Anti-Aluhut-Sound

Anti-Aluhut-Sound
© Katja Ruge

»ADRENOCHROM« – das neue Album der Antilopen Gang

von Steven Gabber

 

Der pandemiegeplagte Sommer voller geplatzter Konzerte und ausgefallener Festivals bereitete Künstler*innen der Musikszene unvergleichliche Schwierigkeiten. Doch anstatt sich passiv dem Selbstmitleid hinzugeben, erreichte die Düsseldorfer Hip-Hop-Band Antilopen Gang mit ihrem zweiten 2020er Album namens Adrenochrom den Gipfel ihrer Produktivität. Die Platte erschien unangekündigt und ohne Promotion am 21.08. im frisch gegründeten Eigenlabel. Für die kurze Entstehungszeit hat das Album einiges im Repertoire: Von „Anti-Aluhut-Sound“ bis hin zu ironischen Angriffen auf die Consumer Culture legen die 14 Titel (inklusive 2 Skits) ihre Finger insbesondere in die Wunden der Gegenwart. 

ZEITKRITIK

Die Zeit ist aus den Fugen. 2020 ist eine Zäsur, die ihresgleichen sucht. Die Pandemie. Kreuz- und querdenkende Verschwörungstheoretiker*innen. Demokratiegegner*innen. Viele Dinge spalten die Polis. Aus allen Richtungen drängeln sich Bewerbungen in das Fadenkreuz der Antilopen Gang, die in Adrenochrom eine klare politische Haltung gegen die Achsen des Schwachsinns einnimmt.

Unser Platten-Panorama beginnt mit Hokus Pokus, einer desillusionierenden Nummer, die zwischen Wortspielen und klaren Botschaften pendelt, wenn sie gegen einfache Wahrheiten, Verschwörungstheorien und Ideologien – kurz Hokuspokus – schießt. Mit einer gewaltigen Ladung Kulturpessimismus wird gegen die lautesten Stimmen einer degenerierten Gesellschaft gewettert. Der ironischen Antwort des Songs wohnt ihr aggro-effect inne: Destruktive Gewalt auf zurückgebliebene Esoteriker*innen, Ideolog*innen und Faktenleugner*innen. „Komm‘ auf die Leipziger Buchmesse steuere den Kopp-Verlag an und verkloppe die Nazis.“ 

Verschwörungstheoretiker*innen und Fundamentalist*innen stehen auch im Zentrum von Globuli und Kritisch hinterfragt. „Ich bin ein guter Mensch im Blumenhemd – that’s fashion.“, ein dezenter Seitenhieb gegen die Proud Boys, reiht sich neben Tiraden gegen Aluhutträger*innen. Anstatt von oben herab zu reden, arbeiten beide Songs jedoch direkt mit der Perspektive der Kritisierten: Die Sprecher sind spekulativ, liefern keine Fakten und neigen zu irrationalen, assoziativen Kommunikationsformen, während sie sich als wachsame und kritische Gutmenschen betrachten. „Das ist nicht dadaistisch, das hinterfragt sehr kritisch./ Viel mehr Mühe hat sich Attila Hildmann auch nicht gegeben./ Ich weiß zwar nicht genau worum es geht/ Aber es reicht aus, um auf die Straße zu gehen/ Und mit einer Fahne zu wedeln.“ Mit diesem Perspektivenwechsel setzt die Band andere Akzente als etwa in älteren Tracks wie Dorfplatz, wo ein anklagender Ton dominiert, wenn A in einem asymmetrischen Machtgefälle über B redet, anstatt mit B oder wie hier als B. 

MUSIKINDUSTRIE

Die neue Platte erschien im selbstgegründeten Label „Antilopen Geldwäsche“ als reines Online-Album – ein klarer Reflex auf die Produktionsbedingungen während der Corona-Pandemie. Die Schwierigkeiten, die 2020 mit sich brachte, reflektieren die Antilopen im Song Plan B. „Eure Tage sind gezählt wie Festivals Zweitausendzwanzig./ Null Nada Nichts, na dann tun wir halt nichts/ und bearbeiten mit der Brechstange den EC-Kartenautomaten.“ Manche Berufe sind laut aktuellem Politikgeschehen „systemrelevant“, andere nicht. Gerade Künstler*innen fallen leicht in prekäre Situationen und sind umso mehr auf staatliche finanzielle Unterstützung angewiesen.

Dies gilt insbesondere für Musiker*innen, die sich nicht auf die Kunstindustrie einlassen wollen und dem Mainstream fernbleiben. „Eingefleischte Fans sind müde von der immer gleichen Leier./ Aber machte reich wie ein Scheich, na na na na na na.“ Bewährte Rezepte verkaufen sich gut, Experimente und Innovationen werden dagegen meist nur von einer Minderheit geschätzt, ist das Motto von Anführer deiner Feinde. Die Antilopen positionieren sich in diesem Songmit Rückgriff auf ihre Bandgeschichte gegen den Mainstream: „Mit uns waren die falschen für den Echo nominiert.“, lautet eine Zeile des Refrains, ein Reflex auf die Ablehnung einer Nominierung im Jahr 2017. Die zynische Begründung für das Ausbleiben der Antilopen Gang: Zur selben Uhrzeit würde ihre Lieblingsserie Alarm für Cobra 11 laufen. 

Große Fische im Teich der Musikindustrie werden daher auch auf diesem Album besonders gründlich geschuppt: „Und klar, Xavier Naidoo hat ein Rad ab, aber schon seit zwanzig Jahren.“, heißt es in Plan B als Legitimation für ihr „Bombardement auf die Musikindustrie“.

ANTI-KOMMERZ

Das Album richtet sich jedoch nicht nur an das Zeitgeschehen, sondern übt auch in einigen Tracks Systemkritik an den Schattenseiten des Kapitalismus. Army Parka stellt einen mittellosen Besitzbürger in den Mittelpunkt, der sich durch das KaDeWe schlendernd hemmungslos die Taschen füllt – „Prada or nada.“ Im Exzess entpuppt sich der zunächst anarchistisch anmutende Ladendieb in Army Parka als dekadenter, im Luxus schwelgender „Ebay Kleinanzeigen Power-Seller“.

 


Die stumpfe Banalität eines Kaufrausches schwappt auch in Pack it Up aus allen Zeilen. Durch triviale Wortwahl und Zweckreime zeigt sich der Stumpfsinn der Consumer Culture als totale Harmonie von Form und Inhalt. „Ich kauf einen Dyson-Staubsauger und schalte ihn ein und dann wieder aus und dann schick ich ihn zurück.“ 

Doch die Antilopen Gang wäre naiv, wenn sie eine einfache Lösung für die abstrakten Probleme des 21. Jahrhunderts anbieten würde. Die Selbstzelebrierung als progressive Rapcrew artet in Plan B in maßlose Zerstörung aus „Der Angriffskrieg beginnt, jeder beugt sich der Macht, ja. Wenn wir fertig sind, dann ist Deutschland Agrarland. Morgenthau – Wir kommen im Morgengrauen.“ Die Ironie hinter der Aussage lässt als typisch postmoderne Haltung fragen, ob es eine bessere Alternative zur Gegenwart gibt.

IDENTITY

An die Brillanz der nihilistischen Melancholie der Abwasser-Platte aus dem Jahr 2015 knüpft das Schlusslicht von Adrenochrom an. Der Song Name und Adresse, eindeutig einer der stärksten des Albums, ist von Identitätszweifeln und Existenzkrisen geprägt. Die zwischen Solipsismus und Nihilismus schwelgenden Zeilen relativieren weltlichen Erfolg und nehmen die bedrohliche Sinnleere einer Gegenwart ohne große Narrative zur Kenntnis. „Ich zweifelte schon zu Lebzeiten an meiner Existenz./ Fühl mich so wie Jason Bourne, bin aus dem Nichts entsprungen./ Es schiebt sich ein Nebel vor jegliche Erinnerung.“ Der Sprecher kann seinen Weg aus der Leere in die Leere nicht mehr nachvollziehen und bekennt seine Nichtigkeit in seiner schwermütigen Orientierungslosigkeit.

Die Konsequenzen aus solch einem bedeutungslosen Dasein zieht der Song Warum sollte ich, der in Form von endlosen Anaphern einen Rückzug in eine alles ablehnende Haltung gegenüber hegemonialen Forderungen propagiert, die wohl am ehesten in der Tradition von Schreiber Bartleby dem Narrativ vom Einzelnen gegen den Strom folgt. „Warum sollte ich mich ranschmeißen oder meine Zähne zusammenbeißen?/ Warum sollt‘ ich upswipen?“ Doch auch die Passivität wird ironisch gebrochen, indem sie als stumpfsinnig und unpolitisch dargestellt wird. „Warum sollte ich mit dir diskutieren, du Opferknecht? Du weißt zum Thema mehr als ich, doch ich hab trotzdem recht.“ Eine einfache Alternative bleibt aus, das Urteil über die ambige Position des Sprechers muss sich ganz demokratisch der Zuhörer selbst bilden.

FAZIT

Aktualität und Zeitgeist haben eindeutig Priorität, so reagiert das Album teils subtil, teils mit der Brechstange auf gesellschaftliche und individuelle Probleme des Jahres 2020. Daher dreht sich nicht jeder Track des Albums um die großen Fragen der Menschheit, wie es das noch philosophischer anmutende Abwasser-Album (2015) oder das stärker politisierte Anarchie und Alltag (2017) tat. Dennoch haben wir es hier mit einem durchdachten und komplexen Kunstwerk zu tun, das die geplatzten Konzerte und Festivals mindestens kompensiert, Antilopen-Anhänger*innen hilft, sich in Geduld zu üben, und durch seine gegenwärtige Brisanz seine Daseinsberechtigung zementiert.