Träume in Europa von Wolfram Lotz

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© S. Fischer

von Josipa Grubeša

Vor drei Jah­ren war im Rah­men der Augs­bur­ger Gesprä­che der Dra­ma­ti­ker, Lyri­ker und Dreh­buch­au­tor Wolf­ram Lotz im Pod­cast hörins­blau zu Gast[1]. Im Inter­view wur­de sein ers­tes und 900 Sei­ten lan­ges Pro­sa­werk Die Hei­li­ge Schrift I bespro­chen. Nun erscheint sein zwei­tes und neun Mal dün­ne­res Pro­sa­werk unter dem Titel Träu­me in Europa. 

Vor drei Jah­ren hat­te der laut der Süd­deut­schen Zei­tung „bes­te Dra­ma­ti­ker der Gegen­wart“ im Gespräch die Grund­zü­ge sei­ner Poe­tik des Feh­lers dar­ge­legt. Es wur­de deut­lich, dass er sich beim Schrei­ben vor allem für die Erfor­schung unter­schied­li­cher Schich­ten von Wirk­lich­keit inter­es­siert und dass die ver­schie­de­nen lite­ra­ri­schen Modi die Erfor­schung die­ser Schich­ten an ers­ter Stel­le über­haupt ermög­li­chen. Wäh­rend das ers­te Pro­sa­werk also in einem Modus des soge­nann­ten „Total­ta­ge­buchs“ geschrie­ben wur­de, in dem Lotz über ein Jahr lang ver­sucht hat, jede Ein­zel­heit aus dem all­täg­li­chen Leben mit größ­ter Auf­merk­sam­keit auf­zu­zeich­nen, han­delt es sich im neu­en Buch um die kogni­ti­ven Vor­gän­ge, die im Schlaf pas­sie­ren – näm­lich um Träume.

Eine klei­ne Anmer­kung geht den Träu­men voraus:

„Sämt­li­che Träu­me bestehen aus bear­bei­te­ten Posts aus euro­päi­schen Traum­fo­ren.“ (S. 5)

Die Struk­tur des Buches zeich­net die Traum­struk­tur nach – kei­ne Ein­lei­tung, kein Inhalts­ver­zeich­nis, son­dern man wird direkt in den ers­ten Traum hin­ein­ge­wor­fen. Dar­auf fol­gen gleich die nächs­ten. Dabei wird der Vor­gang des Träu­mens im Erzähl­pro­zess abge­bil­det – alles fängt sehr plötz­lich an und hört gera­de an der Stel­le auf, an der der Traum am inter­es­san­tes­ten war. Man­che Träu­me sind klei­ne Erzähl­meis­ter­wer­ke, manch ande­ren fehlt jede Schlüs­sig­keit. Auch ihre Rei­hen­fol­ge ist ein Rät­sel. In der Erwar­tung einer Chro­no­lo­gie wird man in den Text hin­ein­ge­zo­gen, kann dem Erzähl­strom nicht ent­kom­men, und das, obwohl sich die Anord­nung des Erzähl­ten jeg­li­cher Sinn­zu­schrei­bung ent­zieht und einen Zusam­men­hang ver­wei­gert. Leser*in begibt sich also in das Mäan­dern der Träu­me selbst und begeg­net dabei nicht sel­ten auch der eige­nen Traumwelt.

Gleich­sam weckt die Innen­welt ande­rer Men­schen immer mehr die Auf­merk­sam­keit, fast schon ertappt man sich bei einer Art Voy­eu­ris­mus. Es wird wei­ter­ge­le­sen, weil sich immer mehr Innen­wel­ten öff­nen, Angst, Wut, Trau­er, aber auch alle mög­li­chen Arten von Komik – von der Situa­tions- bis zur Tra­gi­ko­mik kann man in den erzähl­ten Träu­men fin­den. Doch plötz­lich ist das Buch schein­bar zu Ende, Leser*in wacht auf – abrupt und unver­mit­telt, sodass man gern ein klei­nes biss­chen wei­ter geträumt, gele­sen hätte.

Theo­re­tisch könn­te man das auch, denn alle Träu­me sind aus­nahms­los aus euro­päi­schen Traum­fo­ren ent­nom­men, die im Inter­net frei ver­füg­bar sind. Wel­chen Mehr­wert hat also die Lek­tü­re die­ses Buches, den die Posts unter­schied­li­cher euro­päi­scher Traum­fo­ren nicht schon beinhal­ten würden?

Es ist die Spra­che, in die sich Lotz geschickt hin­ein­schreibt und der er sei­nen ganz eige­nen Ton gibt. Wie mit dem Ein­gangs­zi­tat mar­kiert, macht Lotz sein Ver­fah­ren trans­pa­rent. Die Tex­te sind alle­samt sprach­li­che Begeg­nun­gen, die in ihrem Zusam­men­spiel so authen­tisch wir­ken, dass eige­ne und frem­de Spra­che inein­an­der­grei­fen, ohne aber die jeweils ande­re zu über­schrei­ben. Fast so, als wäre das Gegen­über gera­de auf­ge­wacht und ver­such­te in größ­ter Auf­re­gung mit­zu­tei­len, wie es Tina Tur­ner Augen­trop­fen besor­gen muss­te oder wie es gera­de mit Gim­li, Lego­las und Pere­grin Tuk aus Herr der Rin­ge sei­nen Vater beer­digt hätte.

Zum ande­ren sind alle Träu­me völ­lig anony­mi­siert und ohne jeg­li­che Anga­be über die Urheber*innen. Was auf den ers­ten Blick nach Pla­gi­at aus­sieht, ist auf den zwei­ten eine star­ke Bot­schaft – Träu­me sind wie ein Wur­zel­ge­flecht, mit dem Men­schen sich ver­bin­den, in dem sie sich gegen­sei­tig erken­nen. Durch die Anony­mi­tät wird eine unvor­ein­ge­nom­me­ne Lek­tü­re ermög­licht, die in einem Forum allein schon durch die Spra­che, in der die Träu­me ver­fasst sind oder wegen unter­schied­li­cher Benut­zer­na­men erschwert ist. Alle Träumer*innen sind gleich, ganz egal, woher sie kom­men, ganz egal, wer sie sind.

Es gibt aller­dings eine Kon­stan­te in den Tex­ten: Zu Beginn eines jeden Traums steht das ‚Ich‘ als Aus­gangs­punkt. Es führt durch den Text, macht ihn zugleich fass­bar, lässt uns ganz nah her­an­tre­ten und bin­det Leser*in an sich. Es ist auch die Instanz, für die der Traum kein Traum, son­dern Wirk­lich­keit ist. Das Ich erlebt das gesam­te Emo­ti­ons­spek­trum und da das Ich das Pro­no­men ist, das alle für sich sagen kön­nen, bie­tet das Pro­no­men für die Leser*innen einen Anhalts­punkt und eröff­net Iden­ti­fi­ka­ti­ons­mög­lich­kei­ten. Es sind kei­ne eige­nen Träu­me, aber das könn­ten sie durch­aus sein – die ero­ti­schen genau­so gut wie die nied­li­chen oder gru­se­li­gen. Man stellt sich Fra­gen über Men­schen, die den Traum erzäh­len und emp­fin­det die­se Wild­frem­den plötz­lich als sehr nahe­ste­hend. Man lernt die Anders­ar­tig­keit des Ande­ren ken­nen und begeg­net dar­in plötz­lich sich selbst.

Lotz wäre nicht Lotz, wenn er mit sei­nem Schrei­ben nicht immer wie­der neue Mög­lich­keits­räu­me und Wirk­lich­keits­di­men­sio­nen eröff­nen wür­de. Auch dies­mal. Kurz gesagt: eine kost­ba­re Leseerfahrung!

 


 

 

 

[1] #22 hörins­blau – Das Gespräch mit Wolf­ram Lotz: https://www.schauinsblau.de/22-hoerinsblau-wolfram-lotz/

Das neue Pro­sa­werk von Wolf­ram Lotz erscheint unter dem Titel „Träu­me in Euro­pa“ am 26. Janu­ar 2026 im S. Fischer Verlag.