Manó

Erstens kommt es anders und zweitens, als Manó eines Samstagabends über die Brücke lief, unter der sich gerade der kitschpinke Abendhimmel im Wasser spiegelte, sah er die Frau seiner Träume.

Seit einem Monat hatte er sie jede Nacht gesehen. Wie sie an einem Klavier saß, einen schiefen Hut trug und russische Walzer schmetterte. Oder wie sie gemeinsam mit ihm durch ein spätsommerliches Weizenfeld lief und er schon einen Tropfen Milch gespürt hatte, und sie schneller liefen, um nicht in einen Frühstücksflocken-Hagel zu geraten. Oder wie sie stundenlang am Fluss saßen und Enten fütterten, und daran war nun wirklich nichts Aufregendes gewesen, und Manó hatte festgestellt, dass es auch in Träumen möglich war, sich zu langweilen.

Und nun stand sie leibhaftig vor ihm. Und er hatte nicht die geringste Ahnung, was er sagen sollte. „Ich kenne dich.“ Nein. „Ich habe von dir geträumt.“ Besser nicht. „Sieht nach Milch aus, die Wolken dahinten gefallen mir gar nicht.“ Noch während er überlegte, ob ihm der Spruch passend erschien, musste er feststellen, ihn längst laut geäußert zu haben. Kurz war er etwas unsicher, aber sie lachte und hakte sich bei ihm unter, und so spazierten sie gemeinsam die Brücke hinauf und er schwitzte furchtbar.

Hinter seiner Stirne ratterte es. Etwas musste gesagt werden. Vielleicht sollte er ihr von seinem Projekt erzählen? Er arbeitete in jenen Wochen fieberhaft daran, alle Treppen, die er finden konnte einmal ganz nach oben zu steigen. Ein sehr weiser Mann, der aus dem Mund stank, hatte ihm in einer Bar davon erzählt, dass Gott einem wenn man starb eine Treppe erscheinen lasse, die man dann im Licht von hunderten Bühnenscheinwerfern unter dem Gesang tausender Engelsstimmen hinauf zu schreiten habe.

Der Mann war danach vom Barhocker gekippt und hatte sich ein paar Minuten lang nicht bewegt, und Manó wusste nicht, ob die Sanitäter es geschafft hatten ihn zu reanimieren, aber seitdem hatte ihn jedenfalls die Angst nicht mehr losgelassen, er habe die richtige Treppe bereits verpasst, er sei vielleicht bereits tot und könnte längst im Paradies Apfelkuchen essen, hätte er nur die verdammte Treppe erkannt, als sie sich ihm dargeboten hatte. Eine leise Hoffnung hatte er aber doch, dass die richtige Treppe vielleicht noch gar nicht dabei gewesen sei.

Nun war er sehr darauf bedacht, seine Chance nicht zu verpassen, wenn sie sich ihm darböte. Das brachte einige Schwierigkeiten mit sich. Erstens gab es viele Treppen. (Wie viele, wurde einem erst klar, wenn man sie alle bestieg.) Und zweitens überkam ihn jedes Mal ein leises Unbehagen, wenn er sie wieder nach unten ging, schließlich wusste man ja nicht, wie wiederum der Teufel einen nach dem Tod in sein Reich einladen würde, das hatte ihm der weise Mann leider nicht mehr verraten. Eine Zeit lang war er dazu übergegangen, immer mit dem Aufzug nach unten zu fahren wenn es einen gab, irgendwann war ihm allerdings klar geworden, dass das nicht viel besser war, eher schlimmer noch, da er sich den Weg in die Hölle bei genauerem Nachdenken doch eher vorstellte wie eine Fahrstuhlfahrt nach unten, bei der der Aufzug einfach das gewünschte Stockwerk überspringt und bis ins Kellergeschoss hinunterfährt, wo sich dann die Türen öffnen und der Gehörnte einen höchstpersönlich empfängt.

Manó wurde klar, dass er zu lange nichts gesagt hatte, das Mädchen an seinem Arm sah ihn schon seit einigen Minuten mit etwas ratloser Miene an. Er blickte sich hektisch nach einem Strohhalm um, seine Augen streiften die stählernen golden glitzernden Vorhängeschlösser, die da zu hunderten mit Initialen und Plussen versehen am Geländer der Brücke hingen. Und um nicht noch länger zu schweigen, schlug er vor, ein Schloss zu kaufen, ein Vorhängeschloss, und den jeweils ersten Buchstaben ihres Vornamens darauf zu schreiben, links und rechts neben ein dickes Plus. Laut ausgesprochen, kam ihm der Gedanke sofort unbeschreiblich dumm vor. Ihm wurde klar, dass er ihren Namen überhaupt nicht kannte und sich blamieren würde beim Beschriften des Schlosses. Und dass ein Schloss sowieso ein schlechtes Symbol war, für so ziemlich alles, vor allem für Liebe. Wie sollte man das verstehen? Unsere Liebe ist wie ein Vorhängeschloss? Dessen Schlüssel man irgendwann in einen reißenden Fluss geworfen hat. Das neben hundert anderen billig glitzernden Vorhängeschlösserpaaren fest an seinem Platz hängt und langsam vor sich hin rostet.

Manó hasste sich dafür, das dumme Schloss erwähnt zu haben. Aber sie? Sie schien es ihm überhaupt nicht übel zu nehmen, lachte nur wieder, und zog ihn weiter, an ihrer Hand, und Manó ließ sich mit ziehen und hörte ihr andächtig zu, denn sie hatte angefangen etwas schräg eine recht schöne Melodie zu singen, deren Worte ihm fremd erschienen, keine der Sprachen, die er schon einmal gehört hatte. Vor dem Einkaufszentrum blieben sie kurz stehen. Einen Moment lang sah Manó dem Asphalt mit zusammengekniffenen Augen dabei zu, wie er in der Sonne glitzerte.

Dann zog sie ihn mit sich und er fühlte sich sehr leicht, wie sie so durch die Luftschleuse über der Eingangstüre des Einkaufszentrums glitten, und wie ein Luftzug zog sie ihn auf die Stufen der Rolltreppe und langsam fuhren sie nach oben. Manó sah allerlei schöne Dinge, glitzerndes Papier und einladende Auslagen und alles war hell erleuchtet, und roch leicht parfümiert. So fuhren sie sieben Stockwerke hoch, und nach jedem Stockwerk, drehten sie eine Runde und die Pracht wurde noch reicher und herrlicher. Manó war es wie ein Tanz die geriffelten Metallwendeltreppen nach oben, die letzte Rolltreppe, die in den achten Stock führte war ausgefallen, und so eilten sie zu Fuß hinauf, aber Manó schien es kaum noch zu bemerken so beschwingt war er von allem, und von der liebreizenden Gestalt die ihn da an ihrer Hand Stufe für Stufe emporzog.

Da standen sie. Auf den etwas nassen Holzdielen der Dachterrasse und vereinzelt tröpfelten noch weiße Perlen vom Rand eines Vordachs auf sie herunter. Manó sah über die Dächer in denen sich der quitschpinke Himmel spiegelte und sog den waldigen Geruch der Luft nach einem Milchregen in sich ein und hielt die Hand der Frau seiner Träume fest in seiner. Sie lächelte. Und wie er sie so ansah, wurde ihm klar, dass er während des gesamten Aufstiegs keine Rolltreppen gesehen hatte, die nach unten führten. Dass alle Rolltreppen an denen er vorbei gekommen war in die gleiche Richtung unterwegs gewesen waren, nach oben, immer nach oben. Sie lächelte erneut. Er lächelte zurück, sie nickte ihm aufmunternd zu, und gemeinsam gingen sie bis vorn ans Geländer, und das Bild, das noch für einen Sekundenbruchteil auf Manós Netzhaut nachflimmerte, als das kleine Licht hinter seinen Augen schon erloschen war, war das ihrer wunderschönen blonden Haare, wie sie im Wind flackerten, und das ihrer lachenden weißen Zähne. Und pures Glück floss auch dann noch durch seine Adern, als diese sich bereits dem grauen Asphalt zur freundlichen Umarmung geöffnet hatten.

 

 

Manuel Paß

Manuel Paß, geboren 1995 in Graz, studiert in Bamberg Germanistik und Philosophie. Seit acht Jahren schreibt er Rap-Texte (CD-Veröffentlichung 2014: Der Teufel singt Schlager), seit drei Jahren vermehrt Lyrik und Kurzgeschichten. 2016 nahm er an den Bayerischen Meisterschaften in Poetry Slam teil, im Februar 2017 las er im Rahmen der PULS-Lesereihe des Bayerischen Rundfunks in Würzburg und beim Finale in München. Zudem gibt er seit 2016 mit Kommilitoninnen in Bamberg die studentische Literaturanthologie fortississimo heraus. Manó war einer seiner Bewerbungstexte für die Bayerische Akademie des Schreibens.