Stadt der Perlen

Wenn ich eine Farbe sein könnte, wäre ich weiß. Erinnerst du dich noch daran? Ich kann dein Flüstern in der Dunkelheit hören und wie ich sagte, hä, wieso denn weiß, ich wär lieber rosa. Kleine Heimlichkeiten, die wir von Bett zu Bett im Kinderzimmer austauschten.

Seitdem sie zwölf ist, besteht sie darauf, nur noch Neel genannt zu werden. Ich habe ihr den Gefallen getan, aber Amma und Baba haben sich zunächst geweigert, bis sie auf Neelima einfach nicht mehr hörte.

Unsere Umarmung am Bahnsteig ist kurz und flüchtig, sie weicht meinem Körper aus. Trotzdem spüre ich, wie schmal ihr Rücken ist unter dem festen Wollstoff, wie scharf umrissen ihre Schultern sind. Sie versteckt sich in dem weiten grauen Mantel, obwohl sie früher am liebsten enge Jeans und T-Shirts getragen hat. Amma hat sie oft kritisiert, weil ihre Kleidung zu körperbetont sei. Jetzt trägt sie auch keinen Schmuck, nur die kleine weiße Perle in ihrem linken Nasenflügel ist geblieben. Wenn er sich beim Sprechen oder Lachen weitet, bewegt sich die Perle mit, es hat mich immer fasziniert. 

»Wie war die Fahrt?« 

Neel hebt die Schultern. Dabei rutscht der Riemen ihrer grünen Sporttasche ein Stück herunter und sie hält ihn rasch fest, klammert ihre Hand daran. 

»Die Regionalbahn aus Würzburg hatte Verspätung«, sagt sie, »aber es ging.« 

Ihre Tasche sieht schwer aus, ich würde ihr anbieten, sie zu tragen, doch ich bin sicher, sie würde ablehnen.
Vielleicht meintest du ein Weiß wie Atta, das Mehl, das Ammas Hände mit ungewohnter Weichheit überzog, wenn sie Chapatis backte. Feine weiße Handschuhe an braunen Handgelenken. Wie oft standen wir nebeneinander in der Küche und sahen ihr zu?
Ich habe meine Schwester seit fast zwei Jahren nicht gesehen, das letzte Mal auf meiner Hochzeit. Und jetzt, als ich glaubte, das mit dem Verschwinden sei ihr endlich gelungen, steht sie wieder vor mir. 

Wir verlassen das leere Gleis. Neel geht rechts von mir, sodass ihre Sporttasche zwischen uns hängt. Meine Wohnung ist nicht weit, nur zwei Straßen vom Bahnhof entfernt, doch zu weit, um zu schweigen.
»Ich habe Chicken Biryani gemacht«, sage ich. 

Sie lächelt, breit, die kleine Perle schiebt sich zur Seite und leicht nach oben. »Dann hat sich die Fahrt ja gelohnt.« Ich habe gleich nach dem Aufstehen begonnen, das Hühnchen zu marinieren und den Reis vorzubereiten. Dann alles abwechselnd in einen großen Topf geschichtet, Fleisch, Soße und Reis, wie Amma es mir beigebracht hat, und mindestens drei Stunden garen lassen. Ich weiß, dass Ravi in meiner Abwesenheit, wann immer er an dem Topf vorbeikommt, den Deckel heben wird, um von dem Safranreis zu naschen, und Jai wird er auch ein paar gelbe Körner geben, die der kleine Mann dann von der Handfläche schlecken wird, die Patschehand flach vor den Mund gepresst. 

Amma hat den Nachbarn manchmal Essen vorbeigebracht, Biryani an Dussehra und Diwali, aber auch einfach so. Wir haben immer nur die leeren Teller zurückbekommen. Wenn ich gebacken habe, bringe auch ich Kuchen vorbei, oder Samosas oder Pakore. 

Wir wohnen in einem der wenigen Mehrfamilienhäuser im Ort, es war nicht leicht, etwas zu finden. Unter uns ein älteres Ehepaar, die Vogels, die nie grüßen und Ravi und mir seit Jais Geburt nur noch finstere Blicke zuwerfen, wenn wir ihnen im Treppenhaus begegnen. Als würde Jai mehr schreien als andere Babys. Ihnen bringe ich keine Samosas. 

All das würde Neel wohl nicht interessieren. Sie holt eine Zigarettenschachtel aus ihrer Manteltasche, ohne zu fragen, ob es mich stört. Sie sollte nicht mehr rauchen. Schon immer habe ich das Gefühl, mich um sie sorgen zu müssen, obwohl sie doch die Ältere ist. Sie spürt meinen Blick und zögert. Die Zigarette hängt locker zwischen ihren Fingern wie eine schlecht durchdachte Requisite, mit der sie nichts recht anfangen kann.

Als Neel mit dem Rauchen anfing, musste ich schwören, nichts zu sagen. Natürlich bemerkte Amma es trotzdem und mehr als ihr Zorn beeindruckte mich nur Neels Unerschrockenheit. 

Jetzt steckt meine Schwester die Zigarette zurück in die Schachtel und verdreht leicht die Augen, als täte sie es nur für mich. Ich beschließe, es zu ignorieren. Kurzes Schweigen, das ich mit nichts Sinnvollem füllen kann.
»Ich hatte schon Angst, Amma und Baba am Bahnhof zu treffen.« 

Sie lacht verlegen, die Perle wandert nach links und ich frage mich, warum sie das sagt, wenn es ihr unangenehm ist. 

»Aber morgen kommst du doch mit?« 

Ein kleines Nicken. »Wie geht es ihnen denn?« 

»Gut. Amma ist ganz verrückt nach Jai, sie kommt ständig vorbei. Baba ist wie immer.« 

Immer noch nennt er mich manchmal Moti. Früher habe ich mich gern künstlich brüskiert, dass er mich als Dickerchen bezeichnete, um ihn augenzwinkernd sagen zu hören, er meinte natürlich die zweite Bedeutung, ich sei seine Perle. Hyderabad ist schließlich die Stadt der Perlen. Und die des besten Biryanis in ganz Indien. Neel nannte Baba nie Moti, aber sie war ja auch immer dünner als ich. 

Oder weiß wie die marmornen Tempeltürme des Birla Mandir, die vor dem blauen Winterhimmel über Hyderabad glänzten. Ein Strich aus roter Sandelholzpaste auf deiner Stirn, den der Tempelpriester dir aufgemalt hatte. Als Amma nicht hinsah, hast du die Farbe rasch mit dem Handrücken abgewischt. 

Wir waren erst dreimal in Hyderabad und es hat mich stets etwas überfordert. Ich glaube, Neel gefiel es besser. Mit seinen gut sieben Millionen Einwohnern ist es eine Stadt, der ihre Menschen ganz gleichgültig sind, die sich nicht darum schert, wenn sie gehen. Dort wäre es meiner Schwester sicher leichter gefallen, zu verschwinden.

Blau und pink gemusterte Saris neben akkurat gestutzten Schnurrbärten unter schwarz glänzenden Gelfrisuren. Leuchtend gelbe Autorickshaws, die zwischen silbernen Scootern die Straßen verstopfen. Hellhäutige Frauen in westlicher Kleidung, die von bunten Werbeplakaten herunterlächeln. Fair and pretty. Wenn wir Uncle Sureshs Familie in Birmingham besuchten, besorgte Neel sich immer einen Vorrat an Bleaching Cream. Sie cremte sich mit hartnäckiger Ignoranz jeden Abend Gesicht und Arme ein, obwohl sie doch merken musste, dass das Zeug nichts half. Baba sagte, es sei verschwendetes Geld. 

»Wie läuft es denn in München?«, frage ich. 

»Alles super.« 

Ihr Blick ist herausfordernd, die Perle bleibt reglos. Ich habe oft überlegt, wie sie dort wohl lebt, was sie tut, wenn sie niemanden mehr hat, dem sie trotzen kann. Aber ich frage nicht weiter nach.

Die Sonne kommt durch für einen flüchtigen Moment und ein rötlicher Hennastich glänzt in ihrem Haar. Sofort wirkt die Herbstluft wärmer, die Straße weniger grau.

Neel meinte einmal, es läge an diesem Ort, aber ich glaube, Amma und Baba waren schon immer so. Wir fragten uns beide, was sie hier hielt. Vielleicht dasselbe, wie mich jetzt. Zu wissen, was man hat. Wir hätten nach Stuttgart ziehen können, wo Uncle Manoj lebt oder zu Aunty Kavita nach Köln. Vielleicht wäre es Neel in so einer Stadt ja besser ergangen. 

Sie hat München gewählt, dort kennen wir niemanden. Ich hätte nicht diesen Mut besessen. In München würde mich die Frisörin bestimmt nicht jedes Mal lautstark um meine dicken, schwarzen Haare beneiden und meinen, die Inderinnen hätten eben Glück mit ihren Genen. In mancher Hinsicht kann ich sie verstehen.Ein Stück laufen wir schweigend. Neel trägt sichtlich schwer an ihrer Tasche und ich gebe vor, es nicht zu bemerken. 

Als wir klein waren, spielten wir noch viel mit den anderen Kindern im Ort. Neel hat sich dabei ständig verletzt. Auf dem Spielplatz ist sie vom Klettergerüst gestürzt oder unsanft gelandet, wenn sie von der schwingenden Schaukel sprang. Sie war auch gut darin, mit dem Fahrrad mitten in die Brombeerhecken am Ende unserer Straße hineinzurasen, wo das Feld beginnt. Ich bin dann immer schnell gelaufen, um Amma zu holen. Wenn wir zurückkehrten, lag sie manchmal tatsächlich noch heulend am Boden, die Male, als es wirklich schlimm war, als sie sich den Knöchel verdreht oder das Handgelenk gebrochen hatte. Aber häufiger stand sie schon wieder und tat, als ob nichts sei, als ob sie nie geweint hätte und war wütend auf mich, weil ich Amma hergebracht hatte. 

Sie sollte auch mit mir zusammen von der Grundschule nach Hause gehen, aber das tat sie selten, oft lief sie voraus, weil ich ihr zu langsam war. Sie wartete dann vor dem Straßenschild, damit wir gemeinsam das Haus betreten konnten und es aussah, als hätte sie mich den ganzen Weg begleitet. Sie gewann nichts dadurch, schließlich musste sie ja doch auf mich warten, aber für sie war es wohl nicht das Gleiche. 

Weiß wie die Mandalas, die an Dussehra die Straßen verzieren. Du hast mit dem Kreidepulver akkurat verschlungene Linien auf den Asphalt gezogen und ich setzte gelbe Blüten dazwischen.
Wir sind fast da. Ihre Sporttasche zwischen uns versperrt mir den Blick auf ihren Bauch, es ist wohl ohnehin noch nichts zu sehen. Ich muss es jetzt ansprechen.

»Wie weit bist du?« 

Sie lächelt auf meine Frage, als hätte sie nur darauf gewartet, doch sie blickt weiterhin nach vorn. Ich betrachte ihre Perle im Profil. 

»Ich hab noch Zeit.« 

»Und dann?« 

Meine Schwester hebt die Schultern.

Christina Weidl

Christina Weidl, geboren 1996, studiert Kommunikationswissenschaft, Germanistik und Allgemeine Sprachwissenschaft in Bamberg. Nach der Schule lebte sie im Zuge eines Freiwilligen Sozialen Jahres elf Monate lang in Indien. Neben der Arbeit im journalistischen Bereich und in der Unternehmenskommunikation schreibt Christina bereits seit vielen Jahren literarische Texte. Sie hat mehrere Theaterstücke für Kinder sowie 2010 einen Jugendroman veröffentlicht.