Die Inszenierung einer instabilen, einer beweglichen und einer Lifestyle-Identität in deutsch-türkischer Prosa

Die Inszenierung einer instabilen, einer beweglichen und einer Lifestyle-Identität in deutsch-türkischer Prosa

Was ist deutsch-türkische Literatur?

Schon früh begannen die ersten Migranten, ihre Erfahrungen aufzuschreiben. Davon zeugen eine Vielzahl von Gedichten, Essays und Erzählungen. So werden Probleme der Integration, der Bestimmung eigener Identität und kultureller Fremdheit seit Ende der 1960er Jahre in der Literatur reflektiert (zum Begriff ‘Fremdheit’ und zur Fremdheitsforschung vgl. Albrecht 2003: 232-238 und 541-547). Die Autoren, die zwar in Deutschland leben, aber türkisch sozialisiert sind, werden heute meist als deutsch-türkische Autoren kategorisiert. Manche von ihnen wie Feridun Zaimo?lu ziehen es vor, in erster Linie als Deutsche gesehen zu werden, die außerdem einen türkischen Hintergrund haben (vgl. Radlmaier 2010). Dass dieser Hintergrund auch aktuell noch von großer Bedeutung ist, beweisen die hier vorgestellten Texte beziehungsweise deren quantitative und qualitative Thematisierung der kulturellen und individuellen Identität und Alterität (zu Alterität und Interkulturalität vgl. Gutjahr 2002: 345-370). Alle Texte beinhalten mehrere kulturelle Muster. Auf die interkulturelle Dimension wird oftmals bereits im Titel oder Untertitel hingewiesen, meistens durch türkische Namen. Sowohl die Produktionsbedingung als auch das Dargestellte ist durch eine Kulturüberschreitung gekennzeichnet. Mit dem Bewusstsein, dass jede Kategorisierung durch eine gewisse Willkür und Schematisierung bestimmt ist, soll im Sinne Michael Hofmanns „die Verwendung ‘deutsch-türkisch’ […] in unserem Kontext rein pragmatisch auf die Herkunft und kulturelle Prägung der erwähnten Autorinnen und Autoren bezogen” sein (Hofmann 2006: 197). Die Intensität der kulturellen Prägung veränderte sich natürlicherweise im Laufe der Generationen; in welcher Art und Weise sie jedoch bis heute in den Texten durchscheint, soll hier untersucht werden. Bis auf zwei Ausnahmen sind alle 14 deutsch-türkischen Autoren, deren Texte im Jahr 2008 publiziert wurden und die hier berücksichtigt werden, in der Türkei geboren und haben ihre ersten Lebensjahre dort verbracht. Neun sind bis zu ihrem zwölften Lebensjahr nach Deutschland beziehungsweise in die Schweiz emigriert, drei mit Anfang bis Mitte 20. Lediglich Sibel Teoman und Iris Alanyali sind bereits in Deutschland geboren, 1975 und 1969 – sie sind die jüngsten Autoren mit bis zu 30 Jahren Altersunterschied zum Ältesten, ?inasi Dikmen, der 1945 geboren wurde.

Problemfelder und Aufgaben interkultureller Literaturwissenschaft

Die deutsche Germanistik hat diese Texte lange Zeit stiefmütterlich behandelt – „sehr im Unterschied zur englischen, amerikanischen und, natürlich, türkischen Germanistik” (Mecklenburg 2008: 31). Erst in den letzten 20 Jahren hat sich in Deutschland die interkulturelle Literaturwissenschaft entwickelt (vgl. Chiellino 2007: 387ff.). Es ist das Prinzip der interkulturellen Literaturwissenschaft, „welche Literatur im Horizont des Kontakts und Transfers zwischen Kulturen und der interkulturellen Kommunikation behandelt” (Esselborn 2004: 12), kulturelle Unterschiede zu untersuchen und über Kulturgrenzen hinaus zu denken. Zu ihren wichtigsten Problemfeldern gehören bei der Untersuchung von Minderheitenliteratur die Betrachtung kultureller Identität, Alterität und Differenz (vgl. hierzu die Ausführungen zum Verhältnis von kultureller und poetischer Alterität, und zu Differenzierung und Differenz von Mecklenburg 2008: 213-238 und 99-112.). Auch die Literaturkritik ist wichtiger Bestandteil interkultureller Literaturwissenschaft:
Zur Interpretation von Literatur unter interkulturellem Aspekt gehört Kritik. Kritik heißt Unterscheiden. [Das heißt,] das interkulturelle Potential abwägen, das einen Teilaspekt des ästhetischen Wertes eines literarischen Werks ausmacht. Erst durch solch eine Art von Kritik sichert interkulturelle Literaturwissenschaft ihren eigenen Erkenntniswert. (Ebd. 2008: 12)
Es ist ihre Aufgabe kritisch zu hinterfragen, wie Bilder der Anderen, Stereotype und Vorurteile arrangiert und vorgeführt werden. Die interkulturelle Literaturwissenschaft untersucht Literatur, die einen Einblick in eine andere, fremde Welt bietet. In den meisten Texten deutsch-türkischer Prosa des Jahres 2008 ist dieser Einblick in eine fremde Lebensweise Programm – kein Text ist völlig losgelöst von der Thematisierung kulturspezifischer, deutscher und türkischer Merkmale. Die Texte inszenieren auf unterschiedliche Weise, mal ein- mal vielfältig, eine scheinbar fremde Welt, die sich aus der Verbindung der deutschen mit der türkischen Kultur konstituiert.

Von der ‘Betroffenheitsliteratur’ zur ‘Chic-Lit alla turca’ – Ein Rückblick

Wie anfangs erwähnt, begannen türkische Migranten schon früh aufzuschreiben, wie sie ihre neue Umgebung und ihre Lebenssituation wahrnahmen. In den 1960er Jahren, so meint Yüksel Pazarkaya, sei er noch als deutscher Autor angesehen worden, denn erst im Laufe der 1970er Jahre entstand das Bewusstsein für die türkische Migrantenliteratur. Die Betroffenheit über die Zustände, die enttäuschten Hoffnungen, die körperlich oft schwere Arbeit in Fabriken und vor allem das Gefühl der Fremdheit waren die Themen der türkischen Einwanderer, wie sie Pazarkaya, Aras Ören und Güney Dal behandeln. Mit den ersten literarischen Zeugnissen türkischer Migranten etablierte sich in den 1970er Jahren der Begriff ‘Gastarbeiterliteratur’ (zu verschiedenen synonymen Benennungen siehe: Chiellino 2007: 389f.). Aufgrund von Themen wie der Suche nach Identität und der Sehnsucht nach der Heimat wird diese Literatur auch als ‘Betroffenheitsliteratur’ bezeichnet. Die erste Ernüchterung und auch die ersten Diskriminierungen fanden in den 1980er Jahren Eingang in das Schreiben von Gültekin Emre, Dursun Akçam und Özdemir Ba?argan. Aber auch die nächste Generation, die bereits in Deutschland geboren wurde, meldete sich zu Wort, darunter Zafer ?enocak, Kemal Kurt, Zehra Ç?rak und Alev Tekinay. Ihre Texte verarbeiten das Gefühl innerer Zerrissenheit und Heimatlosigkeit. In den 1990er Jahren erweiterte sich die literarische Infrastruktur (zum Beispiel durch die Gründung deutsch-türkischer Verlage), und das Selbstbewusstsein der Minderheit wurde zunehmend gestärkt (vgl. ?ölçün 2000: 141). Besonders hervorzuheben unter den Autoren, die in den 1990er Jahren mit ihren Publikationen große Aufmerksamkeit erhielten, ist Emine Sevgi Özdamar. Ihre Werke „gelten heute international als die mit weitem Abstand herausragenden Erzählwerke unter den Büchern von deutschen Autoren türkischer Herkunft” (Mecklenburg 2006). Es gibt kaum einen nennenswerten wissenschaftlichen Beitrag, der ohne zumindest die Erwähnung Özdamars auskommt, was zur Folge hat, dass andere Autoren zu ihrem Leidwesen oft an ihr bzw. ihren Texten gemessen werden. Seit der Jahrtausendwende bieten kritische Berichte und humoristische Kurzgeschichten wie die von Necla Kelek und Dilek Güngör einen neuen Zugang zu deutsch-türkischen Themen. In Keleks Berichten werden beispielsweise Zwangsverheiratung und Integrationsprobleme populärwissenschaftlich behandelt; Güngör beschreibt in kolumnenartigen Miniaturen meist das interkulturelle Familienleben. In den letzten Jahren erlangten vor allem Feridun Zaimo?lu und Selim Özdo?an relative Bekanntheit. Zaimo?lu wurde zunächst für seine Thematisierung der Diskriminierung türkischer Einwanderer und ihrer Integrationsprobleme Aufmerksamkeit zuteil, und im Anschluss, ebenso wie im Fall Özdo?ans, für seine türkische Familiensaga. Der Erfolg dieser Autoren der zweiten und dritten Generation bezeugt ein neues Interesse an deutsch-türkischer Literatur und ihren verstärkt interkulturellen Themen.

Das zentrale Thema deutsch-türkischer Literatur 2008: die Frage der Identität

Wie sieht die deutsch-türkische Literatur im Jahr 2008 aus? Welche Themen werden verhandelt, welche Trends sind entstanden, welche Traditionen werden fortgeführt? Durch einen synchronen Schnitt lassen sich die laufenden Diskurse eines definierten Zeitabschnitts ermitteln und so ein multidimensionales Bild zeitgenössischer Identitätsinszenierung zeichnen. Wie bereits erläutert, ist die Frage der Identitätsbestimmung schon immer existenziell für deutsch-türkische Literatur gewesen. Auch die 2008 erschienene Literatur stellt dabei keine Ausnahme dar. Beinahe jeder (auto-)biographische Roman, jeder Bericht, jeder Krimi und jede Satire befassen sich ausdrücklich und ausführlich mit Identitätsbestimmungen. An dieser Stelle ist zu erläutern, welche Definition von ‘Identität’ der hiesigen Analyse zugrunde liegt: Die Definition von ‘kultureller Identität’ orientiert sich an Annegret Horatschek, die auf den ständigen Bedarf der Binnenstärkung der kulturellen Identität verweist, die durch das kulturelle Gedächtnis in Form von Ritualen, festen Einheitssymbolen u -mythen sowie durch das stigmatisierende Konstrukt kollektiver Alterität geschaffen wird (vgl. Horatschek 2008: 306). Die ‘persönliche Identität’ ist nach Stefan Glomb ein relationaler Begriff, der impliziert, dass sich ‘Identität’ im Wechselspiel mit Anderen, in einem „Beziehungsgeflecht” (Glomb 2008: 306f.) konstituiert. Dies bedeutet, dass ‘Identität’ nichts Naturgegebenes, Statisches ist, „sondern als der von der oder dem Einzelnen immer wieder zu bewerkstelligende, am Schnittpunkt von gesellschaftlicher Interaktion und individueller Biographie stattfindende Prozess der Konstruktion und Revision von Selbstbildern” zu verstehen ist (ebd.). Mit der Bestimmung der ‘Identität’ geht die Frage nach den Bedingungsfaktoren von Stabilität und Instabilität und nach äußeren Einflüssen einher. Die der Analyse zugrunde liegenden Fragen sind also: Welche Identitätskonstrukte gibt es? Durch welche Faktoren bestimmen sich die unterschiedlichen Identitäten? Und wie sind diese Identitätsinszenierungen im historischen Kontext deutsch-türkischer Literatur zu verorten?

Die instabile, die bewegliche und die Lifestyle-Identität

Generell gilt, dass sich die gesamte deutsch-türkische Prosa des Jahres 2008 mit Phänomenen kultureller Überschneidung und Beeinflussung auseinandersetzt. Eine immens wichtige Form der Auseinandersetzung ist dabei die Inszenierung deutsch-türkischer Identitäten, die ganz verschieden realisiert wird. Die Probleme – vor allem die ständige Positionierung des Selbst in Form eines Sich-Einfügens und auf der anderen Seite eines Ausgestoßen-Seins – haben sich in den vergangenen Jahrzehnten nicht grundlegend verändert, ihre Ver- und Behandlung dagegen sehr. Bei einem synchronen Schnitt können drei besonders charakteristische Identitätsinszenierungen beobachtet werden, die hier als (I.) instabile, (II.) bewegliche und (III.) Lifestyle-Identitäten bezeichnet werden. Jeweils ein Text der drei Identitätsinszenierungen wird hier exemplarisch analysiert: Eine instabile Identität wird am Beispiel von Betül Lichts In meiner Not rief ich die Eule. Eine verlorene Kindheit (2008), eine bewegliche Identität anhand von Yadé Karas Café Cyprus (2008) und eine Lifestyle-Identität in Bezug auf Iris Alanyalis Der Teufel trägt Pampers (2008) vorgestellt.

I. Die Inszenierung einer instabilen Identität

Betül Lichts Roman In meiner Not rief ich die Eule berichtet von der traumatischen Kindheit und Migrationsgeschichte einer Deutsch-Türkin. Die Figur mit dem Namen Fatma berichtet einer Freundin in Briefen von ihren Erlebnisse. Diese reflektiert und kommentiert als Erzählerin Fatmas Geschichte. Den Zeugnissen von Gewalt, Sehnsucht und innerer Zerrissenheit, die der Freundin nur unter dem Siegel der Verschwiegenheit anvertraut werden, steht deren eigene Geschichte im krassen Gegensatz gegenüber. Zwar stellt die Migrationserfahrung beider Figuren einen Schnittpunkt ihrer Schicksale dar, jedoch wird die Unterschiedlichkeit solcher Erfahrungen und ihrer Folgen aufgezeigt: Die Freundin hatte eine glückliche Kindheit, lebt ein selbstbestimmtes Leben und fühlt sich „eher in der deutschen Kultur zu Hause” (Licht 2008: 50). Umso fassungsloser reagiert sie, als sie mit Fatmas Erlebnissen konfrontiert wird, deren Leben von Ängsten und Schuldgefühlen bestimmt wird. Fatma beschreibt retrospektiv das Problem, dass sie stets „versuchte, beide Kulturen zu vereinen” (ebd.). Diese Aussage resümiert den Zustand ihrer Identität. Sie ist fortwährend bemüht, mehrere kulturelle Muster zusammenzuführen. Indem sie dieses Problem artikuliert, wird deutlich, dass sie sich – zumindest im Nachhinein – des Aufbruchs ihrer Stabilität bewusst ist. Die angestrebte Vereinigung ihrer gespaltenen Identität ist hier das zentrale identitätsbestimmende Merkmal. Fatma erfährt Gewalt in der Schule und zu Hause, sie muss sich einer strengen Hierarchie unterordnen, wird von ihren Eltern getrennt und findet auch nach der Familienzusammenführung in Deutschland keine Beziehung mehr zu ihnen. Einschneidende Erlebnisse sind die Misshandlungen durch die Großmutter. Neben der körperlichen Gewalt, die Fatma still erträgt, wird auch die seelische Grausamkeit deutlich – die Erzählerin benennt diese mit „Seelenmord” (ebd.: 52). Um diese Misshandlungen zu überleben, lebt Fatma in einer Phantasiewelt. Die Konsequenz der instabilen Identität ist, dass Fatma sich unsichtbar macht und regungslos in ihrer Situation verharrt. Ihr Rückzug ins Innere weitet sich aus; Fatma wird stumm und nimmt sich vor: „Ich will nie wieder hinausgehen aus meiner Schneehöhle, niemals.” (Ebd.: 38) Diese Maske ist eine Technik des Rückzugs, Fatma inszeniert so ihre eigene Abwesenheit und negiert fortwährend die eigene Existenz. Dieses Muster der Behauptung der eigenen Absenz bezeugt die Instabilität der Identität. Den Höhepunkt dieser inszenierten Instabilität stellt die Idee der eigenen Auslöschung dar. „Ich plante ernsthaft meinen Tod. Ich konnte nicht mehr. […] Alles Lebendige starb in mir, um mich herum baute sich ein Kokon auf.” (Ebd.: 196) Das Bild des Kokons verweist erneut auf den inneren Rückzug. Die Konfrontation mit Anderen in Form von Einblicken in andere, nämlich glückliche Lebensweisen verstärkt diesen Wunsch. Erst als Fatmas Familie zerbricht, sich die Eltern trennen und das Zusammenleben mit der Mutter unerträglich wird, entwickelt sie eine produktive Kraft und neuen Lebenswillen. Als aber die Großmutter und der Vater sterben, kommen die Erinnerungen an die Kindheit und die verdrängten Ängste wieder zurück. An dieser Stelle bricht Fatma aus ihrem bisherigen Verhaltensmuster aus, denn sie beschließt sich mitzuteilen. Die Briefe, also das Aufschreiben ihrer Geschichte, und das Mitleid und Verständnis, die ihr von der Erzählerin entgegen gebracht werden, haben heilende Wirkung. Das einseitige Briefe-Schreiben hat demnach eine therapeutische Funktion:
Jeder Brief, den ich an dich schrieb, enträtselte den schwarzen See und machte ihn zu einem leidvoll gelebten Leben. Ich bemerkte, wie ich mich entfernt hatte von mir selbst und fremd geworden war vor mir selbst. Ohne zu wissen, nach wem ich suchen sollte, ging ich allein auf eine ungewisse Reise. (Ebd.: 244)
Durch die Briefe wird Fatmas instabile Identität unleugbar. Die Wahl dieses Mediums bestätigt auf formaler Ebene ihre Labilität. Die Briefe betonen ihre Abwesenheit, sie ist nur durch ihre Worte präsent und nicht unmittelbar zugänglich. Direkten Kontakt mit der Freundin, bei dem sie gezwungen wäre zu reagieren, schließt sie aus, indem sie diese bittet, mit niemandem, nicht einmal mit ihr selbst, über die Briefe zu sprechen (vgl. ebd.: 19). Durch diese Geheimhaltung wird die Brisanz der darin erzählten Geschichte potenziert. Das Risiko des Kontaktabbruchs nimmt die Freundin in gewissem Maß in Kauf, als sie Fatma einen Brief zurückschreibt. Eine erneute Selbstabschottung Fatmas wird aber verhütet, da die Reaktion ihrer Freundin im von Fatma gewählten Kommunikationsmedium verbleibt. Die Erzählerin bekundet Fatma ihr Mitleid und Verständnis. Im letzten Brief Fatmas ist daraufhin eine deutlich veränderte Stimmung zu beobachten: „Der erste Schritt scheint mir zu sein, diese Geschichte zu akzeptieren, so wie Du es tust. Meine Sehnsucht ist, den Weg der Eltern zu verlassen und mich auf meinen eigenen Weg zu machen.” (Ebd.: 245) Die sonst durchgängig von der Vergangenheit gefesselt wirkende Fatma schöpft neue Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Die Inszenierung der instabilen Identität erfolgt in Betül Lichts Roman auf mehreren Ebenen und ist inhaltlich handlungsbestimmend, da sie den Roman als primäres Thema und omnipräsentes Leitmotiv durchzieht. Die durchgehende Betonung von körperlichen und seelischen Grausamkeiten sowie Schuld- und Schamgefühlen inszeniert eine problembeladene, leidende Identität. Die Quantität und Intensität der Verzweiflung steigern sich zunehmend; das Leiden wird regelrecht zelebriert. Oftmals hebt gerade der Kontrast mit der selbstsicheren Identität der Freundin, die als Folie durch eingeschobene Kommentarsequenzen ständig präsent ist, Fatmas Instabilität hervor. Fatma ist bis zum Ende in den Techniken immer wiederkehrender Selbstverleugnung und in der Betonung innerer Zerrissenheit gefangen. Das Verlangen nach Angleichung und Einheit ist das Identifikationsprinzip der hier inszenierten instabilen Identität.

II. Die Inszenierung einer beweglichen Identität

Im Mittelpunkt des Romans Cafe Cyprus von Yadé Kara steht das Leben eines jungen Kosmopoliten. Der Protagonist Hasan ist in Berlin und Istanbul aufgewachsen. Beide Städte hinter sich lassend, will er sich in London ein neues Leben aufbauen. Während er sich langsam in der neuen Stadt einlebt, bemerkt er kaum, wie seine ursprünglichen Ziele in den Hintergrund rücken. Er reflektiert: „Eine Zeitlang habe ich mich einfach über Widerstand definiert. Ich wusste immer nur, was ich nicht wollte […].” (Kara 2008: 17f.) Die Selbstdefinition durch Ablehnung mündet direkt in den Aufbau einer neuen Identität. Er kennt weder Trennungsschmerz noch Sehnsucht nach der Heimat, was nicht bedeutet, dass er diese Gefühle ablehnte und diese unterdrückte; im Gegenteil denkt er durchaus über seine eigene Zugehörigkeit nach, nimmt jedoch keinen Mangel wahr. Hasan kann sich in ein größeres Ganzes einordnen und fühlt sich weder einem Land oder einer Stadt noch einer Kultur ausschließlich verbunden. Darin begründen sich die Gelassenheit und Harmonie seiner Identität. Die eigene Zugehörigkeit verliert in der Inszenierung einer beweglichen Identität nicht generell an Bedeutung, ist aber veränderbar. So glaubt Hasan daran, in London, einer bisher für ihn weitestgehend unbekannten Stadt, heimisch werden zu können. Er empfindet sich dort mit seinem gemischten kulturellen Hintergrund als ganz normal und natürlich. Die Frage nach der Herkunft habe in London „eine andere Bedeutung, denn alle fragten alle, alle waren davon betroffen” (ebd.: 65). Er genießt es, dass seine kulturelle Prägung nebensächlich ist, und wehrt sich zugleich gegen externe Festlegungen. Hasan verurteilt die Fixierung der kulturellen Differenz und führt diese auf Unkenntnis und (gewolltes) Unverständnis zurück. Er passt seine Kleidung an den jeweiligen Kontext an und switcht je nach Gesprächspartner und Anlass zwischen den Sprachen. So spricht er mit seinem Cousin Kazim türkisch, mit seiner Freundin Betty deutsch und in der U-Bahn mit dem Musiker Ron englisch. Der Protagonist akzeptiert sich als Einheit von Variablen, als hybride Identität (vgl. hierzu die anglo-amerikanische Multikulturalismusdebatte Bronfen/Marius 1997) und sucht daher nicht permanent nach Vollständigkeit. Weder kehrt er seine kulturelle Vielfältigkeit heraus, noch versteckt er sich hinter einer verzerrenden Maske. Hasan versteht sich als „multiple Identität” (ebd: 167). Die hier dargestellte bewegliche Identität und das ,Multikulti‘-Bild sind nicht nur rosarot und unkompliziert. So wird Hasan auch mit Diskriminierung konfrontiert. Er empfindet London zwar in vielen Einzelheiten als offen, lebendig und vielfältig, verschließt seine Augen jedoch auch nicht vor Problemen, die Migrationsprozessen eigen sind. Letzteres zeigt sich in seiner Beschreibung der sich selbst klar abgrenzenden zypriotischen Gemeinschaft in London. Hasan dagegen versucht, sich aktiv in das Londoner Leben zu integrieren und schafft es, das Prinzip von Multikulturalität zu leben. Was dies konkret bedeutet, führt Hasans türkischer Cousin Kazim aus: „In einer echten multi-racial Umgebung leben bedeutet, dass die Leute keine Angst haben und sich von WIR-IHR, UNS-EUCH-Vorurteilen befreien. Andersartigkeit? Ja! Abwertung? Nein!” (Ebd.: 315) Kazim, Hasan und die meisten anderen Figuren glauben an ein funktionierendes multikulturelles Zusammenleben und wehren sich gegen das hohle „Integrationsgelaber” (ebd.: 129) der „Kosmopolit-Typen” – oder auch „Sofakosmopoliten” (ebd.: 188) -, die sich als weltgewandt aufspielen. Die kulturelle Prägung stellt hier kein Hindernis dar, sich in eine Gesellschaft zu integrieren, sondern einen Vorteil. Hasan kann verschiedene Kulturen widerspruchsfrei in sich vereinen. Die Normalisierung der Differenz bedeutet für den Protagonisten und für den gesamten Text keine zwanghafte (Wieder-)Eingliederung. Hier werden vielmehr feste Zuschreibungen, die Menschen mit unterschiedlichen kulturellen, sozialen und politischen Hintergründen und Erfahrungen in eine Ecke drängen, angeklagt, da ihnen die aufgedrückten Stempel letztlich die Integration verweigern. Hasan muss zudem niemandes Ansprüchen gerecht werden und verteidigt seine Einstellung auch gegenüber seiner Familie, die ganz andere Maßstäbe für ein glückliches Leben verkörpert. Wohnungseinrichtung, Autos oder Kleidung haben wenig Bedeutung für ihn, und so meint er, „[n]ach den Kazan [Nachname Hasans] Erfolgskriterien hätten sie mich in großer Häme als Versager bezeichnet […]” (ebd.: 159). Er ist sich seines Privilegs der Erfahrung unterschiedlicher Kulturen bewusst und kann sich trotzdem in alle Richtungen abgrenzen. So stört ihn an den Türken, dass sie sich überall einmischen (vgl. ebd.: 229), bei Berlinern lehnt er den unfreundlichen Ton (vgl. ebd.: 12) und bei den Engländern die Geldbesessenheit ab (vgl. ebd.: 58).
[I]ch war zu Hause in einer deutschen, türkischen und mittlerweile auch englischen Sprache. Ich konnte alles miteinander vergleichen, die Vor- und Nachteile von allen Seiten sehen, sie kritisieren, mich über die Unfähigkeiten der einen ärgern und über die Fähigkeiten der anderen staunen. Es war ein ständiges Lernen und Vergleichen. Das Gute an dem Ganzen war, dass ich mir das Beste von allem rauspicken, vielleicht es mir auch aneignen und mit mir herumtragen konnte. (Ebd.: 167)
Hasans bewegliche Identität stützt sich auf die Gewissheit, zwei Welten zu kennen und sich aus ihnen eine eigene dritte Welt entwickelt zu haben. Es sei vorgekommen, sagt er, dass „diese beiden Welten in mir zusammen [stießen], doch ich entzog mich der Explosion und begab mich auf meine eigene Ebene, meine dritte Ebene, mein Hasan-Zuhause” (ebd: 332).

III. Die Inszenierung einer Lifestyle-Identität

Sehr modern, weltgewandt und vor allem sehr unabhängig ist die Protagonistin in Iris Alanyalis Roman Der Teufel trägt Pampers. In diesem Text wird über den Lebensabschnitt der Protagonistin berichtet, in dem sie eine Migrationserfahrung von Deutschland in die USA erlebt. Die Protagonistin Iris ist eine junge Deutsch-Türkin, die zu ihrem Mann in die Nähe von New York gezogen ist und nun versucht, sich sowohl in ihrer neuen Umgebung als auch in ihrer Mutterrolle einzufinden. Die behandelten Themen kreisen fast ausschließlich um Kinder und die gleichzeitige Selbstverwirklichung. Die Erzählung erfolgt hier episodenhaft und funktioniert nach folgendem Prinzip: Im ersten Schritt wird ein Thema aufgegriffen, im zweiten tritt eine problematische Wendung ein, die im dritten Schritt überwunden wird. Auf diese Weise werden unzählige Situationen durchgespielt, die die Hauptfigur in ihrer neuen Heimat erlebt. So begibt sie sich auf die Suche nach dem optimalen Kinderzubehör (wie Kinderwagen, Wickelunterlage oder Stilleinlage), anderen ebenso gestressten Müttern und entspannenden Yoga-Kursen. Auch Ausflüge zu den katholischen Großeltern, die Eröffnung eines Bankkontos, ein Autokauf, die Beantragung eines Führerscheins und die Suche nach einer Nanny beinhalten so manche Komplikation. Stets meistert sie alle auftretenden Schwierigkeiten ohne die Hilfe ihres vielbeschäftigten Mannes. Iris wird dabei als tollpatschige, ungeschickte und leicht dümmliche Frau inszeniert, die größtenteils hoffnungslos überfordert ist. Dennoch beweist sie stets aufs Neue ihre Durchsetzungsfähigkeit und Selbstständigkeit. Die Frau, die sich besonders für Mode, Familie und Fitness interessiert und als Heldin ihrer eigenen Fernsehserie à la Sex and the City den alltäglichen Gefühlsdschungel überlebt, steht in dieser Form der Identitätsinszenierung im Mittelpunkt. Sie beweist, dass sie sich allein dem neuen Leben in einem fremden Land mit anderer Kultur und Sprache stellt, ohne zu verzweifeln. Dabei versucht sie nicht, ihre Unbeholfenheit zu kaschieren, sondern geht offensiv mit ihrer Überforderung um. Ihr Selbstbewusstsein zieht die Protagonistin zum einen aus ihrer Herkunft: „Ich war kein Dorftrottel in der großen Stadt. Ich kam aus Berlin, laut New York Times eine der ‘coolsten cities in Europe’.” (Ebd.: 21) Zum anderen gibt ihr die erfolgreiche Migration ihrer Eltern von der Türkei nach Deutschland die nötige Zuversicht, dass auch sie dieser Aufgabe gewachsen ist. Iris beschreibt sich als Deutsche mit einer türkischen Seite, wobei letztere nur ab und an auftaucht und sie an türkische Lebensweisen, Einstellungen und Traditionen erinnert. So heißt es im Kapitel ,Die Folge, in der mich mein türkischer Geist nervt‘:
Die Türkin in mir fand sich nämlich neuerdings ungeheuer wichtig und meldete sich, seit ich in den USA lebte, besonders gern zu Wort. In meiner eigenen amerikanischen Fernsehserie würde sie mir als mein zweites Ich erscheinen, mir ab und zu auf der anderen Seite von Finns [Iris‘ Sohn] Hochstuhl gegenübersitzen oder hinter einer Person auftauchen, mit der ich mich gerade unterhielte, und bissige Kommentare geben. (Ebd.: 163)
Indem sich die türkische Seite der Protagonistin auf der Ebene eines Kommentars äußert, wird ihre Identität gespalten. Dabei scheint es, als ob das zweite Ich nicht auf gleicher Ebene mit dem ersten rangiert, denn es wird eher als sporadisch auftretender, kritischer Gegenpart und nicht als permanent inhärenter Teil der Persönlichkeit dargestellt. Diese zweite Stimme tritt besonders dann hervor, wenn Iris ihr gewohntes Umfeld verlässt. Die Lifestyle-Identität der Protagonistin ist also eine gespaltene – wenn auch nicht zu jeder Zeit zu gleichen Teilen. Iris möchte sich nicht auf nur eine nationale Zugehörigkeit beschränken. Es ist ihr unmöglich, eine Nation als heterogenes, wandelbares und historisch disgruentes Konstrukt zu sehen. Kurz: Es ist ihr unmöglich, sich einer Nation zuzuordnen und trotzdem einen gewissen Abstand zu ihr zu wahren. Im Gegensatz dazu steht ihr Verlangen, amerikanisch zu werden. Permanent versucht sie, sich dieses Andere anzueignen, und präsentiert ein neues Ich – zum Beispiel wenn sie in Jogginghosen Milch kaufen (vgl. ebd.: 81) oder – natürlich „sehr amerikanisch” (ebd.: 72) – zur Mani- und Pediküre geht. Der Wille zur Assimilierung bewegt Iris auch dazu, sich neue Freundinnen zu suchen. Langsam fühlt sie sich in der fremden Gesellschaft integriert, obwohl sie sich durch ironisch-sarkastische Kommentare immer wieder distanziert. So findet sie beispielsweise amerikanisches Kinderspielzeug ebenso lächerlich wie die übertriebenen Höflichkeitsformeln. Diese bewusste Distanzierung stellt fortwährend ihr Ideal der amerikanischen Identität in Frage. Bei dieser Inszenierung einer Lifestyle-Identität liegt der Fokus nicht auf der Darstellung verschiedener kultureller Prägungen, sondern auf der Hervorhebung eines neuen Frauentyps. Trotzdem bleibt das Thema der unterschiedlichen Kulturen relevant: Amerikanische Lebensweisen, Sitten und Werte werden beobachtet und erklärt sowie mit deutschen und türkischen verglichen. Besonders auffallend ist die ständige Bezugnahme auf amerikanische TV-Serien und deren Figuren. Der Romantitel weist bereits auf eine stringent verfolgte Intermedialität hin, die Figuren aus Filmen und Serien wie Sex and the City, Desperate Housewives, Grey‘s Anatomy oder Scrubs immer wieder, wenn auch in leicht abgewandelter Form, aufgreift: Hier trägt der Teufel nicht Prada, sondern Pampers. Diese Vergleiche und Anspielungen reichen von idealisierten Vorstellungen von perfektem Haushalt und unkomplizierter Kindererziehung über die Wunschvorstellung, als Mutter noch unwiderstehlich attraktiv zu sein, bis hin zu Formalia wie der Gliederung der Kapitel in „Folgen”. Iris inszeniert sich in ihren Folgen als Lifestyle-Identität, die sich hauptsächlich über Willensstärke und Unerschütterlichkeit definiert. Stets ironisch werden die Handlungen und Äußerungen kommentiert, erklärt und bewertet. Die Lifestyle-Identität zeigt keine Anzeichen von Schwermut oder Melancholie. Sie ist weder besonders durch Selbstzweifel noch durch die Herausstellung der glücklichen Vereinigung kultureller Vielheit charakterisiert. Die kulturelle Mehrfachprägung wird zwar thematisiert, scheint für die Identitätsbestimmung aber eher marginal, da sie kaum problematisch ist. Die innere Spaltung entbehrt jeglicher Brisanz. Diese Form der Identität zeichnet sich durch ständiges Schwanken zwischen Zu- und Abneigung gegenüber allem Amerikanischen aus. Der Fokus dieser Identitätsinszenierung liegt jedoch eindeutig auf der Darstellung einer autonomen urbanen Frau.

Fazit: Interkulturelles Potential und Kontextualisierung

Die gesamte deutsch-türkische Prosa des Jahres 2008 setzt sich mit Themen kultureller Überschneidung und Beeinflussung auseinander, wobei die Frage der Identität und der kulturellen Differenz besondere Relevanz besitzt. Die Verortung der Figuren innerhalb der Kulturen ist immer Gegenstand der Texte, von denen viele – mehr oder weniger idealtypisch – einem der drei beschriebenen Identitätskonzepte zugeordnet werden können. Einige widmen sich der Darstellung innerlich zerrissener Schicksale; andere bemühen sich um eine detaillierte Auseinandersetzung mit einer Identität, die sich als Einheit begreift und in verschiedenen Kulturen problemlos agiert; wieder andere versuchen, sich einer Identitätsdebatte zu entheben, indem sie neue thematische Schwerpunkte wie Partnersuche oder Mutterschaft suchen. Schlussendlich bleibt im Sinne der interkulturellen Literaturwissenschaft noch die Frage nach dem interkulturellen Potential der untersuchten Texte, das einen eigenen Erkenntniswert, also einen Teilaspekt des ästhetischen Wertes darstellt. Das Ergebnis fällt diesbezüglich sehr heterogen aus. Bei der Inszenierung einer instabilen Identität in Lichts In meiner Not rief ich die Eule sind keine neuen Facetten, und damit auch kein Eigenwert unter interkultureller Perspektive, zu erkennen. Es wird keine neue Perspektivierung einer Opferidentität geschaffen. Das bekannte Bild der unterdrückten, misshandelten türkischen Frau wird bloß einmal mehr mit überladener, dramatisch-pathetischer Wortwahl reproduziert. Ständige Wiederholungen verstärken nicht den Eindruck des Leides dieser jungen Frau, sondern erzeugen bloße Redundanz. Generell reiht sich die deutsch-türkische Literatur von 2008, in der eine instabile Identität inszeniert wird, in eine bereits bekannte Literaturtradition ein. Diese Inszenierungen von Opfertypen sind in der Vergangenheit häufig verwendet worden (vgl. das Konzept der „geschundenen Suleika” von Ye?ilada 2008). Die Protagonisten leiden meist so stark unter ihrer Vergangenheit und der Migrationssituation, dass sie unfähig sind, eine stabile Identität aufzubauen. Zu diesen Texten gehören auch Saliha Scheinhardts Schmerzensklänge. Roman aus der Türkei (2008) und Renan Demirkans Septembertee oder Das geliehene Leben (2008). Beide Autorinnen liefern keine neuen Dimensionen in der Inszenierung einer Opfer-Identität. Ein gutes Beispiel für die niveauvolle und feinsinnige Inszenierung einer instabilen Identität ist Yusuf Ye?ilöz‘ Roman Gegen die Flut (2008). Dieser Text mit großem interkulturellen Potential, der ohne klischeehafte Beschreibungen auskommt und ganz unprätentiös vom Leben eines jungen Mannes und dessen inneren Konflikten erzählt, ist in dieser Kategorie jedoch eine Ausnahme. Eine hohe interkulturelle Kompetenz zeigt sich auch in Karas Cafe Cyprus. Der Text arbeitet ungewöhnliche, aber charakteristische Details der englischen, türkischen und deutschen Kultur heraus. Zudem weist die Inszenierung der beweglichen Identität der Hauptfigur auf eine aufmerksame Beobachtung des Identitätsdiskurses der herkömmlichen deutsch-türkischen Literatur hin. Zahlreiche Passagen setzen sich explizit mit Identitätsbestimmung auseinander und denken über ‘Binsenweisheiten’ hinaus. Die hier dargestellte bewegliche Identität ist eine fließende, „die ein ‘Patchwork’ aufgenommener und bearbeiteter kultureller Perspektiven darstellt […]” (Hofmann 2008: 13). Nicht umsonst bezeichnet sich der Protagonist in Karas Text selbst als „multiple Identität”. Diese Identität bewegt sich in einem eigenen Raum, der sich aus ihrer interkulturellen Situation, dem Leben in/zwischen mehreren Kulturen, konstituiert. Beinahe scheint es, als gebe der Text immer wieder direkt Antwort auf zeitgenössische Fragen zur Identitätsbestimmung, so als führe er einen Dialog mit dem aktuellen Identitätsdiskurs. Dies zeigt sich sowohl in der Varianz und Häufigkeit, mit denen diese Fragen behandelt werden, als auch besonders in einzelnen Gedanken wie der aktuell sehr modernen Vorstellung einer dritten Ebene, einer individuellen Lebenswelt, die sich zwischen verschiedenen Kulturen als neuer Raum auftut. Die Inszenierung einer beweglichen Identität kann als Gegensatz zur problematischen Selbstbestimmung und als Abgrenzung dazu verstanden werden. Denn „[d]as Anschreiben gegen klischeehafte Zuschreibungen sowie deren Dekonstruktion ist nicht ausschließlich, aber auch Gehalt der Werke.” (Vlasta 2009: 115) Die natürlichen Identitäten bewegen sich ohne Selbstzweifel und Verortungsschwierigkeiten in verschiedenen Kulturen. Die Figuren sehen keine Notwendigkeit, sich abzugrenzen und sich fest zu bestimmen. Ganz im Gegenteil wird hier die kulturelle Mehrfachprägung als Vorteil und Chance begriffen. Neben Karas Roman kann 2008 allenfalls Feridun Zaimo?lus Protagonist des Romans Liebesbrand (2008) als bewegliche Identität interpretiert werden, da auch er kaum Schwierigkeiten hat, sich in verschiedenen Kulturen zurecht zu finden. In letzterem steht allerdings weniger die Darstellung einer flexiblen Identität im Mittelpunkt, sondern eine unerwiderte Liebe. Alanyalis Der Teufel trägt Pampers ist ein Paradebeispiel für Texte, die eine Lifestyle-Identität inszenieren und in Bezug auf den Einblick in eine andere (die türkische) Kultur nicht über das Boulevardformat, das hauptsächlich leichter Unterhaltung dient, hinaus kommen. Die Überbleibsel der türkischen Wurzeln dienen lediglich als Aufhänger für die Geschichte. Für diese Texte gilt Yasemin Dayio?lu-Yücels Beobachtung, dass die so inszenierten Identitäten sich kaum noch in Frage stellen. Sie erliegen ihren eigenen Vorurteilen, da sie diese zwar scheinbar reflektieren, aber dann trotzdem erneut bestätigen. Die Beschreibungen kultureller Unterschiede bleiben meist schablonen- und stereotypenhaft, das interkulturelle Potential bleibt beschränkt. Die Lifestyle-Identität ist sich ihrer verschiedenen kulturellen Wurzeln wohl bewusst, kann sich aber trotzdem vollkommen mit neuen Umgebungen identifizieren. Sie geht dabei noch einen Schritt weiter als die bewegliche Identität, denn während letztere harmonisch und zurückhaltend wirkt, agiert die Lifestyle-Identität offensiv – fast aggressiv – in ihrer Selbstsicherheit. Beinahe wird hier der Eindruck erweckt, diese moderne Identitätsform überzeichne bereits sich selbst. Dem Trend, ein unabhängiges Leben in einer multikulturellen Gesellschaft zu schildern, folgen auch Lale Akgün mit Tante Semra im Leberkäseland (2008), Hatice Akyüns mit Ali zum Dessert (2008) und Sibel Teomanns mit Der Teufel sieht rot (2008) und Flitterwochen auf Türkisch (2008). Karin Ye?ilada übernimmt für diese neue Form von Unterhaltungsliteratur, die meist von, mit, über und für Frauen geschrieben ist, den aus der anglistisch-amerikanischen Tradition stammende Begriff der „Chick-Lit” – welcher wiederum auf den Begriff „Chick flick” referiert, der Frauenfilme wie Dirty Dancing und Bridget Jones bezeichnet, – und erweitert ihn: „[Es] melden sich hier sehr selbstbewusste junge Frauen zu Wort, die freizügig über ihr Leben, über Mode, Sex und Liebe sprechen, ganz im Stil einer „Chick-Lit alla turca.” (Ye?ilada 2008) Die Texte, die sich in diesen neuen Trend einreihen, sind relativ oberflächlich. Ebenso wie bereits Mecklenburg (2008: 33) auf die Gefahr hinweist, Migrantenliteratur en gros vorschnell zu interkultureller Literatur zu erklären, ist auch im vorliegenden speziellen Fall kritisch zu hinterfragen, ob diese Literatur der Lifestyle-Identitäten überhaupt noch eine ernst zu nehmende interkulturelle Dimension aufweist.

Literaturverzeichnis

Primärliteratur:

Akgün, Lale: Tante Semra im Leberkäseland. Frankfurt am Main 2008. Akyün, Hatice: Ali zum Dessert. Leben in einer neuen Welt. München 2008. Alanyali, Iris: Der Teufel trägt Pampers. Mein neues Leben in Amerika. Reinbek bei Hamburg 2008. Demirkan, Renan: Septembertee oder Das geliehene Leben. Berlin 2008. Kara, Yadé: Cafe Cyprus. Zürich 2008. Licht, Betül: In meiner Not rief ich die Eule. Eine verlorene Kindheit. Hamburg 2008. Scheinhardt, Saliha: Schmerzensklänge. Roman aus der Türkei. Frankfurt am Main 2008. Teoman, Sibel Susann: Der Teufel sieht rot. München 2008. Teoman, Sibel Susann: Flitterwochen auf türkisch. München 2008. Ye?ilöz, Yusuf: Gegen die Flut. Zürich 2008. Zaimoglu, Feridun: Liebesbrand. Köln 2008.

Sekundärliteratur:

Albrecht, Corinna: Fremdheit. In: Wierlacher, Alois und Andrea Bogner (Hg.): Handbuch interkultureller Germanistik. Stuttgart/Weimar, 2003. S. 232-238. Albrecht, Corinna: Fremdheitsforschung und Fremdheitslehre (Xenologie). In: Wierlacher, Alois und Andrea Bogner (Hg.): Handbuch interkultureller Germanistik. Stuttgart/Weimar, 2003. S. 541-547. Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. http://www.berlin-institut.org/studien/ungenutzte-potenziale.html, (letzter Stand: 09.07.2010). Bronfen, Elisabeth, Benjamin Marius und Therese Steffen (Hg.): Hybride Kulturen. Beiträge zur anglo-amerikanischen Multikulturalismusdebatte. Tübingen, 1997. Chiellino, Carmine: Interkulturalität und Literaturwissenschaft. In: Chiellino, Carmine (Hg.): Interkulturelle Literatur in Deutschland. Ein Handbuch. Stuttgart/Weimar 2007. S. 387-399. Day?o?lu-Yücel, Yasemin: Von der Gastarbeit zur Identitätsarbeit. Integritätsverhandlungen in türkisch-deutschen Texten von ?enocak, Özdamar, A?ao?lu und der Online-Community vaybee! Göttingen, 2005. S. 1-28 und 59-64. http://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/univerlag/2006/dayioglu_book.pdf. (Letzter Stand: 09.07.2010). Esselborn, Karl: Deutschsprachige Minderheitenliteraturen als Gegenstand einer kulturwissenschaftlichen orientierten “interkulturellen Literaturwissenschaft” In: Durzak, Manfred und Nilüfer Kuruyaz?c? (Hg.): Die andere Deutsche Literatur. Istanbuler Vorträge. Würzburg 2004. S. 11-23. Glomb, Stefan: Identitätstheorien. In: Nünning, Ansgar (Hg.): Literatur- und Kulturtheorie. Metzler Lexikon. Stuttgart 2008. S. 307f. Glomb, Stefan: Persönliche Identität. In: Nünning, Ansgar (Hg.): Literatur- und Kulturtheorie. Metzler Lexikon. Stuttgart 2008. S. 306f. Gutjahr, Ortrud: Alterität und Interkulturalität. Neuere deutsche Literatur. In: Benthien, Claudia und Hans Rudolf Velten (Hg.): Germanistik als Kulturwissenschaft. Eine Einführung in neue Theoriekonzepte. Reinbek bei Hamburg, 2002. S. 345-370. Hofmann, Michael: Interkulturelle Literaturwissenschaft. Eine Einführung. Paderborn 2006. S. 7-69 und 195-237. Horatschek, Annegret: Kollektive Identität. In: Nünning, Ansgar (Hg.): Literatur- und Kulturtheorie. Metzler Lexikon. Stuttgart 2008. S. 306. Mecklenburg, Norbert: Das Mädchen aus der Fremde. Germanistik als interkulturelle Literaturwissenschaft. München 2008. Radlmaier, Steffen: Feridun Zaimoglu im Interview. 2010. http://www.nn-online.de/artikel.asp?art=1185238&kat=48, (letzter Stand: 09.07.2010). ?ölçün, Sargut: Literatur der türkischen Minderheit. In: Chiellino, Carmine (Hg.): Interkulturelle Literatur in Deutschland. Ein Handbuch. Stuttgart/Weimar 2000. S. 135-153. Vlasta, Sandra: Das Ende des ‘Dazwischen’ – Ausbildung von Identitäten in Texten von Imran Ayata, Yadé Kara und Feridun Zaimo?lu. In: Schmitz, Helmut (Hg.): Von der nationalen zur internationalen Literatur. Transkulturelle deutschsprachige Literatur und Kultur im Zeitalter globaler Migration. Amsterdam/New York 2009. S. 101-117. Woellert, Franziska und Steffen Kröhnert, Lilli Sippel, Reiner Klingholz: Ungenutzte Potentiale. Zur Lage der Integration in Deutschland. Berlin 2009. http://www.berlin-institut.org/fileadmin/user_upload/Zuwanderung/Integration_RZ_online.pdf, (letzter Stand 09.07.2010). Ye?ilada, Karin E.: Deutsch? Türkisch? Deutsch-türkisch? Wie türkisch ist die deutsch-türkische Literatur? 2008. http://www.migration-boell.de/web/integration/47_1852.asp, (letzter Stand: 09.07.2010). Zierau, Cornelia: Wenn Wörter auf Wanderschaft gehen … Aspekte kultureller, nationaler und geschlechtsspezifischer Differenzen in deutschsprachiger Migrationsliteratur. Tübingen 2009. S. 11-31 und 55-73.

Katharina Bilan ist Doktorandin im Fach Neuere deutsche Literatur an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zuvor absolvierte sie ein Bachelorstudium in Deutscher Literatur und Historischer Linguistik und ein Masterstudium im Fach Deutsche Literatur in Berlin und Istanbul. Ihre Forschungsschwerpunkte sind Identitätsinszenierungen und der Integrationsdiskurs in deutsch-türkischer Gegenwartsliteratur.