“Rot”

“Rot”

von Julian Schumertl

Da geht ein Ruck durch die Maschi­ne. Ich will den Blick abwen­den. Doch das Schau­spiel eines vor­be­rei­te­ten Supra­raum-Sprungs ist zu fas­zi­nie­rend. Es wird ein Loch in die Mate­rie geris­sen. Die Tur­bi­nen schie­ßen Mate­rie­säu­re in das All und zer­set­zen es an einer Stel­le. Der ein­set­zen­de Mahl­strom saugt das Schiff bald ein. Wenn die grau­en Schwa­den dar­aus her­vor­tre­ten, wer­den sie weg sein. Und in zwei Wochen wie­der daheim. Das Loch in der Mate­rie bleibt. Für sehr lan­ge Zeit. Weltraumsmog.

Tod über mir. Tod unter mir. Tod links und rechts.
Und es ist so still. Ein Oze­an der Ruhe.
Dass ich hier ster­ben wer­de, steht so fest wie das „Ein klei­ner Schritt für mich“ auf dem Mond.
Denn des­halb schwim­me ich hier. Trei­be ent­lang und star­re sehn­suchts­voll zurück. Ich bin ein Aus­ge­sto­ße­ner. Jedoch nicht weil ich etwas ver­bro­chen habe. Ich habe nie jeman­dem etwas zu lei­de getan. Habe mei­nen Hund nicht getre­ten und mei­ne Frau nicht ange­schrien.
Ich bin ein­fach schlecht in Stein, Sche­re, Papier. Das ist der Grund für mei­nen bal­di­gen Tod. Iro­nie?
Mög­lich. Wenn ich lachen könn­te, wür­de ich es wohl. Nur wür­de das mei­nen sowie­so begrenz­ten Vor­rat an gepress­ter Luft noch mehr schmä­lern. Zwar ist mir klar, dass ich bald ein trei­ben­des Stück Welt­raum­schrott mit Fleisch­fül­lung sein wer­de, doch ich klam­me­re mich an mein Leben wie an einen ret­ten­den Baum­stumpf im Meer.
Hin­ter mir treibt das gro­ße Stück Metall umher. Ein Wun­der­werk der Tech­nik. Der real gewor­de­ne Traum der Mensch­heit: Zu den Ster­nen flie­gen. Hype­ri­on III.
Und nun wur­de die­ses Wun­der­werk Son­der­müll. Ein­fach so. Die Trieb­wer­ke gaben den Geist auf. Und plötz­lich fiel die Pho­to­syn­the­se-Maschi­ne aus. Kei­ne Frisch­luft mehr. Nur noch ein Sauer­stoff­tank mit Press­luft, der für zehn Mann Besat­zung genau eine Woche rei­chen wür­de. Der Supra­raum­sprung ermög­licht einen Flug zum Mars in zwei Wochen. Scha­de aber auch. Und hier schwebt er vor mir. Der rote Pla­net. Unser aller Tod.
Fünf Mann muss­ten absprin­gen, damit der Rest mit der Press­luft zurück zur Erde flie­gen konn­te. Aus dem Bericht des Colo­nels hör­te es sich so an, als wäre die Pho­to­syn­the­se-Maschi­ne irrepa­ra­bel, die Trieb­wer­ke jedoch nur gering­fü­gig beschä­digt. Eigent­lich eine ein­fa­che Rech­nung. Ent­we­der ster­ben fünf Leu­te oder zehn. Das Pro­blem ist nur, dass nie­mand unter den fünf sein will, die sprin­gen. So etwas wie Hel­den­mut gibt es nicht mehr, seit die Men­schen bis zu 250 Jah­re alt wer­den. Je mehr man vom Leben hat, des­to hef­ti­ger ver­sucht man es zu beschüt­zen. So muss­te schließ­lich das Los ent­schei­den.
Wir hät­ten wür­feln sol­len. Da hat­te ich immer Glück. Nur rol­len die Din­ger in der Schwe­re­lo­sig­keit nicht son­der­lich gut. Also Stein, Sche­re, Papier. Und ich muss­te wie immer Sche­re neh­men. Typi­scher Anfän­ger­feh­ler.
Da geht ein Ruck durch die Maschi­ne. Ich will den Blick abwen­den. Doch das Schau­spiel eines vor­be­rei­te­ten Supra­raum-Sprungs ist zu fas­zi­nie­rend. Es wird ein Loch in die Mate­rie geris­sen. Die Tur­bi­nen schie­ßen Mate­rie­säu­re in das All und zer­set­zen es an einer Stel­le. Der ein­set­zen­de Mahl­strom saugt das Schiff bald ein. Wenn die grau­en Schwa­den dar­aus her­vor­tre­ten, wer­den sie weg sein. Und in zwei Wochen wie­der daheim. Das Loch in der Mate­rie bleibt. Für sehr lan­ge Zeit. Welt­raums­mog.
Ein Raum­an­zug hat Luft für 24 Stun­den. Wenn wir alle 15 Stück an Bord benut­zen könn­ten, hät­ten sie mich mit­neh­men kön­nen. Doch nur fünf waren noch brauch­bar, als sie nach der gro­ßen Pan­ne gecheckt wur­den. Sabo­ta­ge. Aber war­um? Der Colo­nel lei­te­te natür­lich eine Unter­su­chung ein. Doch viel Zeit blieb dafür nicht. Die Luft wur­de knapp.
Die­ser Anzug ist mein Sarg. Hoch­tech­ni­siert, hält Tem­pe­ra­tu­ren von ‑500 bis +500 Grad Cel­si­us stand. Selbst ein Trüm­mer­teil mit einer Geschwin­dig­keit von 50 km/h könn­te die robus­te Ober­flä­che nicht durch­tren­nen. Aber im Moment ist das alles unwich­tig. Das wich­tigs­te für mich ist jetzt der ein­ge­bau­te Musik­play­er. „Wag­ner“, sage ich laut. Und Abe, mein Anzug-Com­pu­ter, spielt den Wal­kü­ren­ritt. Wenn ich schon unter­ge­he, dann mit Pau­ken und Trom­pe­ten, wie man so schön sagt. Ich bin eben leicht thea­tra­lisch ver­an­lagt.
Das Schau­spiel stei­gert sich mit der Musik. Die Mate­rie­säu­re schießt in grü­nen und wei­ßen Strah­len aus den Tur­bi­nen und implo­diert an der Stel­le, wo die bei­den Strah­len sich tref­fen. Sie reißt in einem Spek­ta­kel aus Wol­ken und hel­len Licht­blit­zen Löcher ins All. Damit ist der Supra­raum offen. Die füh­ren­den Köp­fe der For­schung bezeich­nen ihn mitt­ler­wei­le als Par­al­lel­uni­ver­sum. Man­che war­nen vor sei­ner Benut­zung. Zu Recht, wie ich mei­ne. Auf mei­nem Flug zum roten Pla­ne­ten war ich von einem stän­di­gen Gefühl der Bedro­hung befan­gen. Etwas lau­ert dort in den grau­en Schwa­den des Supra­raums.
Es mag lächer­lich klin­gen, aber ich glau­be mitt­ler­wei­le dar­an, dass die Mensch­heit die­se Welt nie­mals hät­te betre­ten dür­fen. Im Supra­raum fließt die Zeit schnel­ler. Man erkennt nichts in den grau­en Schwa­den, nur manch­mal bemerkt man Schat­ten von Pla­ne­ten, die vor­bei­zie­hen. Und ein­deu­tig in unse­rem All nicht exis­tie­ren. Doch die Erde gibt es dort eben­so wie den Mond und den roten Pla­ne­ten. An ihren For­men ori­en­tiert sich der Pilot, wenn er den Scan der Füh­ler des Raum­schiffs aus­wer­tet. Die rest­li­chen Pla­ne­ten dort geben nichts als Rät­sel auf.
Plötz­lich bricht das Schau­spiel ab. Die Supra-Schwa­den zie­hen sich zurück in den Riss.
Ich fas­se es nicht. Hype­ri­on… zer­bricht.
Wie ein Keks, der in der Mit­te von star­ken, unsicht­ba­ren Hän­den zer­brö­selt wird.
In der Fer­ne kann ich drei der Crew-Mit­glie­der erken­nen, die wie ich zum Ster­ben aus­ge­setzt wur­den. Die­se drei sind in der Nähe des Schiffs geblie­ben. Sie schie­ßen wie von einer mäch­ti­gen Druck­wel­le getrof­fen durch das All. „Musik aus, Funk an!“, befeh­le ich Abe has­tig.
Sie schrei­en. Beten. Bet­teln. Der Spa­ni­er fleht die Got­tes­mut­ter um Gna­de an.
Doch sein Flug wird nicht enden, bis er auf ein fes­tes Objekt trifft. Und dar­an zer­schellt. Mei­ne Hän­de ver­kramp­fen sich. Was in Got­tes Namen war das? Rau­schen.
Ich stel­le die Fre­quenz auf die ande­ren Crew-Mit­glie­der ein. Rau­schen.
Dann nichts mehr. Wie­der völ­li­ge Stil­le.
Ich bin allein. Sie sind nun alle tot. Der Gedan­ke brennt sich in mein Gehirn. Panik durch­strömt mich. Ich hat­te mich mit einem lang­sa­men Tod abge­fun­den. Hin und wie­der mit den Kol­le­gen über Funk reden und dann irgend­wann… abtre­ten. Aber nun?
Plötz­lich rauscht es wie­der im Funk. Geräu­sche. Kli­cken. Gur­geln.
„Laut­stär­ke hoch“, flüs­te­re ich gebannt.
„Sie… mich… Nein!“, kommt es lei­se aus den Laut­spre­chern. „Wir… nie­mals… Nicht!“ Richard! Der fünf­te Aus­ge­sto­ße­ne. Ich kann ihn nir­gends erbli­cken. Mit wem unter­hält er sich? Sind etwa noch ande­re am Leben?
Ein Schrei fährt gel­lend durch mei­nen Kopf. Trom­mel­fel­le brül­len gequält auf.
Als wie­der Stil­le ein­tritt, fie­pen mei­ne Ohren immer noch. „Laut­stär­ke run­ter!“, knir­sche ich mit schmerz­ver­zerr­tem Gesicht.
Genug.
Die Stim­me schallt ohne Vor­war­nung und viel zu laut durch die eben regu­lier­ten Laut­spre­cher. Der Colo­nel! Ich sehe ihn vor mir. Er unter­bin­det eine Dis­kus­si­on über Quan­ten­phy­sik. Genug. Mehr braucht es nicht. Er blickt wütend in die Run­de. Alle betei­lig­ten star­ren schwei­gend zurück, war­ten auf wei­te­re… Plötz­lich ist das Bild weg.
Und das Cha­os bricht aus. Eine Flut von Bil­dern über­schwemmt mei­nen Geist.Wir, sagt mei­ne Frau, wer­den, mein Eng­lisch­leh­rer, euch, mein bes­ter Freund, nicht mehr dul­den, Bush. Genug, sagt der Colo­nel. Und starrt mir direkt in die Augen. Dort brennt ein Feu­er, das mei­nen Ver­stand ver­zehrt. Gerech­ter Zorn.
Das Trau­ri­ge ist, ich kann ihm nicht wider­spre­chen. Kann ihn nicht ent­kräf­ten. Sie haben Recht. Wer sie auch sind. Genug.
Der rote Pla­net brennt vor Zorn. Ich füh­le sei­nen sie­dend hei­ßen Blick und schä­me mich. So sehr. Die Wun­den, die wir rei­ßen, hei­len zu lang­sam. Die Nar­ben des Uni­ver­sums wer­den schreck­lich sein, selbst dann noch, wenn die Mensch­heit längst Ver­gan­gen­heit ist.
Mars. Krie­ger. Rächer. Bestrafer.
„Nimm mein Opfer an“, flüs­te­re ich, „für den Rest von ihnen. Und ver­gib ihnen, denn sie wis­sen nicht, was sie tun.“
Ich atme tief durch.
„Sauer­stoff abwer­fen.“
Abe gehorcht. Folg­sam.
Ohne Hin­ter­fra­gen.
Ohne Gna­de.

 

 

Juli­an Schu­mertl ist ein Autor von Kurz­ge­schich­ten. Er schreibt unter dem Pseud­onym „Bluff of God“, für das Por­tal kurzgeschichten.de wo er schon meh­re­re sei­ner Geschich­ten ver­öf­fent­licht hat. 2010 wur­de die Geschich­te Der See von einem Medi­en­team als Hör­spiel vertont.