Bild: Genet Zegay, Marlene Markt, Steffen Link © Gabriela Neeb
Von Daniela Kratzer
Am 26.02.2026 feierte das Stück „Elektra – 750 PS Vergangenheitsüberwältigung“ im Volkstheater München Premiere. Die Regisseur:innen Sofie Boiten und Lorenz Nolting schrieben das Stück frei nach Sophokles. Ihnen gelang ein rasantes und modernes Theaterstück, das den antiken Mythos mit viel PS in die Gegenwart katapultiert.
Vor 2000 Jahren wird Agamemnon nach seiner Rückkehr aus dem Krieg von seiner Frau Klytaimnestra und ihrem Liebhaber aus Rache für den Tod ihrer Tochter ermordet, woraufhin der Gott Apollon die Geschwister Elektra und Orest beauftragt, ihren Vater zu rächen. Diese jedoch schieben es bis ins heutige Jahrhundert auf und landen mitten in der Familiengeschichte einer deutschen Unternehmerfamilie. Der Familie rund um Susanne Klatten, ihrem Ehemann, dem sog. Familiendiener, der sich später als Orest offenbaren wird, der Tochter Elektra und Apollon gehören die Bayerischen Motorenwerke. Zentrale Frage des Abends ist: „Was hat deine Familie während des Nationalsozialismus gemacht?“. Vor dem Hintergrund des Mythos verknüpft das Stück geschickt die Aufarbeitung des Nationalsozialismus mit dem deutschen Unternehmertum.
Im Zentrum der Bühne liegt zu Beginn ein Mann auf dem Boden, schutzlos und fast nackt, nur mit einem weißen Tuch um die Lenden bedeckt. Im Hintergrund sind Tempelsäulen auf der Projektionsfläche zu sehen, ein Hinweis darauf, dass wir uns in der fernen Antike in der Zeit der Mythen und Götter befinden. Die Tempelsäulen wandeln sich im Verlauf des Stücks zu dem Gott Apollon, der die Prophezeiung für Orest ausspricht: Er soll sich für den Tod seines Vaters rächen. Die Stimme ist hierbei verzerrt und die schwarz-weiße Projektion wirkt fast schon gruselig. Anfangs könnte man meinen, es handelt sich um ein klassisches Drama, schnell wird allerdings klar: es ist keines. Apollon zeigt mit seinem Tonfall, dass das Stück in einer modernen und fast schon vulgären Sprache gestaltet ist. Nachdem Orest sich dazu entschieden hat, die Rachepläne zu vertagen, kommentiert Apollon dies mit “Alter, machen hier eigentlich alle, was sie wollen, oder was? Verdammte Scheiße!“ Es ist ein Einstieg, der provoziert und sofort klarmacht, dass dieser Abend alles will, nur nicht höflich sein. Eine Zeitreise mit Bildern wird abgespielt, Apollon spult zu weit vor, die vom Klimawandel geprägte Zukunft wird sichtbar und mit „Oh fuck, schnell zurück“ kommentiert. Das Bild zeigt: wir sind im heutigen München. Die Leinwand fällt herunter und ein Haus, welches durch seine Wände zugleich als Projektionsfläche dient, rückt in den Vordergrund. Es ist umgeben von einem gepflegten Rasen und Pflanzen, im Hintergrund ist die – abstrakt gestaltete – Theresienwiese, zu sehen. Elektra betritt die Bühne und Apollon spricht zu ihr, sie solle die Prophezeiung erfüllen, Rache üben und ihre eigene Mutter töten. Sie versteht nicht, warum sie das tun soll und Apollon weist sie an, ihre Mutter zu fragen, was die Familie während des Nationalsozialismus alles so gemacht hat. Die Wände des Hauses fallen ab, man erkennt eine Familie, die an einem reich gedeckten Tisch unter einem protzigen Kronleuchter sitzt. Die klassische Musik im Hintergrund unterstützt das Bühnenbild, auch die eleganten Kostüme unterstreichen, dass es sich um eine wohlhabende Familie handelt. Schnell wird klar: es ist Susanne Klatten, die Besitzerin von BMW. Am Anfang verläuft das Essen ruhig und entspannt, bis Elektra die entscheidende Frage stellt: „Was hat unsere Familie während des Nationalsozialismus gemacht?“. Die klassische Musik stoppt. Nach einem hitzigen Dialog zwischen Elektra und Susanne Klatten wird deutlich: sowohl das Konzentrationslager als auch die Zwangsarbeit haben zum Vermögen der Familie rund um Susanne Klatten beigetragen. Während dieses ernsten Themas sorgt ihr Ehemann für einen kurzen komischen Moment: er glaubt zunächst, das eigentliche „Verbrechen“ sei, dass den Leuten das neue BMW-Logo nicht gefalle. Dieser Einschub lockert kurzzeitig die Atmosphäre im Publikum, wirkt jedoch zugleich irritierend. Die Szene verdeutlicht, wie unangemessen mit der historischen Schuld umgegangen wird. Dazu trägt auch die anschließende Einbindung des Publikums bei. Die Figur Susanne Klatten behauptet, sie spende regelmäßig große Summen, befragt schließlich das Publikum nach ihrer Spendenfreudigkeit und macht sich im Anschluss darüber lustig, dass jemand aus dem Publikum nur 100 Euro spendet. Diese überzeichnete Situation wirkt bewusst absurd und zeigt die Diskrepanz zwischen moralischer Selbstdarstellung und tatsächlicher Verantwortung gegenüber der historischen Schuld.
Die imaginäre Wand zwischen Bühne und Publikum wird immer wieder durchbrochen und man erkennt anhand der Lichtführung, wann die Zuschauer eingebunden werden. Sobald das Licht im Zuschauerraum angeht, muss man sich drauf gefasst machen, Besuch von den Figuren zu bekommen. Im weiteren Verlauf des Abends wird die Inszenierung immer absurder und reizüberflutender. Der Ehemann rennt mit einem Beil, das er plötzlich in der Hand hat, durch das Publikum und der bisher unscheinbare Familiendiener läuft mit einer der Pflanzen durch die Reihen und streckt sie allen ins Gesicht. Währenddessen streiten sich Elektra und Susanne Klatten auf der Bühne, jedoch versteht man inhaltlich kaum etwas, weil alle zeitgleich schreien und laute Musik das Geschrei übertönt. Die ersten Zuschauer verlassen den Saal, so geht es den ganzen Abend weiter. Susanne Klatten beendet schließlich das Durcheinander und es wird enthüllt, dass der Familiendiener all die Jahre lang Orest war. Apollon kommt erstmals auf die Bühne und weist Elektra und Orest erneut an, sie sollen nun endlich die Mutter töten. Daraufhin folgen ähnliche Szenen: es ist sehr laut, durcheinander und erneut verlassen Zuschauer den Saal, bei denen sich Susanne Klatten entschuldigt. Mitten im Chaos erscheint der Vater mit einem aufgeklebten Gesicht des Regisseurs, um die düstere NS-Vergangenheit der Produktion zu thematisieren. Während Susanne Klatten die dunkle Vergangenheit eiskalt verharmlost, dröhnt ironisch das Lied „Ein Hoch auf uns“ durch den Saal, Apollon läuft durch das Publikum und fordert alle zum Mitsingen auf, so schafft er abermals eine absurde Komik.
Dann folgt der Bruch. Elektra steht auf der Bühne und tritt aus ihrer Rolle heraus. Sie übt Kritik an der BMW-Familie und liefert Fakten über die Machenschaften derselben. Sie erzählt über die Aufräumarbeiten, die nach dem Ende der Diktatur vonstatten gingen, und auch von dem Abend, an dem KZ-Häftlinge in einer Scheune verbrannt wurden. Das Haus auf der Bühne erinnert an einen Rohbau einer Scheune. Das Licht geht langsam aus und symbolisiert das Ableben und gleichzeitig das Auslodern des Feuers. Die Sprecherin weist darauf hin, dass die Beweise über die Machenschaften ignoriert wurden und die BMW-Familie ungeschoren davonkam, weil das Verbrechen zu groß war. Im Hintergrund sitzen die Figur Susanne Klatten und ihr Mann am Tisch und unterstreichen dies mit ihrem Benehmen. Die Nachfolger nahmen das Erbe an, obwohl sie davon wussten und Elektra, zurück in ihrer Figur, möchte mit Orest Gerechtigkeit walten lassen. Sie rennen von der Bühne und ein Video setzt ein, es zeigt, wie die beiden Figuren vom Theater zum BMW-Hauptsitz fahren. Es wirkt wie ein Livestream, das Publikum wird mit Musik mit auf ihren Weg genommen, moderiert durch den Ehemann, der zwischen Figur und neutralem Sprecher hin- und herwechselt. Dort angekommen werden sie vom Wachmann aufgehalten, die Musik erreicht ihren Höhepunkt. Plötzlich stockt das Video und nach einer kurzen Pause, in der alle gebannt warten, was passiert, folgt ein Cut. Gezeigt wird ein Weg, der rund um die Fabrik geht, in der die Familie ihre Verbrechen ausübte. Das Licht geht aus und der Ehemann geht von der Bühne.
Zuerst ist es still im Publikum, dann folgt Applaus. Das Stück macht seinem Namen alle Ehre: zwischenzeitlich hat man das Gefühl, mit 750 PS Chaos überfahren zu werden. Es ist sehr laut, sprachlich abwechslungsreich gestaltet und überwältigend, nicht für jeden etwas, da die Inszenierung durch ihre Gestaltung die Frage aufwirft, ob sie dem sensiblen Gegenstand gerecht wird. Gleichzeitig aber fordert sie das Publikum dazu auf, sich kritisch mit diesem Thema auseinanderzusetzen und eine Haltung dazu einzunehmen.
