(Un-)Ruhe #4 — Fragmente des letzten Jahres

(Un-)Ruhe #4 — Fragmente des letzten Jahres

von Philipp Pschera

26.12.

Es ist ein Durch­at­men, ein weih­nacht­li­ches Durch­at­men. Neu sam­meln. Doch ich füh­le mich allei­ne, auch weil nichts pas­siert, außer der kal­te Wind, der durch mei­ne Haa­re weht. Charles sagt, dem Den­ken eine Pau­se geben. Es wird obsessiv.

Mehr Kon­takt, wie­der Kon­takt — doch ich kann es gera­de nur schwer. Lebe gera­de gern bei die­sen eisi­gen Zei­ten in mei­nem Schne­cken­haus. Zurück­ge­zo­gen. Wohl über­legt? Ratio­nal? Illu­si­on und Ver­stei­fung. Charles hat recht. Es ist obs­zön nach der eige­nen Bedeu­tung in der Welt zu suchen und dar­auf zu pochen. Huch, ich habe nach­ge­dacht. Weiß also schon alles, was Du mir sagen willst — ich bin doch nicht dumm. Kampf des Egos ver­stan­den zu wer­den und immer schon zu ver­ste­hen. Aus­ge­dacht und durch­ge­dacht. Die eige­ne Ego­zen­trik gilt. Wohin mit mir. Es ist ein eige­ner Schmerz und nicht der Welt­schmerz, der mich bedrückt. Ich bin gezwun­gen inne­zu­hal­ten und „zu sein“, wie auch immer. Trä­nen, Über­for­de­rung, kei­ne Ver­ar­bei­tung des Erleb­ten — ich erle­be viel. Doch alles prallt ab am eige­nen Pan­zer mei­ner geschlos­se­nen Per­sön­lich­keit. Ist es Gegen­warts­be­wäl­ti­gung? Oder ein drin­gen­der Hil­fe­ruf, ein Appell. Schon alles zu wis­sen und durch­dacht zu haben. Stän­di­ge Über­for­de­rung und Miss­ver­ständ­nis­se. Wo bist Du? War­um ein Anspruch auf Ver­ste­hen? Immer der glei­che Gegen­stand der Ego­zen­trik. Ist es Lan­ge­wei­le. Nein das nicht, ich will es nicht so sein lassen.

Ener­gien spü­ren, Leben, Bewe­gung, es tut sich etwas. Sti­mu­la­ti­on des Ner­ven­sys­tems, Auf­re­gung — viel­leicht genau des­halb auch eine Suche nach Miss­ver­ste­hen und Über­for­de­rung. Eine selbst­zer­stö­re­ri­sche Obses­si­on. Die Geschich­te ver­ges­send. Immer wie­der aufs Neue.

Ein doch lie­bes Lamm im Wolfs­pelz auf der Jagd nach Schaf­fen, um es ihnen gleich zu tun und ein Teil ihrer zu wer­den, halb Lamm, halb Wolf. Doch alle haben Angst und sind des­halb getrie­ben. Unab­läs­sig. Unab­läs­sig auch die stän­di­ge Selbst­be­zie­hung in ein kar­te­si­sches Sys­tem hin­ein, ohne über­haupt zu wis­sen, geschwei­ge denn zu ver­ste­hen. Ein Anspruch schon über alles Bescheid zu wis­sen und Urtei­le fäl­len zu kön­nen, wie Bäu­me — doch genau­so ergeht es dem­je­ni­gen, wie der viel­leicht unpas­sen­de Ver­gleich des Baums im Ver­hält­nis zum Klimawandel.

 

Ich sit­ze hier in neu­em Man­tel, die Son­ne scheint mir auf den Kopf und reflek­tiert in den Glä­sern mei­ner Brille.

Doch mein Rücken tut weh, der Hals schmerzt und der eige­ne Anspruch alles wis­sen zu müs­sen, auch nur für mich selbst, erdrückt mich. Wie kann ich hier nur mein eige­ner Sozia­list sein in einer Welt, in der sich jeder schon selbst aus­beu­tet. Wobei ich jemand bin, der Aus­beu­tung und Arbeit von außen noch nie groß erfah­ren hat.

 

—> Charles sagt, dem Den­ken eine Pau­se gön­nen — doch such Dir nicht immer fana­ti­sche Man­tras und höre auf immer starr dar­an zu glauben.

 

20.08.

Gefühl­los.

Ein­ge­fro­ren in der Savan­ne der Emo­ti­ons­lo­sen. Zurück­ge­hal­ten wie durch Medikamente.

Spü­ren und in Welt­be­zie­hung treten.

Es bleibt nur die Ästhe­tik der Dinge.

 

24.08.

Gegen­re­de.

Ich wider­spre­che in hohem Maße. Wie kann doch etwas gefühlt wer­den wie Sor­ge für den Ande­ren in die­sem Zustand. Es ist wohl noch etwas neben der Ästhe­tik in mir. Nicht nur bestimmt von einer Ratio­na­li­tät des Eigen­tums und sich selbst. Ein Kon­takt nach außen. Auch in der Weltbeziehung.

Ein Herz wird erwärmt und gießt sich in Form. Mit­ge­fühl und Hoff­nung ste­hen gegen­über der Käl­te und des Misstrauens.

 

12.11.

Lang ist‘s her, das letz­te Mal. Was treibt Dich um? Unzu­frie­den­heit — doch woher. Ist es der neb­li­ge Teich des Jeden­tagseins? Eine Spiel­fi­gur, die nur dem Strom folgt und nicht zur Ruhe kommt. Fast fremd­ge­steu­ert! Nur dies­mal nicht dabei einem Gedan­ken zu ent­kom­men. Doch es gibt eine Indif­fe­renz in mir. Eine fast bereu­te Ent­schei­dung im Sin­ne der Ratio­na­li­tät — nur das Herz kommt der stän­di­gen Kon­fron­ta­ti­on nicht hinterher.

Gene­rell kom­me ich nicht hinterher.

Zumin­dest sen­ti­men­tal und emo­tio­nal. Es schrei­tet in gro­ßen Schrit­ten vor­an. Ich schrei­te. Doch fällt es mir manch­mal noch immer schwer zu glau­ben, dass das ich bin. Das rol­len­de Unge­tüm. Eine Art Ent­frem­dung in Bezug auf die eige­nen Idea­le und viel­leicht der ent­spann­ten Lebens­wei­se. Vor­an­schrei­tend in die Reinte­gra­ti­on. Ein gewis­ses Alter, redet es mir ein (wahr­schein­lich ich) eine gewis­se Bür­ger­lich­keit. Ein Syn­onym prak­ti­scher Gegenwartsbewältigung?

Doch mir scheint alles per­sön­lich schwer zu fal­len, obwohl ich fak­tisch das Mate­ri­el­le mit einer Feder in der Hand meis­ter­haft absol­vie­re. Das Innen und das Außen unter­schei­den sich. Hier liegt wohl die Krux. Die Welt wirkt anders durch ein Bril­len­glas, als mit einem Hörgerät.

Wobei ich ihm Sin­ne der prak­ti­schen Natur Zeit in bei­den Kon­tex­ten als begrenzt anse­he. Doch hat Zeit einen über­di­men­sio­na­len Cha­rak­ter. Ich kom­me mit ihr gera­de zeit­lich nicht zurecht.

Viel­leicht lie­gen mir eher die Jah­res­zei­ten, denn der Win­ter lässt einen regel­mä­ßig ver­zwei­feln. All das auf­zu­bre­chen und zu hin­ter­fra­gen, was sich in der Leich­tig­keit und Wär­me des Som­mers so gefes­tigt hat.

Ein beson­de­res Moment fällt hier dem Som­mer zu. Ver­wer­fun­gen und Trä­nen abseits der doch so oft gewoll­ten Freu­de und Zuver­läs­sig­keit. Ich schei­ne nicht, Es stellt sich schon wie­der die Fra­ge nach Gefüh­len. So lan­ge ist das letz­te Mal auch nicht her. Manch­mal möch­te ich am liebs­ten auf die­ser Suche zwei­feln und das Bett Tage lang nicht ver­las­sen. Das Ein­zi­ge, was mich davon abhält, ist die Gewiss­heit, dass es dadurch nicht bes­ser wird.

Viel­leicht ist es genau das?

Eine Frei­heit. Die Indifferenz.

 

Gott sei Dank ist die­ses Jahr end­lich vorbei.