Ein hochinfektiöses Traumbuch

Ein hochinfektiöses Traumbuch

Ein Gespräch mit Feridun Zaimoglu

von Aria­ne Glin­de­mann und Tabea Krauß

Schau ins Blau traf den Schrift­stel­ler Fer­i­dun Zai­mo­g­lu in Fürth anläss­lich der Ver­lei­hung des Jakob Was­ser­mann Lite­ra­tur­prei­ses und sprach mit ihm über die Viel­fäl­tig­keit von Fremdheitserfahrungen.

SCHAU INS BLAU: Herr Zai­mo­g­lu, wir freu­en uns sehr, heu­te mit ihnen die­ses Gespräch füh­ren zu kön­nen- schon ein­mal vie­len Dank an die­ser Stelle.

FERIDUN ZAIMOGLU: Ger­ne, sehr gerne!

SCHAU INS BLAU: Sie haben heu­te den Jakob Was­ser­mann Lite­ra­tur­preis der Stadt Fürth ver­lie­hen bekom­men für ihr Enga­ge­ment als Ver­mitt­ler im deutsch-tür­ki­schen Dia­log. Als Autor, der sich ins poli­ti­sche Gesche­hen ein­mischt und Stel­lung bezieht in Fra­gen der Inte­gra­ti­ons­de­bat­te.
Ver­ste­hen Sie sich selbst als poli­ti­schen Autor, viel­leicht auch als Autor der Ver­mitt­lung zwi­schen den Kul­tu­ren? Und birgt die Fremd­heit zwi­schen den Kul­tu­ren auch poe­ti­sches Potenzial?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich ver­ste­he mich nicht als Kul­tur­mak­ler. Ich kann mit die­sem Begriff „Grenz­gän­ger” nichts anfan­gen. Es hat etwas mit dem All­tag eines Schrei­bers zu tun, dass er eben nicht ein Mani­fest oder ein The­sen­pa­pier schreibt, son­dern ver­sucht, sei­ne Geschich­te so anstän­dig wie mög­lich zu Papier zu brin­gen. Da kann es mir als einem Schrei­ber ja auch nicht dar­um gehen, gewis­ser­ma­ßen das Per­so­nal oder die Per­so­nen, die Figu­ren in den Geschich­ten als Ideen­trä­ger zu ver­ste­hen. Es gibt ja ver­schie­de­ne Les­ar­ten, wie bei Bil­dern. Wenn es denn zur Fol­ge hat, dass die­se Tex­te unter ande­rem auch als Ver­mitt­lung ange­se­hen wer­den, so habe ich nicht nur nichts dage­gen, dann begrü­ße ich das. Aber im Gegen­satz zu ande­ren viel­leicht, die ihre Auf­ga­be dar­in sehen, zu ver­mit­teln oder von einem Kul­tur­feld zum ande­ren Ideen zu trans­por­tie­ren und sich als Kurier ver­ste­hen, geht es mir eigent­lich nur dar­um, Geschich­ten zu erzäh­len. Also bin ich ein Geschich­ten­er­zäh­ler, ich bin ein Schrei­ber und es ist u.a. auch eine Les­art, eine erlaub­te Les­art selbst­ver­ständ­lich, dass man in die­sen Tex­ten, wenn man denn Spu­ren­si­che­rung vor­neh­men woll­te, auch eine Kul­tur­ver­mitt­lung entdeckt.

SCHAU INS BLAU: Wie Sie sagen, geht es Ihnen also in ers­ter Linie um das Geschich­ten­er­zäh­len. Beson­ders inter­es­sant ist, dass Fer­da, die Haupt­fi­gur Ihres aktu­el­len Romans hin­ter­land, als „der Deut­sche” ein­ge­führt wird und oft auch nur „der Deut­sche” genannt wird. „Der Deut­sche” mit den brau­nen Augen und den dunk­len Haa­ren, was ja eigent­lich erst­mal nichts Unge­wöhn­li­ches ist. Erst spä­ter stellt sich dann her­aus, dass er tür­kisch­stäm­mig ist. Kann man das viel­leicht als ein Anschrei­ben gegen die ewi­ge Inte­gra­ti­ons­de­bat­te verstehen?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich kann nicht gegen irgend­et­was anschrei­ben, weil ich eben kein Kon­zept­künst­ler bin. Ich bin immer ger­ne in gären­den Milieus. Sehr ger­ne beschrei­be ich auch gären­de Milieus und ich beschrei­be Men­schen. Ich beschrei­be, oder ich schrei­be Geschich­ten auf, in denen die Men­schen nicht als fer­ti­ge Pro­duk­te oder als Kon­struk­te daher­kom­men, son­dern Geschich­ten, wie das Leben spielt. Denn Geschich­ten sind ja eine Art Nach­emp­fin­dung der Rea­li­tät. Somit bin ich zwar kein Poet im Elfen­bein­turm, aber wenn ich mich zu den poli­ti­schen und sozia­len Debat­ten äuße­re, dann tue ich das nicht aus einer poli­ti­schen Ver­fasst­heit her­aus, son­dern aus einem Gerech­tig­keits­emp­fin­den. Es ist sehr alt­mo­disch: Man haut nicht auf Schwa­che. Man spielt nicht mit der Wür­de von Men­schen, die sich nicht weh­ren kön­nen. Es kön­nen mal die tür­kisch­stäm­mi­gen Frau­en der ers­ten Genera­ti­on sein, dann kön­nen es soge­nann­te Hartz IV-Emp­fän­ger sein, es kann aber auch eine katho­li­sche Dame sein, die man bit­te schön nicht ver­spot­tet, wenn sie eine Ker­ze in einer Kir­che anzün­det. Ich bin also poli­tisch im alt­mo­di­schen Sin­ne des Wor­tes. Aber eher ver­su­che ich mich in der Poe­sie. Und das kann ein Schrei­ber in sei­ner Dich­tung ver­su­chen. Er kann ver­su­chen, wie in die­sem Roman hin­ter­land, eher ein biss­chen Nebel auf­zie­hen zu las­sen; eher Dunst auf­kom­men zu las­sen; eher die Sze­nen nicht so grell aus­zu­leuch­ten. Ich bin kein Foto­graf, ich bin ein Schrei­ber. Viel wich­ti­ger ist es doch, das Ver­schorf­te, das Wil­de, das Sanf­te, das Flüch­ti­ge, das Wol­ken­haf­te, das Duns­ti­ge zu beschrei­ben, als das ver­lo­gen Bestimm­te, das Fest­ge­füg­te — das ist für mich nicht Stoff und das alles inter­es­siert mich auch nicht. Also kann man sagen, poli­tisch bin ich nur im alt­mo­di­schen Sin­ne: das Schwa­che zu ver­tei­di­gen. Und weil ich auch sel­ber auf die­se so genann­te Sou­ve­rä­ni­tät pfei­fe und ver­träumt bin, spre­che ich von Träu­men oder schrei­be über sie.

SCHAU INS BLAU: Das heißt, das Poli­ti­sche ist viel­leicht ein Neben­pro­dukt der Träu­me, oder ein Neben­pro­dukt des Poetischen?

FERIDUN ZAIMOGLU: Kann man das wirk­lich von­ein­an­der tren­nen? Es ist ja in unse­rer Gesell­schaft so, dass man ver­sucht, eine Art ideel­le Ent­grä­tung vor­zu­neh­men, aber im Grun­de genom­men gehö­ren Fleisch und Kno­chen zusam­men und Fleisch und Grä­ten gehö­ren zusam­men. Also, ich könn­te sagen: alles das und noch ein biss­chen mehr. Wenn ich eine Lie­bes­ge­schich­te schrei­be, dann kann ich ja nicht auf das Wil­de ver­zich­ten. Ich kann aber genau­so wenig auf die Zusam­men­bruch­sze­na­ri­en ver­zich­ten. hin­ter­land ist ja eine Men­schen­land­schaft und gleich­zei­tig ist es aber auch eine Traum­land­schaft. Ich habe ver­sucht, auf die Sicher­heit zu ver­zich­ten. Die Sicher­heit ist im Grun­de genom­men eine Illusion.

SCHAU INS BLAU: Sie haben sich völ­lig auf die Fremd­heit ein­ge­las­sen. Auf die Fremd­heit der Figu­ren; und auch gera­de die­se Fremd­heit ausgespielt.

FERIDUN ZAIMOGLU: Fremd­heit ist auch ein Wort; was mei­nen wir denn damit? Ich begrei­fe mich hier in Deutsch­land ja alles ande­re als fremd. Das ist für mich ver­trau­tes Milieu. Es ist mein Land, es ist mein schö­nes Land und ich schaue mir die Klei­nig­kei­ten an — die Details. Und die Fremd­heit, wie kommt sie vor in dem Roman hin­ter­land? Sie kann ja nur als Ent­frem­dung vor­kom­men. Wenn man mei­net­we­gen in einer exis­ten­zi­el­len Not steckt, dann ist man ja der Nor­ma­li­tät ent­frem­det, dann ist man gewis­ser­ma­ßen abge­sto­ßen und her­aus­ge­fal­len. Und dann ist es vor­bei mit der Ver­traut­heit, dann sieht man bestimm­te Din­ge, die man vor­her nicht gese­hen hat, aber dann ist man manch­mal für ande­re so unsicht­bar, oder so anders — man kennt das ja. Fremd­heit in ihrer exis­ten­zi­el­len Form gefällt mir sehr und exis­ten­zi­ell meint Melan­cho­li­ke­rin­nen und Melan­cho­li­ker — das meint eine gewis­se Bekümmertheit.

SCHAU INS BLAU: Ent­frem­dung ist ein gutes Stich­wort, das auch auf die Figur Fer­da aus hin­ter­land zutrifft. Zu Beginn ist er dem Betrach­ter völ­lig fremd; er wird als Rand­fi­gur ein­ge­führt: Der deut­sche Freund der Toch­ter des Kom­po­nis­ten, der wie­der­um mit der Dame Vlas­ta bekannt ist. Was hat Sie dazu bewo­gen, die­se Figur als Rand­fi­gur ein­zu­füh­ren und darf man ihn trotz­dem als Prot­ago­nis­ten verstehen?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich habe ja eini­ge so genann­te orga­ni­sier­te, rea­lis­ti­sche Roma­ne geschrie­ben. Dies ist jetzt kein rea­lis­ti­scher Roman im her­kömm­li­chen Sin­ne. In einem rea­lis­ti­schen Roman hat man einen Prot­ago­nis­ten, der gewis­ser­ma­ßen als Muse­ums­füh­rer, oder als Füh­rer durch die gan­ze Geschich­te fun­giert. Hier habe ich natür­lich ein biss­chen gespielt: Es ist wie im Traum, die Sicher­heit ist dahin, das Gefüg­te ist dahin. Ich habe Fol­gen­des nicht gemacht: Mei­ne Haupt­fi­gur, den Lie­ben­den, so ein­ge­führt wie zum Bei­spiel in Lie­bes­brand den Ich-Erzäh­ler. Fer­da ist nicht der nor­ma­le Ich-Erzäh­ler. hin­ter­land ist eine Geschich­te bestehend aus Geschich­ten. Wir haben eini­ge Men­schen und wir haben einen Men­schen, der den Leser/ die Lese­rin mit­nimmt in die nächs­te Geschich­te. Die­se Geschich­ten sind dann ange­legt als Kapi­tel, Kapi­tel eines Romans könn­te man sagen. Aber man könn­te auch sagen, Fer­da ist auch eine Figur in einem Traum — und das hat mir gefal­len. Es hat mir gefal­len, nicht so eine Kulis­se auf­zu­bau­en, son­dern ihm — ich bin ja ein visu­el­ler Mensch — eher mit der Kame­ra zu fol­gen. Der Leser/ die Lese­rin bekommt das gan­ze Pan­ora­ma nicht gleich mit, son­dern es erschließt sich nach und nach. Das ist so ein sti­lis­ti­scher Trick von mir gewe­sen, Fer­da mal wie einen Sta­tis­ten zu behan­deln, mal wie einen gro­ßen Prot­ago­nis­ten. Er taucht ab, taucht wie­der auf, je nach­dem. Es ist in die­sem Buch ja viel von Nebel die Rede. Mal ver­deckt ihn der Nebel und dann sehen wir plötz­lich einen ande­ren, oder eine ande­re. Ich habe in die­sem Roman ja viel mit ver­schie­de­nen Per­spek­ti­ven gear­bei­tet, das kommt noch hin­zu. Es war span­nend, so etwas zu versuchen.

SCHAU INS BLAU: Ich glau­be, dass man als Leser oder Lese­rin — gera­de in ihrem Roman hin­ter­land — ver­sucht, Ori­en­tie­rungs­punk­te zu suchen, und sich Fer­da zunächst als Prot­ago­nis­ten setzt. Genau­so wie man ver­sucht, die Bezie­hung zwi­schen Fer­da und Aneschka als Haupt­hand­lung zu sehen, in die sich alle ande­ren Geschich­ten dann doch irgend­wie verstricken.

FERIDUN ZAIMOGLU: Wis­sen Sie, das Erstaun­li­che war, dass die männ­li­chen Kri­ti­ker völ­lig irri­tiert bis erbost waren. Es ist so selt­sam, dass ich das sage, aber ich habe auch auf dem Papier mit mei­nem Geschlecht gebro­chen, in Ley­la, da war ich sozu­sa­gen ein klei­nes Mäd­chen.
Die männ­li­chen Kri­ti­ker waren erbost, die dach­ten, ich ver­äp­pe­le sie. Aber, wenn wir hier sit­zen, dann krie­gen wir natür­lich auch mit, was an ande­ren Tischen nor­ma­ler­wei­se gespro­chen wird. Immer wie­der ist mir auf­ge­fal­len, dass ein Mann sei­ner Freun­din gesagt hat: „Du hörst mir nicht zu!”, dabei kann die­se Frau ver­schie­de­ne Din­ge gleich­zei­tig machen. Was die­se Frau aber nicht tut, ist ihn anzu­star­ren wie ein Fisch, son­dern sie über­legt mei­net­we­gen, was sie gleich in einer Stun­de machen wird. Sie denkt: „Soll ich mir jetzt den Rock kau­fen, oder nicht, oder ist er zu teu­er?”, und dann bekommt sie außer­dem noch mit, was am Neben­tisch gespro­chen wird — und so ist die­ses Buch. In die­sem Buch begeg­net man einer weib­li­chen Archi­tek­tur und das sind vie­le, vie­le frem­de Ein­flüs­se — und Sie wis­sen wie das ist. Beson­ders Män­ner mögen frem­de Ein­flüs­se nicht. Sie mögen Umris­se, sie mögen kla­re Struk­tu­ren. Da habe ich mir gedacht, ihr könnt mich mal! Hier exis­tie­ren — gewis­ser­ma­ßen als Land­schaft — vie­le Din­ge neben­ein­an­der. Bloß weil ich in eine bestimm­te Rich­tung schaue, heißt es ja nicht, dass das Leben erstarrt hin­ter mei­nem Rücken, rechts und links von mir. So ist das Buch auch ange­legt: Vie­les pas­siert gleich­zei­tig. Mal ver­las­sen wir die­se Figur, mal fol­gen wir jener Figur. Aber da ist ein gro­ßer — jeden­falls habe ich den Ver­such unter­nom­men — ein gro­ßer Zusam­men­hang, in dem die­se Per­so­nen stehen.

SCHAU INS BLAU: Die­ser Aspekt der Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät ist ja beson­ders mit der viel­schich­ti­gen Fremd­heit ver­bun­den, die in Ihrem Text auf­ge­macht wird: Zum einen durch die ver­schie­de­nen Erzählin­stan­zen, die dem Leser einen ‚nor­ma­len’ kohä­ren­ten und linea­ren Ver­lauf der Geschich­te unmög­lich machen und ihn auch mit der Anders­heit von Per­spek­ti­ven kon­fron­tie­ren. Zum ande­ren aber auch durch das Spiel mit den Pro­no­men. Teil­wei­se las­sen Sie den Leser völ­lig im Unge­wis­sen, um wen es eigent­lich gera­de geht. Auch die Figu­ren selbst erfah­ren die diver­gen­tes­ten Per­spek­ti­ven: sowohl geo­gra­phisch als auch im Umgang mit Ande­ren, meist auch frem­den Mit­men­schen, Kul­tu­ren etc. Die­ses Wech­sel­spiel kul­mi­niert in mei­nen Augen in einer gewis­sen Verwirrung.

FERIDUN ZAIMOGLU: Ja — hal­le­lu­ja, eigentlich!

SCHAU INS BLAU: Spie­len Sie viel­leicht so eine Art dop­pel­tes Ver­wirr­spiel mit dem Leser und den Figuren?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich bin ein Kinds­kopf und ich habe einen Kin­der­sinn! Mich neh­me ich schon mal gar nicht ernst. Und das Schrei­ben gefällt mir des­we­gen, weil es mich zum Ver­schwin­den bringt. Ich tau­che ein, dann bin ich nicht nur in der Rol­len­po­se, son­dern viel mehr als das. Ich konn­te das nie, dass ich sagen konn­te, ‚da‘ spielt sich die Geschich­te ab und ‚dort‘ pas­siert gar nichts. Ich bin auch schon als Kind immer einer gewe­sen, der nicht anders konn­te, als die Din­ge um sich her­um auf­zu­sau­gen. Das bedeu­te­te für mich aber nicht ein heil­lo­ses Durch­ein­an­der. Manch einer in mei­ner Umge­bung hat sich schon Sor­gen gemacht, was wird denn mit die­sem Kind pas­sie­ren? Aber ich schwieg und war eigent­lich berauscht, manch­mal gelähmt, aber berauscht an dem, was da alles Ein­gang fand in mich. Das bedeu­tet: Die Unru­he ist für mich nicht nur kein Pro­blem, ich ken­ne es nicht anders.

SCHAU INS BLAU: Als pro­duk­ti­ves Moment?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ja, aber auch sonst. Ich bin neu­gie­rig, ich bin unru­hig, ich lang­wei­le mich schnell, dann gibt es ein­fach viel zu vie­le schö­ne Sachen, die ich sehen möch­te. Das bedeu­tet aber kei­nes­wegs — ich ver­su­che es wenigs­tens — nur an der Ober­flä­che zu sein. Ich hof­fe, dass ich so eini­ges auch mit­be­kom­me! Ver­wirr­spiel — ja. Ver­wir­rung — ja. Es ist doch alles ver­wir­rend was da drau­ßen passiert!

SCHAU INS BLAU: Und gera­de in die­ser Ver­wir­rung liegt auch eine gewis­se Fas­zi­na­ti­on. Sie sagen, Sie sau­gen alles auf und irgend­wie fin­det all das dann wie­der Ein­gang in den Roman. Die ver­schie­dens­ten Geschich­ten lau­fen neben­ein­an­der ab und ganz vie­le ver­schie­de­ne Details kom­men in ver­schie­de­nen Situa­tio­nen vor. Sie haben vor­hin gesagt, es ist wie ein Traum und gera­de haben Sie gesagt, es ist wie ein Rausch und genau­so fühlt sich das beim Lesen auch an: Wie ein Traum und ein Rausch. Es ist auch ganz schwie­rig, das anders wahr­zu­neh­men ‑man kann den Roman hin­ter­land auch gar nicht lesen wie eine Geschichte…

FERIDUN ZAIMOGLU: Genau!

SCHAU INS BLAU: In ver­schie­de­nen Rezen­sio­nen sind Sie auch gera­de dafür kri­ti­siert wor­den. Viel­leicht geht es aber gar nicht dar­um, den Text zu lesen wie eine kohä­ren­te Geschich­te, die in ihrer Abfol­ge im Gedächt­nis bleibt, son­dern dar­um, die Geschich­ten und die traum­ar­ti­gen Bil­der auf sich wir­ken zu las­sen, ohne den Ver­such, Ord­nung zu stif­ten und den Hand­lungs­strän­gen Hier­ar­chien zuzuweisen.

FERIDUN ZAIMOGLU: Es ist ein hoch­in­fek­tiö­ses Traum­buch. Wis­sen Sie, ich war in die­ser Ver­fas­sung. Ich war der­zeit sehr melan­cho­lisch und ich ging unter — das war das Gefühl: Ich gehe unter. Dann habe ich mir die Fin­ger wund geschrie­ben. Ich habe geschrie­ben, man sagt ja „bis zum Umfal­len”, aber es ist wirk­lich kei­ne Über­trei­bung. Ich saß da und schrieb und mir fiel dies ein, mir fiel das ein und ich war all die­se Per­so­nen. Ich war Far­be, ich war Ton, ich war Stoff, ich war Zun­ge, ich war Gedanke…

SCHAU INS BLAU: Sie sind ein sehr genau­er Beobachter.

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich ver­su­che es! Mir ent­geht natür­lich viel… Man muss ver­su­chen, sich zuwei­len zu ver­schlie­ßen, um nicht ver­rückt zu wer­den — also ver­rückt vor Reiz­über­flu­tung. Und natür­lich muss man sich zurück­zie­hen und sich ver­ber­gen vor den ande­ren Leu­ten. Also vie­le Klei­nig­kei­ten, vie­le Details, vie­le Rei­ze, ja. Und es ist doch schier und jetzt zum Ver­rückt­wer­den — ist das nicht groß­ar­tig? Ist das nicht herr­lich? Manch­mal flip­pe ich wirk­lich aus, wenn ich schaue, wenn ich beob­ach­te. Mir fal­len bestimm­te Din­ge ein, dann kom­men mir Ideen, ich mache mir Noti­zen, ich wir­ke manch­mal viel­leicht auch ent­rückt, dann bin ich in einer ande­ren Welt. Dann bin ich in einer Welt des Romans, an dem ich gera­de schrei­be. Ich bin ja auf­ge­wach­sen mit vie­len star­ken Frau­en um mich her­um. Und vor allem mit Frau­en, die erzählt haben — die Geschich­ten erzählt haben. Das war ein Fluss! Mei­ne Tan­te, mei­ne Mut­ter, mei­ne Schwes­ter, mei­ne Groß­mutter, Nachbarinnen…Und ich stand dabei, habe die meis­te Zeit geschwie­gen und nur geguckt. Und das hat mich geprägt! Ich habe nicht so viel Lite­ra­tur gele­sen, aber ich habe Geschich­ten — also die Tra­di­ti­on der münd­li­chen Über­lie­fe­rung, die geleb­te Tra­di­ti­on — erlebt und ich habe dann ein­ge­se­hen, dass ich das zum Über­le­ben brau­che! Um das Schä­bi­ge schön zu machen, braucht es schö­ne Geschich­ten, bedarf es der Wor­te. Aber man darf sich nicht abkap­seln. Das ist die gro­ße Illu­si­on: Iso­la­ti­on ist Gift! Also schrei­be ich die Geschich­ten nie­der, die mir so ein­fal­len: Mal fällt mir das ein, mal fällt mir dies ein und ehe ich mich ver­se­he, ist draus ein Roman gewor­den (lacht).

SCHAU INS BLAU: Ist das Erzäh­len also eine Mög­lich­keit der Iden­ti­täts­kon­sti­tu­ti­on? Das Geschich­ten­er­zäh­len sozu­sa­gen als eine Lebens­grund­la­ge, als etwas, was Sie geprägt und zu dem gemacht hat, der Sie heu­te sind?

FERIDUN ZAIMOGLU: Das Leben ist span­nen­der! Ich kann nur sagen, ich schrei­be es auf, dann gehe ich wie­der raus — ich bin an so vie­len Orten! Als Kind woll­te ich nie rei­sen. Ich woll­te in mei­nem Zim­mer oder im Gar­ten sein und spie­len. Aber ich woll­te nicht weg! Es hat sich aber gezeigt, dass ich jetzt nur am Rei­sen bin. Ich bin auch, bevor das mit den Lesun­gen anfing, viel her­um­ge­reist. Das Leben war stär­ker, das Leben war span­nen­der! Ich kann also nur sagen, wenn ich Geschich­ten schrei­be, ist es nur eine Moment­auf­nah­me, im wahrs­ten Sin­ne des Wor­tes. Weil ich aber so unru­hig bin, geht es dann wei­ter und wei­ter. Im Grun­de genom­men müss­te ich jedes Jahr einen Roman schreiben.

SCHAU INS BLAU: Sie leben in Geschichten?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich füh­le die Geschich­ten, ich erle­be die­se Geschich­ten, ich phan­ta­sie­re und habe dann gro­ße Lust, die­se Geschich­ten auf­zu­schrei­ben. Dann schrei­be ich die­se Geschich­ten auf, sie sind aber in keins­ter Wei­se ein Not­be­helf oder eine ver­zwei­fel­te Maß­nah­me, durch die Ver­schrift­li­chung gewis­ser­ma­ßen an Kon­tur zu gewin­nen- nein, das nicht. Denn dann lockt wie­der der Tag! Dann lockt die Stunde!

SCHAU INS BLAU: Sind Sie also neu­gie­rig und durch­läs­sig für das Fremde?

FERIDUN ZAIMOGLU: Das Frem­de, die Fremdheit…Das Erstaun­li­che ist, weil ich mich nie fremd gefühlt habe und nie fremd füh­le, kann ich Geschich­ten schrei­ben, in denen die Fremd­heit herrscht. Die exis­ten­zi­ells­te Fremd­heit, die ich ken­ne, ist die zwi­schen Mann und Frau. Und ich fin­de sie herrlich!

SCHAU INS BLAU: Herr Zai­mo­g­lu, vie­len Dank für die­ses Gespräch!

FERIDUN ZAIMOGLU: Sehr sehr gerne!

 

Fer­i­dun Zai­mo­g­lu wur­de 1964 in Bolu (Tür­kei) gebo­ren, wuchs in Mün­chen, Ber­lin und Bonn auf und lebt seit 1985 in Kiel. Dort stu­dier­te er Kunst und Human­me­di­zin. Heu­te arbei­tet Zai­mo­g­lu als Schrift­stel­ler, Dra­ma­turg, Dreh­buch­au­tor und frei­er Jour­na­list. Sein Debüt­ro­man Kanak Sprak (1995), der eine Debat­te zu Sub­kul­tur und Migra­ti­on ent­fach­te, wur­de ein mul­ti­me­dia­ler Erfolg. Zai­mo­g­lu gilt als Grün­der der gesell­schafts­po­li­ti­schen Bewe­gung Kanak Attak, die sich für eine mul­ti­kul­tu­rel­le Gesell­schaft ein­setzt. Neben zahl­rei­chen Sti­pen­di­en und För­de­run­gen, wie u.a. das Lite­ra­tur­sti­pen­di­um Insel­schrei­ber (2003), das Vil­la-Mas­si­mo-Sti­pen­di­um (2005) und die Tübin­ger Poe­tik-Dozen­tur (2008), wur­de Zai­mo­g­lu u.a. mit dem Fried­rich-Heb­bel-Preis (2002), dem Grim­mels­hau­sen-Preis (2007), dem Jakob-Was­ser­mann-Lite­ra­tur­preis (2010) und dem Ber­li­ner Lite­ra­tur­preis (2016) aus­ge­zeich­net. 2015 war Zai­mo­g­lu außer­dem Main­zer Stadt­schrei­ber und Nomi­nier­ter für den Deut­schen Buch­preis (Lon­g­list).