Sirene

Liv war eine Sirene – entstiegen den lebendigen, schäumenden Wassern. Das salzige Meer und die skandinavische Sonne hatten Livs Haar ausgebleicht. Satt war das Braun ihrer Haut. Sie sonnte sich in ihrem schwarzen Bikini auf den steinernen Terrassen am Rande des Fjords. Wie Binsen streichelte der Küstenwind die kleinen blonden Härchen auf ihren athletischen Unterarmen. Wann immer ich sie sah oder wir zusammen Zeit verbrachten, fühlte ich mich eingebunden in etwas, das so groß war, dass ich dafür keine Worte hatte. 

Damals hatten Max, Sabrina, Leonie, Freddy und ich uns ein kleines weißgestrichenes Holzhaus auf einer Insel im norwegischen Hordaland unweit von Bergen gemietet. Nach der Schule wollten wir die volle Freiheit: Sommer, weite, wilde Landschaft. Wir paddelten von unserer Unterkunft zum Supermarkt, wo wir Brot, Aufstriche und Zigaretten besorgten. Wir lagen in den Wiesen oder auf den mit Flechten gepolsterten Felsen und rauchten. Wir bliesen Rauchkringel unter das knallblaue Dach. Dass ich im Herbst an der Technischen Universität in Berlin Maschinenbau studieren würde, kam mir dort zwischen Fjorden, Felsenklippen und Kiefernwäldern mindestens eine Galaxie weit entfernt vor. Die Wärme säugte unsere Körper, Muße nährte uns und machte die Seelen wunderbar leicht.

Oft fing ich den Fisch selbst. Den einen Tag, während ich den Blinker an der Angelschnur tänzeln ließ, hörte ich eine Stimme in meinem Rücken. 

»You caught a fish?«

Die Götter hielten die Tage eine zögernde Sekunde an.

Mir fiel vor Schreck die Zigarette aus dem Mund, landete auf meinem Fuß, die Glut fraß sich in meine Haut. Ich versuchte, mir nichts anmerken zu lassen, während ich mir der schönen jungen Frau ganz gewahr wurde. Ihre Augen waren so lebendig, ihr Körper voller Spannung. Woher kam diese skandinavische Sirene? War sie womöglich über den Bifröst in die Welt der Menschen heruntergestiegen?

»Got lucky this morning«, sagte ich und schnippte die Zigarette mit dem anderen Fuß ins Gras und legte die Angel ab. Das Brandmal tat höllisch weh. 

Liv kicherte.  

»Great!«, sagte sie. »Where are you from?«

»My name is Enno and I am from Germany. We are on holiday. My friends are up the hill.« Ich zeigte mit dem Arm in Richtung des ansteigenden Pfades hinter unserem Bootshaus. Zum Angeln hatte ich die felsigen Schären aufgesucht, die unsere Badebucht, in der auch der hölzerne Bootssteg trieb, einrahmten. 

»I´m Liv! Wie geht es dir?«, fragte sie mich. 

»Du sprichst Deutsch?«

»Ich habe es gelernt in die Schule«, antwortete sie.

Ihr norwegischer Akzent, das fremdvertraute daran machte mich ganz verrückt. Liv trat einen Schritt näher an mich heran. Unter ihrem weißen, enganliegenden T-Shirt zeichneten sich die Umrisse ihres schwarzen Bikinis ab.

»Darf ich sehen?«, fragte sie mich und zeigte auf den weißen Plastikeimer, der neben mir auf dem Boden stand. 

»No problemo.«

»En makrell«, sagte Liv. Der Fisch hatte ein silbern bläuliches Tigermuster auf dem Rücken. Er bewegte sich nicht. Es war schon Mittag und die Sonne brannte.

»Wohnst du hier auf der Insel?«, fragte ich.

»Ich bin heute Morgen mit dem Kayak gekommen, von die andere Seite.«

Liv zeigte in Richtung Süden, in die ich meinen Blinker ausgeworfen hatte. Dabei schob sich die rechte Seite ihres Oberteils ein wenig nach oben und gab dabei den Blick auf ein Tattoo in Höhe ihrer Taille frei. Ich meinte, den schwarz in die Haut eingestochenen Umriss eines Quallenschirms zu erkennen. Die Gewässer hier wimmelten nur so von Feuerquallen, wenn die Strömung ungünstig war.

»Meine Eltern wohnen in Bergen, mit dem Auto braucht man eine halbe Stund«, erklärte Liv. 

Nimm mich mit, lass uns zusammen in den Sonnenuntergang paddeln, wünschte ich, und das Brandmal auf meinem Fuß pochte heiß. 

»Ich muss auch zurück zu meinem Kayak. Wir sehen uns – Hei!«, sagte Liv. 

»Ja, cool, sehr cool«, sagte ich und dann schaute ich ihr hinterher, wie sie leichtfüßig von einer Schärenformation zur nächsten sprang und hinter Kiefern und Gebüsch verschwand. 

Ich schnappte mir meine am Boden liegende Angel, hängte den Blinker auf Spannung in eine der Metall-Ösen ein und nahm den Eimer mit der Makrele in die andere Hand. Ich fühlte mich wie auserwählt. Geschwind ging ich am Bootshaus vorbei und zurück zu unserer Holzhütte. Ich musste den anderen von ihr erzählen … 

In einer dieser Nächte, in denen sich das Gefühl einstellt, man könne die Ewigkeit zwischen den Sternen atmen, zwischen Feuer und Funkenschlag, legte sie ihre Wange auf meine Schulter, und ich spürte, wie elektrisierend ein zartes Sich-Berühren wirken kann. Erst später las ich auf ihrem Körper die Worte dazu: Die Schwalben streifen die Fluten / Und trinken Fahrt und Nacht. 

Am nächsten Morgen hatte ich meine Angel schon früh wieder an der gleichen Stelle ausgeworfen. Auch wenn mir mein potentieller Fang gleichgültig war, hatte ich gegen Mittag doch einige Dorsche und Makrelen gefangen. Nur von Liv keine Spur. 

Später saßen wir kaffeetrinkend vor unserer weißgestrichenen Ferienunterkunft im Schatten eines gelben Sonnenschirms. Ich schlug den beiden Pärchen vor, die Fische am Abend über dem Feuer zu grillen und es uns mit Decken und Gitarre dabei bequem zu machen. 

»Und was ist mit deiner Fergie?«

 »Audrey Hepburn! «

»Ach, seid still«, sagte ich. »Wenn, dann Sirene!«

Ich sah sie als erster den kleinen Pfad heraufkommen. Das unwegsame Gelände machte ihr nichts. Ich winkte ihr zu und rief: »Hallo Liv! Komm doch rüber!«

»Hei Enno!«, rief sie und meinen Namen aus ihrem Mund zu hören, machte mich stolz. 

Katapultartig sprang ich von meinem Plastikstuhl auf und zog für mein Mythenwesen einen weiteren heran. Ich fühlte mich wie ein Entdecker, dessen allseits belächelte Erzählungen völlig unerwartet beglaubigt wurden. Während ich drinnen heißes Wasser in den mit Kaffeepulver gefüllten Filteraufsatz goss, kamen meine Freunde mit Liv ins Gespräch. 

»Tusen takk for kaffen«, Liv strahlte mich an. Es war dann Freddy, der sie freundlich einlud, heute Abend mit uns am Lagerfeuer zu grillen.

Was ich von Liv lernte, war eine brodelnde, starke Liebe. Das begann, als ihre Wange meine Schulter fand. Und führte sich fort, als sie über Nacht bei uns blieb und mir im Schein der Lagerfeuerflammen ihr Tattoo zur Gänze zeigte: Eine filigran gestochene Feuerqualle, deren Arme sich um verschiedene Symbole legten, die für elementare Dinge in Livs Leben stehen mussten. Ein Kunstwerk, ein Gleichnis aus Tinte von der Taille zum Rücken bis hoch zur Schulter. Lediglich schwarze Farbe hatte sie sich unter die Haut stechen lassen. Besonders gut erinnere ich mich an das kantige Motiv eines Keilers. Ich betrachtete es als eine dem Körper eingeschriebene Liebeserklärung an den Norwegian Way of Life. Auch die nordische Göttin Freya ritt auf einem Eber, Hilisvini genannt. 

Und dann gab es einen Vers auf ihrem Schulterblatt, von einem weiteren Tentakel jugendstilartig eingerahmt. An jeder der vier Ecken prangte ein Vogel mit sichelförmigen Flügeln. Darin die Benn‘schen Verse. 

Ich weiß noch, mit welcher Inbrunst sie das Gedicht auf Deutsch vortrug. Meistens saßen wir dann nach etlichen Gläsern Rotwein auf ihrem Balkon. Auch heute noch diese Gänsehaut, wenn die vorletzte Strophe ausklingt: Der Sommer stand und lehnte / und sah den Schwalben zu.

***

Draußen raste ein Krankenwagen mit einem schrecklich lauten Martinshorn die Straße entlang. Die U-Bahn rasselte oberirdisch vorbei. Eine leichte Vibration durchzog die Hauswände. Ich schloss das gekippte Fenster. Mittlerweile war ich zwischen Spree, Friedrichshain und dem Potsdamer Platz angekommen. Dafür brauchte ich aber das ganze erste Semester. Berlin war schneller als mein Lebensrhythmus. Ich brauchte einige Monate um mitzuhalten. 

Dann. Ein gutes Jahr später. Das zweite Semester meines Maschinenbau-Studiums lag in den letzten Zügen, als auf meinem Laptop das kleine blaue E-Mail-Fensterchen Post verkündete. Es war Liv. Sie würde für das anstehende Wintersemester nach Berlin kommen. Ich hielt es für einen Scherz, doch Witze dieser Art passten nicht zu Liv. 

Meine Gedanken wühlten sich ins Vergangene, durchquerten Zeit und Raum. Und dann hatte ich es wieder: Dieses Gefühl eines Lebenssommers. Von Fjorden, Sonnenbädern und von Liv flankiert.  

Die Formeln und Definitionen für die Mechanik 2-Klausur verblassten, stattdessen: Livs ausdrucksstarkes Gesicht, ihre blonde Mähne, die sie damals in künstlerisch-feinen Hochsteckfrisuren gebändigt hatte. Die an ihrer gebräunten Haut herabrinnenden Salzwassertropfen vermaßen Liv wie ein Kunstwerk immer wieder neu. 

Ich hatte nicht gedacht, dass wir uns nach der Zeit im norwegischen Hordaland noch einmal wiedersehen würden. Auch wenn das Lied meiner Sirene immer wieder durch die Wellen meines Alltags brach. Liv tauchte aus den Wassern hervor, mitten in die kleine Nussschale meines Jetzt. Sie würde nach Berlin kommen.

Langsam fand diese unverhoffte Nachricht ihren Weg in meinen vom Lernen verklebten Kopf. 

Noch am selben Abend, als die Sonne im Rot des Abends ertrank, antwortete ich Liv. Die Götter hatten wohl was übrig für mich. Vielleicht gab es eine gemeinsame Zukunft für uns. Mein Mund fühlte sich trocken an. In meiner Brust zitterten Glücksgefühle wie die Flügel eines Zitronenfalters, der aus seiner Winterstarre erwacht. 

»Willkommen in der Hauptstadt! Verrückt, du bist echt hier.« 

Ich sah ihr in die grün-blauen Augen. Die Faszination war ungebrochen. 

»Ja, Enno, es ist gut, dass ich dich hier kenne. Ich will alles wissen von diese Stadt, es muss so viel geben zu erleben!«

Die goldenen Kreolen wippten im Takt ihrer Bewegungen mit, zierten die Feinheit ihres schönen Halses. 

»Aber hallo, das gibt es! Manchmal auch zu viel.« 

Als sich die ersten Blätter langsam vom tiefen Grün des Sommers verabschiedeten, saßen Liv und ich an der Spree. Unsere Beine ließen wir über dem Fluss baumeln. Wir fanden kein Ende beim Erzählen. Nippten wie um kurz zu verschnaufen an unserem Radler. Liv würde ihr sechstes Semester an der Freien Universität ableisten und hatte ein Zimmer in Wedding gefunden.

Die brodelnden Wolkenformationen über der Stadt verhießen nichts Gutes. Wir teilten uns noch ein Radler. Wind kam auf und wir fuhren mit der U-Bahn nach Wedding, in Livs neue Wohnung. Dort zeigte sie mir ihr Tattoo. 

»Schau mal, hier. Das ist mir beim Klettern passiert: Ein Stein wie ein Messer!«

Liv zog den Bund ihrer Hose herunter, ihr T-Shirt ein wenig nach oben. Eine noch rosige Narbe lief quer durch das Motiv, durchschnitt einige Arme der Qualle. Die sogenannte Löwenmähne, wie man diese Feuerquallenart in Norwegen nennt, hatte durch die Verletzung auf Livs Haut ihre Verbindungen zwischen den Symbolen verloren. Ich küsste Liv auf jene Stelle. Sie zuckte den Reflexen geschuldet kurz zurück, musste dann aber kichern. Ich war nie abergläubisch gewesen. Spuckte auf kaputte Spiegel und die Sache mit der schwarzen Katze.

Deshalb sah ich darin auch kein Omen für das, was in den kommenden Monaten mit Liv geschehen sollte.

»Enno, du bist süß! Du brauchst keine Sorgen haben.«

Das war nicht das, was ich von Liv gerne gehört hätte, als ich sie auf ihren kaum zu übersehenden Schlafmangel ansprach. Ein eisiger Ostwind blies durch die Straßen und fegte über die freien Plätze Berlins. Die Trübheit des Novembers verdeckt so manche Farbe. Aber mir war, als strahlte Livs Licht nicht mehr so hell wie sonst. Ich wollte sie so erhalten, wie sie mir vor eineinhalb Jahren unter dem herrlichen, skandinavischen Himmel begegnet war. Sie nicht mit dem Scheiß-egal-Gefühl der Großstadt teilen. Sie sollte nicht wie eine Löwenmähne in den Wogen eines Sturms herumgewirbelt werden.  

Liv spielte geistesabwesend am weich gewordenen Wachs der Kerze, die vor uns auf dem Bartisch brannte. Das abgeknibbelte Wachs hielt sie in die züngelnde Flamme, die sofort zu rußen begann. Irgendwie wollte ich die Balance finden zwischen einem allzu elterlichen Ton und einem allzu verliebten Nachfragen. 

Liv trank von ihrer Berliner Weiße mit Waldmeistersirup. Sie war vollkommen verrückt nach dem Zeug. Ich räusperte mich.

»Morgen also am Vormittag zum Flohmarkt am Boxi?«, fragte ich. 

»Ja, ganz gerne. Du weißt, Enno, ich wollte schon lange haben einige Sachen für mein Wohnung. Einen kleinen Tisch für neben das Bett und diese – wie sagt man – für Tee zum hineingeben …«

»Teekanne«, rief ich.

»Genau diese! Wann wollen wir uns dann treffen? Später gehe ich noch in einen Club mit diese Leute von AStA; sie sind sehr cool«, sagte Liv.

Der Club hieß Exit. 

»Vielleicht so gegen halb elf, elf? Du kannst später gerne zu mir kommen und bei mir schlafen, wenn du willst. Dann fahren wir zusammen zum Boxi«, schlug ich vor. 

Der Abend war noch jung. Liv und ich saßen in einer mit dunklem Holz ausgekleideten Bar in Kreuzberg unweit vom Görlitzer Park. Von der Decke hingen Vintage-Glühbirnen weit in den Raum hinein, durch deren dünnwandige Glaskörper die Glühfäden wie geschmolzener Stahl leuchteten. Links von mir schlugen Flammen an die Innenseite einer Kamintür. 

»Das ist nett von dir, Enno. Wenn ich näher bin an deiner Wohnung als an meine, dann komme ich zur dir.«

»Wo trefft ihr euch denn?«, fragte ich Liv.

»Wir treffen uns an der Schönhauser Allee, um 10 Uhr.« 

Liv tanzte gerne. Ich bewunderte ihre selbstvergessenen, souveränen Bewegungen. Sie schien die natürlich gegebene Gewichtskraft zu minimieren, sobald Musik einsetzte. Liv schwebte über fast allem. Wie eine Seiltänzerin, die von der Schlucht unter sich nichts wahrzunehmen scheint. 

Dann sah ich auf die Uhr.

»Oh, du musst ja gleich los. Einen Moment«, sagte ich zu Liv und streichelte ihr im Vorübergehen über den Unterarm. Sie hielt mich am Oberarm fest und drückte mir einen Kuss auf die Wange.

Als ich von der Toilette wiederkam, schwankte der Raum, die Thomas-Edison-Glühbirnen schwammen im Raum wie leuchtende Tiefseequallen. Zerfranste Flossen, Gliedmaßen wie Begräbnisschleier in einer absoluten Schwärze, in der sich trotzdem Leben findet. Ich durchquerte den Raum, vorbei am Barkeeper, der dort Spirituosen und geheime Ingredienzien zu ordnen schien. Unser Tisch war frei. Keine Spur von Liv. Auf der Rückseite der Rechnung stand in geschwungener Handschrift: »Komme später zu Dir. Erkläre es dann. Kuss, Liv.«

Philipp Schlüter

Philipp Schlüter, geboren 1989 in Vlotho (Ostwestfalen), absolvierte nach dem Abitur ein Freiwilliges Soziales Jahr auf Sylt. Anschließend studierte er an der Universität Bamberg Germanistik und Geschichte. Nach zweijährigem Volontariat im Ausstellungsbereich am Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut, ging es 2017 wieder zurück ins oberfränkische Bamberg, um sich im liebgewonnen Umfeld dem Master-Studium der Neueren Deutschen Literatur zu widmen. Er arbeitete als freier Mitarbeiter bei der Neuss-Grevenbroicher Zeitung und veröffentlichte etliche Literaturkritiken und Interviews bei der studentischen Zeitschrift Rezensöhnchen. Vorwiegend widmet er sich der Lyrik, durch die Bayerische Akademie des Schreibens entstand nun der erste fertige Prosatext.