Oliver Boberg …

SCHAU INS BLAU: Ihre neueren Arbeiten, die Sie „Slum“ genannt haben, zeigen dem Betrachter Bilder notdürftiger Behausungen. Sie zeigen Armut, in der die meisten Westeuropäer nicht leben. Waren Sie selbst in solchen Siedlungen?

OLIVER BOBERG: Sie haben jetzt „die Sie „Slum“ genannt haben“ gesagt und das ist schon eine Distanzierung zum Inhalt. Tatsächlich sind es nicht immer Slums. Ich habe für die Arbeiten im Internet recherchiert oder zum Teil auch in Büchern, aber ich war nicht dort. Darauf beziehen sich die Arbeiten auch: Darauf, dass wir nie an den Orten waren, wenn wir zu Bildern Geschichten entwickeln. Ich gebe im Internet bestimmte Suchbegriffe ein, recherchiere in allen möglichen Bilderdatenbanken und sammle mir raus, was ich brauchen kann. Bei etlichen handelt es sich um improvisierte Behausungen, aber manche sind auch Behausungen von Leuten, die sich nicht als minderbemittelt empfinden würden. Slum bezieht sich auf „improvisierte Behausungen“ – das wäre vielleicht der korrektere Begriff dazu.

SCHAU INS BLAU: Ihre Bilder wecken spontan die Assoziation „Slum“, auch wenn man nichts über deren Hintergrund weiß, zum Beispiel in welchem Land so eine improvisierte Behausung liegen könnte. Euphemistische Begriffe wie „spezielle Siedlung“ oder „Marginalviertel“ wirken dagegen immer etwas konstruiert.

OLIVER BOBERG: In diesen Bezeichnungen steckt gleich wieder eine Beschönigung. Ähnlich wie diese Beschönigung ist auch die Reaktion auf solche Bilder; die Beschönigung beinhaltet immer ein Schuldgefühl. Wir beschönigen, um ein Schuldgefühl zu bekämpfen. In der Bezeichnung „Slums“ steckt dagegen eine gewisse Direktheit. Ich suche die Titel meiner Bilder nach Verständlichkeit und Anwendbarkeit auf die Bilder aus. Am Ende ist es die Frage: Gibt es einen Überbegriff, der auf alles möglichst gut passt? Deswegen hieß die erste Serie einfach Orte, die nächste dann Himmel. Weil jetzt aber Slums spezielle Orte sind, wollte ich nicht Orte/Slums erfinden, sondern die Serie auch einfach so nennen.

SCHAU INS BLAU: Das Wort „Slum“ kommt aus dem Englischen als Bezeichnung für Arbeiterviertel oder Arbeitersiedlungen – ähnlich dem Hamburger Gängeviertel. Es hat sich also eine im Westen geprägte Bezeichnung für ein Phänomen durchgesetzt, das in dem Sinne nicht mehr oder jetzt erst wieder in westlichen Kulturen zu beobachten ist.

OLIVER BOBERG: Was ich daran faszinierend finde, ist die zunehmende Dramatisierung des Begriffs. Dass es also ursprünglich diese Arbeitersiedlungen gab, die erstmal auch nur so genannt wurden – nach Art der Gemeinschaftssiedlungen oder Sozialsiedlungen. Das waren, wenn ich das richtig sehe, nicht Siedlungen im Sinne des „improvised housing“, sondern das war eine teils vom Staat festgesetzte und errichtete Architektur und stadtplanerische Form. Erst dann wurde etwas Ungerichtetes daraus. Slums im heutigen Sinne bedeuten in erster Linie Elend, Improvisiertheit, ungerichtete Infrastruktur und städtebauliche Konzeptlosigkeit – also eine wuchernde, unfreiwillige Ansiedlung.

SCHAU INS BLAU: Zwischen Ihren früheren Arbeiten und Slums herrscht ein großer Kontrast. Die Serie Orte zeigt Schauplätze des ganz alltäglichen Lebens. Hat das Alltägliche seine Faszination für Sie verloren?

OLIVER BOBERG: Es gibt immer noch alltägliche Orte, die mich interessieren. Mal sind es Bürohausecken und dann wieder abgewrackte Betongeschichten. Ich habe kein objektives Konzept in meinem Vorgehen, sondern es entwickelt sich zum Beispiel hin zu einem minimalistischen Ansatz mit einem gewissen Malereiaspekt. So konzentriert man sich mehr auf den Aspekt der Malerei in der Art und Weise wie Material sich durch Benutzung und durch die Zeit verändert und erzählt auf diese Weise ganz minimal-assoziative Geschichten von einem Ort, von dem man eventuell gar nicht mehr weiß, wo er liegt. Irgendwann habe ich gemerkt, dass mich diese Slums allein aufgrund ihrer Strukturdominanz interessieren. Für mich ist jeder Ort gekennzeichnet durch bestimmte Materialien, ihre Zusammensetzung, ihre Ausdehnung und Farbe. In Slums wird wahnsinnig viel zusammengebastelt, um Behausungen entstehen zu lassen. Und so ergab es sich, dass plötzlich jedes Bild für sich ein Thema hatte. Das eine war ein Bild improvisierter Behausungen aus altem Wellblech, beim nächsten waren es Zelthütten – vielleicht nach einem Erdbeben oder für wesentlich längere Zeit. Und hier sind wir wieder bei der Definition. Slum einmal als „improvised housing“, als Übergangszeit, dann wieder im Sinne einer Favela, Abbruchstellen aus zusammengetragenen Baumaterialien, die zusammengekittet ein neues Haus ergeben.

SCHAU INS BLAU: Wird die Bezeichnung Slum dadurch entschärft?

OLIVER BOBERG: Schon beim zweiten Bild hat mir ein Freund in meinem Alter, der in der DDR aufgewachsen ist, gesagt, dass es wie bei seinem Opa im Hinterhof aussieht. Ich habe plötzlich gemerkt, wie relativ die Serienbezeichnung war und dass ich sie trotzdem nicht mehr zurücknehmen wollte. Es ist schön, dass die Bilder so offen sind. Deswegen kann ich trotzdem einem Bild, das diese Ambivalenz möglich macht, keinen anderen Begriff geben: „Komischer Ort 5“ oder so. Also blieb ich bei „Slum“, auch wenn das, was ich als nächstes in dieser Serie mache, wieder einen anderen Aspekt von Slum zeigt. Es geht um Menschen, die in einer Art zusammengeklebten Pappkasten – „card-board-houses“ – wohnen. Die werden in allen möglichen Großstädten auf der Welt in Parkhausecken, unter Brücken, unter Übergängen oder in Unterführungen aufgeschlagen. Das ist natürlich kein Slum, denn diese Ansammlungen wuchern immer nur partiell.

SCHAU INS BLAU: Und man hat den Eindruck, sie gehen eine faszinierende Symbiose mit dem Stadtgeschehen ein, sie pflanzen sich sozusagen in Bestehendes ein.

OLIVER BOBERG: Wenn man über dieses Thema redet, muss man sehr vorsichtig die Worte wählen, aber die „card-board-houses“ haben etwas Parasitäres – in einem völlig wertneutralen Sinn. Ihre Bewohner nutzen eine bereits bestehende Wand, wählen eine geeignete, windgeschützte Ecke aus, um dort eine Behausung zu improvisieren.

SCHAU INS BLAU: Das verblüffende an Ihren Bildern ist, dass selbst derjenige Betrachter in ihnen Slums erkennt, der selber noch nie in einem war. Die Frage, die sich notwendigerweise stellt, ist doch, woher kommt dieses Erkennen.

OLIVER BOBERG: Genau! Wenn das funktioniert, ist es gelungen. Man kommt zum Schluss darauf, dass man vorgefertigte Berichte gesehen und gelesen hat. Außerdem sind da aber diese kleinen Kulissen und die Bühnen für Geschichten, die wir im Kopf haben und bei denen man sich fragt, wo habe ich die denn eigentlich her? So war’s gedacht.

SCHAU INS BLAU: Sie bauen die Slums nach – sozusagen dreidimensionale Slums – und lassen sie abfotografieren.

OLIVER BOBERG: Ich baue sie nicht nach, sondern ich erfinde sie – es sind Slumkulissen. Allerdings erfinde ich nicht die ganze Infrastruktur, ich lege alles auf eine Ansicht aus, erzähle – eben wie bei einer Kulisse – aus einer Perspektive. Durch ein improvisiertes Fenster etwa, das halb verhängt ist, sieht man noch dies und das dahinter. Ich deute diese Vielschichtigkeit nur an, den Rest erfinde ich überhaupt nicht.

SCHAU INS BLAU: Und diese Vielschichtigkeit geht nicht durch das Fotografieren verloren, sondern erst im Foto zeigt sich die Inszenierung?

OLIVER BOBERG: Nur durch das Fotografieren springt das über. Das Modell an sich funktioniert nicht und als Illusion erst recht nicht. Alles ist sowieso nur bis zu dem Punkt gebaut, an dem das Foto aufhört. Es steht eine kleine Kamera davor und ich kontrolliere immer wieder mit Zwischenshots und entwickle teilweise mit Photoshop die Komposition weiter.

SCHAU INS BLAU: Das heißt, die Bilder sind schon auf eine Perspektive hin angelegt?

OLIVER BOBERG: Ja! Der professionelle Filmkulissenbauer hat zum Teil ähnlich wie ein Schauspieler die Möglichkeit sich für seine Figur eine ganze Story auszudenken. Wo kommt sie her, wo geht sie hin, wer hat da gewohnt, wen hat sie getroffen? Ich brauche das nicht, weil die Kamera nicht durch meine Kulissen fahren kann. Aber die Geschichte, die von einem Bild erzählt werden muss, die habe ich im Kopf. Das heißt, was ich durch ein Fenster durchsehen lasse, oder was ich zwischen zwei Häusern noch als nächstes andeute, das erzähle ich ja alles – jedes Detail fügt hinzu. Ich nehme meistens schon etwas, das ein kleines bisschen das Klischee unterstreicht; etwas, das die Geschichte lesbarer macht.

SCHAU INS BLAU: Fotografien des Elends werden ja in Hochglanzprospekten auch instrumentalisiert, zum Beispiel um für Spenden zu werben. Haben Sie auch solche Bilder bei Ihrer Recherche berücksichtigt?

OLIVER BOBERG: Komischer Weise nicht. Ich habe mich bei Bildagenturen umgesehen, die tausende von Bildern zu allen möglichen Themen haben. In meinem Atelier arbeiten auch ein paar Profiwerbefotografen und von denen bin ich darauf gestoßen worden. Die suchen bei solchen Agenturen, wenn sie eine Familie bei Sonnenschein im Garten brauchen. Das Faszinierende ist, ich wusste, die Agenturen haben die Bilder vorsortiert nach der Benutzbarkeit für den kommerziellen Bedarf. Und trotzdem sind es Bilder, die unter die Haut gehen! Wir haben trotzdem die in diesem Unrat lebenden Kinder. Der Unterschied ist, die Kinder lächeln fröhlich in ihrer Armseligkeit in die Kamera, der Himmel ist stahlblau und die Sonne knallt. Das scheint schon zur kommerziellen Verwendbarkeit zu reichen. Das fand ich sehr faszinierend. Familienbilder sind genauso darunter, aber es ist eine viel zu junge Frau mit ganz jungen Kindern zu sehen. Die Spannung ist so groß, dass man sich denkt, dass es sich wahrscheinlich um die Mutter und nicht um die Schwester handelt. Die Kinder stecken sich dann ein Zweiglein in den Mund, völlig harmlos, fast schon eine Idylle, aber es ist an sich, wenn man das zuerst sieht, echt schlimm. Dieser Idyllencharakter ergab sich bei mir erst, nachdem ich das 150. Bild gesehen habe. Diesen Instrumentalisierungsaspekt habe ich bei diesen Bildern gesehen. In den Broschüren habe ich ihn aber nicht wahrgenommen.

SCHAU INS BLAU: Die Herausgeber der Broschüren bedienen sich wahrscheinlich bei denselben Bildagenturen oder haben sie Leute vor Ort, die dann aber keine Fotografen sind?

OLIVER BOBERG: Ich kann mir vorstellen, dass derjenige, der für Spenden wirbt, versuchen wird, authentische aber liebenswerte Fotos zu bekommen. Profifotografen sind schon hart im Nehmen, aber ich glaube, eine Person, die vor Ort Hilfe leistet und mit Engagement dabei ist, wird, wenn sie gefragt wird schöne Hochglanzbilder zu machen, auch an ihre Grenze stoßen. Peter Bialobrzeski ist ein Fotograf und beim selben Galeristen wie ich. Er reist, anders als ich, immer durch die Gegend und macht vor Ort seine Fotos. Eine seiner Serien heißt Neontigers, die er nachts in chinesischen Riesenmetropolen fotografiert hat – mit dem vorhandenen Kunstlicht. Auf einer dieser Serienreisen ist er auch an Townships vorbeigekommen und für ihn waren die Gebäude dort als Einzelgebäude Ausdruck eines kreativen Erfindungsgeistes. Sie wurden in seinen Bildern fast zu architektonischen Skulpturen. Aber ich weiß, dass er sich für diese Fotos jemanden holen musste, der die Menschen aus dem Bild gescheucht hat. Er stellte sich mit seiner Kamera auf, hatte seinen Assistenten zum Ablichten und außen herum noch Helfer, die die Leute aus dem Bild brachten. Ich bin sehr froh, dass ich das nicht machen musste! Dieser nüchterne Ansatz des Dokumentarischen birgt eine gewisse Respektlosigkeit, obwohl es nicht so gemeint ist. Im Gegenteil, er möchte ja gerade die Ergebnisse feiern durch seine kleinformatigen Fotos und will zeigen, – das ist ein fieser Begriff – wie schön aber auch einzigartig diese Arbeiten sind. Aber auch das, über Architektur in Slums zu philosophieren, ist schon wieder zynisch. Der ganze Komplex ist moralisch ambivalent. Wir reden ja jetzt eigentlich ganz nackt über den Aspekt der Ästhetisierung des Elends. Damit haben wir zu Recht ein Problem! Wir können aber auch zur Romantisierung des Elends kommen und wir können außerdem diese Sensationalisierung, diesen Schauereffekt haben. Wenn wir uns diese drei Aspekte austreiben könnten und selber glauben, dass wir sie ausgetrieben haben, könnten wir den nächsten Schritt machen. Aber das ist unglaublich schwierig!

SCHAU INS BLAU: Ich bin auf ein Zitat von Ihnen gestoßen, bei dem mich interessiert, ob es korrekt ist. Angeblich haben Sie gesagt: „Die Wirklichkeit interessiert mich nicht!“. Wie verhält es sich bei dem, was Sie machen, mit dem Realitätsbezug? Wenn wir Literatur lesen, haben wir kaum Probleme, deren fiktionalen Status zu akzeptieren. Bearbeiten dagegen Fotografen mit Photoshop Bilder nach, wird das häufig als böswillige Täuschung verstanden. Woher kommt dieser Unterschied.

OLIVER BOBERG: Der zitierte Satz stimmt, ist allerdings vor dem Hintergrund gesagt, dass meiner Meinung nach eigentlich alles, was wir um uns sehen, eine Art von Kulisse ist und schon in irgendeiner Art und Weise visuell gebraucht wurde. Als ich vor zehn Jahren ein Stipendium in Paris hatte – man kennt ja Paris, man hat das alles schon mal irgendwie gesehen, bei New York ist das ähnlich -, hatte ich das Gefühl ich wäre im Fernsehen. In dem Augenblick interessiert einen die Wirklichkeit auch gar nicht, sondern man sitzt einfach in einer Kulisse und genießt genau diesen Wiedererlebenseffekt. Ich habe in Paris niemanden besucht, sondern mich von den Fassaden inspirieren lassen. Manche Arbeiten habe ich dort angefangen und hier im Atelier fertig gebaut. Für mich sollte es Kulisse bleiben.

SCHAU INS BLAU: Es gibt den Begriff des Fingierten, der eine Täuschungsabsicht beinhaltet, und es gibt den Begriff des Fiktionalen. Beim Fiktionalen ist impliziert, dass der Rezipient weiß, dass es sich, zum Beispiel bei einer Geschichte, um eine Fiktion handelt. Könnte man sagen, Sie bieten uns mit ihren Fotografien eine Fiktion?

OLIVER BOBERG: Das nachträglich manipulierte Bild ist eine andere Art von Bilderzählung als das, was ich mache. Ich bin natürlich der Meinung, dass meine Bilder überhaupt nicht fiktiv sind. Ich erfinde das alles – so gesehen wären sie irgendwo fiktiv. Aber ich recherchiere und komponiere, füge hinzu, lasse weg und übertreibe manchmal. Ich glaube, was Sie jetzt gerade gesagt haben, ist verbunden mit den Genres und einer entsprechenden Erwartungshaltung. Wenn Sie vom fiktiven Text ausgehen, bei dem man nach drei Seiten weiß, das Pferd fliegt oder die griechischen Götter werfen mit Blitzen um sich, muss das passend eingebunden werden. Ich glaube diese Genres gibt es so klar bei Bildern nicht. Da ich beim Betrachter diese pure Dokumentationserwartung hervorrufe und konterkariere, bekomme ich schon immer wieder die Frage gestellt, ob es Leute gibt, die sauer gewesen sind, dass sie bei mir hinters Licht geführt wurden. Dann antworte ich, dass es einfach nur ein Spiel ist. Man lässt sich immer auf ein Spiel bei einem Foto ein.

SCHAU INS BLAU: Herr Boberg, vielen Dank für das Gespräch.

Das Gespräch mit Oliver Boberg führte Manuel Illi.

OLIVER BOBERG, geboren 1965, Herten (Kreis Recklinghausen), lebt in Fürth, arbeitet in Nürnberg. Ausbildung: 1986-93 Studium Freie Malerei und Kunsterziehung, Akademie der bildenden Künste, Nürnberg; 1985-86 Kunstgeschichte, Julius-Maximilians-Universität Wurzburg.