Begegnungen zwischen Heimat und Fremde

Begegnungen zwischen Heimat und Fremde

Feridun Zaimoglu über Fremdheitserfahrungen und das Sezieren von Sprachkörpern

von Han­nes Müller

 

SCHAU INS BLAU: Herr Zai­mo­g­lu, Sie sind 1964 im ana­to­li­schen Bolu gebo­ren, leb­ten seit 1965 unter ande­rem in Ber­lin und Mün­chen, und haben nun Ihren Lebens­mit­tel­punkt seit 1985 in Kiel. Wo ist Ihre Hei­mat? Oder könn­te man von Hei­ma­ten sprechen?

FERIDUN ZAIMOGLU: Hei­mat – das ist Deutsch­land und vor­nehm­lich ist es Nord­deutsch­land gewor­den. Ich bin zwar in Mün­chen auf­ge­wach­sen und habe das Münch­ner Bay­risch gelernt. Mei­ne Umge­bung war eine Kul­tur­ka­tho­li­sche, inso­fern geht mir das Herz auf, wenn ich in Bay­ern bin. Es ist mir ver­traut. Hei­mat ver­bin­de ich mit einer gewis­sen Ver­traut­heit, aber auch mit einer Her­zens­bin­dung. Also kann ich sagen, dass Nord­deutsch­land mei­ne Hei­mat ist. Aber es ist auch Deutsch­land. Wenn ich deutsch höre, dann weiß ich, ich bin im deutsch­spra­chi­gen Raum und wenn ich im deutsch­spra­chi­gen Raum bin, dann weiß ich, ich bin zuhause.

SCHAU INS BLAU: Ins­be­son­de­re in Kiel?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ins­be­son­de­re in Kiel. Ich bin da ja seit 31 Jah­ren und schon dar­aus kann man ent­neh­men, dass ich mich dort wirk­lich wohl füh­le. Hei­mat wird beson­ders in der Kul­tur von Schrei­be­rin­nen und Schrei­bern immer wie­der auch als magi­scher Ort, als Nicht-Hei­mat, als Über­win­dung der Hei­mat oder als Spra­che ver­stan­den. Alles schön und gut, aber für mich hat Hei­mat mit Land, mit Him­mel und mit Erde zu tun.

SCHAU INS BLAU: Bei unse­rem ers­ten Tele­fo­nat erwähn­ten Sie, dass Sie zur Zeit ein noma­di­sches Leben füh­ren. Sie sind sicher­lich viel unter­wegs. Wel­che Rol­le nimmt in die­sem Zusam­men­hang die „Hei­mat“ für Sie ein?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich kom­me mir vor wie ein Wan­der­mönch. Mir gefällt es sehr, her­um­zu­rei­sen und zu lesen. Ich sehe dar­in nicht etwas Beson­de­res. Da erwächst mir nicht ein bestimm­ter Lebens­sinn, höchs­tens Lebens­lust. Ich rei­se von Stadt zu Stadt und ler­ne Deutsch­land ken­nen. Dar­auf möch­te ich nicht ver­zich­ten, weil ich, wenn ich bei­spiels­wei­se in Klein­städ­ten lese, mit den Men­schen des Vol­kes in Berüh­rung kom­me. Dann lau­sche ich ihren Geschich­ten. Und so bekom­me ich Din­ge mit, die viel­leicht ein Stu­ben­ho­cker oder ein Schrei­ber, der sich nicht hin­aus traut, nicht mit­be­kom­men wür­de. Mein Erkennt­nis­ge­winn ist der Tat­sa­che geschul­det, dass die Men­schen so freund­lich sind und mir Geschich­ten erzäh­len. Aber ich bin dann – inso­fern haben Sie Recht, auf die Hei­mat zu ver­wei­sen – froh, wenn ich nach vie­len Wochen wie­der zurück in mei­ne Hei­mat­stadt Kiel fah­re. Dann ein­fach auch umfal­le und eben nicht rei­se. Bis Mit­te Dezem­ber wird das der Fall sein.

SCHAU INS BLAU: Die ande­re Sei­te der Medail­le ist natür­lich die Frem­de mit der man wäh­rend des Rei­sens stän­dig in Berüh­rung kommt. Ich weiß nun nicht, ob Sie schon häu­fig in Augs­burg waren, aber even­tu­ell könn­te Ihnen hier auch eini­ges fremd erscheinen…

FERIDUN ZAIMOGLU: Gar nicht! Ich füh­le mich hier gar nicht den Ele­men­ten aus­ge­setzt. Ich füh­le mich nicht Wind und Wet­ter aus­ge­setzt. Ich weiß wohl, dass Sie rich­tig lie­gen. Ich habe man­che Kol­le­gin­nen und Kol­le­gen gese­hen, die Angst vor dem Publi­kum hat­ten, oder die Angst haben und die­ses Fremd­heits­ge­fühl bekom­men, wenn Sie aus Ihrer Woh­nung oder Ihrem ver­trau­ten Milieu hin­aus­ge­hen. Aber ich gehe ger­ne unter die Leu­te. Ich gehö­re zu denen, die sich ger­ne in Bahn­hö­fen auf­hal­ten, also bin ich heu­te, als ich ankam, eine Zeit­lang im Augs­bur­ger Haupt­bahn­hof geblie­ben, habe mich umge­schaut und mich gefreut. Natür­lich bekom­me ich nur bestimm­te Win­kel und Ecken zu sehen und kann nicht sagen, ich sei wirk­lich in Augs­burg gewe­sen. Fremd ist es mir aber nicht. Fremd wird es mir, wenn ich die Spra­che nicht ver­ste­he. Wenn ich auf ande­re Sit­ten und Bräu­che sto­ße. Wenn ich dar­über rät­seln muss, wie sich Men­schen ver­stän­di­gen. Das ist in Augs­burg nicht der Fall und in Mün­chen schon gar nicht. In Bay­ern eigent­lich sowie­so nicht, denn Bay­ern ist für mich der Sehn­suchts­ort mei­ner Kind­heit. Hier kann mir gar nichts fremd sein.

SCHAU INS BLAU: Macht viel­leicht auch die­se Exis­tenz als rei­sen­der Noma­de etwas mit dem Gefühl der Fremd­heit? Löst sich durch das noma­di­sche Leben das Gefühl der Fremd­heit auf? Frei nach der Devi­se: „Hei­mat fin­det man unterwegs“?

FERIDUN ZAIMOGLU: Die Fremd­heit kann sich nicht auf­lö­sen, wenn sie sich gar nicht erst ein­stellt. Wenn ich zum Bei­spiel durch Ost­deutsch­land fah­re, dann könn­te man mei­nen, dass ich mich in den Städ­ten Ost­deutsch­lands anders füh­le, da mir Städ­te unver­traut sind. Auch dort emp­fin­de ich aber kei­ne Fremd­heit. Fremd­heit ist mir, das habe ich im Lau­fe der Jah­re fest­ge­stellt, unver­ständ­lich gewor­den. Ich fra­ge mich, was das ist, wenn ich mich in Deutsch­land bewe­ge. Fremd ist es mir, wenn ich auf einem Jahr­markt bin und die Leu­te zu laut sind. Lärm ist mir fremd. Lärm ist etwas, dass in mich ein­drin­gen will und vor dem ich flie­he. Das wäre Fremd­heit, wenn man den Begriff nega­tiv beset­zen will. Ich bin aber ger­ne durch­läs­sig. Wenn ich rei­se, dann schaue ich mich natür­lich um und oft geschieht es, dass ich eine Idee oder ein Dia­log­frag­ment fest­hal­te, es mir auf Papier notie­re und spä­ter dann auf­grei­fe. Auf Rei­sen bin ich also ger­ne ein Jäger und Samm­ler. Ich bin aber nicht in einem frem­den Milieu unter­wegs. Die Frem­de wäre für mich das Aus­land, wobei ich mich auch dort nicht ange­grif­fen füh­le. Sie mer­ken schon; ich den­ke nach und ver­su­che „das Frem­de“ zu ver­ste­hen. Das Wort „Fremd­heit“ an sich ist mir fremd. Ich ver­su­che die­sen Begriff zu kna­cken und das will mir nicht recht gelin­gen, weil es zu mei­nem Schrei­ben gehört das sou­ve­rä­ne Ich zu zer­stö­ren. Ich betrei­be eine Art Selbst­ver­schwen­dung. Fremd­heit brin­ge ich in einen Zusam­men­hang mit einer gewis­sen Lust am Ande­ren und mit der Auf­ga­be des Eige­nen. Ich habe gro­ße Lust mich anzu­grei­fen, mich zum Ver­schwin­den zu bringen.

SCHAU INS BLAU: Ver­ste­hen Sie auch das Schrei­ben als eine Form der Heimat?

FERIDUN ZAIMOGLU: Schrei­ben ist mei­ne Arbeit, mein Leben, dar­in erbli­cke ich den Sinn des Lebens und es ist mein All­tag. Wis­sen Sie, ich kom­me aus Arbei­ter­ver­hält­nis­sen und bin mit der schö­nen Arbei­ter­mo­ral auf­ge­wach­sen. Die lau­te­te: „Wo hängt der Ham­mer?“ Schau hin, erken­ne und lass dir nichts ein­re­den. Am Anfang waren bei mir Wor­te und erst spä­ter stieß ich auf Begrif­fe. Hei­mat ist für mich ein Begriff, den ich erst zurück­füh­ren muss auf das eigent­li­che Wort. Wenn Sie mich fra­gen, ob Schrei­ben Hei­mat ist, dann wür­de ich erst­mal nein sagen. Hei­mat ist das Meer, ist der raue Him­mel in Kiel, sind die Men­schen, ist mei­ne Geschich­te und die eige­ne Bio­gra­phie. Das Schrei­ben ist zwar ein essen­ti­el­ler Akt – das stimmt wohl – aber ich müss­te ein Wort mit einem Begriff in Ver­bin­dung brin­gen. Das grenz­te aber an Schwin­del, es gehör­te nicht zu mir. Ich schrei­be, ich erfin­de Geschich­ten und ich ver­su­che, in die­sen Geschich­ten einen hohen Wie­der­erken­nungs­wert zu erlan­gen. Ich kann nicht sein ohne zu schrei­ben. Es ist also für mich wirk­lich essen­ti­ell. Zur Hei­mat gehört das Schrei­ben, gehö­ren die Bücher, die ich lese und die ich habe, dazu gehö­ren die Men­schen, dazu gehört – wie schon gesagt – der raue Him­mel, das Meer, die Ost­see, aber das blo­ße Schrei­ben als Hei­mat zu bezeich­nen wür­de ich nicht tun.

SCHAU INS BLAU: Schrei­ben wäre dann ein Teil der Hei­mat und nicht die Hei­mat selbst?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ganz genau.

SCHAU INS BLAU: Gleich­zei­tig suchen Sie beim Schrei­ben auch die Begeg­nung mit dem Fremden.

FERIDUN ZAIMOGLU: Jetzt gehe ich im Geis­te die Bücher durch. Was ist allen Prot­ago­nis­ten, allen Fan­ta­sie­fi­gu­ren in mei­nen Büchern zu eigen? Sie wer­den nicht geschont, sie wer­den von der Wirk­lich­keit ver­ätzt. Sie ver­wan­deln sich. Sie müs­sen es, auch wenn sie es nicht wol­len. Im Aus­gang der Geschich­te wer­den sie nicht die sel­ben sein wie am Anfang. Man kann natür­lich sagen, dass sie sich in Gefahr bege­ben oder aus ihrem ver­trau­ten Milieu her­aus­ka­ta­pul­tiert wer­den. Sie ver­wan­deln sich, sie müs­sen sich ver­wan­deln. Dann ist es die Frem­derfah­rung, als viel mehr das Frem­de, dem sie sich stel­len müs­sen. Die­ses Frem­de hat vie­le Gesich­ter in mei­nen Büchern. Mal ist es eine bis dahin unbe­kann­te Frau, die zu Beginn der Geschich­te mit einem Unfall kon­fron­tiert wird. Das Selbst­ver­ständ­li­che hört für sie auf und die Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten bren­nen ab. Im neus­ten Buch ist es ein Kind, das sich in einem gären­den Milieu behaup­ten und sich ihm stel­len muss. Man hat über das Buch gesagt, es sei eine Fabel der Fremd­heit. Ja, dem stim­me ich zu. Ich lie­be es, Män­ner und Frau­en aus den Geschich­ten her­aus­bre­chen zu las­sen. Sie bre­chen aus einem Gefü­ge her­vor, das sich sehr schnell als Illu­si­on oder als ein illu­sio­nä­rer Auf­ent­halts­ort ent­puppt. Inso­fern könn­te man das Frem­de auch als das Furcht­ein­flö­ßen­de begrei­fen. Und die­se Men­schen – ich tue mal so, als wür­de es die­se Fan­ta­sie­fi­gu­ren wirk­lich geben – wür­den ganz sicher nicht aus frei­en Stü­cken die Begeg­nung mit dem Frem­den suchen. Sie wür­den sich den vie­len Gesich­tern der Fremd­heit nicht stel­len wol­len, aber sie müs­sen. Dar­um geht es in mei­nen Geschich­ten, in mei­nen Büchern.

SCHAU INS BLAU: Die Figu­ren Ihrer letz­ten Bücher Ley­la, Isa­bell und Wolf haben auf den ers­ten Blick wenig mit Ihnen gemein­sam. Den­noch grei­fen Sie auf die Per­spek­ti­ve des Ich-Erzäh­lers zurück. Ist das Schrei­ben aus die­ser Per­spek­ti­ve für Sie Her­aus­for­de­rung oder Ein­la­dung zu einem fik­ti­ven Dialog?

FERIDUN ZAIMOGLU: Am Anfang steht immer der unbe­ding­te Wil­le mit mir und mei­nen Ver­hält­nis­sen zu hadern. Je weni­ger Zai­mo­g­lu sich in einem Roman von mir fin­det, des­to bes­ser. Ich will mich natür­lich nicht lang­wei­len, aber es ist auch kei­ne blo­ße Ent­schei­dung, ein Buch zu schrei­ben oder nicht. Tat­säch­lich bren­ne ich für den Stoff. Und wenn es denn so ist, dass ich die Geschich­te unbe­dingt auf­schrei­ben möch­te, dann fängt etwas an, was ich als „Anver­wand­lung“ bezeich­ne. Ich tra­ge mich ab, ich brin­ge mich zum ver­schwin­den. Ich möch­te es nicht nur dabei belas­sen zu schrump­fen. Es ist tat­säch­lich ein radi­ka­ler Akt und, obwohl es sehr phi­lo­so­phisch klingt, eine Selbst­ver­nich­tung. Ich kann nur Geschich­ten schrei­ben, wenn ich weiß, dass ich an die Gren­zen mei­ner Belast­bar­keit gelan­ge. Ich muss aus mir schöp­fen und gleich­zei­tig mit mir bre­chen. Schrei­ben bedeu­tet für mich har­te Recher­che, die Rei­se zu den Schau­plät­zen, Orts­be­ge­hun­gen, aber auch noch mehr. Wenn ich eine mager­süch­ti­ge Frau beschrei­be – nicht nur beschrei­be, son­dern die Ich-Per­spek­ti­ve ein­neh­me – dann neh­me ich vier­zehn Kilo ab, ver­dammt noch mal. Oder wenn ich einen sechs­jäh­ri­gen deut­schen Bub beschrei­be, wenn ich der sein soll, dann ver­bie­te ich mir jeg­li­che Klug­schei­ße­rei. Dann darf ich nicht klü­ger sein als er. Ich darf nicht vor­kom­men, denn erst dann kann ich Wolf, der sechs­jäh­ri­ge Bub in den 1930ern in Istan­bul, sein. Dann kann ich auf dem Papier mit mei­nem Geschlecht bre­chen und Ley­la sein, und so weiter.

SCHAU INS BLAU: Bei Ihrem neu­en Buch Sie­ben­tür­me­vier­tel hat­te ich den Ein­druck, es sei bei­na­he gewach­sen. So als hät­te das Buch irgend­wann eine gewis­se Eigen­dy­na­mik bekom­men. Schließ­lich spre­chen Sie zahl­rei­che aktu­el­le The­men an, die orga­nisch ver­wo­ben sind.

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich ver­ste­he wohl. Das Buch ist gewach­sen, aber ich hat­te von Anfang bis Ende einen zähen Ablauf­plan. Ich wuss­te, wohin die Rei­se geht und habe es nicht dar­auf ankom­men las­sen, mir zu Beginn der Recher­che Leer­stel­len zu leis­ten und dann dar­auf zu hof­fen, dass es im Schreib­pro­zess schon wer­den wird. Ich kann so nicht schrei­ben. Des­we­gen habe ich ein­ein­halb Jah­re gebraucht, um die­sen Fahr­plan mit Kapi­teln und Sze­nen zu erstel­len. Dann habe ich mich hin­ge­setzt und geschrie­ben. Ich wuss­te ja von der heu­ti­gen Situa­ti­on nichts. Wer hät­te denn geahnt, dass die Schran­ken fal­len. Vor fünf Jah­ren habe ich mich auf­ge­macht für die Recher­che und habe das Manu­skript schließ­lich abge­ge­ben, bevor es zu die­ser Flücht­lings­wel­le kam. Auf die­se Art habe ich auch jedes ande­re mei­ner Bücher ver­fasst. Ich hielt kurz inne und dann war es immer eine Mischung aus Rausch und Ver­nunft. Es gab rausch­haf­te Zustän­de in Momen­ten der Recher­che und anschlie­ßend habe ich mich im zwei­ten Akt nüch­tern hin­ge­setzt und auf­ge­schrie­ben. Die Her­aus­for­de­rung ist nicht das Auf­schrei­ben, son­dern im nüch­ter­nen Auf­schrei­ben den­noch ein­ge­taucht und ein­ge­stimmt in der Geschich­te zu blei­ben. Also wenn sie fra­gen, ob die Geschich­te gewach­sen ist, dann kann ich ja sagen. Sie ist sogar gewu­chert. Aber das war der Plan. Das klingt selt­sam und para­dox, schließ­lich ist der Plan das Gegen­teil von Rausch und Wild­wuchs, aber genau das zu errei­chen gelingt mir über die Spra­che. Es gelingt mir auf der Grund­la­ge der fest­ge­hal­te­nen Geschich­te, die eine Grund­la­ge von sieb­zig oder acht­zig Sei­ten umfasst. Von dort aus gelingt es mir, die Geschich­te nach allen Sei­ten aus­strah­len zu las­sen. Und gera­de bei Sie­ben­tür­me­vier­tel wuss­te ich ja, dass es ein epi­scher Roman und ein lan­ger Weg wird. Allein des­we­gen lässt es sich schon nicht ver­hin­dern, dass die Geschich­te über die Gren­zen hinauswuchert.

SCHAU INS BLAU: Gera­de in Sie­ben­tür­me­vier­tel, aber auch in Ley­la neh­men Dia­lo­ge eine her­aus­ra­gen­de Rol­le ein. Wel­che Bedeu­tung hat der Dia­log in Ihrem Schrei­ben und zwi­schen wem fin­det er statt? Ganz offen­sicht­lich natür­lich zwi­schen den ent­spre­chen­den Cha­rak­te­ren, aber gibt es da auch eine Metaebene?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich bemü­he mich dar­um, der Geschich­te, die ich erzäh­len will, gerecht zu wer­den. Sowohl bei Ley­la, als auch bei dem Roman Sie­ben­tür­me­vier­tel, war ich mir im Kla­ren dar­über, dass es auch eine Zeit­rei­se ist. Wir befin­den uns in einer ande­ren Zeit, in der Gerüch­te, Gere­de, Geflüs­ter eine gro­ße Rol­le spiel­ten. Im Arme­leu­te­vier­tel Sie­ben­tür­me­vier­tel und in der Klein­stadt Ley­las herr­schen arme Ver­hält­nis­se. Das bedeu­tet auch die Abwe­sen­heit des Lärms von Elek­tro­ge­rä­ten. Die Men­schen hat­ten ein­fach nicht das Geld, obwohl die tech­ni­schen Gerä­te ja bereits exis­tier­ten. Sie hät­ten sich einen Fern­se­her oder ein Radio kau­fen kön­nen. Nur konn­ten die Men­schen, von denen hier in die­sen bei­den Büchern die Rede ist, sich die­se Gerä­te nicht leis­ten. Wor­um geht es also? Ich muss­te mir die Gegen­wart ver­bie­ten in der Recher­che, in der Zeit der „Anver­wand­lung“. Und ich muss­te mir vor­stel­len, was statt­des­sen war. Man hat mit­ein­an­der gespro­chen. Es herrsch­te kei­ne Hoch­zeit des Brie­fe­schrei­bens, also hat man auch nicht viel geschrie­ben. Das Brie­fe­schrei­ben ist ja eine Kul­tur des Bür­ger­tums. Damit war mir klar, dass ich die Bücher sze­nisch und dia­lo­gisch gestal­ten muss. Dazu gehö­ren auch lan­ge Dia­log­se­quen­zen, die man ganz banal als Ver­stän­di­gungs­mit­tel schlecht­hin bezeich­nen könn­te. Men­schen haben eben mit­ein­an­der und über­ein­an­der gespro­chen. Nicht umsonst galt der Spruch oder die Rede­wei­se „Das Gerücht tötet den Mann“. Man behaup­tet, man spricht, man spricht mit­ein­an­der, aber es gibt auch böses Gere­de. Dar­aus folgt dann, dass ande­re Men­schen mit­ein­an­der ins Gespräch kom­men. Das muss­te ich abbil­den. In der Nach­er­zäh­lung geht das nicht, denn es ist ja Gegen­wart in mei­nen Geschich­ten. Beson­ders bei Sie­ben­tür­me­vier­tel ist es ja so, dass der deut­sche Bub Wolf als schweig­sa­mer Jun­ge gilt, der Geheim­nis­se für sich behal­ten kann. Aber er lebt in die­sem Milieu und gera­de in die­sem Milieu wird die Tra­di­ti­on der münd­li­chen Über­lie­fe­rung beson­ders hoch­ge­hal­ten. Das muss­te ich mir ver­ge­gen­wär­ti­gen. Ich wer­de nicht nur im Sin­ne einer radi­ka­len Rol­len­pro­sa hin­ein­ge­weht wie ein böser Geist, um ein Bild des Neu­en Tes­ta­ments zu benut­zen. Ich bin nicht nur Wolf, son­dern auch das Vier­tel, auch all die­se Fabeln, all die­se gan­zen Regeln, all das Her­ge­kom­me­ne und Über­lie­fer­te. Das alles fin­det ja auch sei­nen Nie­der­schlag in den Gesprä­chen und Dia­lo­gen. Des­we­gen sind die bei­den Bücher sehr dia­log­las­tig gera­ten, aber das ist dem Umstand geschul­det, dass ich auch die Zeit abbil­den und ver­han­deln woll­te in die­sen Büchern.

SCHAU INS BLAU: Hat, wer Schreib­kunst betreibt, einen gewis­sen Sinn für das Sezie­ren von Sprachkörpern?

FERIDUN ZAIMOGLU: Das ist ein sehr schö­ner Gedan­ke, über den ich nach­den­ken muss. Wenn ich mich ein­ge­stimmt habe auf die Geschich­te, wenn ich mich der Prot­ago­nis­tin oder dem Prot­ago­nis­ten anver­wan­delt habe, wenn der Abstand geschmol­zen ist, wenn ich tat­säch­lich mei­ne Per­spek­ti­ve über­wun­den habe, dann flie­gen mir die Wor­te zu. Das Wort wird dann über­mäch­tig. Man könn­te sagen, du erzählst die Geschich­te und du als Schrei­ber Zai­mo­g­lu hast eben die­se Wor­te. Aber mir geht es tat­säch­lich dar­um, mich im Deut­schen auch zu ver­schwen­den. Ich kann viel­leicht des­we­gen mit den Sprach­ex­pe­ri­men­ten der sieb­zi­ger Jah­re und mit den reka­pi­tu­lier­ten Sprach­ex­pe­ri­men­ten in unse­rer Zeit wenig anfan­gen. Also zap­fe ich die alten Quel­len, die vie­len schö­nen Quel­len der deut­schen Spra­che, an. Ich unter­strei­che: Die Ein­stim­mung ist sehr wich­tig. Wenn ich soweit bin, dann geht es wie im Rausch. Aber Sie haben Recht, im ers­ten Akt des Schrei­ben, das kein Schrei­ben ist, son­dern Recher­che, kom­me ich mir vor wie in einem Prä­pa­rier­saal, kom­me ich mir vor wie einer, der zupft, zerrt und schaut, ob das Fleisch der Wor­te blu­tet. Es ist bru­tal, aber ich muss es ver­su­chen, denn erst dar­über erschließt sich mir die Taug­lich­keit oder die Untaug­lich­keit der Wor­te. Denn mit den Wor­ten wer­de ich ja auch, jeden­falls ver­su­che ich es, die Lese­rin oder den Leser hof­fent­lich davon über­zeu­gen, dass sie sich in der Gegen­wart der alten Zeit befinden.

SCHAU INS BLAU: Gera­de die Frau­en­fi­gu­ren in Ley­la, wer­den sehr detail­liert und auf ver­schie­de­nen Ebe­nen betrach­tet. Ich fin­de es span­nend, dass das Buch ja prin­zi­pi­ell von patri­ar­cha­len Struk­tu­ren aus­geht, in denen die­se Frau­en auf­wach­sen. Den­noch ist da eine gewis­se Span­nung zu spü­ren zwi­schen Deter­mi­na­ti­on, Hörig­keit und Selbst­be­stim­mung. Die Frau­en sind Opfer ihrer Umstän­de und doch gibt es einen eman­zi­pa­to­ri­schen Drang, der bei­spiels­wei­se in der Figur der Kupp­le­rin Ipek Hamin zum Aus­druck kommt. Da nimmt sich eine Frau Frei­hei­ten im Rah­men ihrer Mög­lich­kei­ten. Ist das in gewis­ser Wei­se schon eine Über­schrei­tung der kul­tu­rel­len Gren­zen, die bewusst ange­legt ist oder hat­ten Sie ein his­to­ri­sches Vorbild?

FERIDUN ZAIMOGLU: Die­se Zeit, in der die Geschich­te Ley­las spielt, ist his­to­risch ver­bürgt. Es ist eine Zeit, in der das Alte, um es mal sehr dras­tisch zu sagen, anfängt zu stin­ken wie ein Leich­nam. Wir haben eine ver­we­sen­de Zeit und ver­we­sen­de Sip­pen. Wir haben Frau­en, denen ihre Min­der­wer­tig­keit über den Ahnen­glau­ben, über das Her­ge­kom­me­ne, über die Über­lie­fe­rung erklärt wird. Es ist aber auch eine Zeit, in der die eiser­nen Win­de der Moder­ne wehen. Sowohl in Ley­la, wie auch im Sie­ben­tür­me­vier­tel, haben wir es mit archa­isch ver­fass­ten Gesell­schaf­ten zu tun, in denen das Gesetz – das Gesetz der Väter und Vor­vä­ter – in Stel­lung gebracht wird gegen die Frau­en, in denen man ihnen ihre schein­ba­re Zweit­ran­gig­keit und Zweit­klas­sig­keit, ihre Min­der­wer­tig­keit, immer wie­der vor Augen führt. Wir ken­nen das ja, wo Unrecht herrscht, ent­steht Druck und wo Druck herrscht, besteht die Mög­lich­keit, dass die Unter­drü­cker besiegt wer­den. Wir haben so vie­le Unbe­sieg­ba­re, so vie­le Kräf­te und Mäch­te, die von sich behaup­ten, unbe­sieg­bar zu sein. Wir haben so vie­le Men­schen, die Majes­tät vor­ge­ge­ben haben, die Unfehl­bar­keit und Stell­ver­tre­ter­schaft vor­ge­gau­kelt haben, don­nernd ster­ben und nie­der­ge­hen sehen. Im Grun­de genom­men ist das eine Schwel­len­zeit, die in den bei­den Roma­nen Ley­la und Sie­ben­tür­me­vier­tel beschrie­ben wird. Eine Schwel­len­zeit der ver­we­sen­den Regeln und Über­lie­fe­run­gen, der ver­we­sen­den Män­ner, die für sich den Herr­schafts­an­spruch, also das Recht der Herr­schaft über die Frau, erheben.

SCHAU INS BLAU: Ich habe die Namen­lo­sig­keit des Soh­nes von Ley­la als einen Schlüs­sel­to­pos des Romans betrach­tet. Dar­in wird die Ver­wei­ge­rung von Zuschrei­bun­gen wun­der­bar deutlich.

FERIDUN ZAIMOGLU: Das fin­de ich sehr klug. Die Schrei­ber ver­ste­cken etwas da und dort. Sie ver­gra­ben klei­ne Din­ge, die nicht gleich offen­sicht­lich sind. Sie haben das aus­ge­gra­ben und ich kann Ihnen nur mit einem don­nern­den Jawohl zustim­men. Tat­säch­lich ist es so und alles Wei­te­re wäre nur eine Para­phra­se Ihres Fundes.

SCHAU INS BLAU: Nun wür­de ich ger­ne auf Ihr neu­es Buch Sie­ben­tür­me­vier­tel, das es ver­dient auf die Lon­g­list des Deut­schen Buch­prei­ses 2015 geschafft hat, zu spre­chen kom­men. Sie beschäf­ti­gen sich dar­in mit zahl­rei­chen hoch­ak­tu­el­len The­men. Unter ande­rem fin­den sich Bezü­ge zu Migra­ti­on, Fremd­heit, Gewalt und Reli­gi­on. Sie haben nun schon gesagt, dass Sie vor fünf Jah­ren mit dem Schrei­ben des Buches begon­nen haben. Da waren die­se The­men noch außer­halb unse­res Blick­fel­des. Wie sind die­se The­men zusam­men- und hin­ein­ge­wach­sen in Ihr Buch?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich habe eigent­lich, ohne auf die Gegen­wart zu schau­en, der Logik der Geschich­te ent­spro­chen. Als ich das Manu­skript abge­ge­ben habe, war die heu­ti­ge Situa­ti­on immer noch nicht da, waren die Mas­sen nicht da, waren die Schran­ken noch nicht durch­bro­chen, waren die Men­schen in Not noch nicht bei uns. Mir schweb­te eine Geschich­te von epi­scher Län­ge vor und ich muss­te in mei­ner Vor­be­rei­tungs­pha­se und im tat­säch­li­chen Akt des Schrei­bens immer an die Geschich­te und ihre inne­re Logik den­ken. Ich durf­te die Geschich­te nicht über­stei­gen und dar­über nach­den­ken, was sonst noch zu die­ser Geschich­te gehö­ren mag. Ich ver­zich­te auf die Meta­ebe­ne, aber die ver­steck­ten Momen­te erge­ben sich für mich, wenn ich die­se Geschich­te auf­schrei­be. Sie erge­ben sich für mich nicht, wenn ich bestimm­te Aspek­te beson­ders berück­sich­ti­ge. Am Anfang, wie am Ende steht die Geschich­te. Auch da muss ich in gewis­sem Mas­se von mei­nem Recht, die Aus­sa­ge zu ver­wei­gern, Gebrauch machen.

SCHAU INS BLAU: Als ich Sie­ben­tür­me­vier­tel gele­sen habe, bin ich eben­falls die­ser Spur der Iden­ti­tät gefolgt. Wolf wird zu Beginn eine ein­deu­ti­ge Iden­ti­tät zuge­schrie­ben. Gleich zu Anfang lesen wir „Sie nen­nen mich Hit­lers Sohn. Flüch­ti­ger Ari­er, Kind mit Kraft. Sie nen­nen mich Wind­hund­wel­pe des Füh­rers.“ (7) Und so wei­ter. Wolf selbst ent­zieht sich die­sen ein­deu­ti­gen Zuschrei­bun­gen, jedoch möch­te er dazu gehö­ren. Er sucht Iden­ti­tät und fin­det sie schließ­lich auch, wenn er schreibt: „Sohn Abdul­lah Bey und Bay­ka Hanim. Kind mei­nes Vier­tels, Bru­der mei­nen Brü­dern, Deut­sches Blut, Tür­ki­sche Haut. Das bin ich. Haus, Hof und Hei­mat­bo­den. Das lie­be ich.“ (515) Hat Wolf Frie­den gefun­den mit sei­ner Iden­ti­tät, die eben nicht so genau bestimm­bar ist?

FERIDUN ZAIMOGLU: Im Pro­log steht: „Das Vier­tel ist mein Land“. Und am Ende steht der Satz: „Kind mei­nes Vier­tels“. Das Vier­tel ist mein Land, ist eher eine Behaup­tung. Kind mei­nes Vier­tels, das ist viel mehr und viel näher an dem, was Wolf erlebt hat. Tat­säch­lich hat er nicht nur eine, son­dern vie­le Erfah­run­gen gemacht. Er hat Mut­pro­ben bestan­den, daher nennt man ihn „den Ari­er mit Nar­ben“. Er hat die­se Zeit nicht wie sein Vater als Über­gangs­zeit ange­se­hen. Sein Vater woll­te in sei­ne Hei­mat zurück­keh­ren, wenn die Gau­ner aus die­ser Hei­mat end­lich weg sind. Wolf hat nicht sei­nem Vater gleich­ge­tan und sich her­aus­ge­hal­ten, er hat gelebt. Es ist sei­ne Bio­gra­phie. Es geht ihm nicht dar­um, sich von außen zu betrach­ten – dann wür­de er von Iden­ti­tät spre­chen. Es geht ihm um Zuge­hö­rig­keit. Immer wie­der, vor allem in den Kriegs­jah­re, wird er ange­fein­det und ihm wird die Fra­ge gestellt: „Avir, wem gehört dei­ne Treue? Bist du bei denen oder bist du bei uns?“ Und er sagt: „Ich bin deutsch, ich blei­be Deutsch.“ Und „Ich bin Christ, ich blei­be Christ.“ Es gibt die ein oder ande­ren Sze­nen, in denen er einen Kum­pel anfährt. War­um machen die sich so vie­le Gedan­ken, viel mehr Gedan­ken als er selbst, über ihn. Sie sol­len jetzt mal damit auf­hö­ren, denn es sei so: er sei Christ und er sei deutsch. Aber das Vier­tel ist sein Land. Bezie­hungs­wei­se er ist Kind sei­nes Vier­tels. Ich wür­de nicht von einem Auf­schub spre­chen, son­dern davon, dass Wolf all die­se Kämp­fe brauch­te. All die­se aus­ge­foch­te­nen Kämp­fe – Lebens­kämp­fe – und all die­se Zeit brauch­te es, um die­se Zuge­hö­rig­keit in die­sen ein­fa­chen Wor­ten wie­der­zu­ge­ben: Kind mei­nes Vier­tels. Es bringt ja alles, was ihn aus­macht auf den Punkt. Man soll­te beden­ken, wie sei­ne Pfle­ge­el­tern sehr dar­um bemüht sind, dass das Mus­li­mi­sche bloß nicht auf ihn abfärbt. Sein Vater hat­te es nicht son­der­lich mit Reli­gi­on und doch wird der arme Wolf zum Pries­ter gebracht und ihm wird eine Bibel besorgt.

SCHAU INS BLAU: Nun sind wir bei der Reli­gi­on ange­kom­men. Die ein­zel­nen 99 Kapi­tel Ihres Buches sind mit jeweils einem der 99 Namen Got­tes über­schrie­ben. Gera­de als Theo­lo­ge fand ich das span­nend. Ein Name mit dem sowohl die mus­li­mi­schen Theo­lo­gen, wie auch vie­le christ­li­che Theo­lo­gen wenig anfan­gen kön­nen, der aber die mus­li­mi­schen Mys­ti­ker und die christ­li­chen Mys­ti­ker ver­bin­det, fin­det sich auch unter den 99 Namen Got­tes nicht: der Frem­de. Könn­te der Ver­weis auf die Fremd­heit Got­tes auch ein befrie­den­des Poten­ti­al haben?

FERIDUN ZAIMOGLU: Sehr sehr schön. Ich den­ke jetzt laut nach: der frem­de Gott. Da ich gläu­big bin, aber nicht reli­gi­ös, ver­su­che ich auf dem Boden des Glau­bens eine Ant­wort zu fin­den. Der frem­de Gott ist für mich nicht der fer­ne Gott. Fremd­heit im Sin­ne einer Fer­ne oder Abge­rückt­heit Got­tes, der will­kür­lich bestimmt, wem sei­ne Gna­de teil­haf­tig wird und wem nicht, das kann es für mich nicht sein. Es kann für mich aber auch nicht der Gott der Huma­nis­ten sein. Der fer­ne Gott ist nicht der Gott, der feind­lich ist. Eine Feind­schaft Got­tes gegen­über sei­ner Schöp­fung ver­bie­tet sich mir. Es gibt ja der Gedan­ken­spie­le vie­le. Ein frem­der Gott ist für mich ein Gott, der selbst­ver­ständ­lich in Dif­fe­renz zu set­zen ist zu sei­ner Schöp­fung. Er ist ein schö­ner Gott und der Schöp­fer aller Schön­heit. Er ist der Schöp­fer von Ver­traut­heit und Fremd­heit, der Schöp­fer der Gegen­sät­ze. Und wir Men­schen ver­su­chen mit einem Tee­löf­fel Hirn über unse­ren Schöp­fer nach­zu­den­ken. Das kann natür­lich – um das Bild christ­li­cher und mus­li­mi­scher Mys­ti­ker zu bemü­hen – nur dar­auf hin­aus­lau­fen, dass wir auf dem Reit­tier Ver­nunft bis an das Ufer des Oze­ans gelan­gen. Ich ver­las­se mich ger­ne auf den gesun­den Men­schen­ver­stand und hal­te wenig von Schwär­me­rei. Ich hal­te wenig von der Illu­si­on, dass der Mensch mit dem einen Gott ver­schmel­zen könn­te. Es ist aber auch eine Illu­si­on, dass man glaubt, man kön­ne sich dem Schöp­fer ent­frem­den. Der frem­de Gott ist für mich, um mei­ne lau­ten Gedan­ken zusam­men­zu­fas­sen, ver­ständ­lich, auch wenn es mei­net­we­gen im hei­li­gen Buch heißt: „Der Herr ist euch näher als eure eige­ne Hals­schlag­ader“. Er ist das Wesen aller Para­do­xien, denn man ver­steht ihn letzt­end­lich natür­lich nicht. Er ist der, der jede Erklä­rung und jede Annäh­rung über­steigt. In die­sem Sin­ne ist Fremd­heit für mich ein schö­ner Wesens­zug Gottes.

SCHAU INS BLAU: In Ihren Tex­ten habe ich den Ein­druck, dass das Frem­de sel­ten das Beängs­ti­gen­de ist, meist das Fas­zi­nie­ren­de. Inwie­fern sind sie von der Fremd­heit fas­zi­niert? Inwie­fern fin­det sich auch in Ihren Büchern die­se Spur der Faszination?

FERIDUN ZAIMGOLU: Fremd­heit kommt immer über­fall­ar­tig. Sei­en wir doch ehr­lich, wir set­zen uns Fremd­heit nicht ger­ne aus. Fremd­heit ist oft unan­ge­nehm. Man kann sie lesen, man kann dar­über phi­lo­so­phie­ren, man kann dar­über viel erklä­ren, aber im wirk­li­chen Leben ist die Fremd­heit eine Unver­schämt­heit. Sie ist nicht wohl dosiert und ich habe ver­sucht, in allen mei­nen Büchern das Unan­ge­neh­me, das Spit­ze, das Schnei­den­de, das Zuna­he­kom­men­de der Fremd­heit in ver­schie­de­nen Bil­dern zu zeich­nen. Wenn Sie fra­gen, ob ich von der Fremd­heit fas­zi­niert bin, dann möch­te ich zurück­fra­gen: Fremd­heit? Was soll das sein? Ich ver­ste­he Sie wohl, aber ich tue jetzt so, als wür­de ich Sie nicht ver­ste­hen. Was soll die Fremd­heit sein? Das ist ein Wort, das ist schon wie­der ein Begriff. Ich ken­ne die Frem­den, ich ken­ne Fremd­heits­er­fah­run­gen, ich ken­ne ein frem­des Land, ich ken­ne Fremd­heit im Sin­ne einer Unver­traut­heit, ich ken­ne das Frem­de, aber Fremd­heit? Erst ein­mal habe ich Ver­ständ­nis­pro­ble­me. Und tat­säch­lich begeis­tert mich die Fremd­heit bis zu einem bestimm­ten Punkt, denn ich bin ein Schrei­ber und ein Schrei­ber ist macht­los. Das ist auch schön so. Ein Schrei­ber kann in sei­nen Büchern Wel­ten ent­wer­fen, aber dann geht er raus, stol­pert über eine Uneben­heit im Geh­weg und fällt. Spä­tes­tens dann müss­te ihm ja däm­mern, dass er in der wirk­li­chen Welt lebt. Da kann er noch so sehr auf die Wel­ten in sei­nen Büchern pochen. Fremd­heit als Chan­ce, Fremd­heit als ein­ge­wo­be­ner Stoff in die Geschich­te – in mei­ne Geschich­te – macht mir gute Lau­ne. Ich möch­te nicht dar­auf ver­zich­ten. Oft über­set­ze ich Fremd­heit in sozia­le Begrif­fe. Es sind meis­tens unbür­ger­li­che Hel­den in mei­nen Geschich­ten. Aber wenn ich raus­ge­he, dann weiß ich, dass wir Men­schen aus Fleisch und Blut sind und dass die Fremd­heit nicht fas­zi­nie­rend ist. Ich will mir aber auch im wirk­li­chen Leben immer wie­der Behag­lich­keits­ver­lust erlau­ben. Es soll mich anfal­len. Es darf nicht nach mei­ner Pfei­fe gehen. Also das eine sind die Bekennt­nis­se, sind die Ängs­te, ist die Umsicht, sind die Absich­ten, das ande­re ist das Leben, das stär­ker ist als mein klei­nes Hirn, als all mei­ne Absich­ten und stär­ker übri­gens als jedes Fremdwort.

SCHAU INS BLAU: Herr Zai­mo­g­lu, ich bedan­ke mich ganz herz­lich für Ihre Zeit, Ihre Ant­wor­ten, Ihre Offen­heit und die vie­len Ein­bli­cke in Ihr Schrei­ben und Denken.

 

Fer­i­dun Zai­mo­g­lu wur­de 1964 in Bolu (Tür­kei) gebo­ren, wuchs in Mün­chen, Ber­lin und Bonn auf und lebt seit 1985 in Kiel. Dort stu­dier­te er Kunst und Human­me­di­zin. Heu­te arbei­tet Zai­mo­g­lu als Schrift­stel­ler, Dra­ma­turg, Dreh­buch­au­tor und frei­er Jour­na­list. Sein Debüt­ro­man Kanak Sprak (1995), der eine Debat­te zu Sub­kul­tur und Migra­ti­on ent­fach­te, wur­de ein mul­ti­me­dia­ler Erfolg. Zai­mo­g­lu gilt als Grün­der der gesell­schafts­po­li­ti­schen Bewe­gung Kanak Attak, die sich für eine mul­ti­kul­tu­rel­le Gesell­schaft ein­setzt. Neben zahl­rei­chen Sti­pen­di­en und För­de­run­gen, wie u.a. das Lite­ra­tur­sti­pen­di­um Insel­schrei­ber (2003), das Vil­la-Mas­si­mo-Sti­pen­di­um (2005) und die Tübin­ger Poe­tik-Dozen­tur (2008), wur­de Zai­mo­g­lu u.a. mit dem Fried­rich-Heb­bel-Preis (2002), dem Grim­mels­hau­sen-Preis (2007), dem Jakob-Was­ser­mann-Lite­ra­tur­preis (2010) und dem Ber­li­ner Lite­ra­tur­preis (2016) aus­ge­zeich­net. 2015 war Zai­mo­g­lu außer­dem Main­zer Stadt­schrei­ber und Nomi­nier­ter für den Deut­schen Buch­preis (Lon­g­list).