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Von Lina Jaidi
„Film directors and Victor Frankenstein have a lot in common“,[1] stellt Guillermo del Toro fest, wenn er gefragt wird, was genau ihn am Frankenstein-Urstoff so sehr faszinierte, um nach knapp 50 Jahren Ausarbeitung den zahlreichen bereits existierenden Adaptionen und Spin-Offs des Werks endlich seine eigene Interpretation hinzuzufügen. „You try to control, and things go wrong when you try to control.”[2] Ironischerweise soll der Meister des Monster-Films damit Recht behalten. Del Toros Frankenstein-Verfilmung knüpft dort an, wo die popkulturelle Rezeption von Mary Shelleys Klassiker versagt. Sie macht deutlich – sehr deutlich – dass sie Frankensteins Kreatur nicht als primitive Bestie, sondern als kindsähnliches Wesen mit unbefleckter Seele betrachtet. Ihr Schöpfer hingegen wird zum verrückten Wissenschaftler und zur versagenden Vaterfigur degradiert. Da Netflix wohl befürchtet, sein Publikum möglicherweise auf der Strecke zu verlieren, spricht William an Victor gerichtet sicherheitshalber aus, was ohnehin ziemlich klar kommuniziert wird: „You are the monster.“
Del Toros Frankenstein distanziert sich in einigen Aspekten bewusst von seiner literarischen Vorlage. Der Regisseur erklärt, während Mary Shelleys Frankenstein von der Biografie der Autorin beeinflusst sei, so sei seine Verfilmung durch sein eigenes Leben, insbesondere die Beziehung zu seinem Vater, inspiriert.[3] Während del Toros Frankenstein sich von vielen anderen Adaptionen abhebt, indem sie der Kreatur ihre Empfindsamkeit zurückgibt, so geht sie dabei leider so weit, ihr ihre Monstrosität – die bei Shelley durchaus auch eine Rolle spielt – vollständig abzusprechen. Statt zielgerichtet Morde zu begehen, nimmt del Toros Kreatur lediglich einige Fatalitäten in Kauf. Abgesehen davon macht es sich der Film zur Aufgabe, ihre Unschuld ausdrücklich zu betonen, zum Beispiel indem sogar wilde Tiere der Kreatur aus der Hand fressen. Im Gegenzug werden Victor sein behütetes Elternhaus und sein privilegierter Hintergrund entzogen. Er erhält stattdessen einen niederträchtigen Vater und eine sterbende Mutter. Wer den Bösewicht spielt, muss schließlich zunächst zum Bösewicht gemacht werden. Fans des Romans dürften hier von der mangelnden Komplexität der Charaktere enttäuscht sein. Darüber hinaus fehlt es Frankensteins Monster an der erwarteten Scheußlichkeit. Del Toro erklärt hierzu, man habe die Essenz des menschlichen Körpers darstellen wollen.[4] Das Resultat ist ein etwas übernatürlich aussehender, mit Narben überzogener, aber durchaus immer noch attraktiver Jacob Elordi. Während Shelleys Kreatur als derart körperlich entstellt beschrieben wird, dass bereits ihr Äußeres allein Grauen bei allen Menschen auslöst, die sie erblicken, verwundert es nicht, dass in der Verfilmung weder Victor noch Elizabeth intuitiv vor der Kreatur zurückschrecken. Elizabeth wird sogar zu einer Art romantischem Gegenpart.
Generell wirft Elizabeths Rolle in der Verfilmung Fragen auf. Der Versuch, die sorgsame Ziehschwester aus der Romanvorlage aus ihrem häuslichen Umfeld zu entheben und ihr stattdessen naturwissenschaftliches Interesse mitzugeben, mag feministisch motiviert sein, kommt dahingehend aber zu keinem Abschluss. Abgesehen davon, dass Elizabeth gelegentlich Insekten beobachtet, sehen wir wenig von Elizabeth, der Wissenschaftlerin. Stattdessen muss sie als Objekt romantischen Interesses für gleich drei Männer herhalten: zuerst William, danach Victor und zuletzt Victors Kreatur. Auch ist es allein ihr zartes, empathisches, feminines Gemüt (wie frau eben zu sein hat), das die Sanftmütigkeit der Kreatur erkennt und eine spirituelle Verbindung zu ihr aufbauen kann. Diese Szenen dürften treue Zuschauende del Toros eher an Shape of Water als an Frankenstein erinnern. Die Uminterpretation von Elizabeths Charakter geht nicht nur zulasten der feministischen Intention, sondern auch zulasten des Gesamtwerks. Die unüberwindbare Isolation vom Rest der Menschheit sowie die daraus resultierende existentielle Einsamkeit, die die Essenz des Frankenstein-Stoffs ausmachen, werden relativiert und verlieren an Tragik.
Passend dazu bringt del Toro seine Version des Klassikers auch zu einem weitaus positiveren Abschluss als der Grundstoff erwarten lässt: Victor, misshandelter Sohn und misshandelnder Vater, erkennt den Kreislauf des Generationstraumas. Der biografische Einfluss del Toros eigener Erfahrungen als Sohn und Vater wird hier besonders deutlich, wie der Regisseur selbst bestätigt.[5] Jeder entspannte Filmeabend kommt auf diese Weise zu einem unbeschwerten Abschluss und es ist selbstverständlich erfreulich, wenn reale familiäre Missstände aufgelöst werden können. Im fiktiven Universum von Frankenstein muss es allerdings zumindest bei zynischen Zuschauenden für Stirnrunzeln sorgen, wenn nach einer blutigen Verfolgungsjagd plötzlich durch ein kurzes Gespräch alle Probleme gelöst sind.
Filmisch ist del Toros Adaption ihr hohes Budget durchaus anzusehen. Die Szenen übertreffen sich gegenseitig an Bildgewalt und die Liebe des Regisseurs zur Gothic-Ästhetik ist in jedem Shot erkennbar. Allerdings schießt der Film auch optisch, ähnlich wie bei der Charakterisierung seiner Hauptfiguren, übers Ziel hinaus. Er ist dermaßen schön, dass er schon wieder artifiziell wirkt und an Ernsthaftigkeit verliert. Wolfgang M. Schmitt vergleicht das Ganze mit einem Lindt-Weihnachtsmann-Werbespot – eine Beschreibung, die zu treffend ist, um sie nicht zu zitieren.[6]
Insgesamt ist del Toros Liebe zu Frankenstein in seiner Verfilmung durchaus spürbar, auch wenn seine stark biografisch inspirierte Neuauflage der Komplexität des Originals nicht das Wasser reichen kann. Ihre Defizite bestehen dabei nicht etwa im Abweichen von der Romanvorlage und auch nicht darin, dass del Toro moderne Phänomene wie das Generationstrauma oder die Frage des Feminismus in den Fokus rückt. Vielmehr scheitert seine Adaption, wie die meisten ihrer Vorgänger, an der inhärenten Komplexität des Frankenstein-Grundstoffs. Diese filmisch einzufangen, ist eine bisher ungelöste Aufgabe. Inhaltlich trivialisiert und optisch überzogen fällt Guillermo del Toros Frankenstein wohl dem „Netflix-Syndrom“ zum Opfer.
[1] Extended Interview: Guillermo del Toro:
https://www.youtube.com/watch?v=LEv5dwhVbhc&t=321s, zuletzt am 28.11.25.
[2] Ebd.
[3] Ebd.
[4] Ebd.
[5] Frankenstein Q&A with Oscar Isaac, & Guillermo del Toro: https://www.youtube.com/watch?v=4_QGhWWY_FE, zuletzt am 28.11.25.
[6] Guillermo del Toro, der Harald Glööckler des Films: FRANKENSTEIN – Kritik & Analyse: https://www.youtube.com/watch?v=Dly9LckmW2I, zuletzt am 28.11.25.
