(Un-)Ruhe #3 — Unser Haus

(Un-)Ruhe #3 — Unser Haus

Auszüge aus dem Gedichtband Unser Haus (2022)

von Emilya Icer

Wohnzimmer

Lieg in dei­nem Shirt,

Kilo­me­ter ent­fernt von dir,

es riecht nicht mehr nach dir,

viel­leicht riech ich dich auch ein­fach nicht mehr,

viel­leicht hab ich mich still und heim­lich ein biss­chen verliebt,

du warst das wun­der­schö­ne Haus am Stadtrand

auf dem Ein­sturz­ge­fahr stand,

ich wollt es trotz­dem unbe­dingt haben.

Ein paar Tage im Wohnzimmer,

dann ist es eingestürzt,

so uner­war­tet erwartet,

denn trotz der War­nung wirk­te es stabil,

viel­leicht war ich naiv,

viel­leicht find ich Kraft und bau´s irgend­wann mal wie­der auf,

viel­leicht steht auf der ande­ren Sei­te ein noch viel schö­ne­res Haus.

Hock auf den Trümmern,

sie ver­lie­ren an Schönheit,

je län­ger ich sie anstarre.

Der Staub brennt auf der Haut,

misch Wut in die Trau­er und plötz­lich sieht alles anders aus.

Blitzableiter

Du bist wie ein Blitzableiter;

ich kenn kei­nen Ort,

an dem ich siche­rer bin als mit dir.

Ohne zu wis­sen, dass es drau­ßen zuzieht,

hältst du mich warm.

Bei dir ist Frieden,

auch wenn drau­ßen Krieg herrscht

Du bist wie eine Schutzmauer,

die mich den Lärm drau­ßen ver­ges­sen lässt.

Du bist wie ein Bilderbuch,

das stän­dig ein Ide­al repräsentiert;

nur ver­suchst du es nie zu sein,

son­dern bist es in sei­ner natür­lichs­ten Form.

Mit dir ist alles gesund

ohne dar­an arbei­ten zu müssen.

Liegst du nachts wach und kriegst den Kopf nicht frei

Liegst du nachts wach und kriegst den Kopf nicht frei;

ver­suchst du manch­mal aufzustehen

und schaffst es nicht, weil sich jeder Mus­kel anfühlt wie Blei?

Zuckst du zusam­men, wenn du mein Auto  vor­bei­fah­ren siehst;

weißt du wel­chen Weg du neh­men musst,

um nicht auf mich zu treffen,

und schaffst es doch nicht ihn zu nehmen?

Wird alles ver­schwom­men, wenn du dein Hemd anziehst

 und dann bemerkst, wann du es das letz­te Mal anhattest?

Gehst du manch­mal in unse­re Playlist,

weil du denkst es tut nicht mehr weh, und hältst doch nicht ein Lied aus?

Fragst du dich manch­mal, wo ich gera­de bin und endest in Tränen,

weil jeder Ort, an dem du nicht bist, der fal­sche für mich ist?

Willst du manch­mal alles löschen und hängst doch zu sehr an der

Erin­ne­rung?

Erzählst du dei­nen Freun­den, alles cool, und zer­brichst dar­an, so zu tun?

Suchst du stun­den­lang nach einer Medizin

 und lan­dest mit einer Fla­sche Wein zwi­schen Menschen,

 die dich gar nicht interessieren?

Ver­lässt du kei­ne Par­ty mehr allei­ne, weil du Angst vor der Stil­le hast?

Und wenn du sie küsst und die Augen schließt,

siehst du dann manch­mal mich,

wenn du nachts auf unse­rer alten Bank sitzt und die Hand vor den Augen nicht siehst,

siehst du dann mich?

 
Emilya Icer, Unser Haus, online bestellbar, 12,30€, ISBN-13: 979–8406771457.