Lesen in Zeiten der Corona-Krise

Lesen in Zeiten der Corona-Krise

von Dorothea Eberle Küster

„Stör­fall“ von Chris­ta Wolf beglei­tet mich seit mei­ner Ado­les­zenz. Auf der ers­ten Umschlag­sei­te des Ban­des fin­den sich Blei­stift­ein­trä­ge, wann ich ihn gele­sen habe: Dez. 87-Jan. 88 und März 2001. Das ers­te Mal kurz nach Erschei­nen des Ban­des 18 Mona­te nach der Reak­tor­schmel­ze in Tschernobyl/Ukraine, die am 26. April 1986 zu zwei Explo­sio­nen führ­te, die gro­ße Men­gen an radio­ak­ti­vem Mate­ri­al frei­setz­ten. Damals zog dann „ahnungs­los“ eine unsicht­ba­re radio­ak­ti­ve Wol­ke nach Wes­ten. Unter März 2011 habe ich wie zur Gedächt­nis­stüt­ze den Anlass notiert: „nach d. Tsu­na­mi-Kern­re­ak­tor­schmel­ze in Japan“. Und nun grei­fe ich ein drit­tes Mal nach dem Buch in mei­nem Bücher­schrank, als ich auf der Suche war nach his­to­ri­schen Ein­ord­nun­gen, nach lite­ra­ri­schen Ver­ar­bei­tun­gen von Aus­nah­me­si­tua­tio­nen, die wir nicht abschät­zen kön­nen und die wir zugleich in Wor­te fas­sen müs­sen. Viel­leicht vor allem zur Selbst­ver­ge­wis­se­rung, denn eine Deu­tung ist (noch) nicht mög­lich. Ich suche nach Lek­tü­re, die mich von der Covid-19 Nach­rich­ten­flut auf mei­nem Smart­pho­ne und in mei­nem Kopf ablenkt und damit doch para­do­xer­wei­se zurück­führt in die Gegenwart.

„Ich will jetzt schla­fen, ich will mich ablen­ken, also lesen. Ich habe mich umge­se­hen, von mei­nem Bett aus, und habe gefun­den, daß das Buch, das ich an einem Tag wie die­sem wür­de lesen wol­len, ver­mut­lich noch nicht geschrie­ben war.“ (70)

Chris­ta Wolf hält die­sen merk­wür­di­gen Tag fest, an dem sie über die neus­ten Radio­nach­rich­ten nach­denkt und zugleich ver­bun­den ist mit ihrem Bru­der, der sich einer Gehirn­ope­ra­ti­on unter­zie­hen muss.  Das Gefühl des Aus­ge­lie­fert­seins an Exper­ten ist in bei­den Fäl­len vor­herr­schend. Sie bedient sich einer Ich- Stim­me, die irgend­wo auf dem Land in Meck­len­burg-Vor­pom­mern ver­or­tet ist. Die indi­vi­du­el­le Kri­se und die kol­lek­ti­ve Kri­se ver­schrän­ken sich. Es sind Ereig­nis­se, die über­wäl­ti­gen und deren Aus­maß nicht abzu­schät­zen ist. Um den Ereig­nis­sen nicht völ­lig aus­ge­lie­fert zu sein, umkreist die Ich-Stim­me die­se und ent­fal­tet sie häu­fig im fik­ti­ven Dia­log mit ihrem Bru­der, der unter Nar­ko­se im Kran­ken­haus liegt.

„Da liegt dei­ne Hirn­mas­se offen vor ihnen da. Für mich wird es Zeit, mich auf die Hän­de des Chir­ur­gen zu kon­zen­trie­ren. Auf sei­ne Fin­ger­spit­zen. Impul­se, für die es kei­ne Wor­te gibt. Du, in dei­ner immer tie­fer wer­den­den Bewußt­lo­sig­keit sollst beru­higt sein. Lei­dest du? Wohin gerät das Lei­den, des­sen wir nicht gewahr wer­den können- 

Das Leben als eine Fol­ge von Tagen. Früh­stü­cken. Den Kaf­fee mit einem oran­ge­far­be­nen Meß­l­öf­fel in den Fil­ter mes­sen, die Kaf­fee­ma­schi­ne anstel­len, den Duft genie­ßen, der sich in der Küche ent­fal­tet. Gerü­che stär­ker, bewuß­ter wahr­zu­neh­men als bis­her […] Die halt­ba­ren Genüs­se. Das Gerüst, wel­ches das Leben auch über tote Zei­ten trägt. Die Schnitt­flä­che des dunk­len meck­len­bur­gi­schen Bro­tes.“ (14)

Die Wahr­neh­mungs­fä­hig­keit ist das, was sie am Leben hält und so auch eine Ver­bin­dung zu ihrem Bru­der, der auf dem OP- Tisch liegt. Es ist die­se genaue Beschrei­bung des All­tags und der Gedan­ken. Im Schrei­ben gelingt es ihr, ihre Beob­ach­tun­gen, All­tags­tä­tig­kei­ten, Gefüh­le, Ängs­te und Gedan­ken zu verbinden.

Ich hat­te mir beim ers­ten Lesen als Ober­stu­fen­schü­le­rin die­se Sät­ze fett ange­stri­chen: „Lei­dest du? Wohin gerät das Lei­den, des­sen wir nicht gewahr wer­den?“ Heu­te fällt mir die Dop­pel­fra­ge auf: Die Stim­me fragt nach dem Gegen­über, dem Du: „Lei­dest du?“.  Sie ver­sucht es zu errei­chen. Und dann denkt sie tas­tend der Unfass­bar­keit des Lei­dens nach, das sich der Wahr­neh­mung ent­zieht aber doch irgend­wo prä­sent ist. Heu­te lese ich die­se Sät­ze vor dem Hin­ter­grund der Trau­ma­for­schung, mit der ich mich aktu­ell im Zusam­men­hang einer Publi­ka­ti­on beschäf­ti­ge. Cathy Caruth präg­te den Begriff der „unc­lai­med expe­ri­ence“ dafür. Sie macht mit die­sem Begriff dar­auf auf­merk­sam, dass es dar­um geht, das sprach­lich, sym­bo­lisch und nar­ra­tiv zu erfas­sen, was nicht wahr­ge­nom­men wird und des­halb über­wäl­tigt und verstört.

„Ich habe mir gewünscht, mein Vor­stel­lungs­ver­mö­gen abstel­len zu kön­nen. Die­je­ni­gen, die die Gefah­ren über uns und sich her­auf­be­schwö­ren, habe ich gedacht, müs­sen die­se Fähig­keit doch besit­zen.“ (71) Die Bericht­erstat­tung schwankt. Kri­sen­for­scher mel­den sich zu Wort und sagen, wir sei­en erst in Stu­fe 1 von ins­ge­samt drei.  Der deut­sche Gesund­heits­mi­nis­ter erklärt am 26.03.2020, dass jetzt noch die Ruhe vor dem Sturm herr­sche. Der Tages­spie­gel vom 27.03.2020 titelt „Deut­sche Kata­stro­phen­ärz­te ver­fas­sen Alarm­be­richt von Straß­burg“. 110 Kilo­me­ter Luft­li­nie tren­nen mich davon. Auch hier jen­seits der wie­der hoch­ge­zo­ge­nen Gren­ze lebe ich in einem Hoch­ri­si­ko­ge­biet. An mei­nem home-office Schreib­tisch ist es so still wie nie, nur die Viel­zahl an emails und messages, die her­ein­flie­gen unter­bre­chen dies.

Chris­ta Wolf titelt Stör­fall. Die Kern­re­ak­tor­schmel­ze und sei­ne Fol­gen, die bis in die Gegen­wart rei­chen, ging als GAU (größ­ter anzu­neh­men­der Unfall) in die Geschich­te ein. Die Fach­welt und die Poli­tik strei­tet sich noch, was es im Fal­le von Covid-19 ist. Das Virus ist rasant zu einem glo­ba­len Stör­fall gewor­den. Flüs­sig geht es uns von der Hand von der „Coro­na-Kri­se“ zu schrei­ben. „In aller Mun­de“- die Meta­pher bleibt mir ste­cken, fühlt sich bit­ter und sar­kas­tisch an.

Die Dok­to­ran­din, der ich am Tele­fon davon erzäh­le, dass ich gera­de wie­der „Stör­fall. Nach­rich­ten eines Tages“ lese, [sie kennt Tscher­no­byl nur aus den Erzäh­lun­gen ihrer Eltern] erwi­dert, sie hof­fe, dass ich das Buch nicht so schnell wie­der in die Hand neh­men müs­se. Es ist gut, in die­sen son­nen­durch­flu­te­ten März­ta­gen 2020 „Stör­fall“ auf­schla­gen zu kön­nen und von Fer­ne den Magno­li­en­baum zu sehen, der vor ein paar Tagen auf­ge­blüht ist. „Viel­leicht ist es nicht die dring­lichs­te Fra­ge, was wir mit den Biblio­the­ken vol­ler Natur­ge­dich­te machen. Aber eine Fra­ge ist es schon, habe ich gedacht“ (47)

Ich blät­te­re noch­mals zurück zu den ers­ten Sät­zen: „Eines Tages, über den ich in der Gegen­warts­form nicht schrei­ben kann, wer­den die Kirsch­bäu­me auf­ge­blüht gewe­sen sein. Ich wer­de ver­mie­den haben, zu den­ken: „explo­diert“. (9)

 


Chris­ta Wolf, Stör­fall. Nach­rich­ten eines Tages, Auf­bau Ver­lag: Berlin/Weimar 1987 (Suhr­kamp Ver­lag: Ber­lin 2009 7,00 Euro)

 

PD Dr. Doro­thea Erbe­le-Küs­ter ist seni­or scho­l­ar für Gen­der, Diver­si­ty und Bibli­sche Lite­ra­tu­ren an der JGU Mainz. Zuletzt erschien von ihr: Ver­füh­rung zum Guten. Biblisch-Theo­lo­gi­sche Erkun­dun­gen zwi­schen Ethik und Ästhe­tik (Theo­lo­gi­sche Inter­ven­tio­nen Bd.3) Kohl­ham­mer Ver­lag: Stutt­gart 2019.