Nachgefüllt.

Vor 42 Tagen und zehn Stunden bist du gegangen, und seitdem sitze ich hier, warte. Ja, ich zähl die Stunden, aber bild dir bloß nichts darauf ein. Anfangs noch gespannt, angespannt, das Handy immer griffbereit, die Augen erwartungsvoll leuchtend. Jetzt aber schaut mir aus dem Spiegel ein leeres Augenpaar entgegen, mit dunklen Ringen drunter. So dunkel, dass die sich auch nach mehrfachem Wischen als Ringe erweisen und nicht als verräterisch verschmierte, nicht abgeschminkte Überreste von gestern Abend. Tief graben sie sich in mein blasses Gesicht, wie sonst nur die Stirnfalte in deines, immer dann, wenn du angestrengt die Augen zusammenkneifst – verträgst keine Kontaktlinsen, bist zu eitel für eine Brille –, um das Kleingedruckte zu entziffern oder zwischen den Zeilen zu lesen versuchst, aber ohne Erfolg.

An die erhoffte klare Ansage deinerseits glaube ich schon längst nicht mehr, hoffe aber nach wie vor auf eine kleine Reaktion, einen Fingerzeig zumindest. Ich schwanke zurück zum Sofa, schwenke den Rotwein im bauchigen Glas. Der muss atmen, da muss Luft dran, wie bei einer frischen Wunde. Und ich höre dich sagen, ich solle nicht schon wieder so pathetisch sein, sehe dich die Augen verdrehen. Jetzt überheblich und herablassend, ganz anders als damals, als du mir den Kopf verdreht hast. Ich trinke noch einen Schluck Wein, zwei, drei. Auch jetzt dreht sich alles. Siehst du, da brauch ich dich gar nicht für.

Vor elf Tagen und vier Stunden habe ich dir, deine letzte Prüfung war längst durch, zuletzt geschrieben. Dass ich dir fürs Examen die Daumen drücke, alle beide. So fest, dass sie schon ganz blau werden. So blau, wie du danach, wenn alles geschafft ist, gewiss auch sein wirst. Steilvorlage für dich, weil du sagtest, du würdest dich dann melden, aber mich hast warten lassen. Und du hättest darauf antworten können, dass danke und schon fertig und yeah und lass uns sehen. Aber stattdessen schreibst du, dass du Tag und Nacht am Lernen seist, die Minuten zählst bis alles vorbei ist, du aber danach, versprochen, gleich zu aller erst bei mir, ja, bei wem denn auch sonst, vorbeikommen würdest. Ernsthaft?! Für wie blöd hältst du mich eigentlich? Nicht du zählst die Minuten, sondern ich. Du bist immer auf dem Sprung, hältst dir immer alles offen, und dennoch habe ich gehofft, du würdest nie so ganz gehen und gelegentlich mit mir raus auf ein Bier. Statt gelegentlich Bier gibt’s jetzt täglich Wein. Da brauch ich dich nicht zu. Der ganze Keller ist voll. Ich bin es auch.

Mit geschlossenen Augen, den Kopf im Nacken, das Glas in der Hand, immer halbvoll, nie ganz leer, tanze ich durchs Zimmer. Elegant wie ein Elefant, zerbrechlich wie Porzellan. Die Lippen so blau wie die Schienbeine, mit denen ich immer wieder polternd in die Möbel taumele. Ein bisschen wackelig auf den Beinen, so wie damals beim Kennenlernen, als du mir auf dem Parkplatz gegenüberstandst. Ich stand vor dir und neben mir, verschämt lachend, mit weichen Knien, die mich nicht mehr tragen wollten, ich mich erstmal hinsetzen musste. Ich habe dir schüchtern den kleinen Finger gereicht und gehofft, du würdest gleich die ganze Hand nehmen. Hast du aber nicht, weil eh immer alle Hände voll zu tun, meist mit zitternden Fingern ganz ohne Hinzuschauen krümeligen Tabak drehend.

Deine Papers liegen noch immer auf der Küchenzeile. So oft habe ich hier gelehnt, dich beobachtend, habe dir so oft gesagt, dass du zu viel rauchen würdest, mich geärgert, wie eine alte, belehrende Mutti zu klingen. Du hast jedes Mal bloß genickt und gierig an der Kippe gezogen. Du Süchtling, du erbärmlicher. Krummbucklig im Schneidersitz auf meinem Sofa, genau da, wo mittlerweile ein eingetrockneter Weinfleck ist, der von der Form wie Sylt ausschaut. Anfangs war Sylt ein Versprechen, dann ein ständiges Aufschieben. Wir zwei am Meer, das hätte alles geändert, alles möglich gemacht. Statt Westerland jetzt Kaufland, unteres Regal links, Zwei Neunundneunzig. Schwamm drüber, Kissen drauf, passt schon.

Ich weiß noch, ich habe mich zu dir gesetzt. Du hattest, wie vorher angekündigt, Falafel von um der Ecke mitgebracht, und ich hatte dir extra noch geschrieben, dass bitte ein bisschen scharf und mit ohne Kraut. Und du hattest geschrieben, dass klar, wie immer, wüsstest du doch. Und wie immer hast du es vergessen, tust meinen glasigen, vorwurfsvollen Blick mit einem kurzen Schulterzucken ab, ganz nonchalant, wie es halt so deine Art ist, und puhlst das Weißkraut mit deinen gelblichen, nach Rauch stinkenden Fingern raus. Gott, diese Finger, diese unglaublich geschickten Finger. Überall, auf mir, in mir. Im Wrap, aus dem du den Weißkohl zupfst, dir direkt in den Mund steckst, ihn mir ohne mit der Wimper zu zucken rübergibst. Mir hingegen zuckt schon die Hand.

„Ey! Sag mal, geht’s noch?!“
Dir hängt Soße am Kinn.
„Wie wär’s mit ‘nem Danke?“
„Wie wär’s mit ‘nem Fick dich!“
Du grinst.
„Mich oder dich?“

Boah, Junge, richtig erbärmlich bist du. So intelligent und so kaputt. Du bist so durch. Ich bin es auch –  mit dir. Also zumindest fast.

Die Zunge schwer, pruste ich hysterisch los, proste in die Luft, dann, des Klangerlebnis‘ wegen, gegen die Kommode, ein bisschen zu fest, das Glas kurz vorm Zerbersten. Was war das eigentlich zwischen uns? Ich kichere unbeherrscht, der Wein rinnt unaufhaltsam aus den Mundwinkeln. Die feine rote Spur, am Kinn nochmal kurz gesammelt, tropft runter auf ehemals dein, jetzt mein weißes Hemd, frisst sich rein ins Gewebe. Oft hattest du es nicht an, gestärkt und gebügelt; sahst im Hemd, trotz deiner vielen verschiedenen Gesichter, immer wie verkleidet aus. In diesen seltenen Hemdmomenten hast du ausnahmsweise mal nicht mir, sondern dir selbst was vorgespielt. Die Falafelsoße am Kinn hat dich verraten. Aber egal ob mit Kraut oder ohne, du hast mich am ausgestreckten Arm verhungern lassen, hast dir währenddessen fingerleckend dein eigenes Süppchen gekocht. Aber selbst du, mein Lieber, kochst nur mit Wasser. Auch wenn ich ganze anderthalb Jahre gebraucht habe, um das zu merken. Nie hast du mir reinen Wein eingeschenkt, nie. Das mache ich jetzt selber.

Runa Behr

Runa Behr studiert in Augsburg Englisch und Französisch für das Lehramt an Gymnasien. Zusätzlich textet sie Kultur- und Musikbeiträge fürs Radio und steht auch selbst als Moderatorin hinter dem Mikrofon. Neben Universität und Hörfunk arbeitet sie in einer Buchhandlung, was ihr Einblicke in den Buchmarkt und die Literaturvorlieben der breiten Bevölkerung ermöglicht. Das motivierte sie dazu, erste eigene Versuche im literarischen Schreiben zu unternehmen. Im Rahmen des Workshopstipendiums der Bayerischen Akademie des Schreibens schrieb sie unter Anleitung von Ulrike Almut Sandig und Jan Valk sehr bildhafte Texte, die eine hohe Affinität für Sprache aufweisen und emotionales Identifikationspotential bieten.