Die Inszenierung einer instabilen, einer beweglichen und einer Lifestyle-Identität in deutsch-türkischer Prosa

Die Inszenierung einer instabilen, einer beweglichen und einer Lifestyle-Identität in deutsch-türkischer Prosa

Was ist deutsch-türkische Literatur?

Schon früh began­nen die ers­ten Migran­ten, ihre Erfah­run­gen auf­zu­schrei­ben. Davon zeu­gen eine Viel­zahl von Gedich­ten, Essays und Erzäh­lun­gen. So wer­den Pro­ble­me der Inte­gra­ti­on, der Bestim­mung eige­ner Iden­ti­tät und kul­tu­rel­ler Fremd­heit seit Ende der 1960er Jah­re in der Lite­ra­tur reflek­tiert (zum Begriff ‘Fremd­heit’ und zur Fremd­heits­for­schung vgl. Albrecht 2003: 232–238 und 541–547). Die Autoren, die zwar in Deutsch­land leben, aber tür­kisch sozia­li­siert sind, wer­den heu­te meist als deutsch-tür­ki­sche Autoren kate­go­ri­siert. Man­che von ihnen wie Fer­i­dun Zaimo?lu zie­hen es vor, in ers­ter Linie als Deut­sche gese­hen zu wer­den, die außer­dem einen tür­ki­schen Hin­ter­grund haben (vgl. Radl­mai­er 2010). Dass die­ser Hin­ter­grund auch aktu­ell noch von gro­ßer Bedeu­tung ist, bewei­sen die hier vor­ge­stell­ten Tex­te bezie­hungs­wei­se deren quan­ti­ta­ti­ve und qua­li­ta­ti­ve The­ma­ti­sie­rung der kul­tu­rel­len und indi­vi­du­el­len Iden­ti­tät und Alteri­tät (zu Alteri­tät und Inter­kul­tu­ra­li­tät vgl. Gut­jahr 2002: 345–370). Alle Tex­te beinhal­ten meh­re­re kul­tu­rel­le Mus­ter. Auf die inter­kul­tu­rel­le Dimen­si­on wird oft­mals bereits im Titel oder Unter­ti­tel hin­ge­wie­sen, meis­tens durch tür­ki­sche Namen. Sowohl die Pro­duk­ti­ons­be­din­gung als auch das Dar­ge­stell­te ist durch eine Kul­tur­über­schrei­tung gekenn­zeich­net. Mit dem Bewusst­sein, dass jede Kate­go­ri­sie­rung durch eine gewis­se Will­kür und Sche­ma­ti­sie­rung bestimmt ist, soll im Sin­ne Micha­el Hof­manns „die Ver­wen­dung ‘deutsch-tür­kisch’ […] in unse­rem Kon­text rein prag­ma­tisch auf die Her­kunft und kul­tu­rel­le Prä­gung der erwähn­ten Autorin­nen und Autoren bezo­gen” sein (Hof­mann 2006: 197). Die Inten­si­tät der kul­tu­rel­len Prä­gung ver­än­der­te sich natür­li­cher­wei­se im Lau­fe der Genera­tio­nen; in wel­cher Art und Wei­se sie jedoch bis heu­te in den Tex­ten durch­scheint, soll hier unter­sucht wer­den. Bis auf zwei Aus­nah­men sind alle 14 deutsch-tür­ki­schen Autoren, deren Tex­te im Jahr 2008 publi­ziert wur­den und die hier berück­sich­tigt wer­den, in der Tür­kei gebo­ren und haben ihre ers­ten Lebens­jah­re dort ver­bracht. Neun sind bis zu ihrem zwölf­ten Lebens­jahr nach Deutsch­land bezie­hungs­wei­se in die Schweiz emi­griert, drei mit Anfang bis Mit­te 20. Ledig­lich Sibel Teo­man und Iris Alan­ya­li sind bereits in Deutsch­land gebo­ren, 1975 und 1969 — sie sind die jüngs­ten Autoren mit bis zu 30 Jah­ren Alters­un­ter­schied zum Ältes­ten, ?ina­si Dik­men, der 1945 gebo­ren wur­de.

Problemfelder und Aufgaben interkultureller Literaturwissenschaft

Die deut­sche Ger­ma­nis­tik hat die­se Tex­te lan­ge Zeit stief­müt­ter­lich behan­delt — „sehr im Unter­schied zur eng­li­schen, ame­ri­ka­ni­schen und, natür­lich, tür­ki­schen Ger­ma­nis­tik” (Meck­len­burg 2008: 31). Erst in den letz­ten 20 Jah­ren hat sich in Deutsch­land die inter­kul­tu­rel­le Lite­ra­tur­wis­sen­schaft ent­wi­ckelt (vgl. Chiel­li­no 2007: 387ff.). Es ist das Prin­zip der inter­kul­tu­rel­len Lite­ra­tur­wis­sen­schaft, „wel­che Lite­ra­tur im Hori­zont des Kon­takts und Trans­fers zwi­schen Kul­tu­ren und der inter­kul­tu­rel­len Kom­mu­ni­ka­ti­on behan­delt” (Essel­born 2004: 12), kul­tu­rel­le Unter­schie­de zu unter­su­chen und über Kul­tur­gren­zen hin­aus zu den­ken. Zu ihren wich­tigs­ten Pro­blem­fel­dern gehö­ren bei der Unter­su­chung von Min­der­hei­ten­li­te­ra­tur die Betrach­tung kul­tu­rel­ler Iden­ti­tät, Alteri­tät und Dif­fe­renz (vgl. hier­zu die Aus­füh­run­gen zum Ver­hält­nis von kul­tu­rel­ler und poe­ti­scher Alteri­tät, und zu Dif­fe­ren­zie­rung und Dif­fe­renz von Meck­len­burg 2008: 213–238 und 99–112.). Auch die Lite­ra­tur­kri­tik ist wich­ti­ger Bestand­teil inter­kul­tu­rel­ler Lite­ra­tur­wis­sen­schaft:
Zur Inter­pre­ta­ti­on von Lite­ra­tur unter inter­kul­tu­rel­lem Aspekt gehört Kri­tik. Kri­tik heißt Unter­schei­den. [Das heißt,] das inter­kul­tu­rel­le Poten­ti­al abwä­gen, das einen Teil­aspekt des ästhe­ti­schen Wer­tes eines lite­ra­ri­schen Werks aus­macht. Erst durch solch eine Art von Kri­tik sichert inter­kul­tu­rel­le Lite­ra­tur­wis­sen­schaft ihren eige­nen Erkennt­nis­wert. (Ebd. 2008: 12)
Es ist ihre Auf­ga­be kri­tisch zu hin­ter­fra­gen, wie Bil­der der Ande­ren, Ste­reo­ty­pe und Vor­ur­tei­le arran­giert und vor­ge­führt wer­den. Die inter­kul­tu­rel­le Lite­ra­tur­wis­sen­schaft unter­sucht Lite­ra­tur, die einen Ein­blick in eine ande­re, frem­de Welt bie­tet. In den meis­ten Tex­ten deutsch-tür­ki­scher Pro­sa des Jah­res 2008 ist die­ser Ein­blick in eine frem­de Lebens­wei­se Pro­gramm — kein Text ist völ­lig los­ge­löst von der The­ma­ti­sie­rung kul­tur­spe­zi­fi­scher, deut­scher und tür­ki­scher Merk­ma­le. Die Tex­te insze­nie­ren auf unter­schied­li­che Wei­se, mal ein- mal viel­fäl­tig, eine schein­bar frem­de Welt, die sich aus der Ver­bin­dung der deut­schen mit der tür­ki­schen Kul­tur kon­sti­tu­iert.

Von der ‘Betroffenheitsliteratur’ zur ‘Chic-Lit alla turca’ — Ein Rückblick

Wie anfangs erwähnt, began­nen tür­ki­sche Migran­ten schon früh auf­zu­schrei­ben, wie sie ihre neue Umge­bung und ihre Lebens­si­tua­ti­on wahr­nah­men. In den 1960er Jah­ren, so meint Yüksel Pazar­ka­ya, sei er noch als deut­scher Autor ange­se­hen wor­den, denn erst im Lau­fe der 1970er Jah­re ent­stand das Bewusst­sein für die tür­ki­sche Migran­ten­li­te­ra­tur. Die Betrof­fen­heit über die Zustän­de, die ent­täusch­ten Hoff­nun­gen, die kör­per­lich oft schwe­re Arbeit in Fabri­ken und vor allem das Gefühl der Fremd­heit waren die The­men der tür­ki­schen Ein­wan­de­rer, wie sie Pazar­ka­ya, Aras Ören und Güney Dal behan­deln. Mit den ers­ten lite­ra­ri­schen Zeug­nis­sen tür­ki­scher Migran­ten eta­blier­te sich in den 1970er Jah­ren der Begriff ‘Gast­ar­bei­ter­li­te­ra­tur’ (zu ver­schie­de­nen syn­ony­men Benen­nun­gen sie­he: Chiel­li­no 2007: 389f.). Auf­grund von The­men wie der Suche nach Iden­ti­tät und der Sehn­sucht nach der Hei­mat wird die­se Lite­ra­tur auch als ‘Betrof­fen­heits­li­te­ra­tur’ bezeich­net. Die ers­te Ernüch­te­rung und auch die ers­ten Dis­kri­mi­nie­run­gen fan­den in den 1980er Jah­ren Ein­gang in das Schrei­ben von Gül­te­kin Emre, Dur­sun Akçam und Özde­mir Ba?argan. Aber auch die nächs­te Genera­ti­on, die bereits in Deutsch­land gebo­ren wur­de, mel­de­te sich zu Wort, dar­un­ter Zafer ?eno­cak, Kemal Kurt, Zehra Ç?rak und Alev Teki­nay. Ihre Tex­te ver­ar­bei­ten das Gefühl inne­rer Zer­ris­sen­heit und Hei­mat­lo­sig­keit. In den 1990er Jah­ren erwei­ter­te sich die lite­ra­ri­sche Infra­struk­tur (zum Bei­spiel durch die Grün­dung deutsch-tür­ki­scher Ver­la­ge), und das Selbst­be­wusst­sein der Min­der­heit wur­de zuneh­mend gestärkt (vgl. ?ölçün 2000: 141). Beson­ders her­vor­zu­he­ben unter den Autoren, die in den 1990er Jah­ren mit ihren Publi­ka­tio­nen gro­ße Auf­merk­sam­keit erhiel­ten, ist Emi­ne Sev­gi Özda­mar. Ihre Wer­ke „gel­ten heu­te inter­na­tio­nal als die mit wei­tem Abstand her­aus­ra­gen­den Erzähl­wer­ke unter den Büchern von deut­schen Autoren tür­ki­scher Her­kunft” (Meck­len­burg 2006). Es gibt kaum einen nen­nens­wer­ten wis­sen­schaft­li­chen Bei­trag, der ohne zumin­dest die Erwäh­nung Özda­mars aus­kommt, was zur Fol­ge hat, dass ande­re Autoren zu ihrem Leid­we­sen oft an ihr bzw. ihren Tex­ten gemes­sen wer­den. Seit der Jahr­tau­send­wen­de bie­ten kri­ti­sche Berich­te und humo­ris­ti­sche Kurz­ge­schich­ten wie die von Nec­la Kelek und Dilek Güngör einen neu­en Zugang zu deutsch-tür­ki­schen The­men. In Keleks Berich­ten wer­den bei­spiels­wei­se Zwangs­ver­hei­ra­tung und Inte­gra­ti­ons­pro­ble­me popu­lär­wis­sen­schaft­lich behan­delt; Güngör beschreibt in kolum­nen­ar­ti­gen Minia­tu­ren meist das inter­kul­tu­rel­le Fami­li­en­le­ben. In den letz­ten Jah­ren erlang­ten vor allem Fer­i­dun Zaimo?lu und Selim Özdo?an rela­ti­ve Bekannt­heit. Zaimo?lu wur­de zunächst für sei­ne The­ma­ti­sie­rung der Dis­kri­mi­nie­rung tür­ki­scher Ein­wan­de­rer und ihrer Inte­gra­ti­ons­pro­ble­me Auf­merk­sam­keit zuteil, und im Anschluss, eben­so wie im Fall Özdo?ans, für sei­ne tür­ki­sche Fami­li­en­sa­ga. Der Erfolg die­ser Autoren der zwei­ten und drit­ten Genera­ti­on bezeugt ein neu­es Inter­es­se an deutsch-tür­ki­scher Lite­ra­tur und ihren ver­stärkt inter­kul­tu­rel­len The­men.

Das zentrale Thema deutsch-türkischer Literatur 2008: die Frage der Identität

Wie sieht die deutsch-tür­ki­sche Lite­ra­tur im Jahr 2008 aus? Wel­che The­men wer­den ver­han­delt, wel­che Trends sind ent­stan­den, wel­che Tra­di­tio­nen wer­den fort­ge­führt? Durch einen syn­chro­nen Schnitt las­sen sich die lau­fen­den Dis­kur­se eines defi­nier­ten Zeit­ab­schnitts ermit­teln und so ein mul­ti­di­men­sio­na­les Bild zeit­ge­nös­si­scher Iden­ti­täts­in­sze­nie­rung zeich­nen. Wie bereits erläu­tert, ist die Fra­ge der Iden­ti­täts­be­stim­mung schon immer exis­ten­zi­ell für deutsch-tür­ki­sche Lite­ra­tur gewe­sen. Auch die 2008 erschie­ne­ne Lite­ra­tur stellt dabei kei­ne Aus­nah­me dar. Bei­na­he jeder (auto-)biographische Roman, jeder Bericht, jeder Kri­mi und jede Sati­re befas­sen sich aus­drück­lich und aus­führ­lich mit Iden­ti­täts­be­stim­mun­gen. An die­ser Stel­le ist zu erläu­tern, wel­che Defi­ni­ti­on von ‘Iden­ti­tät’ der hie­si­gen Ana­ly­se zugrun­de liegt: Die Defi­ni­ti­on von ‘kul­tu­rel­ler Iden­ti­tät’ ori­en­tiert sich an Anne­gret Horat­schek, die auf den stän­di­gen Bedarf der Bin­nen­stär­kung der kul­tu­rel­len Iden­ti­tät ver­weist, die durch das kul­tu­rel­le Gedächt­nis in Form von Ritua­len, fes­ten Ein­heits­sym­bo­len u ‑mythen sowie durch das stig­ma­ti­sie­ren­de Kon­strukt kol­lek­ti­ver Alteri­tät geschaf­fen wird (vgl. Horat­schek 2008: 306). Die ‘per­sön­li­che Iden­ti­tät’ ist nach Ste­fan Glomb ein rela­tio­na­ler Begriff, der impli­ziert, dass sich ‘Iden­ti­tät’ im Wech­sel­spiel mit Ande­ren, in einem „Bezie­hungs­ge­flecht” (Glomb 2008: 306f.) kon­sti­tu­iert. Dies bedeu­tet, dass ‘Iden­ti­tät’ nichts Natur­ge­ge­be­nes, Sta­ti­sches ist, „son­dern als der von der oder dem Ein­zel­nen immer wie­der zu bewerk­stel­li­gen­de, am Schnitt­punkt von gesell­schaft­li­cher Inter­ak­ti­on und indi­vi­du­el­ler Bio­gra­phie statt­fin­den­de Pro­zess der Kon­struk­ti­on und Revi­si­on von Selbst­bil­dern” zu ver­ste­hen ist (ebd.). Mit der Bestim­mung der ‘Iden­ti­tät’ geht die Fra­ge nach den Bedin­gungs­fak­to­ren von Sta­bi­li­tät und Insta­bi­li­tät und nach äuße­ren Ein­flüs­sen ein­her. Die der Ana­ly­se zugrun­de lie­gen­den Fra­gen sind also: Wel­che Iden­ti­täts­kon­struk­te gibt es? Durch wel­che Fak­to­ren bestim­men sich die unter­schied­li­chen Iden­ti­tä­ten? Und wie sind die­se Iden­ti­täts­in­sze­nie­run­gen im his­to­ri­schen Kon­text deutsch-tür­ki­scher Lite­ra­tur zu ver­or­ten?

Die instabile, die bewegliche und die Lifestyle-Identität

Gene­rell gilt, dass sich die gesam­te deutsch-tür­ki­sche Pro­sa des Jah­res 2008 mit Phä­no­me­nen kul­tu­rel­ler Über­schnei­dung und Beein­flus­sung aus­ein­an­der­setzt. Eine immens wich­ti­ge Form der Aus­ein­an­der­set­zung ist dabei die Insze­nie­rung deutsch-tür­ki­scher Iden­ti­tä­ten, die ganz ver­schie­den rea­li­siert wird. Die Pro­ble­me — vor allem die stän­di­ge Posi­tio­nie­rung des Selbst in Form eines Sich-Ein­fü­gens und auf der ande­ren Sei­te eines Aus­ge­sto­ßen-Seins — haben sich in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten nicht grund­le­gend ver­än­dert, ihre Ver- und Behand­lung dage­gen sehr. Bei einem syn­chro­nen Schnitt kön­nen drei beson­ders cha­rak­te­ris­ti­sche Iden­ti­täts­in­sze­nie­run­gen beob­ach­tet wer­den, die hier als (I.) insta­bi­le, (II.) beweg­li­che und (III.) Life­style-Iden­ti­tä­ten bezeich­net wer­den. Jeweils ein Text der drei Iden­ti­täts­in­sze­nie­run­gen wird hier exem­pla­risch ana­ly­siert: Eine insta­bi­le Iden­ti­tät wird am Bei­spiel von Betül Lichts In mei­ner Not rief ich die Eule. Eine ver­lo­re­ne Kind­heit (2008), eine beweg­li­che Iden­ti­tät anhand von Yadé Karas Café Cyprus (2008) und eine Life­style-Iden­ti­tät in Bezug auf Iris Alan­ya­lis Der Teu­fel trägt Pam­pers (2008) vor­ge­stellt.

I. Die Inszenierung einer instabilen Identität

Betül Lichts Roman In mei­ner Not rief ich die Eule berich­tet von der trau­ma­ti­schen Kind­heit und Migra­ti­ons­ge­schich­te einer Deutsch-Tür­kin. Die Figur mit dem Namen Fat­ma berich­tet einer Freun­din in Brie­fen von ihren Erleb­nis­se. Die­se reflek­tiert und kom­men­tiert als Erzäh­le­rin Fat­mas Geschich­te. Den Zeug­nis­sen von Gewalt, Sehn­sucht und inne­rer Zer­ris­sen­heit, die der Freun­din nur unter dem Sie­gel der Ver­schwie­gen­heit anver­traut wer­den, steht deren eige­ne Geschich­te im kras­sen Gegen­satz gegen­über. Zwar stellt die Migra­ti­ons­er­fah­rung bei­der Figu­ren einen Schnitt­punkt ihrer Schick­sa­le dar, jedoch wird die Unter­schied­lich­keit sol­cher Erfah­run­gen und ihrer Fol­gen auf­ge­zeigt: Die Freun­din hat­te eine glück­li­che Kind­heit, lebt ein selbst­be­stimm­tes Leben und fühlt sich „eher in der deut­schen Kul­tur zu Hau­se” (Licht 2008: 50). Umso fas­sungs­lo­ser reagiert sie, als sie mit Fat­mas Erleb­nis­sen kon­fron­tiert wird, deren Leben von Ängs­ten und Schuld­ge­füh­len bestimmt wird. Fat­ma beschreibt retro­spek­tiv das Pro­blem, dass sie stets „ver­such­te, bei­de Kul­tu­ren zu ver­ei­nen” (ebd.). Die­se Aus­sa­ge resü­miert den Zustand ihrer Iden­ti­tät. Sie ist fort­wäh­rend bemüht, meh­re­re kul­tu­rel­le Mus­ter zusam­men­zu­füh­ren. Indem sie die­ses Pro­blem arti­ku­liert, wird deut­lich, dass sie sich — zumin­dest im Nach­hin­ein — des Auf­bruchs ihrer Sta­bi­li­tät bewusst ist. Die ange­streb­te Ver­ei­ni­gung ihrer gespal­te­nen Iden­ti­tät ist hier das zen­tra­le iden­ti­täts­be­stim­men­de Merk­mal. Fat­ma erfährt Gewalt in der Schu­le und zu Hau­se, sie muss sich einer stren­gen Hier­ar­chie unter­ord­nen, wird von ihren Eltern getrennt und fin­det auch nach der Fami­li­en­zu­sam­men­füh­rung in Deutsch­land kei­ne Bezie­hung mehr zu ihnen. Ein­schnei­den­de Erleb­nis­se sind die Miss­hand­lun­gen durch die Groß­mutter. Neben der kör­per­li­chen Gewalt, die Fat­ma still erträgt, wird auch die see­li­sche Grau­sam­keit deut­lich — die Erzäh­le­rin benennt die­se mit „See­len­mord” (ebd.: 52). Um die­se Miss­hand­lun­gen zu über­le­ben, lebt Fat­ma in einer Phan­ta­sie­welt. Die Kon­se­quenz der insta­bi­len Iden­ti­tät ist, dass Fat­ma sich unsicht­bar macht und regungs­los in ihrer Situa­ti­on ver­harrt. Ihr Rück­zug ins Inne­re wei­tet sich aus; Fat­ma wird stumm und nimmt sich vor: „Ich will nie wie­der hin­aus­ge­hen aus mei­ner Schnee­höh­le, nie­mals.” (Ebd.: 38) Die­se Mas­ke ist eine Tech­nik des Rück­zugs, Fat­ma insze­niert so ihre eige­ne Abwe­sen­heit und negiert fort­wäh­rend die eige­ne Exis­tenz. Die­ses Mus­ter der Behaup­tung der eige­nen Absenz bezeugt die Insta­bi­li­tät der Iden­ti­tät. Den Höhe­punkt die­ser insze­nier­ten Insta­bi­li­tät stellt die Idee der eige­nen Aus­lö­schung dar. „Ich plan­te ernst­haft mei­nen Tod. Ich konn­te nicht mehr. […] Alles Leben­di­ge starb in mir, um mich her­um bau­te sich ein Kokon auf.” (Ebd.: 196) Das Bild des Kokons ver­weist erneut auf den inne­ren Rück­zug. Die Kon­fron­ta­ti­on mit Ande­ren in Form von Ein­bli­cken in ande­re, näm­lich glück­li­che Lebens­wei­sen ver­stärkt die­sen Wunsch. Erst als Fat­mas Fami­lie zer­bricht, sich die Eltern tren­nen und das Zusam­men­le­ben mit der Mut­ter uner­träg­lich wird, ent­wi­ckelt sie eine pro­duk­ti­ve Kraft und neu­en Lebens­wil­len. Als aber die Groß­mutter und der Vater ster­ben, kom­men die Erin­ne­run­gen an die Kind­heit und die ver­dräng­ten Ängs­te wie­der zurück. An die­ser Stel­le bricht Fat­ma aus ihrem bis­he­ri­gen Ver­hal­tens­mus­ter aus, denn sie beschließt sich mit­zu­tei­len. Die Brie­fe, also das Auf­schrei­ben ihrer Geschich­te, und das Mit­leid und Ver­ständ­nis, die ihr von der Erzäh­le­rin ent­ge­gen gebracht wer­den, haben hei­len­de Wir­kung. Das ein­sei­ti­ge Brie­fe-Schrei­ben hat dem­nach eine the­ra­peu­ti­sche Funk­ti­on:
Jeder Brief, den ich an dich schrieb, ent­rät­sel­te den schwar­zen See und mach­te ihn zu einem leid­voll geleb­ten Leben. Ich bemerk­te, wie ich mich ent­fernt hat­te von mir selbst und fremd gewor­den war vor mir selbst. Ohne zu wis­sen, nach wem ich suchen soll­te, ging ich allein auf eine unge­wis­se Rei­se. (Ebd.: 244)
Durch die Brie­fe wird Fat­mas insta­bi­le Iden­ti­tät unleug­bar. Die Wahl die­ses Medi­ums bestä­tigt auf for­ma­ler Ebe­ne ihre Labi­li­tät. Die Brie­fe beto­nen ihre Abwe­sen­heit, sie ist nur durch ihre Wor­te prä­sent und nicht unmit­tel­bar zugäng­lich. Direk­ten Kon­takt mit der Freun­din, bei dem sie gezwun­gen wäre zu reagie­ren, schließt sie aus, indem sie die­se bit­tet, mit nie­man­dem, nicht ein­mal mit ihr selbst, über die Brie­fe zu spre­chen (vgl. ebd.: 19). Durch die­se Geheim­hal­tung wird die Bri­sanz der dar­in erzähl­ten Geschich­te poten­ziert. Das Risi­ko des Kon­takt­ab­bruchs nimmt die Freun­din in gewis­sem Maß in Kauf, als sie Fat­ma einen Brief zurück­schreibt. Eine erneu­te Selbst­ab­schot­tung Fat­mas wird aber ver­hü­tet, da die Reak­ti­on ihrer Freun­din im von Fat­ma gewähl­ten Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­di­um ver­bleibt. Die Erzäh­le­rin bekun­det Fat­ma ihr Mit­leid und Ver­ständ­nis. Im letz­ten Brief Fat­mas ist dar­auf­hin eine deut­lich ver­än­der­te Stim­mung zu beob­ach­ten: „Der ers­te Schritt scheint mir zu sein, die­se Geschich­te zu akzep­tie­ren, so wie Du es tust. Mei­ne Sehn­sucht ist, den Weg der Eltern zu ver­las­sen und mich auf mei­nen eige­nen Weg zu machen.” (Ebd.: 245) Die sonst durch­gän­gig von der Ver­gan­gen­heit gefes­selt wir­ken­de Fat­ma schöpft neue Hoff­nung auf eine bes­se­re Zukunft. Die Insze­nie­rung der insta­bi­len Iden­ti­tät erfolgt in Betül Lichts Roman auf meh­re­ren Ebe­nen und ist inhalt­lich hand­lungs­be­stim­mend, da sie den Roman als pri­mä­res The­ma und omni­prä­sen­tes Leit­mo­tiv durch­zieht. Die durch­ge­hen­de Beto­nung von kör­per­li­chen und see­li­schen Grau­sam­kei­ten sowie Schuld- und Scham­ge­füh­len insze­niert eine pro­blem­be­la­de­ne, lei­den­de Iden­ti­tät. Die Quan­ti­tät und Inten­si­tät der Ver­zweif­lung stei­gern sich zuneh­mend; das Lei­den wird regel­recht zele­briert. Oft­mals hebt gera­de der Kon­trast mit der selbst­si­che­ren Iden­ti­tät der Freun­din, die als Folie durch ein­ge­scho­be­ne Kom­men­tar­se­quen­zen stän­dig prä­sent ist, Fat­mas Insta­bi­li­tät her­vor. Fat­ma ist bis zum Ende in den Tech­ni­ken immer wie­der­keh­ren­der Selbst­ver­leug­nung und in der Beto­nung inne­rer Zer­ris­sen­heit gefan­gen. Das Ver­lan­gen nach Anglei­chung und Ein­heit ist das Iden­ti­fi­ka­ti­ons­prin­zip der hier insze­nier­ten insta­bi­len Iden­ti­tät.

II. Die Inszenierung einer beweglichen Identität

Im Mit­tel­punkt des Romans Cafe Cyprus von Yadé Kara steht das Leben eines jun­gen Kos­mo­po­li­ten. Der Prot­ago­nist Hasan ist in Ber­lin und Istan­bul auf­ge­wach­sen. Bei­de Städ­te hin­ter sich las­send, will er sich in Lon­don ein neu­es Leben auf­bau­en. Wäh­rend er sich lang­sam in der neu­en Stadt ein­lebt, bemerkt er kaum, wie sei­ne ursprüng­li­chen Zie­le in den Hin­ter­grund rücken. Er reflek­tiert: „Eine Zeit­lang habe ich mich ein­fach über Wider­stand defi­niert. Ich wuss­te immer nur, was ich nicht woll­te […].” (Kara 2008: 17f.) Die Selbst­de­fi­ni­ti­on durch Ableh­nung mün­det direkt in den Auf­bau einer neu­en Iden­ti­tät. Er kennt weder Tren­nungs­schmerz noch Sehn­sucht nach der Hei­mat, was nicht bedeu­tet, dass er die­se Gefüh­le ablehn­te und die­se unter­drück­te; im Gegen­teil denkt er durch­aus über sei­ne eige­ne Zuge­hö­rig­keit nach, nimmt jedoch kei­nen Man­gel wahr. Hasan kann sich in ein grö­ße­res Gan­zes ein­ord­nen und fühlt sich weder einem Land oder einer Stadt noch einer Kul­tur aus­schließ­lich ver­bun­den. Dar­in begrün­den sich die Gelas­sen­heit und Har­mo­nie sei­ner Iden­ti­tät. Die eige­ne Zuge­hö­rig­keit ver­liert in der Insze­nie­rung einer beweg­li­chen Iden­ti­tät nicht gene­rell an Bedeu­tung, ist aber ver­än­der­bar. So glaubt Hasan dar­an, in Lon­don, einer bis­her für ihn wei­test­ge­hend unbe­kann­ten Stadt, hei­misch wer­den zu kön­nen. Er emp­fin­det sich dort mit sei­nem gemisch­ten kul­tu­rel­len Hin­ter­grund als ganz nor­mal und natür­lich. Die Fra­ge nach der Her­kunft habe in Lon­don „eine ande­re Bedeu­tung, denn alle frag­ten alle, alle waren davon betrof­fen” (ebd.: 65). Er genießt es, dass sei­ne kul­tu­rel­le Prä­gung neben­säch­lich ist, und wehrt sich zugleich gegen exter­ne Fest­le­gun­gen. Hasan ver­ur­teilt die Fixie­rung der kul­tu­rel­len Dif­fe­renz und führt die­se auf Unkennt­nis und (gewoll­tes) Unver­ständ­nis zurück. Er passt sei­ne Klei­dung an den jewei­li­gen Kon­text an und switcht je nach Gesprächs­part­ner und Anlass zwi­schen den Spra­chen. So spricht er mit sei­nem Cou­sin Kazim tür­kisch, mit sei­ner Freun­din Bet­ty deutsch und in der U‑Bahn mit dem Musi­ker Ron eng­lisch. Der Prot­ago­nist akzep­tiert sich als Ein­heit von Varia­blen, als hybri­de Iden­ti­tät (vgl. hier­zu die anglo-ame­ri­ka­ni­sche Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus­de­bat­te Bronfen/Marius 1997) und sucht daher nicht per­ma­nent nach Voll­stän­dig­keit. Weder kehrt er sei­ne kul­tu­rel­le Viel­fäl­tig­keit her­aus, noch ver­steckt er sich hin­ter einer ver­zer­ren­den Mas­ke. Hasan ver­steht sich als „mul­ti­ple Iden­ti­tät” (ebd: 167). Die hier dar­ge­stell­te beweg­li­che Iden­ti­tät und das ‚Multikulti‘-Bild sind nicht nur rosa­rot und unkom­pli­ziert. So wird Hasan auch mit Dis­kri­mi­nie­rung kon­fron­tiert. Er emp­fin­det Lon­don zwar in vie­len Ein­zel­hei­ten als offen, leben­dig und viel­fäl­tig, ver­schließt sei­ne Augen jedoch auch nicht vor Pro­ble­men, die Migra­ti­ons­pro­zes­sen eigen sind. Letz­te­res zeigt sich in sei­ner Beschrei­bung der sich selbst klar abgren­zen­den zyprio­ti­schen Gemein­schaft in Lon­don. Hasan dage­gen ver­sucht, sich aktiv in das Lon­do­ner Leben zu inte­grie­ren und schafft es, das Prin­zip von Mul­ti­kul­tu­ra­li­tät zu leben. Was dies kon­kret bedeu­tet, führt Has­ans tür­ki­scher Cou­sin Kazim aus: „In einer ech­ten mul­ti-racial Umge­bung leben bedeu­tet, dass die Leu­te kei­ne Angst haben und sich von WIR-IHR, UNS-EUCH-Vor­ur­tei­len befrei­en. Anders­ar­tig­keit? Ja! Abwer­tung? Nein!” (Ebd.: 315) Kazim, Hasan und die meis­ten ande­ren Figu­ren glau­ben an ein funk­tio­nie­ren­des mul­ti­kul­tu­rel­les Zusam­men­le­ben und weh­ren sich gegen das hoh­le „Inte­gra­ti­ons­ge­la­ber” (ebd.: 129) der „Kos­mo­po­lit-Typen” — oder auch „Sofa­kos­mo­po­li­ten” (ebd.: 188) -, die sich als welt­ge­wandt auf­spie­len. Die kul­tu­rel­le Prä­gung stellt hier kein Hin­der­nis dar, sich in eine Gesell­schaft zu inte­grie­ren, son­dern einen Vor­teil. Hasan kann ver­schie­de­ne Kul­tu­ren wider­spruchs­frei in sich ver­ei­nen. Die Nor­ma­li­sie­rung der Dif­fe­renz bedeu­tet für den Prot­ago­nis­ten und für den gesam­ten Text kei­ne zwang­haf­te (Wieder-)Eingliederung. Hier wer­den viel­mehr fes­te Zuschrei­bun­gen, die Men­schen mit unter­schied­li­chen kul­tu­rel­len, sozia­len und poli­ti­schen Hin­ter­grün­den und Erfah­run­gen in eine Ecke drän­gen, ange­klagt, da ihnen die auf­ge­drück­ten Stem­pel letzt­lich die Inte­gra­ti­on ver­wei­gern. Hasan muss zudem nie­man­des Ansprü­chen gerecht wer­den und ver­tei­digt sei­ne Ein­stel­lung auch gegen­über sei­ner Fami­lie, die ganz ande­re Maß­stä­be für ein glück­li­ches Leben ver­kör­pert. Woh­nungs­ein­rich­tung, Autos oder Klei­dung haben wenig Bedeu­tung für ihn, und so meint er, „[n]ach den Kazan [Nach­na­me Has­ans] Erfolgs­kri­te­ri­en hät­ten sie mich in gro­ßer Häme als Ver­sa­ger bezeich­net […]” (ebd.: 159). Er ist sich sei­nes Pri­vi­legs der Erfah­rung unter­schied­li­cher Kul­tu­ren bewusst und kann sich trotz­dem in alle Rich­tun­gen abgren­zen. So stört ihn an den Tür­ken, dass sie sich über­all ein­mi­schen (vgl. ebd.: 229), bei Ber­li­nern lehnt er den unfreund­li­chen Ton (vgl. ebd.: 12) und bei den Eng­län­dern die Geld­be­ses­sen­heit ab (vgl. ebd.: 58).
[I]ch war zu Hau­se in einer deut­schen, tür­ki­schen und mitt­ler­wei­le auch eng­li­schen Spra­che. Ich konn­te alles mit­ein­an­der ver­glei­chen, die Vor- und Nach­tei­le von allen Sei­ten sehen, sie kri­ti­sie­ren, mich über die Unfä­hig­kei­ten der einen ärgern und über die Fähig­kei­ten der ande­ren stau­nen. Es war ein stän­di­ges Ler­nen und Ver­glei­chen. Das Gute an dem Gan­zen war, dass ich mir das Bes­te von allem raus­pi­cken, viel­leicht es mir auch aneig­nen und mit mir her­um­tra­gen konn­te. (Ebd.: 167)
Has­ans beweg­li­che Iden­ti­tät stützt sich auf die Gewiss­heit, zwei Wel­ten zu ken­nen und sich aus ihnen eine eige­ne drit­te Welt ent­wi­ckelt zu haben. Es sei vor­ge­kom­men, sagt er, dass „die­se bei­den Wel­ten in mir zusam­men [stie­ßen], doch ich ent­zog mich der Explo­si­on und begab mich auf mei­ne eige­ne Ebe­ne, mei­ne drit­te Ebe­ne, mein Hasan-Zuhau­se” (ebd: 332).

III. Die Inszenierung einer Lifestyle-Identität

Sehr modern, welt­ge­wandt und vor allem sehr unab­hän­gig ist die Prot­ago­nis­tin in Iris Alan­ya­lis Roman Der Teu­fel trägt Pam­pers. In die­sem Text wird über den Lebens­ab­schnitt der Prot­ago­nis­tin berich­tet, in dem sie eine Migra­ti­ons­er­fah­rung von Deutsch­land in die USA erlebt. Die Prot­ago­nis­tin Iris ist eine jun­ge Deutsch-Tür­kin, die zu ihrem Mann in die Nähe von New York gezo­gen ist und nun ver­sucht, sich sowohl in ihrer neu­en Umge­bung als auch in ihrer Mut­ter­rol­le ein­zu­fin­den. Die behan­del­ten The­men krei­sen fast aus­schließ­lich um Kin­der und die gleich­zei­ti­ge Selbst­ver­wirk­li­chung. Die Erzäh­lung erfolgt hier epi­so­den­haft und funk­tio­niert nach fol­gen­dem Prin­zip: Im ers­ten Schritt wird ein The­ma auf­ge­grif­fen, im zwei­ten tritt eine pro­ble­ma­ti­sche Wen­dung ein, die im drit­ten Schritt über­wun­den wird. Auf die­se Wei­se wer­den unzäh­li­ge Situa­tio­nen durch­ge­spielt, die die Haupt­fi­gur in ihrer neu­en Hei­mat erlebt. So begibt sie sich auf die Suche nach dem opti­ma­len Kin­der­zu­be­hör (wie Kin­der­wa­gen, Wickel­un­ter­la­ge oder Stil­lein­la­ge), ande­ren eben­so gestress­ten Müt­tern und ent­span­nen­den Yoga-Kur­sen. Auch Aus­flü­ge zu den katho­li­schen Groß­el­tern, die Eröff­nung eines Bank­kon­tos, ein Auto­kauf, die Bean­tra­gung eines Füh­rer­scheins und die Suche nach einer Nan­ny beinhal­ten so man­che Kom­pli­ka­ti­on. Stets meis­tert sie alle auf­tre­ten­den Schwie­rig­kei­ten ohne die Hil­fe ihres viel­be­schäf­tig­ten Man­nes. Iris wird dabei als toll­pat­schi­ge, unge­schick­te und leicht dümm­li­che Frau insze­niert, die größ­ten­teils hoff­nungs­los über­for­dert ist. Den­noch beweist sie stets aufs Neue ihre Durch­set­zungs­fä­hig­keit und Selbst­stän­dig­keit. Die Frau, die sich beson­ders für Mode, Fami­lie und Fit­ness inter­es­siert und als Hel­din ihrer eige­nen Fern­seh­se­rie à la Sex and the City den all­täg­li­chen Gefühlsdschun­gel über­lebt, steht in die­ser Form der Iden­ti­täts­in­sze­nie­rung im Mit­tel­punkt. Sie beweist, dass sie sich allein dem neu­en Leben in einem frem­den Land mit ande­rer Kul­tur und Spra­che stellt, ohne zu ver­zwei­feln. Dabei ver­sucht sie nicht, ihre Unbe­hol­fen­heit zu kaschie­ren, son­dern geht offen­siv mit ihrer Über­for­de­rung um. Ihr Selbst­be­wusst­sein zieht die Prot­ago­nis­tin zum einen aus ihrer Her­kunft: „Ich war kein Dorf­trot­tel in der gro­ßen Stadt. Ich kam aus Ber­lin, laut New York Times eine der ‘cools­ten cities in Euro­pe’.” (Ebd.: 21) Zum ande­ren gibt ihr die erfolg­rei­che Migra­ti­on ihrer Eltern von der Tür­kei nach Deutsch­land die nöti­ge Zuver­sicht, dass auch sie die­ser Auf­ga­be gewach­sen ist. Iris beschreibt sich als Deut­sche mit einer tür­ki­schen Sei­te, wobei letz­te­re nur ab und an auf­taucht und sie an tür­ki­sche Lebens­wei­sen, Ein­stel­lun­gen und Tra­di­tio­nen erin­nert. So heißt es im Kapi­tel ‚Die Fol­ge, in der mich mein tür­ki­scher Geist nervt‘:
Die Tür­kin in mir fand sich näm­lich neu­er­dings unge­heu­er wich­tig und mel­de­te sich, seit ich in den USA leb­te, beson­ders gern zu Wort. In mei­ner eige­nen ame­ri­ka­ni­schen Fern­seh­se­rie wür­de sie mir als mein zwei­tes Ich erschei­nen, mir ab und zu auf der ande­ren Sei­te von Finns [Iris‘ Sohn] Hoch­stuhl gegen­über­sit­zen oder hin­ter einer Per­son auf­tau­chen, mit der ich mich gera­de unter­hiel­te, und bis­si­ge Kom­men­ta­re geben. (Ebd.: 163)
Indem sich die tür­ki­sche Sei­te der Prot­ago­nis­tin auf der Ebe­ne eines Kom­men­tars äußert, wird ihre Iden­ti­tät gespal­ten. Dabei scheint es, als ob das zwei­te Ich nicht auf glei­cher Ebe­ne mit dem ers­ten ran­giert, denn es wird eher als spo­ra­disch auf­tre­ten­der, kri­ti­scher Gegen­part und nicht als per­ma­nent inhä­ren­ter Teil der Per­sön­lich­keit dar­ge­stellt. Die­se zwei­te Stim­me tritt beson­ders dann her­vor, wenn Iris ihr gewohn­tes Umfeld ver­lässt. Die Life­style-Iden­ti­tät der Prot­ago­nis­tin ist also eine gespal­te­ne — wenn auch nicht zu jeder Zeit zu glei­chen Tei­len. Iris möch­te sich nicht auf nur eine natio­na­le Zuge­hö­rig­keit beschrän­ken. Es ist ihr unmög­lich, eine Nati­on als hete­ro­ge­nes, wan­del­ba­res und his­to­risch dis­gru­en­tes Kon­strukt zu sehen. Kurz: Es ist ihr unmög­lich, sich einer Nati­on zuzu­ord­nen und trotz­dem einen gewis­sen Abstand zu ihr zu wah­ren. Im Gegen­satz dazu steht ihr Ver­lan­gen, ame­ri­ka­nisch zu wer­den. Per­ma­nent ver­sucht sie, sich die­ses Ande­re anzu­eig­nen, und prä­sen­tiert ein neu­es Ich — zum Bei­spiel wenn sie in Jog­ging­ho­sen Milch kau­fen (vgl. ebd.: 81) oder — natür­lich „sehr ame­ri­ka­nisch” (ebd.: 72) — zur Mani- und Pedi­kü­re geht. Der Wil­le zur Assi­mi­lie­rung bewegt Iris auch dazu, sich neue Freun­din­nen zu suchen. Lang­sam fühlt sie sich in der frem­den Gesell­schaft inte­griert, obwohl sie sich durch iro­nisch-sar­kas­ti­sche Kom­men­ta­re immer wie­der distan­ziert. So fin­det sie bei­spiels­wei­se ame­ri­ka­ni­sches Kin­der­spiel­zeug eben­so lächer­lich wie die über­trie­be­nen Höf­lich­keits­for­meln. Die­se bewuss­te Distan­zie­rung stellt fort­wäh­rend ihr Ide­al der ame­ri­ka­ni­schen Iden­ti­tät in Fra­ge. Bei die­ser Insze­nie­rung einer Life­style-Iden­ti­tät liegt der Fokus nicht auf der Dar­stel­lung ver­schie­de­ner kul­tu­rel­ler Prä­gun­gen, son­dern auf der Her­vor­he­bung eines neu­en Frau­en­typs. Trotz­dem bleibt das The­ma der unter­schied­li­chen Kul­tu­ren rele­vant: Ame­ri­ka­ni­sche Lebens­wei­sen, Sit­ten und Wer­te wer­den beob­ach­tet und erklärt sowie mit deut­schen und tür­ki­schen ver­gli­chen. Beson­ders auf­fal­lend ist die stän­di­ge Bezug­nah­me auf ame­ri­ka­ni­sche TV-Seri­en und deren Figu­ren. Der Roman­ti­tel weist bereits auf eine strin­gent ver­folg­te Inter­me­di­a­li­tät hin, die Figu­ren aus Fil­men und Seri­en wie Sex and the City, Despe­ra­te House­wi­ves, Grey‘s Ana­to­my oder Scrubs immer wie­der, wenn auch in leicht abge­wan­del­ter Form, auf­greift: Hier trägt der Teu­fel nicht Pra­da, son­dern Pam­pers. Die­se Ver­glei­che und Anspie­lun­gen rei­chen von idea­li­sier­ten Vor­stel­lun­gen von per­fek­tem Haus­halt und unkom­pli­zier­ter Kin­der­er­zie­hung über die Wunsch­vor­stel­lung, als Mut­ter noch unwi­der­steh­lich attrak­tiv zu sein, bis hin zu For­ma­lia wie der Glie­de­rung der Kapi­tel in „Fol­gen”. Iris insze­niert sich in ihren Fol­gen als Life­style-Iden­ti­tät, die sich haupt­säch­lich über Wil­lens­stär­ke und Uner­schüt­ter­lich­keit defi­niert. Stets iro­nisch wer­den die Hand­lun­gen und Äuße­run­gen kom­men­tiert, erklärt und bewer­tet. Die Life­style-Iden­ti­tät zeigt kei­ne Anzei­chen von Schwer­mut oder Melan­cho­lie. Sie ist weder beson­ders durch Selbst­zwei­fel noch durch die Her­aus­stel­lung der glück­li­chen Ver­ei­ni­gung kul­tu­rel­ler Viel­heit cha­rak­te­ri­siert. Die kul­tu­rel­le Mehr­fach­prä­gung wird zwar the­ma­ti­siert, scheint für die Iden­ti­täts­be­stim­mung aber eher mar­gi­nal, da sie kaum pro­ble­ma­tisch ist. Die inne­re Spal­tung ent­behrt jeg­li­cher Bri­sanz. Die­se Form der Iden­ti­tät zeich­net sich durch stän­di­ges Schwan­ken zwi­schen Zu- und Abnei­gung gegen­über allem Ame­ri­ka­ni­schen aus. Der Fokus die­ser Iden­ti­täts­in­sze­nie­rung liegt jedoch ein­deu­tig auf der Dar­stel­lung einer auto­no­men urba­nen Frau.

Fazit: Interkulturelles Potential und Kontextualisierung

Die gesam­te deutsch-tür­ki­sche Pro­sa des Jah­res 2008 setzt sich mit The­men kul­tu­rel­ler Über­schnei­dung und Beein­flus­sung aus­ein­an­der, wobei die Fra­ge der Iden­ti­tät und der kul­tu­rel­len Dif­fe­renz beson­de­re Rele­vanz besitzt. Die Ver­or­tung der Figu­ren inner­halb der Kul­tu­ren ist immer Gegen­stand der Tex­te, von denen vie­le — mehr oder weni­ger ide­al­ty­pisch — einem der drei beschrie­be­nen Iden­ti­täts­kon­zep­te zuge­ord­net wer­den kön­nen. Eini­ge wid­men sich der Dar­stel­lung inner­lich zer­ris­se­ner Schick­sa­le; ande­re bemü­hen sich um eine detail­lier­te Aus­ein­an­der­set­zung mit einer Iden­ti­tät, die sich als Ein­heit begreift und in ver­schie­de­nen Kul­tu­ren pro­blem­los agiert; wie­der ande­re ver­su­chen, sich einer Iden­ti­täts­de­bat­te zu ent­he­ben, indem sie neue the­ma­ti­sche Schwer­punk­te wie Part­ner­su­che oder Mut­ter­schaft suchen. Schluss­end­lich bleibt im Sin­ne der inter­kul­tu­rel­len Lite­ra­tur­wis­sen­schaft noch die Fra­ge nach dem inter­kul­tu­rel­len Poten­ti­al der unter­such­ten Tex­te, das einen eige­nen Erkennt­nis­wert, also einen Teil­aspekt des ästhe­ti­schen Wer­tes dar­stellt. Das Ergeb­nis fällt dies­be­züg­lich sehr hete­ro­gen aus. Bei der Insze­nie­rung einer insta­bi­len Iden­ti­tät in Lichts In mei­ner Not rief ich die Eule sind kei­ne neu­en Facet­ten, und damit auch kein Eigen­wert unter inter­kul­tu­rel­ler Per­spek­ti­ve, zu erken­nen. Es wird kei­ne neue Per­spek­ti­vie­rung einer Opfer­iden­ti­tät geschaf­fen. Das bekann­te Bild der unter­drück­ten, miss­han­del­ten tür­ki­schen Frau wird bloß ein­mal mehr mit über­la­de­ner, dra­ma­tisch-pathe­ti­scher Wort­wahl repro­du­ziert. Stän­di­ge Wie­der­ho­lun­gen ver­stär­ken nicht den Ein­druck des Lei­des die­ser jun­gen Frau, son­dern erzeu­gen blo­ße Red­un­danz. Gene­rell reiht sich die deutsch-tür­ki­sche Lite­ra­tur von 2008, in der eine insta­bi­le Iden­ti­tät insze­niert wird, in eine bereits bekann­te Lite­ra­tur­tra­di­ti­on ein. Die­se Insze­nie­run­gen von Opfer­ty­pen sind in der Ver­gan­gen­heit häu­fig ver­wen­det wor­den (vgl. das Kon­zept der „geschun­de­nen Sulei­ka” von Ye?ilada 2008). Die Prot­ago­nis­ten lei­den meist so stark unter ihrer Ver­gan­gen­heit und der Migra­ti­ons­si­tua­ti­on, dass sie unfä­hig sind, eine sta­bi­le Iden­ti­tät auf­zu­bau­en. Zu die­sen Tex­ten gehö­ren auch Saliha Schein­hardts Schmer­zens­klän­ge. Roman aus der Tür­kei (2008) und Ren­an Demirkans Sep­tem­ber­tee oder Das gelie­he­ne Leben (2008). Bei­de Autorin­nen lie­fern kei­ne neu­en Dimen­sio­nen in der Insze­nie­rung einer Opfer-Iden­ti­tät. Ein gutes Bei­spiel für die niveau­vol­le und fein­sin­ni­ge Insze­nie­rung einer insta­bi­len Iden­ti­tät ist Yus­uf Ye?ilöz‘ Roman Gegen die Flut (2008). Die­ser Text mit gro­ßem inter­kul­tu­rel­len Poten­ti­al, der ohne kli­schee­haf­te Beschrei­bun­gen aus­kommt und ganz unprä­ten­ti­ös vom Leben eines jun­gen Man­nes und des­sen inne­ren Kon­flik­ten erzählt, ist in die­ser Kate­go­rie jedoch eine Aus­nah­me. Eine hohe inter­kul­tu­rel­le Kom­pe­tenz zeigt sich auch in Karas Cafe Cyprus. Der Text arbei­tet unge­wöhn­li­che, aber cha­rak­te­ris­ti­sche Details der eng­li­schen, tür­ki­schen und deut­schen Kul­tur her­aus. Zudem weist die Insze­nie­rung der beweg­li­chen Iden­ti­tät der Haupt­fi­gur auf eine auf­merk­sa­me Beob­ach­tung des Iden­ti­täts­dis­kur­ses der her­kömm­li­chen deutsch-tür­ki­schen Lite­ra­tur hin. Zahl­rei­che Pas­sa­gen set­zen sich expli­zit mit Iden­ti­täts­be­stim­mung aus­ein­an­der und den­ken über ‘Bin­sen­weis­hei­ten’ hin­aus. Die hier dar­ge­stell­te beweg­li­che Iden­ti­tät ist eine flie­ßen­de, „die ein ‘Patch­work’ auf­ge­nom­me­ner und bear­bei­te­ter kul­tu­rel­ler Per­spek­ti­ven dar­stellt […]” (Hof­mann 2008: 13). Nicht umsonst bezeich­net sich der Prot­ago­nist in Karas Text selbst als „mul­ti­ple Iden­ti­tät”. Die­se Iden­ti­tät bewegt sich in einem eige­nen Raum, der sich aus ihrer inter­kul­tu­rel­len Situa­ti­on, dem Leben in/zwischen meh­re­ren Kul­tu­ren, kon­sti­tu­iert. Bei­na­he scheint es, als gebe der Text immer wie­der direkt Ant­wort auf zeit­ge­nös­si­sche Fra­gen zur Iden­ti­täts­be­stim­mung, so als füh­re er einen Dia­log mit dem aktu­el­len Iden­ti­täts­dis­kurs. Dies zeigt sich sowohl in der Vari­anz und Häu­fig­keit, mit denen die­se Fra­gen behan­delt wer­den, als auch beson­ders in ein­zel­nen Gedan­ken wie der aktu­ell sehr moder­nen Vor­stel­lung einer drit­ten Ebe­ne, einer indi­vi­du­el­len Lebens­welt, die sich zwi­schen ver­schie­de­nen Kul­tu­ren als neu­er Raum auf­tut. Die Insze­nie­rung einer beweg­li­chen Iden­ti­tät kann als Gegen­satz zur pro­ble­ma­ti­schen Selbst­be­stim­mung und als Abgren­zung dazu ver­stan­den wer­den. Denn „[d]as Anschrei­ben gegen kli­schee­haf­te Zuschrei­bun­gen sowie deren Dekon­struk­ti­on ist nicht aus­schließ­lich, aber auch Gehalt der Wer­ke.” (Vlas­ta 2009: 115) Die natür­li­chen Iden­ti­tä­ten bewe­gen sich ohne Selbst­zwei­fel und Ver­or­tungs­schwie­rig­kei­ten in ver­schie­de­nen Kul­tu­ren. Die Figu­ren sehen kei­ne Not­wen­dig­keit, sich abzu­gren­zen und sich fest zu bestim­men. Ganz im Gegen­teil wird hier die kul­tu­rel­le Mehr­fach­prä­gung als Vor­teil und Chan­ce begrif­fen. Neben Karas Roman kann 2008 allen­falls Fer­i­dun Zaimo?lus Prot­ago­nist des Romans Lie­bes­brand (2008) als beweg­li­che Iden­ti­tät inter­pre­tiert wer­den, da auch er kaum Schwie­rig­kei­ten hat, sich in ver­schie­de­nen Kul­tu­ren zurecht zu fin­den. In letz­te­rem steht aller­dings weni­ger die Dar­stel­lung einer fle­xi­blen Iden­ti­tät im Mit­tel­punkt, son­dern eine uner­wi­der­te Lie­be. Alan­ya­lis Der Teu­fel trägt Pam­pers ist ein Para­de­bei­spiel für Tex­te, die eine Life­style-Iden­ti­tät insze­nie­ren und in Bezug auf den Ein­blick in eine ande­re (die tür­ki­sche) Kul­tur nicht über das Bou­le­vard­for­mat, das haupt­säch­lich leich­ter Unter­hal­tung dient, hin­aus kom­men. Die Über­bleib­sel der tür­ki­schen Wur­zeln die­nen ledig­lich als Auf­hän­ger für die Geschich­te. Für die­se Tex­te gilt Yase­min Dayio?lu-Yücels Beob­ach­tung, dass die so insze­nier­ten Iden­ti­tä­ten sich kaum noch in Fra­ge stel­len. Sie erlie­gen ihren eige­nen Vor­ur­tei­len, da sie die­se zwar schein­bar reflek­tie­ren, aber dann trotz­dem erneut bestä­ti­gen. Die Beschrei­bun­gen kul­tu­rel­ler Unter­schie­de blei­ben meist scha­blo­nen- und ste­reo­ty­pen­haft, das inter­kul­tu­rel­le Poten­ti­al bleibt beschränkt. Die Life­style-Iden­ti­tät ist sich ihrer ver­schie­de­nen kul­tu­rel­len Wur­zeln wohl bewusst, kann sich aber trotz­dem voll­kom­men mit neu­en Umge­bun­gen iden­ti­fi­zie­ren. Sie geht dabei noch einen Schritt wei­ter als die beweg­li­che Iden­ti­tät, denn wäh­rend letz­te­re har­mo­nisch und zurück­hal­tend wirkt, agiert die Life­style-Iden­ti­tät offen­siv — fast aggres­siv — in ihrer Selbst­si­cher­heit. Bei­na­he wird hier der Ein­druck erweckt, die­se moder­ne Iden­ti­täts­form über­zeich­ne bereits sich selbst. Dem Trend, ein unab­hän­gi­ges Leben in einer mul­ti­kul­tu­rel­len Gesell­schaft zu schil­dern, fol­gen auch Lale Akgün mit Tan­te Sem­ra im Leber­kä­se­land (2008), Hati­ce Akyüns mit Ali zum Des­sert (2008) und Sibel Teo­manns mit Der Teu­fel sieht rot (2008) und Flit­ter­wo­chen auf Tür­kisch (2008). Karin Ye?ilada über­nimmt für die­se neue Form von Unter­hal­tungs­li­te­ra­tur, die meist von, mit, über und für Frau­en geschrie­ben ist, den aus der anglis­tisch-ame­ri­ka­ni­schen Tra­di­ti­on stam­men­de Begriff der „Chick-Lit” — wel­cher wie­der­um auf den Begriff „Chick flick” refe­riert, der Frau­en­fil­me wie Dir­ty Dan­cing und Brid­get Jones bezeich­net, — und erwei­tert ihn: „[Es] mel­den sich hier sehr selbst­be­wuss­te jun­ge Frau­en zu Wort, die frei­zü­gig über ihr Leben, über Mode, Sex und Lie­be spre­chen, ganz im Stil einer „Chick-Lit alla tur­ca.” (Ye?ilada 2008) Die Tex­te, die sich in die­sen neu­en Trend ein­rei­hen, sind rela­tiv ober­fläch­lich. Eben­so wie bereits Meck­len­burg (2008: 33) auf die Gefahr hin­weist, Migran­ten­li­te­ra­tur en gros vor­schnell zu inter­kul­tu­rel­ler Lite­ra­tur zu erklä­ren, ist auch im vor­lie­gen­den spe­zi­el­len Fall kri­tisch zu hin­ter­fra­gen, ob die­se Lite­ra­tur der Life­style-Iden­ti­tä­ten über­haupt noch eine ernst zu neh­men­de inter­kul­tu­rel­le Dimen­si­on auf­weist.

Literaturverzeichnis

Primärliteratur:

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Sekundärliteratur:

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Katha­ri­na Bilan ist Dok­to­ran­din im Fach Neue­re deut­sche Lite­ra­tur an der Hum­boldt-Uni­ver­si­tät zu Ber­lin. Zuvor absol­vier­te sie ein Bache­lor­stu­di­um in Deut­scher Lite­ra­tur und His­to­ri­scher Lin­gu­is­tik und ein Mas­ter­stu­di­um im Fach Deut­sche Lite­ra­tur in Ber­lin und Istan­bul. Ihre For­schungs­schwer­punk­te sind Iden­ti­täts­in­sze­nie­run­gen und der Inte­gra­ti­ons­dis­kurs in deutsch-tür­ki­scher Gegenwartsliteratur.