Anna Drexler © Birgit Hupfeld
von Daniela Kratzer
Am 13.02.2026 feierte ‚Das Automatenbüfett‘ im Münchner Residenztheater seine Premiere. Das Stück stammt von Anna Gmeyner und war ihr letztes Werk, das in Deutschland uraufgeführt wurde, bevor sie von den Nationalsozialisten ins Exil gezwungen wurde. In der Inszenierung von Elsa-Sophie Jach zeigt sich, dass dieser vermeintlich harmlose Ort einer bayerischen Provinz-Idylle schnell zu einem Pulverfass wird, das die Abgründe der Gesellschaft offenlegt. Im Zentrum steht das Automatenbüfett, ein Wirtshaus in einer deutschen Provinzstadt, in dem Speisen und Getränke auf Knopfdruck aus der Wand kommen, trotzdem ist es weiterhin auf menschliche Arbeit angewiesen. Clementine kämpft darum, den Betrieb am Laufen zu halten. Als ihr Mann vom Angeln eine fremde Frau mitbringt, verändert sich die Dynamik schleichend. Eva, die eigentlich nicht gerettet werden, sondern ihrem Leben ein Ende setzen wollte, wird unfreiwillig Teil dieses Mikrokosmos. Zunächst scheint ihre Anwesenheit sogar hilfreich: Die Männerrunde des „Deutschen Amateur-Fischer-Verbands“, die regelmäßig einkehrt, lässt sich nur allzu gern von ihr das Bier bringen. Doch als Eva beginnt, sich für Herrn Adams angeblich revolutionäre Idee einer industriellen Fischzucht zu begeistern, gerät das Machtgefüge ins Wanken und die einst funktionierende Gesellschaft spaltet sich tief.
Das Bühnenbild ist eines der stärksten Zeichen des Abends. Eine große runde Scheibe, unten abgeschnitten und im 45-Grad-Winkel aufgestellt, dominiert den Raum. Sie fungiert gleichzeitig als Tisch des Wirtshauses und als Boden, auf dem sich alles abspielt. Darüber hängt ein Zehneck, in dem die Beleuchtung und ein kleiner Hahn eingebaut sind. Als der Fischerverband wie üblich in das Wirtshaus kommt und sich Bier bestellt, kommt dieses aus der Decke und sorgt direkt zu Beginn für einen überraschenden, fast absurd komischen Moment. Bis dato hatte niemand den Zapfhahn in der Decke bemerkt. Im Verlauf des Stückes wird die Bühne immer mehr auseinandergezogen und demonstriert unterschiedlichste Machtpositionen, beispielsweise stehen die Herren des Fischer-Verbands in einer Szene plötzlich ganz oben und Eva ganz allein unten. Beim Auseinanderziehen der Bühne kommt ein Haufen Erde zum Vorschein, die in ihrer Zeichenhaftigkeit ganz unterschiedlich eingesetzt wird. Zum einen wird sie genutzt, um die Trockenlegung der Fischteiche darzustellen, kurz darauf wird daraus ein „Haufen Geld“ geformt. Die theatralen Zeichen sind also stets mehrdimensional und lassen sich nicht einfach auflösen. In diesem symbolisch aufgeladenen Raum entfaltet sich das Schauspiel der Darsteller durchaus überzeugend und nachvollziehbar. Der erste Auftritt Evas ist dabei besonders eindringlich: Sie überschüttet sich mit einem Eimer Wasser. Dieses Bild steht unmittelbar für ihren Suizidversuch im Teich. Ohne viele Worte ist klar, was geschehen ist. Danach, als sie mit Herrn Adam das Automatenbuffet betritt, ist sie sichtlich nervös. Sie knetet ihre Hände, steht scheu da, die Knie eng zusammen. Ihre Körperhaltung ist geschlossen, ihre Stimme vorsichtig und leicht brüchig. Mimik und Gestik transportieren ihre Unsicherheit glaubwürdig.
Die Besitzerin Clementine Adam verfolgt währenddessen ein klares Ziel: Der Laden muss laufen. Ihr Befehlston lässt keinen Zweifel an ihrem Führungsanspruch. Ihr Kostüm, ein Kleid, das entfernt an ein Dirndl erinnert, kombiniert mit typischer Trachtenfrisur, unterstreicht ihre Rolle als Wirtshausbesitzerin.
Nachdem sie erkennt, dass ihre Beziehung genauso mechanisch wie das Automatenbüffet geworden ist, trennt sie sich von Herrn Adam. In dieser Szene trägt sie plötzlich eine Krone. Ein starkes Bild zwischen Ironie und Selbstermächtigung. Auch bei den weiteren Figuren erkennt man anhand ihrer Kostüme direkt, wen sie darstellen. Die Fischer tragen Mantel und Gummistiefel, bodenständig und leicht derb, während sich der Schulrat durch gehobenere Kleidung abhebt. Der „Arme“ erscheint im Pullunder mit Löchern, die sozialen Unterschiede der Figuren werden durch die Kostüme fast stereotyp veranschaulicht. Eine scheinbare Nebenfigur sticht dabei besonders heraus: der Ex-Ehemann von Eva besucht das Automatenbüffet, um seinem Job als Staubsaugerverkäufer nachzugehen, und trägt dabei einen Anzug aus Lackleder, der seine schmierige Persönlichkeit unterstreicht. Während die Kostüme die Eigenschaften der Figuren unterstützen, entsteht eine produktive Irritation vor allem aus dem Zusammenspiel der Figuren untereinander. Viele Lacher im Publikum zeigen, wie gut das Timing funktioniert. Ein Zitat wie „Ich bin so geistesabwesend, ich mach wieder Gedichte“ sorgt für spontanes Gelächter, ebenso wie die Szene, in der eine Figur von Schweinen erzählt und anschließend selbst grunzend lacht. Auch der Satz „Nach dem Scheintod habe ich eine Nacht geweint und fünf Tage keine andere Frau berührt“ wird von der Figur wie eine heroische Leistung vorgetragen und lässt das Publikum laut auflachen. Die Selbstinszenierung ist hier herrlich entlarvend. Besonders menschlich wirkt hierbei ein Moment, in dem die Schauspielerin der Eva während eines Monologs kurz aus der Rolle fällt und selbst schmunzeln muss. Für Überraschungen ist in dem Stück reichlich gesorgt: Als Clementine mit einem Maßkrug Bier von der Bühne fällt, seufzt das Publikum hörbar schockiert. Obwohl der Sturz einen Teil der Inszenierung darstellt, wirkt er auf das Publikum überraschend, da ein solcher körperlicher Kontrollverlust abrupt mit der bisherigen Bühnenordnung bricht. Doch nicht nur durch solche drastischen Momente erzeugt die Inszenierung Wirkung, auch die atmosphärische Gestaltung durch das Licht trägt entscheidend zur Spannung des Abends bei. Abends wird es dunkel, Kerzenschein begleitet eine Szene und auch die Musik wirkt stellenweise bewusst unpassend für ein Wirtshaus. Dadurch entsteht Irritation. Eine unerwartete Musikeinlage von Eva sorgt zusätzlich für Überraschung. Neben der Inszenierungspraxis überzeugt der Abend auch inhaltlich. Dabei ist besonders die Kreisstruktur gelungen: Am Anfang rettet Herr Adam Eva vor dem Tod im Wasser. Am Ende rettet Eva Herrn Adam vor dem Suizid ebenfalls aus dem Teich. Somit verbindet das Motiv des Wassers Anfang und Ende und gibt dem Stück eine zyklische Form. Dass die stimmige Verbindung dieser verschiedenen Inszenierungselemente funktioniert, zeigt sich auch im Publikum. Die Stimmung im Saal war lebendig. Viele Lacher, hörbare Reaktionen bei Überraschungsmomenten und am Ende satte vier Minuten Applaus mit Jubelrufen. Das Publikum zeigte deutlich, dass die Inszenierung überzeugt hat. Eine klare Empfehlung: Wer die Möglichkeit hat, sollte auf jeden Fall eine Aufführung besuchen.
