Bild: Kate Allen, Shin Yeo © Jan-Pieter Fuhr
Von Katja Schmidt
Die Opernadaption „Die Verwandlung“ nach der bekannten Erzählung von Franz Kafka feierte am 10. Oktober 2026 im martini-Park in Augsburg als Koproduktion des Staatstheaters Augsburg und des Theaters Winterthur ihre Uraufführung. Unter der musikalischen Leitung von Ivan Demidov und der Inszenierung von André Bücker vereint die rund zweistündige, pausenlose Aufführung die vielschichtige Partitur des Komponisten Gordon Kampe mit dem Libretto von Phillip Löhle zu einem packenden Gesamtkunstwerk. Gleich zu Beginn setzt das Orchester kraftvoll ein, während auf einer Großleinwand Gregor Samsas Gesicht zu sehen ist, welches sich über Minuten hinweg Schritt für Schritt in einen Käfer verwandelt. Diese Eröffnung sorgt in dem gefüllten Saal für Spannung. Löhles Textbuch basiert auf seiner Schauspieladaption aus dem Jahr 2023 und vollzieht einen entscheidenden Perspektivwechsel. Anstatt Gregors reine Innensicht aufzuzeigen, veranschaulicht das Werk die Reaktion seiner Umwelt, indem Vater, Mutter, Schwester Grete, das Dienstmädchen Anna sowie die auftauchenden Figuren wie Prokurist, Schlosser und Arzt in den Mittelpunkt rücken.
Besonders auffällig ist die Darstellung der Hauptfigur. Gregor Samsa wird nicht von einem einzelnen Darsteller verkörpert, sondern von insgesamt fünf Tänzerinnen und Tänzern. Der Verwandelte verliert das verständliche menschliche Wort.
Die Handlung ist in drei deutlich voneinander abgrenzende Teile gegliedert. Am Anfang reagiert die Familie bestürzt darauf, dass Gregor weder zum Frühstück erschienen noch zur Arbeit gegangen ist. Doch weder seinen Angehörigen noch dem Prokuristen, dem Schlosser oder dem Arzt gelingt es, ihn aus seinem Zimmer zu locken. Im zweiten Abschnitt zerbricht zunehmend der Versuch, den gewohnten bürgerlichen Alltag aufrechtzuerhalten. Das Dienstmädchen Anna will ihre Stelle bei der Familie Samsa aufgeben, während Gregors Mutter zwischen Zuneigung zu ihrem Sohn und Angst vor seiner neuen Gestalt hin- und hergerissen ist. Auch der Traum der Schwester von einem Studium am Konservatorium rückt in weite Ferne. Schließlich verliert der Vater die Kontrolle und wirft einen Apfel nach Gregor, der in dessen Rücken stecken bleibt.
Die aus dem Verlust von Gregors Einkommen resultierenden Konflikte führen im dritten Teil zur Vermietung eines Zimmers an die drei Herren, welche jedoch nach einer erschreckenden Begegnung mit dem Käfer umgehend kündigen. Nach Gregors traurigem Tod wendet sich die Familie erleichtert ab, um ohne ihn ein neues Kapitel zu beginnen. Das gesamte Bühnenbild erweist sich dabei als äußert durchdacht. Bis zum Ende des dritten Teils herrscht eine verschachtelte Raum-in-Raum-Konstruktion, bei der das Zimmer als überdimensionales Kanapee gestaltet ist, in dem sich ein kleineres Kanapee, ein Stuhl, ein Beistelltisch und eine Standuhr wie in einer Puppenstube befinden. Dies spiegelt die erdrückende bürgerliche Enge der damaligen Zeit wider.
Erst am Ende öffnet sich die Kulisse. Dahinter kommen eine karge Sitzgelegenheit, zwei Bäume und eine Mülltonne zum Vorschein. Besonders zynisch wirkt der Moment, in dem das Dienstmädchen Anna vergeblich versucht, Gregors leblosen Körper im Hausmüll zu entsorgen.
Die Inszenierung überrascht mit einer angenehmen warmen Lichtgestaltung. Die historisch getreuen Kostüme lassen die steife Bürgerlichkeit der Zeit deutlich werden. Musikalisch wird die Oper von dem Augsburger Philharmoniker sehr facettenreich begleitet. Die Musik wechselt plötzlich von tickenden Uhrgeräuschen zu kurzen Tango- oder Walzerpassagen. Gerade in den skurrilen Momenten sorgt dies beim Publikum immer wieder für befreiendes Lachen, bevor sich der Witz in tiefe Tragik verwandelt. Auf Dauer wird die Intensität des Stückes allerdings anstrengend. Bei rund zwei Stunden Spielzeit ohne Pause und der enormen visuellen und musikalischen Dichte wäre eine kurze Unterbrechung angenehm gewesen, um das Geschehene kurz auf sich wirken zulassen. Dennoch gelingt André Bücker und seinem Team eine Meisterleistung, die dem Publikum eine drängende Frage mit auf den Heimweg gibt. Wer der Beteiligten verhält sich in diesem Geschehen eigentlich noch menschlich?
Die Oper lässt sich noch bis zum 03.02.2027 im martini-Park in Augsburg besuchen.