„Brauchen wir noch bayerische Fahnen?“

„Brauchen wir noch bayerische Fahnen?“

Ein Gespräch mit dem Philosophen Wolfgang Welsch über Transkulturalität

von Chris­ti­ne Kleitsch, Julia Röss­ler und Lena Hübner

Der Begriff der Trans­kul­tu­ra­li­tät ist in den letz­ten 20 Jah­ren immer popu­lä­rer gewor­den und ver­sucht neue Beschrei­bungs­an­sät­ze für die Kul­tur der Gegen­wart zu fin­den, die sich vor allem durch Phä­no­me­ne wie Glo­ba­li­sie­rung und Medi­a­li­sie­rung aus­zeich­net. Der Phi­lo­soph Wolf­gang Welsch, der die­sen Begriff im deut­schen Sprach­raum ein­ge­führt hat, hat im Rah­men einer Vor­le­sungs­rei­he zur Trans­kul­tu­ra­li­tät an der Uni­ver­si­tät Augs­burg einen Vor­trag zum The­ma ‚Was ist eigent­lich Trans­kul­tu­ra­li­tät’ gehal­ten. SCHAU INS BLAU hat ihn im Vor­feld zu einem Inter­view getrof­fen, um mit ihm über die Aktua­li­tät, Chan­cen und Gren­zen sowie die ethi­sche Aus­rich­tung von Trans­kul­tu­ra­li­tät zu sprechen.

SCHAU INS BLAU: Wir wür­den ger­ne mit einem Zitat von Ihnen ein­stei­gen. In einem Ihrer Arti­kel sagen Sie: „Unse­re Kul­tur­be­grif­fe sind Kor­set­te, die von unse­ren Kul­tu­ren gesprengt wor­den sind“(Welsch, Wolf­gang. „Trans­kul­tu­ra­li­tät: Lebens­for­men nach der Auf­lö­sung der Kul­tu­ren“. S. 8). Sie plä­die­ren für die Not­wen­dig­keit der Rekon­zep­tua­li­sie­rung des Kul­tur­be­griffs. Inwie­fern ist Ihrer Mei­nung nach die­ser tra­di­tio­nel­le Kul­tur­be­griff in unse­ren Gesell­schaf­ten des 21. Jahr­hun­derts nicht mehr tragfähig?

WOLFGANG WELSCH: Als ich mich vor 25 Jah­ren mit Kul­tur­phi­lo­so­phie befass­te, hat­te ich den Ein­druck, dass der Kul­tur­be­griff, den wir haben, auf die heu­ti­gen Ver­hält­nis­se nicht mehr passt. Die­ser Kul­tur­be­griff war stark im Sinn von natio­na­len Kul­tu­ren geprägt: es gibt eine deut­sche, eine japa­ni­sche, eine rus­si­sche Kul­tur und so wei­ter. Man nahm also eigent­lich eine Gleich­set­zung von Kul­tur mit Nati­on vor. Mein Ein­druck aber war, dass dies für die zeit­ge­nös­si­schen Ver­hält­nis­se nicht mehr zutrifft. Zunächst woll­te ich her­aus­fin­den, wo die­ses obso­le­te Kul­tur­kon­zept eigent­lich her­kommt. Es stell­te sich her­aus, dass es aus dem spä­ten 18. Jahr­hun­dert stammt und maß­geb­lich von Her­der pro­pa­giert wur­de. Her­der ver­stand Kul­tur als die Kul­tur eines Vol­kes. Sie soll­te zum einen durch inne­re Homo­ge­ni­tät bestimmt sein. Das bedeu­tet: Alle Ange­hö­ri­gen eines Vol­kes oder einer Kul­tur haben im Wesent­li­chen die glei­chen Anschau­un­gen und Prak­ti­ken – sie sind bei­spiels­wei­se alle got­tes­gläu­big, beten auf die glei­che Wei­se, so wie sie auf die glei­che Wei­se essen und schla­fen und schwit­zen etc. Die Kehr­sei­te die­ses inne­ren Homo­ge­ni­täts­ge­bots ist zum ande­ren die Annah­me, dass die ande­ren Kul­tu­ren sich in allen wesent­li­chen Zügen von der eige­nen Kul­tur dras­tisch unter­schei­den. Bei Her­der reicht das bis hin zu sehr mas­si­ven Äuße­run­gen, dass man dem wirk­lich Ande­ren nur mit Ver­ach­tung und Ekel begeg­nen kön­ne. Die­ses Dop­pel von inne­rer Homo­ge­ni­tät und exter­ner Hete­ro­ge­ni­tät führt also nicht zu einem Ver­ständ­nis, son­dern zu einer Absto­ßung zwi­schen den Kul­tu­ren. Bei­des folgt aus dem Kugel­mo­dell der Kul­tu­ren. Die Kul­tu­ren sol­len so mono­li­thisch und homo­gen sein wie eine Kugel es sein muss, um nicht zu zer­fal­len. Sol­che Kugel­kul­tu­ren kön­nen aber dann ein­an­der gegen­sei­tig nicht durch­drin­gen oder ver­bin­den, son­dern kön­nen ein­an­der, wie Her­der 1774 schrieb, “nur sto­ßen”. Das ist übri­gens die Geburts­stun­de des Theo­rems vom „clash of civi­liz­a­ti­ons”. Die­ses Kul­tur­kon­zept war vor 25 Jah­ren noch immer lei­tend und fin­det sich selbst heu­te noch viel­fach, obwohl wir doch alle wis­sen, dass „Kul­tur“ ein sehr wei­ter und viel­schich­ti­ger Begriff ist. Cly­de Kluck­hohn, ein ame­ri­ka­ni­scher Sozio­lo­ge und Eth­no­lo­ge, und Alfred Krö­ber, ein ame­ri­ka­ni­scher Anthro­po­lo­ge, haben 1952 eine Lis­te der Kul­tur­be­grif­fe erstellt und fan­den her­aus, dass es 164 unter­schied­li­che Kul­tur­be­grif­fe gibt (Kro­eber, Alfred und Cly­de Kluck­hohn. Cul­tu­re: A Cri­ti­cal Review of Con­cepts and Defi­ni­ti­ons. New York: Ran­dom House, 1952). Inzwi­schen sind sicher­lich noch wei­te­re hin­zu­ge­kom­men. Natür­lich bestehen zwi­schen die­sen Begrif­fen auch Gemein­sam­kei­ten, Über­lap­pun­gen, Über­gän­ge – sie sind, wie die Phi­lo­so­phen seit Witt­gen­stein sagen, durch Fami­li­en­ähn­lich­keit ver­bun­den. Aber die Viel­fäl­tig­keit ist über­wäl­ti­gend, wir spre­chen bei­spiels­wei­se von Jugend­kul­tur, Stadt­kul­tur, Ess­kul­tur oder auch einem Kul­tur­beu­tel – was ist da noch gemein­sam? Aber der alte, natio­nal oder natio­na­lis­tisch gepräg­te Kul­tur­be­griff will die­se Viel­fäl­tig­keit weg­schmel­zen oder ausradieren.

SCHAU INS BLAU: Sind trans­kul­tu­rel­le Gesell­schaf­ten nun vor­herr­schend im 20./21. Jahr­hun­dert vor­zu­fin­den oder kann Trans­kul­tu­ra­li­tät his­to­risch schon viel frü­her ange­sie­delt werden?

WOLFGANG WELSCH: Wenn ich an Kul­tur den­ke, ist für mich die kul­tu­rel­le Iden­ti­tät von Indi­vi­du­en wesent­lich. Mich inter­es­siert, was ihren Lebens­stil prägt, was ihnen wich­tig ist, wel­che Wert­vor­stel­lun­gen sie haben, wofür sie sich ein­set­zen wür­den oder was ihnen gleich­gül­tig ist. Wenn man sich mit die­ser kul­tu­rel­len Iden­ti­tät befasst, fin­det man heu­te allent­hal­ben Mischun­gen und Durch­drin­gun­gen. Die Iden­ti­tät heu­ti­ger Men­schen ist aus kul­tu­rel­len Ein­flüs­sen gebil­det, die auch exter­ne Quel­len haben. Es ist nicht alles aus deut­schen Wur­zeln. Wir lesen ita­lie­ni­sche, ame­ri­ka­ni­sche, viel­leicht auch japa­ni­sche oder süd­ame­ri­ka­ni­sche Lite­ra­tur, und in der Musik fin­den sich eben­so Ein­flüs­se von über­all her. Oder den­ken Sie an den Waren­ver­kehr (exo­ti­sche Arti­kel ganz selbst­ver­ständ­lich im Super­markt) oder an die Migra­ti­ons­pro­zes­se: in jedem Land der Erde leben heu­te Ange­hö­ri­ge auch aller ande­ren Län­der die­ser Erde. Die­se Ten­den­zen zu Trans­kul­tu­ra­li­tät prä­gen die Gegen­wart. Das rührt auch daher, dass die kul­tu­rel­len Alter­na­ti­ven heut­zu­ta­ge sozu­sa­gen auf der Stra­ße lie­gen bezie­hungs­wei­se in den Medi­en allent­hal­ben prä­sen­tiert wer­den. Die Leich­tig­keit des Ver­traut­wer­dens oder eines ers­ten Bekannt­wer­dens mit kul­tu­rel­len Ele­men­ten ande­rer Her­kunft ist ungleich grö­ßer als frü­her. Ein gutes Bei­spiel dafür ist die Pop­kul­tur. Man kann die Stars schon seit lan­gem nicht mehr nach natio­na­len Gesichts­punk­ten sor­tie­ren. Inso­fern ist der Euro­pean Song Con­test mit sei­ner Ansta­che­lung natio­na­ler Emo­tio­nen hoff­nungs­los atavistisch.

Wenn man die Ent­wick­lung his­to­risch betrach­tet, dann sehe ich die Bewe­gun­gen des Natio­na­lis­mus im 19. und 20. Jahr­hun­dert als einen Ein­schnitt in der Mensch­heits­ge­schich­te. Vor­her herrsch­te eine sehr viel selbst­ver­ständ­li­che­re, wenn auch gerin­ge­re, Trans­kul­tu­ra­li­tät als heu­te. Das wird zum Bei­spiel an der euro­päi­schen Kunst­ge­schich­te deut­lich. Die Sti­le waren län­der­über­grei­fend. Die Künst­ler über­nah­men auf Rei­sen Vor­bil­der aus ande­ren Län­dern. Man war trans­kul­tu­rell. Natür­lich gab es poli­tisch im Lau­fe der Geschich­te auch immer wie­der Abset­zun­gen – die Grie­chen gegen die Per­ser und der­glei­chen – aber dabei hat man doch auch immer wie­der kul­tu­rel­le Güter aus ande­ren Län­dern über­nom­men. Oder den­ken Sie an Alex­an­der den Gro­ßen. Er hat in Per­si­en 10.000 sei­ner Sol­da­ten mit dor­ti­gen Frau­en ver­hei­ra­tet, weil ihm klar war, dass ein ein­heit­li­ches Reich Begeg­nung und Mischung der Völ­ker erfor­dert. Nicht der Besat­zer, son­dern der Ver­wand­te ist auf Dau­er erfolg­reich. In vie­len Kul­tur­krei­sen galt frü­her, dass die Völ­ker, Kul­tu­ren und Men­ta­li­tä­ten sich nicht ein­fach gegen­ein­an­der abschot­ten, son­dern mit­ein­an­der ver­bin­den sol­len. Der Natio­na­lis­mus des 19, Jahr­hun­derts stellt gegen­über die­ser frü­he­ren Inter­na­tio­na­li­tät oder Trans­kul­tu­ra­li­tät einen ekla­tan­ten Ein­bruch dar. Heu­te hin­ge­gen sind wir – trotz man­cher Gegen­be­we­gun­gen – wie­der auf dem Weg zu mehr Trans­kul­tu­ra­li­tät der Gesell­schaf­ten wie der Individuen.

SCHAU INS BLAU: Sie haben gera­de die Gegen­be­we­gun­gen ange­spro­chen. Viel­leicht kön­nen wir an die­ser Stel­le auf das aktu­el­le Gesche­hen in Deutsch­land ein­ge­hen. Wie sind Ihrer Mei­nung nach die aktu­el­len Debat­ten um die Angst vor Über­frem­dung – Stich­wort „Pegi­da“ – zu bewerten?

WOLFGANG WELSCH: Da herrscht eine gro­ße Dis­kre­panz. Es gibt rea­le Ängs­te, aber dass die­se Ängs­te sich als Ängs­te vor einer Isla­mi­sie­rung arti­ku­lie­ren, ist gro­tesk! Mit rea­len Ängs­ten mei­ne ich die Angst vor dem sozia­len Abstieg. Die heu­ti­gen Arbeits­ver­hält­nis­se lösen im Ver­hält­nis zu frü­her allent­hal­ben Unsi­cher­heit aus. Vie­le Men­schen brau­chen meh­re­re Jobs, um über die Run­den zu kom­men. Das bedeu­tet oft eine rie­si­ge Bean­spru­chung. Da ist nur zu gut ver­ständ­lich, dass vie­le Men­schen sich um ihre Zukunft, ihre Fami­lie oder ihre Alters­ver­sor­gung gro­ße Sor­gen machen. Man beden­ke auch, dass in Deutsch­land die Sche­re zwi­schen Arm und Reich immer wei­ter aus­ein­an­der klafft. Es gibt also höchst ver­ständ­li­che öko­no­mi­sche Ängs­te. Völ­lig abwe­gig aber ist es, die­se mit einer Isla­mi­sie­rung in Zusam­men­hang zu brin­gen. Unter Bedro­hung reagie­ren Men­schen oft stein­zeit­lich. Man sucht sich einen Sün­den­bock. Die­ses Mus­ter kennt jeder von uns. Und heu­te gibt es zwar eine berech­tig­te Furcht vor Isla­mis­mus und isla­mis­ti­schem Ter­ror, aber die eige­nen Pro­ble­me nun mit einer “Isla­mi­sie­rung” zu amal­ga­mie­ren, ist abwe­gig. Die Zah­len zei­gen das ein­deu­tig. Wo Pegi­da stark ist, leben aus­ge­spro­chen weni­ge Mos­lems! – Was kann man gegen sol­che Bewe­gun­gen tun? Auf­klä­ren, auf­klä­ren, auf­klä­ren – und die zugrun­de lie­gen­den sozia­len Pro­ble­me wirk­lich angehen.

SCHAU INS BLAU: Die Angst vor „Über­frem­dung“ scheint ein inter­es­san­ter Aspekt, gera­de im Hin­blick auf den von Ihnen beschrie­be­nen in sich trans­kul­tu­rel­len Men­schen zu sein, Sie spre­chen von „Patch­work-Iden­ti­tä­ten“ und „Cross-Cul­tu­re-Peop­le“. Zeigt das nicht, dass Men­schen die Begeg­nung oder Kon­fron­ta­ti­on mit dem Frem­den auch als sol­che emp­fin­den und sogar Angst vor einer Umwäl­zung des eige­nen Wer­te­sys­tems haben, dass sie das Frem­de sehr domi­nant als fremd wahrnehmen?

WOLFGANG WELSCH: Die fran­zö­si­sche Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin Julia Kris­te­va hat vor etli­chen Jah­ren ein Buch mit dem Titel Étran­gers à nous-mêmes – Frem­de sind wir uns selbst publi­ziert. Da sagt sie ers­tens, dass Hass gegen­über Frem­den meist pro­ji­zier­ter Selbst­hass ist: Am Frem­den lehnt man stell­ver­tre­tend etwas ab, was man sel­ber in sich trägt, aber nicht zulas­sen mag. Und zwei­tens stellt sie fest: Um offen zu sein für Frem­de, um Inter­es­se an der Anders­ar­tig­keit des Ande­ren zu haben, gibt es eine Vor­aus­set­zung: Man muss selbst ein­mal im Leben den Boden unter den Füßen ver­lo­ren haben. Wer immer satu­riert war und nie eine Erschüt­te­rung erlebt, einen Bruch ver­spürt hat, der hat kei­ne guten Vor­aus­set­zun­gen, um mit Frem­den als Frem­den umzu­ge­hen, son­dern der wird das Frem­de ablehnen.

SCHAU INS BLAU: Sie spre­chen von einer Erschüt­te­rung. Hal­ten Sie es für erstre­bens­wert, dass eine sol­che gezielt her­bei­ge­führt wird oder wie könn­te das in der Pra­xis aussehen?

WOLFGANG WELSCH: Ich bin natür­lich nicht dafür, sie gezielt her­bei­zu­füh­ren. Es wäre ja schreck­lich, wenn nur Kin­der, die ein­mal trau­ma­ti­siert wur­den, gute Erwach­se­ne wer­den könn­ten. Las­sen sie uns eine ande­re Mög­lich­keit erwä­gen. Irgend­wann muss man in der Schu­le ja die Fra­ge der reli­giö­sen, der eth­ni­schen, der kul­tu­rel­len Plu­ra­li­tät ange­hen. Wenn man das ohne Vor­be­hal­te tut, wird es dazu kom­men, dass Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten erschüt­tert wer­den. Wenn man die Schü­ler auf­schrei­ben lässt, was ihnen kul­tu­rell wich­tig ist, dann wird man nach­her fest­stel­len kön­nen, dass ihre Ant­wor­ten gar nicht den natio­na­len Ste­reo­ty­pen ent­spre­chen. Wenn die ande­ren Schü­ler raten sol­len, wer die­se und wer jene Prä­fe­renz­lis­ten auf­ge­schrie­ben hat, wer­den sie bemer­ken, wie oft sie falsch lie­gen – dass die Ste­reo­ty­pen, mit den indi­vi­du­el­len Befind­lich­kei­ten ver­gli­chen, ein­fach nicht stim­men. Das kann schein­ba­re Sicher­hei­ten auf­lö­sen und die Bereit­schaft wecken, sich wirk­lich auf die Indi­vi­du­en ein­zu­las­sen, statt sie von vorn­her­ein natio­nal abzustempeln.

SCHAU INS BLAU: Trans­kul­tu­ra­li­tät kann man als deskrip­ti­ven Begriff auf der Makro­ebe­ne erfas­sen, aber auch als etwas, was auf der Mikro­ebe­ne stattfindet.

WOLFGANG WELSCH: Das ist für mich der ent­schei­den­de Punkt. Mei­ne Haupt­pre­digt lau­tet: Nehmt die Indi­vi­du­en als Indi­vi­du­en und nicht als Ver­tre­ter einer Nati­on, schaut euch die Damen und Her­ren als Indi­vi­du­en an und nicht als Eng­län­der oder Franzosen.

SCHAU INS BLAU: Inwie­weit mei­nen Sie, dass durch­aus Räu­me ent­ste­hen kön­nen, in denen man ohne die­se Abgren­zun­gen den­ken kann? Es scheint uns doch schon so, dass in vie­len Berei­chen die Kate­go­rie von Abgren­zung dominiert.

WOLFGANG WELSCH: Was für eine Art Abgren­zung mei­nen Sie?

SCHAU INS BLAU: Jeg­li­che Art eigent­lich. Zur kur­zen Erläu­te­rung: In einer Vor­le­sung, die Frau Prof. Dr. Wal­dow (Neue­re deut­sche Liter­ar­tur­wis­sen­schaft mit dem Schwer­punkt Ethik) zum The­ma „Trans­kul­tu­ra­li­tät“ gehal­ten hat, wur­den von Stu­die­ren­den ver­schie­de­ne Phä­no­me­ne vor­ge­stellt, die Trans­kul­tu­ra­li­tät im All­tag auf­zei­gen, zum Bei­spiel­bei Deko­ra­ti­on, Essen, Tanz oder Lite­ra­tur. Dabei wur­de häu­fig fest­ge­stellt, dass es trotz trans­kul­tu­rel­ler Kom­po­nen­ten immer auch zu Abgren­zun­gen kommt, oder wo trans­kul­tu­rel­le Pro­zes­se das Resul­tat von his­to­ri­schen Macht­ver­hält­nis­sen waren.

WOLFGANG WELSCH: Bevor wir uns dem frucht­ba­ren Kern nähern, möch­te ich zunächst sagen, dass Unter­schei­dun­gen natür­lich not­wen­dig sind. Unter­schei­dun­gen schlie­ßen auch Abgren­zun­gen ein. Auch unter trans­kul­tu­rel­len Bedin­gun­gen bleibt es viel­leicht dabei, dass die natio­na­len Ste­reo­ty­pe immer wie­der mal her­vor­lu­gen. Dage­gen ist nichts zu sagen, solan­ge es nicht zu kras­sen Hoch­wer­tun­gen oder Abwer­tun­gen führt, gar in Ver­bin­dung mit Macht­ver­hält­nis­sen. Es gibt aber eben auch ein unschul­di­ges Bemer­ken oder Her­vor­he­ben von Natio­nal­fär­bun­gen. Dass man auch mal in frot­zeln­der Wei­se jeman­den auf etwas aus sei­ner Kul­tur fest­legt, das ist – solan­ge man sich unter­ein­an­der ver­steht – in Ord­nung. Vor­aus­set­zung ist natür­lich, dass bei­de Betei­lig­te über sich lachen können.

SCHAU INS BLAU: Gehen wir noch ein­mal auf den deskrip­ti­ven Aspekt ein.Sie sagen, dass unser Kul­tur­ver­ständ­nis ein wich­ti­ger Wirk­fak­tor in unse­rem Kul­tur­le­ben ist und spre­chen von ver­ant­wor­tungs­vol­lem Umgang mit Kul­tur­be­grif­fen. Inwie­weit haben Sie in Ihrem Kon­zept auch nor­ma­ti­ve Aspek­te angelegt?

WOLFGANG WELSCH: Trans­kul­tu­ra­li­tät war zunächst deskrip­tiv gemeint. Die Idee war: Der alte Kul­tur­be­griff passt nicht mehr, also ent­wick­le ich einen neu­en, der deskrip­tiv auf die zeit­ge­nös­si­schen Ver­hält­nis­se passt. Aber Kul­tur­be­grif­fe sind nie ein­fach neu­tra­le oder unschul­di­ge, son­dern immer zugleich nor­ma­ti­ve Begrif­fe. Sie haben Ein­fluss auf die Rea­li­tät einer Kul­tur. Sie kön­nen die­se ver­än­dern. Des­halb muss man mit Kul­tur­be­grif­fen ver­ant­wor­tungs­voll umge­hen. Wenn sie mich nun fra­gen, wel­che nor­ma­ti­ve Vor­stel­lung mei­ner Bevor­zu­gung des Trans­kul­tu­ra­li­täts­kon­zepts gegen­über dem von Natio­nal­kul­tu­ren zugrun­de liegt, so ist die Ant­wort ein­fach: die Nor­ma­ti­vi­tät der Men­schen­rech­te – wie sie in der euro­päi­schen Geschich­te erkämpft wur­den und mitt­ler­wei­le immer mehr welt­wei­te Aner­ken­nung finden.

SCHAU INS BLAU: Sie haben von der Frei­heit für Bür­ger gespro­chen, das impli­ziert ja auch eine Wahl der Reli­gi­on oder Sexua­li­tät. Nun ist es aber fak­tisch so, dass es in vie­len Tei­len der Welt die­se Wahl für ein­zel­ne Indi­vi­du­en nicht gibt.

WOLFGANG WELSCH: Aber immer mehr…

SCHAU INS BLAU: …Ja, natür­lich, aber das ist immer noch ein gro­ßes Pro­blem! Ist es so, dass trans­kul­tu­rel­le Phä­no­me­ne eher auf den west­li­chen Teil der Welt begrenzt sind, auf Euro­pa, oder kön­nen Sie das auch glo­bal festmachen?

WOLFGANG WELSCH: Zunächst ist Trans­kul­tu­ra­li­tät stär­ker in den west­li­chen und wohl­ha­ben­den Natio­nen aus­ge­prägt. Aber wenn sie zum Bei­spiel Chi­na betrach­ten, so han­delt es ich um ein Land, das immer mehr Wohl­stand gewinnt, aber nicht west­lich ist. Und doch dringt auch in Chi­na Trans­kul­tu­ra­li­tät stark vor. Und wenn wir nun einen Schritt wei­ter gehen: in ein ganz armes Land, die Mon­go­lei, dann wird zwar nie­mand behaup­ten wol­len, Trans­kul­tu­ra­li­tät sei dort gleich stark aus­ge­prägt wie bei uns. Trotz­dem hält sie auch dort Ein­zug. Es wäre schwie­rig, heu­te noch Fle­cken auf der Welt zu fin­den, die davon ganz unbe­rührt sind. Wobei frei­lich hin­zu­ge­fügt wer­den muss: Zum Teil hat dies auch dubio­se Grün­de – die kapi­ta­lis­ti­sche Dyna­mik, Aus­beu­tung, Ver­ar­mung, Migra­ti­on. Den­ken Sie bei­spiels­wei­se an die von der west­li­chen Indus­trie­pro­duk­ti­on indu­zier­ten Kli­ma­ver­än­de­run­gen in Afri­ka, wodurch frucht­ba­re Stri­che zu Step­pen wer­den, was dann Migra­ti­ons­be­we­gun­gen aus­löst – gegen die Euro­pa dann wie­der sei­ne Gren­zen dicht machen will.

SCHAU INS BLAU: Hat der Mensch Ihrer Mei­nung nach nicht auch das Bedürf­nis nach Ori­en­tie­rung, fes­ten Wer­ten oder auch bestimm­ten gesell­schaft­li­chen Sche­ma­ta, die ori­en­tie­rungs- und sta­bi­li­täts­ge­bend wir­ken? Wie wür­den Sie dabei die Rol­le der Ethik ein­schät­zen? Wo wür­den Sie die Ethik ver­or­ten? Nur noch im Individuum?

WOLFGANG WELSCH: Nein, son­dern in der Mensch­heit: Das Indi­vi­du­um soll die ethi­schen Maxi­men natür­lich rea­li­sie­ren, aber es soll sie nicht erfin­den. Ich bin nicht dafür, dass jeder sei­ne eige­ne Ethik ent­wi­ckelt. Wir brau­chen eher eine uni­ver­sa­le Ethik, die eng zusam­men­hängt mit Men­schen­rech­ten, Femi­nis­mus und Öko­lo­gie – was zwar Maxi­men sind, die aus der west­li­chen Tra­di­ti­on kom­men, aber doch auch eine enor­me welt­wei­te Strahl­kraft und Über­zeu­gungs­kraft haben. Die Grund­be­dürf­nis­se der Men­schen – Nah­rung, Gesund­heit, aber auch Aner­ken­nung – soll­ten eine zen­tra­le Rol­le spie­len. Und uni­ver­sa­le Aspek­te wie Respekt vor dem Leben­di­gen, Ein­tre­ten für die Mit­men­schen, Hil­fe in der Not, Aner­ken­nung von Per­so­nen in ihrer Ein­ma­lig­keit und Wür­de soll­ten eben­falls zu den ethi­schen Maxi­men der Mensch­heit gehö­ren – brau­chen wir da noch baye­ri­sche Fahnen?

SCHAU INS BLAU: Abschlie­ßend wür­den wir ger­ne kurz auf Trans­kul­tu­ra­li­tät bezie­hungs­wei­se Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät im Aka­de­mi­schen Bereich zu spre­chen kom­men. Sie haben immer wie­der von ihrer Arbeit an der Uni­ver­si­tät berich­tet und jetzt inter­es­siert uns, als Stu­die­ren­de eines inter­dis­zi­pli­nä­ren Stu­di­en­gangs, wie Sie die zukünf­ti­gen Ent­wick­lun­gen in der Wis­sen­schaft sehen und bewer­ten, was zu wün­schen wäre und wie Sie die Durch­führ­bar­keit und Umset­zung von trans­dis­zi­pli­nä­ren Ansät­zen einschätzen?

WOLFGANG WELSCH: Bereits seit Anfang der 1990er Jah­re habe ich ver­sucht, in der Leh­re trans­dis­zi­pli­när zu arbei­ten, was damals noch äußerst schwie­rig war. Anhand kon­kre­ter The­men­kom­ple­xe (Post­mo­der­ne, Tier­ethik etc.) ging es dar­um, in gemein­sa­men Semi­na­ren mit Leh­ren­den aus ande­ren Fächern die Stu­die­ren­den erfah­ren zu las­sen, dass die­se The­men und Pro­ble­me sich nicht an Fächer­gren­zen hal­ten, son­dern dis­zi­pli­nen­über­grei­fen­de Bear­bei­tung erfor­dern. Spä­ter konn­te ich in For­schungs­ver­bün­den mit Kol­le­gen aus ande­ren Dis­zi­pli­nen (Neu­ro­bio­lo­gie, Psy­cho­lo­gie, Paläo­an­thro­po­lo­gie etc.), die eben­falls an Pro­blem­clus­tern inter­es­siert waren, trans­dis­zi­pli­när arbei­ten. Wich­tig scheint mir, dass Stu­die­ren­de zumin­dest gele­gent­lich (aber cur­ri­cu­lar ver­an­kert) an trans­dis­zi­pli­nä­ren Kur­sen teilnehmen.

SCHAU INS BLAU: Auch in unse­rem Stu­di­en­gang ist die Begeg­nung und gemein­sa­me Dis­kus­si­on der betei­lig­ten Dis­zi­pli­nen ein wich­ti­ger Grund­stein des Stu­di­ums. Den­noch ist es doch so, dass die Dis­zi­pli­nen nach zusam­men gestal­te­ten Semi­na­ren wie­der in ihre eige­nen Berei­che zurück­keh­ren. Inwie­weit mei­nen Sie, könn­te Trans­dis­zi­pli­na­ri­tät dar­über hin­aus­ge­hen und wie wür­de das aussehen?

WOLFGANG WELSCH: Man darf die Dis­zi­pli­nen natür­lich nicht auf­lö­sen, sie haben ein Spe­zi­al­wis­sen, das unbe­dingt not­wen­dig ist. Inso­fern ist das Erler­nen des Hand­werks und des Grund­wis­sens der ein­zel­nen Dis­zi­pli­nen unver­zicht­bar. Eigent­lich müss­te man die Struk­tur der Stu­di­en­gän­ge ändern: z. B. zwei Semes­ter dis­zi­plin-ori­en­tiert stu­die­ren und dann ein Semes­ter trans­dis­zi­pli­när arbei­ten. Gut, wir Phi­lo­so­phen hin­ter­fra­gen ja ohne­hin alles. Ich sehe aber auch, dass die Ein­rich­tung trans­dis­zi­pli­nä­rer Ver­an­stal­tun­gen im Gefol­ge des Bolo­gna-Pro­zes­ses und der zuneh­men­den Par­zel­lie­rung und Ver­schu­lung des Stu­di­ums immer schwie­ri­ger wird. Wohl den Leh­ren­den und Stu­die­ren­den, die da klu­ge Aus­we­ge finden!

SCHAU INS BLAU: Herr Welsch, wir dan­ken Ihnen ganz herz­lich für die­ses Gespräch.

 

Wolf­gang Welsch, Jahr­gang 1946, ist eme­ri­tier­ter Pro­fes­sor der Phi­lo­so­phie und lebt in Ber­lin.
Er lehr­te an den Uni­ver­si­tä­ten Bam­berg, Mag­de­burg und Jena. Dazu zahl­rei­che Gast­pro­fes­su­ren, u.a. an der Hum­boldt Uni­ver­si­tät Ber­lin und der Stan­ford Uni­ver­si­ty. Sei­ne For­schungs­schwer­punk­te sind Anthro­po­lo­gie und Epis­te­mo­lo­gie, Theo­rie der Evo­lu­ti­on, Phi­lo­so­phi­sche Ästhe­tik und Kunst­theo­rie, Kul­tur­phi­lo­so­phie und Phi­lo­so­phie der Gegen­wart. Er erwarb sich vor allem durch sei­ne zahl­rei­chen Ver­öf­fent­li­chun­gen zur Post­mo­der­ne, zur Ästhe­tik, zur trans­ver­sa­len Ver­nunft und zur Trans­kul­tu­ra­li­tät einen Namen. Er ist Preis­trä­ger des Max-Plack-For­schungs­prei­ses (1992).