Marc Deckert: Die Kometenjäger

„Was soll er mit einer Perspektive? Er hat ein Teleskop“, verteidigt Philipp Tom. Es ist der Beginn einer intensiven Freundschaft, die die beiden auf eine ungewöhnliche Reise quer durch die USA führt. Die Kometenjäger (2012) – eine Geschichte über Sterne, den Weltraum, Träume, Freundschaft und nicht zuletzt über die Frage nach dem Zusammenhang zwischen Individuum und Kosmos.

In dem 2012 im btb-Verlag erschienen Erstlingswerk von Marc Deckert eint der Autor seine journalistische Neugier zum Thema Astronomie mit dem Drang, seine Informationen in einer Geschichte zu erzählen – so verbindet sich Fakt und Fiktion. Hinter dem wissenschaftlich anmutenden Titel verbirgt sich ein Road-Movie im Buchformat, das die Frage aufwirft, ob es heute noch lohnenswert ist, sich den Sternen auszusetzen. Ist durch den tiefen Blick in das Universum Erfüllung zu erlangen oder ist diese Sehnsucht nicht eher als Fluchtbewegung zu verstehen?

Der 28-jährige Ich-Erzähler, Philipp Steinle, erfolgloser Illustrator aus Landsberg am Lech, bekommt den Auftrag, ein Kinderbuch über Astronomie zu bebildern. Weil Philipp nichts von Himmelskonstellationen versteht, beschließt er, eine Sternwarte zu besuchen. Dort begegnet er dem 23-jährigen Tom, der von den Sternen fasziniert ist – und gerät prompt in dessen Umlaufbahn. Tom ist leidenschaftlicher „Beobachter“. Im Gegensatz zu Astronomen, die ihre Zeit mit Maschinen und der Auswertung von Daten verbringen, schaut sich Tom die Sterne lieber selber an; bevorzugt im Observatorium, das er von seinem Großvater geerbt hat. Tom freut sich über das Interesse Philipps und führt ihn in die „Kunst des Sehens“ ein. Meist schauen die beiden durch das alte „Clark“, ein Teleskop, mit dem schon der Großvater Kometen entdeckte.

„Jedes Mal, wenn du hindurchsiehst, ist da etwas Neues.“

Doch was, wenn Tom nicht mehr hindurchsehen kann, weil der erkrankte Vater den Erlös aus dem Verkauf dieses wertvollen Teleskops dringend benötigt? Dann möchte Tom zumindest wissen, was mit seinem Clark passiert. Da Tom von einem potentiellen Käufer in den USA weiß, entschließt er sich, diesen zu besuchen und dort ebenfalls seine bereits in Europa begonnene Suche nach dem dunkelsten Himmel fortzusetzen. Philipp, der weder in seiner Tätigkeit als Illustrator noch in seiner Beziehung zufrieden ist, entschließt sich dazu, ihn zu begleiten. Schließlich hat Tom „mich ausgewählt und ich ihn, weil wir uns so ähnlich waren, weil wir beide jemanden suchten, der die Träume des anderen bestehen ließ, ohne sie in Frage zu stellen,“ so Philipp.

Mit einer detailreichen Sprache, die neben weit schweifenden Landschaftsbeschreibungen ebenfalls Kenntnisse der Astronomie vermittelt, lässt uns der Autor in die Welt der beiden Protagonisten eintauchen. Ihr Weg führt sie zunächst nach Los Angeles. Dort treffen sie einen Teleskop-Zwischenhändler, einen berühmten Teleskopbauer sowie skurrile Hobby-Astronomen, die den Stadtleuten den verlorenen Sternenhimmel wiederbringen wollen. Die intensive Suche Toms nach dem Käufer wirkt insbesondere für Philipp wie eine Flucht aus seiner derzeit ernüchternden Alltäglichkeit und zieht die beiden immer tiefer in einen Sog aus Suchen, Verzweiflung und Finden.

„Wir fuhren zu viel Auto, und wir schauten auf Welten, die wir selbst nie betreten würden.“

In den Weiten Arizonas treffen sie auf weitere Lichtgestalten der Astronomie, begeben sich in gefährliche Situationen und begegnen schließlich dem potenziellen Käufer des Teleskops. Doch ist Tom wirklich bereit, sich von seinem geliebten Clark zu trennen, da ihm so scheinbar die Chance genommen wird, selbst einen Kometen zu entdecken? Fällt Tom dies nicht noch schwerer, wenn man seine Suche nach einem neuen Kometen metaphorisch als Suche des eigenen Lebenssinns versteht?

Tom ist radikal. Tom ist besessen. Das Verständnis Philipps für Toms Kompromisslosigkeit, die die beiden in einigen Situationen bereits in Gefahr brachte, stößt an seine Grenzen. Er sehnt sich nach „Nachrichten vom Planeten Erde, dem ich so lange den Rücken gekehrt hatte.“ Allein zieht er weiter und trifft zufällig auf den ehemaligen Kometenjäger Livingston, der gewisse Parallelitäten zu Tom aufweist. Heute vereinsamt, begleitete ihn die Sternensuche lange Zeit seines Lebens – eine von Deckert beabsichtigte Präfiguration? Der Leser stellt sich unweigerlich die Frage, ob Tom wohl genau so enden wird.

Anders als erwartet, liegt der Fokus des Buches nicht primär in astronomischen Sphären, sondern auf der irdischen Frage: Wie soll ich leben? Deckert zeichnet seine Figuren mit Humor und Empathie, die es dem Leser erleichtern, in die jeweilige Bildwelt einzutauchen. Es entstehen tiefsinnige und lebendige Charaktere, die ihren Platz zwischen gesellschaftlich verortetem Leben und ihren eigenen Träumereien suchen. Genau diese Suche trägt zu einer inneren Entwicklung der beiden Protagonisten, Philipp und Tom, bei. Strahlt Tom bereits zu Beginn eine Tiefe aus, die sich nur erahnen lässt, ist es insbesondere der anfangs eher unscheinbar wirkende Philipp, der uns alle überrascht: Gegen Ende des Romans ergreift erstmals er die Initiative und sorgt dafür, dass sich die Bahnen von Tom und Livingston kreuzen – am dunkelsten Ort, den Tom je gesehen hat…

‚Die Kometenjäger‘ – eine Geschichte, die berührt, wenngleich sie an einigen Stellen der Grenze zum Klischee nahekommt, sie jedoch nicht überschreitet. Mit einer oft poetischen Sprache scheint der Autor seine Neugier mithilfe seiner Protagonisten zu stillen. Dabei ist ein hochaktueller Roman entstanden, der die Stellung des Individuums im Kosmos auslotet – der Himmel als integraler Bestandteil der menschlichen Lebenswelt.

„Der Jäger näherte sich dem Himmel wie ein Bedürftiger. Er sehnte sich nach einem Blick auf die andere Seite, nach einer Erfahrung, die ihn vervollständigte. Und wie in jede religiöse Verrichtung war auch in diese eine tiefe Sehnsucht eingeschrieben, eine Sehnsucht, die sich nicht abstellen ließ.“

Dennoch birgt der Blick hinaus in die Weiten des Universums auch Gefahren: Wer sich den Sternen zu sehr aussetzt, kann schnell die Bodenhaftung verlieren. Das sind die zwei Pole, zwischen denen sich die Protagonisten – und letztlich auch wir als menschliche Wesen – bewegen.

Marc Deckert: Die Kometenjäger
btb-Verlag 2012
416 Seiten