mal geradlinig, schickt er seine Figuren auf eine Reise durch die Unzulänglichkeiten des (österreichischen) Alltags. Nicht selten stellt sich Komik ein und absurder Humor, die aus kommunikativen Missverständnissen und widersprüchlichen Täter- und Opferprojektionen resultieren. Ob jüdisch oder nicht-jüdisch, vollkommen ist keine der Figuren im Kosmos dieses Erzählers, aber genau diese Fehlbarkeit lässt sie menschlich und oft sogar anrührend erscheinen.
Ist Rabinovici deshalb ein Menschenfreund? Hat er ein unverwüstlich positives Menschenbild?
Diese Frage verneint er. Aber darum gehe es ihm auch gar nicht. Er wolle Geschichten entwerfen, die so komplex seien wie das Leben selbst und sich nicht auf den ersten Blick erschließen lassen.
Bezeichnet er sich selbst als jüdischen Autor? Oder als Wiener? Und ist er vielleicht sogar beides in Personalunion? Auch da sträubt sich Rabinovici gegen Schubladen. Ihm sei aber durchaus bewusst, dass er in den Augen der Öffentlichkeit immer ein „österreichischer Israeli“ bleibe – egal worüber er schreibe, und seien es auch – er lacht und deutet um sich – diese „Erlanger Gebäude.“ Die Öffentlichkeit brauche eben immer Kategorisierungen.

Das Schreiben jüdischer Autoren der zweiten Generation verknüpft die Erinnerung an die Shoah oft mit komisierenden Tendenzen – ist das erlaubt und politisch korrekt? Dass man in ihren Erzählungen auch Humoristisches finde, kennzeichne mittlerweile sogar die Erwartungshaltung gegenüber jüdischen Schriftstellern, sagt Rabinovici: „Das wird von uns aber auch gern erfüllt“. Und er fügt, sich selber zitierend, hinzu:

„Literatur bietet zumindest die Chance neuer Fortschreibungen. Sie versucht zuweilen dem Entsetzen mit Humor zu begegnen, und zwar nicht um es durch brüllendes Gelächter zu übertönen, sondern, im Gegenteil, damit das Lachen einem im Halse stecken bleibe. Der Witz dient der Erkenntnis, wenn er uns das Denken nicht erspart, aber erleichtert, wenn er sich nicht über die Opfer lächerlich macht, sondern uns mit ihnen fühlen hilft.“

Lachen dient also keinesfalls nur der Unterhaltung. Es geht auch um den gezielten Tabubruch und die Erschütterung inszenierter Betroffenheit. Die modernen, deutsch-schreibenden jüdischen Autoren seien sich im Übrigen ihrer eigentümlichen Stellung immer bewusst, schließlich könne schon ihre pure Existenz als Antwort auf den Holocaust verstanden werden: „Unser Schreiben ist der Beweis, dass es ein Leben nach dem Massenmord gibt.“

Abgerundet wurde Doron Rabinovicis Besuch durch eine abendliche Lesung im fast schon legendären Erlanger Theatercafé. Der Autor trug neben bekannten Texten auch den Anfang eines noch unveröffentlichten Romans vor und gewährte so Einblicke in seine literarische Werkstatt.

Von Bettina Möller und Christoph Meyer

Doron Rabinovici