von Paloma Solazzo
Im Sommer bist du Muschelsammler und weil es in der Stadt keine Muscheln gibt, sammelst du Frauen. Sind keine, aber haben eine. Das genügt dir vollkommen. Am Abend sitzt du nackt vor dem Spiegel und kontrollierst deinen Körper auf Veränderungen. Vor allem die Körperstellen, die du nicht siehst und vor den Umwelteinflüssen nicht schützen kannst. Das ist die Kniekehle, der Hinterkopf, der Rücken, Inneres. Du nimmst die Umwelt zu ernst und verstehst nicht recht, wie sie dich beeinflussen soll. Also ist deine Suche unspezifisch und ohne Schluss. Die Mundwinkel brennen und reißen fast, als du versuchst, deine Organe zu beschauen und vielleicht deine Seele, falls sie im Bauchraum wohnt. Funktioniert nicht. Du drehst dich. Der Teppich reibt an deinem Hinterteil und du denkst an das grob gekörnte Schmirgelpapier aus dem Baumarkt. Er kribbelt, als du in den Spiegel schielst. Du hebst Haare an und kratzt Schuppen von der Haut. Zählen lohnt sich nicht, genauso wenig wie gestern und vorgestern und den Tag davor. Träge pendelt dein Finger zwischen den Schulterblättern und hinterlässt einen weißen Striemen. Du wirst aufmerksam und rückst näher an das Glas heran, drückst auf die Haut und auf die Muskeln und ziehst deinen Finger erwartungsvoll nach oben. Ein konturloser Kreis zwinkert dir zu, bis eine Welle aus Rot ihn verschluckt. Rot sind sonst nur deine Unterhosen. Dir sind Signalfarben sympathisch, weil sie eindeutig sind, nicht so die Muscheln. Jede erzählt von einem anderen Meer, das dich nicht interessiert. Einzig ihre Schönheit ist lauter als das Rauschen. In ihr sind alle gleich. Manchmal wünschst du dir, du könntest für immer in einem Bauch verschwinden. Eingeschlossen in einem funktionierenden System, das auch ohne dein Zutun gluckst und rumort. Du wärst der zweite Blinddarm. Die Reserve, falls der Nutzlose seinen Nutzen enträtselt und alles einen Sinn zu ergeben droht. Dinge und Umstände, die an jeglichem Zweck vorbei existieren, faszinieren dich. Wie nur haben sie sich ihr Dasein erschlichen? Der Fleck auf deinem Rücken pocht unanständig schnell, als habe sich dein Hohlorgan durch die Rippen gehämmert und sich mit seinen Armen und Beinen um die Wirbelsäule geschlungen, als wüsste es um die Antwort. Die Welt zerfließt in deinen Händen, ohne Spuren zu hinterlassen. Nie wurde dein Ich durch die Eigenheiten anderer getrübt. Du bist immer nur du selbst gewesen. Der Fleck ist alles, was du je sein wolltest. Ein Wandler, der seine Wandlung nicht durchschaut, weil er beeinflusst wird von Menschen und Sonnencreme und anderen Zufällen. Du stierst wie ein Wahnsinniger in den Spiegel und spürst zum ersten Mal Liebe. So sieht sie also aus. Aschblond und nackt.