Max Jota als geflügelter Ricardo © Jan-Pieter Fuhr
Von Lina Ehehalt
Die bekannte Oper „Un ballo in maschera“ von Giuseppe Verdi wird nun schon fast ein Jahr erfolgreich vom Staatstheater Augsburg im martini-Park gezeigt. Sie handelt von dem egoistischen Grafen Riccardo, der statt Politik seine Liebe zu Amelia im Kopf hat; Amelia, die allerdings ausgerechnet mit Riccardos engem Freund und Berater Renato verheiratet ist. Neben Intrige und Wahrsagerei steht in „Un ballo in maschera“ vor allem (Achtung, Spoiler!) Riccardos Ermordung durch Renato auf dem titelgebenden Maskenball im Zentrum.
Interessant wurde die Oper für mich jedoch erst durch die Einführung, in der ich lernte, dass das Attentat, statt durch Eifersucht, in der Originalfassung Verdis antimonarchistisch motiviert war. Starke Zensur hatte zur Folge, dass ein Ehebruch dem Stück hinzugefügt und sein Aufführungsort in die Staaten verlegt wurde. Dieses Wissen gibt der Plotline um eine Affäre einen pappigen Beigeschmack; als könnte man beinahe spüren, wie den starken Arien ihre eigentliche Bedeutung genommen wurde. Ich frage mich, wie viel großartiger diese Oper sein könnte, wenn sie nicht verwässert worden wäre.
Nun aber von der Geschichte zurück in die Gegenwart, vom Was-wäre-wenn zurück zur Realität – und damit zur Inszenierung von Roman Hovenbitzer. Bereits im Vorhinein wurden die Zuschauer:innen darauf hingewiesen, bestimmte Motive besonders zu beachten: Masken und Schleier, die im Laufe des Abends immer wieder auftauchen, und das dadurch entstehende Wechselspiel zwischen Authentizität und Fassade. Riccardo und sein Page Oscar fungieren dabei beinahe als Regisseure innerhalb der Inszenierung. Immer wieder ziehen sie sich an den Rand des Geschehens zurück, an ein Regiepult im Zuschauerraum. So wird eine Metaebene eröffnet – ein Stück im Stück –, die beständig die Frage aufwirft, wo das Spiel endet und wo Realität beginnt.
Ein weiteres zentrales Motiv sind die Flügel, die sich durch die Inszenierung ziehen. Vor allem Riccardo, aber auch Amelia, legen sich an Stellen des Abends große, weiße Flügel an. Sie erinnern an Engelsdarstellungen, evozieren Vorstellungen von Freiheit und Erhabenheit, lassen jedoch ebenso an die Figur des Ikarus denken: an den Drang, sich über die eigenen Grenzen hinauszuwagen, und an das unausweichliche Scheitern, das daraus folgt.
Das Motiv der Maskierung findet sich nicht nur in den offensichtlichen Masken des titelgebenden Balles, sondern bereits zuvor in subtileren Formen: im Make-up, das der Wahrsagerin Regina oder einzelnen Herren um Riccardo aufgetupft wird. Hier zeigt sich die gesellschaftlich akzeptierte Verstellung, die verlangt, dass Ehrlichkeit hinter Konventionen versteckt wird. Wenn schließlich alle Figuren beim Maskenball Masken tragen, gilt nur noch Ausgelassenheit als Regel. Alle – mit Ausnahme von Riccardo und Oscar. Sie benötigen keine Masken, denn sie gehören hierher. Ihr gesamtes Wesen ist bereits Inszenierung.
Besonders eindrücklich bleibt mir die Szene bei der Wahrsagerin Regina in Erinnerung. Wer die Oper kennt, weiß um ihre Weissagung, dass Riccardo durch einen seiner anwesenden Freunde verraten werden wird. Diese Szene weist starke Parallelen zur biblischen Erzählung des Letzten Abendmahls auf, in der Jesus seinen eigenen Verrat ankündigt. Hovenbitzer greift diese Assoziation visuell auf: Ein länglicher Tisch dominiert die Bühne, hinter ihm reihen sich Gestalten in rot verhüllten Tüchern, mit Regina in der Mitte. Die Anordnung erinnert unverkennbar an Leonardo da Vincis Gemälde. Besonders eindrucksvoll ist dabei der Kontrast zwischen dem intensiven Rot der Gewänder und dem weißen Leinen des Tischtuchs und des Hintergrunds.
In dieser Inszenierung steht Rot jedoch nicht für Schuld, Blut oder Befleckung, sondern für Wahrheit und Authentizität. Regina und ihre Gefolgschaft sind gesellschaftlich geächtet, als Störenfriede und Verursacher möglicher Unruhen gebrandmarkt. Rot, eine Farbe der Warnung und der Gefahr, wird hier umgedeutet: weg vom Makel, hin zur kompromisslosen Offenlegung dessen, was ist.
Die zweite visuell prägende Szene ist der Maskenball selbst. Hier dominieren Grautöne – ein farblich nahezu entleerter Raum, in dem Individualität zu verschwimmen droht. Aber Amelia, die von Beginn der Oper mit ihren Gefühlen ringt, ist ganz in Schwarz gekleidet, mit schwarzem Schleier. Sie setzt sich klar ab von dem Geschehen auf dem Maskenball, vor Allem aber stellt sie sich gegen das geplante Attentat.
Neben den wunderschönen und beliebten Musikstücken, die aus dieser Oper immer einen vollen Genuss machen, – etwa Riccardos Arie „Ma se m’è forza perderti“ oder Renatos Rachearie, nachdem er vom vermeintlichen Betrug seiner Frau erfährt – birgt der originale Stoff so viel Potenzial, dass sich kaum über das Profane an der Emotionalisierung des Stoffes hinausdenken lässt. Denn all diese Figuren handeln nahezu ausschließlich aus unmittelbarer Emotion heraus. Reflexion, Innehalten, ein Gespräch – all das scheint unmöglich. Die Oper treibt ihre Figuren bewusst von jeder Rationalität fort, bis nur noch Affekt übrig bleibt und dieser wird hier nicht zur Triebkraft, sondern zur Sackgasse für den Genuss als Zuschauer:in.
