“Niemand wird wissen, von welchen Rändern wir aus sprechen”

“Niemand wird wissen, von welchen Rändern wir aus sprechen”

Senthuran Varatharajah über seinen Debütroman, Social Media und Sprache 

von Anna-Lena Eick

 

schau­ins­blau: Seit der Publi­ka­ti­on dei­nes Debüt­ro­mans Vor der Zunah­me der Zei­chen warst Du eigent­lich per­ma­nent „unter­wegs“, – auf ins­ge­samt 82 Lesun­gen. Wohin musst du zurück­keh­ren, um sagen zu kön­nen: „Ich bin daheim“?

Sen­thu­ran Varat­ha­ra­jah: Nach Ber­lin, Tokyo, Chi­ca­go oder Toronto.

Ist denn „daheim“ für dich das­sel­be wie Heimat? 

„Daheim“ ist, als Begriff, unbe­las­te­ter, und auch unver­bind­li­cher als „Hei­mat“. „Daheim“ besitzt eine Gegen­wart, die nicht iden­tisch ist mit unse­rer Ver­gan­gen­heit. Ich spre­che von „daheim“, wenn ich von Ber­lin, Tokyo, Chi­ca­go oder Toron­to spre­che. Das Wort „Hei­mat“ gehört nicht zu mei­nem akti­ven Wortschatz.

SCHAU INS BLAU: Wie ist es für dich gewe­sen, so plötz­lich ein gefei­er­ter Jung-Autor zu sein? Was bedeu­te­te das für dein all­täg­li­ches Leben? Wie hat dich das per­sön­lich verändert? 

Das kann ich noch nicht sagen. Ich weiß es noch nicht.

Dein Werk Vor der Zunah­me der Zei­chen kon­fron­tiert den Leser unver­mit­telt mit einem Erfah­rungs- und Gedan­ken­aus­tausch zwei­er jun­ger Erwach­se­ner, wel­che bei­de auf ihrem bis­he­ri­gen Lebens­weg mit Flucht, Ent­wur­ze­lung und dem Sein zwi­schen zwei Kul­tu­ren und zwei Spra­chen in Berüh­rung kamen. Kennt man dei­ne Bio­gra­phie, liegt eine auto­bio­gra­phi­sche Les­art und eine poten­zi­el­le Iden­ti­fi­ka­ti­on des Autors mit dem Prot­ago­nis­ten nicht fern. Wie stehst du dazu?

Es liegt auf der Hand. Aber die­ser Aspekt, der Roman als auto­bio­gra­phi­sche Erkun­dung und Aus­kunft, ist unwe­sent­lich, zumin­dest für mich. Ich iden­ti­fi­zie­re mich nicht mit mir selbst.

Vor der Zunah­me der Zei­chen wird oft als moder­nes Pen­dant zum klas­si­schen Brief­ro­man bezeich­net. Wie stehst Du selbst zum Brie­fe-Schrei­ben? Was ver­bin­dest du damit?

Ich schrei­be kei­ne Brie­fe. Das hat einen prak­ti­schen, kei­nen ideo­lo­gi­schen Grund: mei­ne Hand­schrift ist nicht leser­lich. Man könn­te Vor der Zunah­me der Zei­chen als einen moder­nen Brief­ro­man bezeich­nen, ja; es wäre nicht falsch. Mei­ne Fami­lie hat frü­her immer auf Brie­fe gewar­tet. Und wenn ein Brief aus Sri Lan­ka ankam – es war nicht sicher –, erhiel­ten wir ihn mit einer zeit­li­chen Ver­zö­ge­rung von min­des­tens zwei Wochen. Wir wuss­ten, dass das, was geschrie­ben wur­de, nicht mehr aktu­ell war; ob die Per­son, die die­sen Brief geschrie­ben hat­te, noch am Leben war, das wuss­ten wir nicht. Ich glau­be, die­se Unsi­cher­heit und die­ses War­ten, die­se Form des Zit­terns ist auch in den Nach­rich­ten, die sich Val­mi­ra und Sent­hil schrei­ben, prä­sent: als eine ande­re Unge­wiss­heit – als die Unge­wiss­heit eines ande­ren Ankom­mens, einer ande­ren Ankunft.

In eini­gen Rezen­sio­nen wird dann – ganz im Duk­tus der sozia­len Medi­en —  von einem „Chat“ gespro­chen. Ich weiß, dass du dich per­sön­lich dage­gen vehe­ment zur Wehr setzt. Was genau macht den Unter­schied von Dia­log bzw. Gespräch und Chat für dich aus? 

Der Roman besteht weder aus einem Chat noch aus einem Gespräch. Das ist eine sei­ner Para­do­xien. „Chat“ bezeich­net nicht nur ein bestimm­tes Kom­mu­ni­ka­ti­ons­for­mat, wie z.B den Face­book-Mes­sen­ger, son­dern auch eine bestimm­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­form – eine Art zu Schrei­ben, eine bestimm­te Dik­ti­on. Einen „Chat“ cha­rak­te­ri­siert z.B. die Miss­ach­tung von Ortho­gra­phie, Inter­punk­ti­on und Syn­tax, die Ver­wen­dung von Akro­ny­men, Emo­jis, Gifs, etc. Es ist, dem Wort­sinn nach, ein Plau­dern, eine Unter­hal­tung. Der Roman besteht nicht dar­aus. Er besteht aber auch nicht aus einem Gespräch. Das, was Val­mi­ra und Sent­hil sagen, kann in einem Gespräch, in die­ser kon­ven­tio­nel­len Form der Rede und Gegen­re­de, des Spre­chens und Zuhö­rens, des Fra­gens und Ant­wor­tens nicht zur Spra­che gebracht wer­den. Ich muss­te also die Kri­te­ri­en, die ein Gespräch defi­nie­ren, die ein Gespräch bestim­men – und im bestim­men liegt eine Stim­me – außer Kraft set­zen: die­se Stim­me bre­chen, um Val­mi­ra und Sent­hil spre­chen las­sen zu kön­nen. Ich woll­te die Form des Anspre­chens und Ange­spro­chen­seins aus dem Gebet säku­la­ri­sie­ren. Viel­leicht könn­te man sagen, dass der Roman nicht aus der Rea­li­tät eines Gesprächs, son­dern aus der Idee eines Gesprächs, aus dem Traum eines Gesprächs besteht.

Ist der von dir geschaf­fe­ne Dia­log an das Medi­um (Face­book) gebun­den? Ist das Medi­um also Bedin­gung oder gar Vor­aus­set­zung für die­se Unter­hal­tung? Schafft die digi­ta­le Distanz des Medi­ums Face­book die not­wen­di­ge Offen­heit, sol­che The­men anspre­chen zu können? 

Der Face­book-Mes­sen­ger voll­zieht im Roman auf for­ma­ler Ebe­ne das nach, wor­über Val­mi­ra und Sent­hil spre­chen, d.h. die­se Varia­tio­nen der Ein­sam­keit, auch der Ein­sam­keit der Spra­che. Das ist sei­ne poe­ti­sche Funk­ti­on. Val­mi­ra und Sent­hil tei­len kei­nen gemein­sa­men Raum – sie stu­diert in Mar­burg, er pro­mo­viert in Ber­lin –, und der Raum, in dem gespro­chen wird, ist kein Raum im phy­si­schen Sinn; es ist ein Nicht-Raum, ein Raum der Schrift; sie ken­nen den Kör­per und die Stim­me des ande­ren nicht. Und obwohl sie kei­nen phy­si­schen Raum tei­len, tei­len sie – manch­mal – eine gemein­sa­me Zeit: wenn sie gleich­zei­tig online sind. Nur in die­ser Fer­ne kann es ihre Nähe geben. Von die­ser Fer­ne des Spre­chens, von die­sem ent­fern­ten Spre­chen geht die Inti­mi­tät des Romans aus.

Also wäre ein sol­ches Gespräch zwi­schen zwei zunächst Frem­den auch von Ange­sicht zu Ange­sicht gar nicht denkbar?

Ja. So ist es.

Ein wei­te­res zen­tra­les Ele­ment dei­nes Wer­kes ist die Spra­che und ihre Funk­ti­ons­wei­se inner­halb der zwi­schen­mensch­li­chen und inter­kul­tu­rel­len Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ich hat­te beim ers­ten Lesen des Romans sogar bei­na­he das Gefühl, die Spra­che wäre eine eigen­stän­di­ge Prot­ago­nis­tin, wel­che zusätz­lich zu den bei­den Cha­rak­te­ren Sent­hil Vasuthe­van und Val­mi­ra Sur­roi agiert und reflektiert. 

Spra­che ist immer eine eigen­stän­di­ge Protagonistin.

In einem ande­ren Inter­view hast Du ein­mal gesagt: „Oft den­ke ich, dass die Sprach­lo­sig­keit mei­ne Mut­ter­spra­che ist.“ – kannst du das erklä­ren? Wenn wir dein Buch lesen, haben wir das Gefühl eine sehr reflek­tier­te Spra­che vor uns zu haben. Ist viel­leicht hier­für die Vor­aus­set­zung das Gefühl der Sprach­lo­sig­keit zu kennen?

Sprach­lo­sig­keit hat im Deut­schen zwei Bedeu­tun­gen: das Feh­len eines augen­blick­li­chen Zugriffs auf Spra­che ange­sichts eines Ereig­nis­ses, das uns die Spra­che nimmt: uns die Spra­che ver­schlägt; wir sagen: ich bin sprach­los; oder: es feh­len mir die Wor­te; und die Per­ma­nenz eines feh­len­den Zugriffs: die andau­ern­de Abwe­sen­heit von Spra­che. Ich mei­ne eine Abwe­sen­heit, ohne die­se Abwe­sen­heit zu mei­nen. Ich mei­ne zwei For­men eines Feh­lens: das Feh­len einer Selbst­ver­ständ­lich­keit und das Feh­len eines Bekennt­nis­ses. Spra­che ist, für mich, das Unselbst­ver­ständ­lichs­te. Das betrifft alles, was mit ihr zusam­men­hängt: spre­chen, hören, lesen, schrei­ben. Ich ste­he in glei­cher Ent­fer­nung zu jeder Spra­che, die ich spre­che, die mich beherrscht. Das ist kei­ne Fra­ge der Kom­pe­tenz, auch nicht der Kennt­nis, son­dern des Bekennt­nis­ses: ich kann mich zu kei­ner Spra­che beken­nen. Das Feh­len die­ser Selbst­ver­ständ­lich­keit und das Feh­len eines Bekennt­nis­ses – das ist die Sprach­lo­sig­keit, die ich mei­ne. Es feh­len mir immer Wor­te. Und aus die­sem Feh­len her­aus spre­che ich.

Reicht die Spra­che den Prot­ago­nis­ten denn aus, um sich das mit­zu­tei­len, was sie erzäh­len möch­ten? Gelingt der Spra­che der Balan­ce-Akt, die teil­wei­se schmerz­haf­ten Erin­ne­run­gen zu bewah­ren oder gar zu bewäl­ti­gen und gleich­zei­tig ihre Kom­mu­ni­ka­ti­ons­funk­ti­on im Hier und Jetzt zu erfüllen? 

Spra­che reicht nie aus.

Das führt ja wie­der­um zu der Fra­ge, wo die Gren­zen von Spra­che und Sprach­lich­keit ver­lau­fen. Soll der Text gegen die Gren­zen der Spra­che anrennen? 

Der Text wird von zwei Gren­zen orga­ni­siert: einer gram­ma­ti­ka­li­schen und einer geo­gra­phi­schen. Das, was Val­mi­ra und Sent­hil erzäh­len, gehört nicht zum Bewusst­sein der deut­schen Spra­che; es sind kei­ne kano­ni­sier­ten Erfah­run­gen, kei­ne, für die es eta­blier­te Modi des Erzäh­lens gibt, auf die sie sich im Spre­chen ver­las­sen könn­ten – soweit man sich auf eine insti­tu­tio­na­li­sier­te Spra­che ver­las­sen kann. Sie müs­sen also mit der Spra­che anders ver­fah­ren: sie bie­gen, bre­chen, um das, was sie sagen möch­ten, sagen zu kön­nen. Das ist der Augen­blick der Lyrik – und Lyrik ist das Bre­chen der Spra­che, die Unter­bre­chung der Linie, wie Blan­chot sagt –, vor allem in Sent­hils Spra­che, der, anders als Val­mi­ra, nicht nur eine trans­kon­ti­nen­ta­le Flucht erlebt hat­te, son­dern, ange­sichts sei­ner dunk­len Haut, auch anders zu die­ser Spra­che und zu die­sem Land steht, weil er anders in die­ser Spra­che und in die­sem Land gese­hen wird. Auf der ande­ren Sei­te spre­chen bei­de immer auch von einer geo­gra­phi­schen Gren­ze, von die­sen Rän­dern aus: von den Stadt­rän­dern, wo die Asyl­be­wer­ber­hei­me, in denen sie auf­ge­wach­sen sind, standen.

Kann Spra­che auch Hei­mat sein bezie­hungs­wei­se zur Hei­mat werden?

Nein.

Fran­co Bio­n­di – ein inter­kul­tu­rel­ler Autor aus Ita­li­en – sag­te in einem Inter­view, dass sei­ne Wort­schöp­fun­gen, die sprach­li­chen Neu­krea­tio­nen in sei­nem lite­ra­ri­schen Werk, unter ande­rem dazu die­nen, selbst in einer Spra­che vor­zu­kom­men, die einem nicht natür­li­cher­wei­se ange­hört. Was hier anklingt ist eine Art „Ein­schrei­ben“ in eine neue Spra­che, in der man nicht selbst­ver­ständ­lich zu Hau­se ist. Erfüllt dein poe­ti­scher und spie­le­ri­scher Umgang mit der deut­schen Spra­che eine ähn­li­che Funk­ti­on? Eine Funk­ti­on des Selbst-Ein­schrei­bens in eine Sprache?

Spra­che gehört nie­man­dem, nie­man­dem natür­li­cher­wei­se. Wir sind in kei­ner Spra­che selbst­ver­ständ­lich zu Hau­se. Und wir wer­den auch nie in ihr vorkommen.

Spra­che hängt natür­lich in gewis­ser Wei­se auch mit Insti­tu­tio­nen, Poli­tik und viel­leicht der Idee von Natio­na­li­tät zusam­men. In dei­nem Roman the­ma­ti­sierst du ver­schie­de­ne Ver­su­che von insti­tu­tio­nel­ler Aus­lö­schung einer Spra­che. So bei­spiels­wei­se das Ver­bot der Tami­li­schen Spra­che durch den Sin­ha­la Only Act, die Erset­zung des Alba­ni­schen in Uni­ver­si­tä­ten und Schu­len durch das Ser­bi­sche sowie das Ein­füh­ren der latei­ni­schen Schrift durch das Ata­türk-Regime und das damit ein­her­ge­hen­de Ver­bot der Buch­sta­ben Q, X und W zur Sank­tio­nie­rung des Kur­di­schen. Die­se Par­al­lel­füh­run­gen der ver­schie­de­nen Macht­me­cha­nis­men inner­halb dei­nes Romans zei­gen die exis­ten­zi­el­le Bedeut­sam­keit der Spra­che auch als Merk­mal kul­tu­rel­ler, eth­ni­scher und natio­na­ler Zuge­hö­rig­keit auf. Kann man das Spre­chen und Den­ken eines Indi­vi­du­ums insti­tu­tio­nell über­haupt bestimmen? 

Spra­che selbst ist eine Insti­tu­ti­on: in ihr, in der Gram­ma­tik, in den Wör­tern und in den Rede­wen­dun­gen, die wir ver­wen­den, wenn wir spre­chen, ist ein Wis­sen insti­tu­tio­na­li­siert, eine bestimm­te Ord­nung der Din­ge sedi­men­tiert, die repro­du­ziert wird, mit jedem Satz, jedes Mal wie­der. Max Frisch hat die­sen Zusam­men­hang sehr genau in einer Poe­tik­vor­le­sung, die er 1981 am City Col­le­ge in New York gehal­ten hat, beschrie­ben: Jedes gesell­schaft­li­che Sys­tem ent­wi­ckelt eine Spra­che, die das Sys­tem bis in die Neben­sa­chen hin­ein affir­miert. Eine Herr­schafts­spra­che, die nicht nur von der herr­schen­den Schicht gespro­chen, als All­tags­spra­che, die wir ler­nen als Kind und lebens­läng­lich gebrau­chen, ohne zu wis­sen, dass sie uns mit Vor­ur­tei­len füllt. Mit Redens­ar­ten: ein armer, aber ehr­li­cher Mann. Viel­leicht ist der Mann in die­ser Gesell­schaft dar­um arm, weil er ehr­lich ist. War­um sagen wir also nicht: ein rei­cher, aber ehr­li­cher Mann? Das sagt man nicht. Die­se Spra­che, die aus einer Sum­me von Redens­ar­ten besteht und Kli­schees, geprägt von den Inter­es­sen der herr­schen­den Schicht, die­se Spra­che, die wir in der Schu­le ler­nen als die ein­zig rich­ti­ge Spra­che, ist aber nicht unbe­dingt die Spra­che unse­rer Erfah­rung. Sie ent­frem­det uns also von unse­ren Erfah­run­gen. Vie­le erle­ben nicht so, wie die­se Spra­che es behaup­tet. Wie man es sagt. Da vie­le aber nicht sagen kön­nen, wie sie erle­ben, füh­len sie sich ver­pflich­tet, so zu erle­ben, wie die­se Herr­schafts­spra­che es vor­schreibt. Wie man erlebt. 

Die sel­be Spra­che zu spre­chen, bedeu­tet ja nicht nur sich ver­stän­di­gen zu kön­nen, son­dern nor­ma­ler­wei­se auch: ver­stan­den zu wer­den. Stel­len damit einer­seits die Bereit­schaft zu ver­ste­hen und ande­rer­seits die Erwar­tungs­hal­tung, ver­stan­den zu wer­den die Grund­pfei­ler eines Gesprächs bzw. eines Dia­lo­ges dar?

Ver­ste­hen ist nicht an Spra­che gebun­den, auch nicht an die­se eine, die sel­be, die es nicht gibt. Es ist eine Fra­ge der Aner­ken­nung: des Aner­ken­nens. Der Bereit­schaft, die Dif­fe­renz, die die Per­son, die zu uns spricht und die wir anspre­chen, immer ist, anzu­neh­men; anneh­men zu kön­nen. Das betrifft nicht nur das, was sie sagt, son­dern auch die Zeit ihres Spre­chens, des Erzäh­lens. Das ist der Grund, war­um Val­mi­ra und Sent­hil kaum Fra­gen stel­len. Sie wis­sen: wenn es gesagt wer­den soll, wird es gesagt wer­den – alles zu sei­ner Zeit. Ver­ste­hen ist eine Fra­ge der Hal­tung, man könn­te sagen: des Ver­trau­ens; auch das.

Bei genaue­rer Betrach­tung der Text­struk­tur wird des­sen Kon­struk­ti­ons­prin­zip als mög­li­che Varia­ti­on einer asso­zia­ti­ven Ver­ket­tung oder Rei­hung sicht­bar. Erin­ne­rung wird an Erin­ne­rung geknüpft, ohne dass eine mode­rie­ren­de Instanz (z.B. eine Erzäh­ler­fi­gur) ord­nend ein­greift oder den Erin­ne­rungs­vor­gang per se sowie die anschlie­ßen­den Erin­ne­rungs­epi­so­den der bei­den Dia­log­part­ner kom­men­tiert. Soll die Abwe­sen­heit eines Mode­ra­tors bzw. Erzäh­lers den Rezi­pi­en­ten dazu bewe­gen, die­se Brü­che und Lücken zunächst ein­mal „aus­zu­hal­ten“?

Ab einem gewis­sen Punkt – und die­ser Punkt muss­te von Val­mi­ra und Sent­hil erst erreicht wer­den – orga­ni­siert die Asso­zia­ti­on das Spre­chen. Sie erlaubt es, Din­ge zu ver­bin­den, die gewöhn­li­cher­wei­se nicht in Ver­bin­dung gebracht wer­den. Die­ses Ver­fah­ren, das ich der Psy­cho­ana­ly­se ent­lehnt habe, führt zum stream of uncon­sious­ness, zum som­nam­bu­len Ton, die den Text von da an, als Val­mi­ra und Sent­hil ver­ste­hen, wohin die­ses Spre­chen füh­ren könn­te, wohin die­se Schrift führt, bestim­men. Sie setzt das Erin­nern in Gang, bewegt das, was ver­drängt, ver­schwie­gen, ver­ges­sen und ver­leug­net wur­de, nach und nach. Val­mi­ra und Sent­hil schrei­ben vor allem nachts, in der Ant­wort­lo­sig­keit der Nacht, in der die Gren­zen zwi­schen Bewusst­sein und dem Unbe­wuss­ten brü­chi­ger wer­den kön­nen. Es gab nie die Idee einer mode­rie­ren­den Instanz. Eine mode­rie­ren­de Instanz wäre ein Zei­chen dafür, dass ich dem, was die Asso­zia­ti­on zur Spra­che brin­gen kann, dass ich dem Asso­zi­ie­ren als Ver­fah­ren sowie Val­mi­ras und Sent­hils Logik der Erin­ne­rung nicht ver­traut hät­te. Ich muss­te mich dar­auf ein­las­sen. Es gab kei­nen ande­ren Weg.

An ver­schie­de­nen Stel­len dei­nes Romans wird der Leser mit einer laten­ten Form von All­tags­ras­sis­mus kon­fron­tiert (Haut­far­be, Kat­zen­spra­che, wei­ßes Gesicht, Angst vorm schwar­zen Mann etc.). Dies bleibt jedoch meis­tens unkom­men­tiert im Dia­log ste­hen. Gera­de in den Pas­sa­gen von Sent­hil ist das (Selbst-)Reflexionsniveau sonst sehr hoch. Wie­so blei­ben gera­de die­se Pas­sa­gen „unkom­men­tiert“ oder „unre­flek­tiert“? 

Das ist die Bru­ta­li­tät und Bana­li­tät von Ras­sis­mus. Wenn Sent­hil die­se Pas­sa­gen nicht kom­men­tiert, ist das reflek­tiert. Es muss nicht mehr dazu gesagt werden.

Auch das Kon­zept eines Dazwi­schen spielt in dei­nem Roman eine wich­ti­ge Rol­le. Bei der Lek­tü­re des Romans hat man das Gefühl, die Prot­ago­nis­ten hiel­ten sich in einer Art „Zwi­schen­raum“ – einem Dazwi­schen (zwi­schen den Kul­tu­ren, den Spra­chen, den Genera­tio­nen) auf. Trotz­dem sind die­se Gren­zen – im Roman – nicht als unüber­wind­ba­re Mau­ern, son­dern eher als etwas Flie­ßen­des ange­legt. Die Redens­art: „Zwi­schen den Stüh­len“ lässt sich dem­nach nicht gut dar­auf anwen­den. Was wäre dein Bild für die­ses „Dazwi­schen“?

Das Bild des „Dazwi­schens“ ver­fehlt das, was es aus­drü­cken will. Es sug­ge­riert einen Abstand, der zwi­schen zwei Din­gen liegt; die­sen Abstand gibt es nicht. Er sug­ge­riert, dass Kul­tu­ren, Spra­che, etc. abge­schlos­se­ne Ein­hei­ten sind; das ist nicht der Fall. Als gäbe es kei­ne Über­schnei­dun­gen, Ver­men­gun­gen. Und auch davon, von die­sen Ver­mi­schun­gen von Spra­che etwa erzählt der Roman, vor allem Sent­hil, wenn er über das Über­set­zen spricht, im Stu­di­um, und wie er nicht mehr sagen konn­te, nach wel­cher Bibel­über­set­zung er zitier­te, weil sich Über­set­zung über Über­set­zung über Über­set­zung gelegt hat­ten. Ich weiß nicht, wel­ches Bild oder wel­che Rede rich­tig ist, um die Situa­ti­on im Roman zu beschrei­ben. Viel­leicht könn­te man von „Nicht-Raum“ statt „Zwi­schen­raum“ spre­chen. Es wäre richtiger.

© Elif Küçük

Sen­thu­ran Varat­ha­ra­jah, gebo­ren 1984, stu­dier­te Phi­lo­so­phie, evan­ge­li­sche Theo­lo­gie und Kul­tur­wis­sen­schaft in Mar­burg, Ber­lin und Lon­don. Im Früh­jahr 2016 erschien sein viel­be­ach­te­ter und mehr­fach aus­ge­zeich­ne­ter Debüt­ro­man Vor der Zunah­me der Zei­chen. Sen­thu­ran Varat­ha­ra­jah lebt in Berlin.