Ein hochinfektiöses Traumbuch

Ein hochinfektiöses Traumbuch

Ein Gespräch mit Feridun Zaimoglu

von Ariane Glindemann und Tabea Krauß

Schau ins Blau traf den Schriftsteller Feridun Zaimoglu in Fürth anlässlich der Verleihung des Jakob Wassermann Literaturpreises und sprach mit ihm über die Vielfältigkeit von Fremdheitserfahrungen.

SCHAU INS BLAU: Herr Zaimoglu, wir freuen uns sehr, heute mit ihnen dieses Gespräch führen zu können- schon einmal vielen Dank an dieser Stelle.

FERIDUN ZAIMOGLU: Gerne, sehr gerne!

SCHAU INS BLAU: Sie haben heute den Jakob Wassermann Literaturpreis der Stadt Fürth verliehen bekommen für ihr Engagement als Vermittler im deutsch-türkischen Dialog. Als Autor, der sich ins politische Geschehen einmischt und Stellung bezieht in Fragen der Integrationsdebatte.
Verstehen Sie sich selbst als politischen Autor, vielleicht auch als Autor der Vermittlung zwischen den Kulturen? Und birgt die Fremdheit zwischen den Kulturen auch poetisches Potenzial?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich verstehe mich nicht als Kulturmakler. Ich kann mit diesem Begriff „Grenzgänger” nichts anfangen. Es hat etwas mit dem Alltag eines Schreibers zu tun, dass er eben nicht ein Manifest oder ein Thesenpapier schreibt, sondern versucht, seine Geschichte so anständig wie möglich zu Papier zu bringen. Da kann es mir als einem Schreiber ja auch nicht darum gehen, gewissermaßen das Personal oder die Personen, die Figuren in den Geschichten als Ideenträger zu verstehen. Es gibt ja verschiedene Lesarten, wie bei Bildern. Wenn es denn zur Folge hat, dass diese Texte unter anderem auch als Vermittlung angesehen werden, so habe ich nicht nur nichts dagegen, dann begrüße ich das. Aber im Gegensatz zu anderen vielleicht, die ihre Aufgabe darin sehen, zu vermitteln oder von einem Kulturfeld zum anderen Ideen zu transportieren und sich als Kurier verstehen, geht es mir eigentlich nur darum, Geschichten zu erzählen. Also bin ich ein Geschichtenerzähler, ich bin ein Schreiber und es ist u.a. auch eine Lesart, eine erlaubte Lesart selbstverständlich, dass man in diesen Texten, wenn man denn Spurensicherung vornehmen wollte, auch eine Kulturvermittlung entdeckt.

SCHAU INS BLAU: Wie Sie sagen, geht es Ihnen also in erster Linie um das Geschichtenerzählen. Besonders interessant ist, dass Ferda, die Hauptfigur Ihres aktuellen Romans hinterland, als „der Deutsche” eingeführt wird und oft auch nur „der Deutsche” genannt wird. „Der Deutsche” mit den braunen Augen und den dunklen Haaren, was ja eigentlich erstmal nichts Ungewöhnliches ist. Erst später stellt sich dann heraus, dass er türkischstämmig ist. Kann man das vielleicht als ein Anschreiben gegen die ewige Integrationsdebatte verstehen?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich kann nicht gegen irgendetwas anschreiben, weil ich eben kein Konzeptkünstler bin. Ich bin immer gerne in gärenden Milieus. Sehr gerne beschreibe ich auch gärende Milieus und ich beschreibe Menschen. Ich beschreibe, oder ich schreibe Geschichten auf, in denen die Menschen nicht als fertige Produkte oder als Konstrukte daherkommen, sondern Geschichten, wie das Leben spielt. Denn Geschichten sind ja eine Art Nachempfindung der Realität. Somit bin ich zwar kein Poet im Elfenbeinturm, aber wenn ich mich zu den politischen und sozialen Debatten äußere, dann tue ich das nicht aus einer politischen Verfasstheit heraus, sondern aus einem Gerechtigkeitsempfinden. Es ist sehr altmodisch: Man haut nicht auf Schwache. Man spielt nicht mit der Würde von Menschen, die sich nicht wehren können. Es können mal die türkischstämmigen Frauen der ersten Generation sein, dann können es sogenannte Hartz IV-Empfänger sein, es kann aber auch eine katholische Dame sein, die man bitte schön nicht verspottet, wenn sie eine Kerze in einer Kirche anzündet. Ich bin also politisch im altmodischen Sinne des Wortes. Aber eher versuche ich mich in der Poesie. Und das kann ein Schreiber in seiner Dichtung versuchen. Er kann versuchen, wie in diesem Roman hinterland, eher ein bisschen Nebel aufziehen zu lassen; eher Dunst aufkommen zu lassen; eher die Szenen nicht so grell auszuleuchten. Ich bin kein Fotograf, ich bin ein Schreiber. Viel wichtiger ist es doch, das Verschorfte, das Wilde, das Sanfte, das Flüchtige, das Wolkenhafte, das Dunstige zu beschreiben, als das verlogen Bestimmte, das Festgefügte – das ist für mich nicht Stoff und das alles interessiert mich auch nicht. Also kann man sagen, politisch bin ich nur im altmodischen Sinne: das Schwache zu verteidigen. Und weil ich auch selber auf diese so genannte Souveränität pfeife und verträumt bin, spreche ich von Träumen oder schreibe über sie.

SCHAU INS BLAU: Das heißt, das Politische ist vielleicht ein Nebenprodukt der Träume, oder ein Nebenprodukt des Poetischen?

FERIDUN ZAIMOGLU: Kann man das wirklich voneinander trennen? Es ist ja in unserer Gesellschaft so, dass man versucht, eine Art ideelle Entgrätung vorzunehmen, aber im Grunde genommen gehören Fleisch und Knochen zusammen und Fleisch und Gräten gehören zusammen. Also, ich könnte sagen: alles das und noch ein bisschen mehr. Wenn ich eine Liebesgeschichte schreibe, dann kann ich ja nicht auf das Wilde verzichten. Ich kann aber genauso wenig auf die Zusammenbruchszenarien verzichten. hinterland ist ja eine Menschenlandschaft und gleichzeitig ist es aber auch eine Traumlandschaft. Ich habe versucht, auf die Sicherheit zu verzichten. Die Sicherheit ist im Grunde genommen eine Illusion.

SCHAU INS BLAU: Sie haben sich völlig auf die Fremdheit eingelassen. Auf die Fremdheit der Figuren; und auch gerade diese Fremdheit ausgespielt.

FERIDUN ZAIMOGLU: Fremdheit ist auch ein Wort; was meinen wir denn damit? Ich begreife mich hier in Deutschland ja alles andere als fremd. Das ist für mich vertrautes Milieu. Es ist mein Land, es ist mein schönes Land und ich schaue mir die Kleinigkeiten an – die Details. Und die Fremdheit, wie kommt sie vor in dem Roman hinterland? Sie kann ja nur als Entfremdung vorkommen. Wenn man meinetwegen in einer existenziellen Not steckt, dann ist man ja der Normalität entfremdet, dann ist man gewissermaßen abgestoßen und herausgefallen. Und dann ist es vorbei mit der Vertrautheit, dann sieht man bestimmte Dinge, die man vorher nicht gesehen hat, aber dann ist man manchmal für andere so unsichtbar, oder so anders – man kennt das ja. Fremdheit in ihrer existenziellen Form gefällt mir sehr und existenziell meint Melancholikerinnen und Melancholiker – das meint eine gewisse Bekümmertheit.

SCHAU INS BLAU: Entfremdung ist ein gutes Stichwort, das auch auf die Figur Ferda aus hinterland zutrifft. Zu Beginn ist er dem Betrachter völlig fremd; er wird als Randfigur eingeführt: Der deutsche Freund der Tochter des Komponisten, der wiederum mit der Dame Vlasta bekannt ist. Was hat Sie dazu bewogen, diese Figur als Randfigur einzuführen und darf man ihn trotzdem als Protagonisten verstehen?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich habe ja einige so genannte organisierte, realistische Romane geschrieben. Dies ist jetzt kein realistischer Roman im herkömmlichen Sinne. In einem realistischen Roman hat man einen Protagonisten, der gewissermaßen als Museumsführer, oder als Führer durch die ganze Geschichte fungiert. Hier habe ich natürlich ein bisschen gespielt: Es ist wie im Traum, die Sicherheit ist dahin, das Gefügte ist dahin. Ich habe Folgendes nicht gemacht: Meine Hauptfigur, den Liebenden, so eingeführt wie zum Beispiel in Liebesbrand den Ich-Erzähler. Ferda ist nicht der normale Ich-Erzähler. hinterland ist eine Geschichte bestehend aus Geschichten. Wir haben einige Menschen und wir haben einen Menschen, der den Leser/ die Leserin mitnimmt in die nächste Geschichte. Diese Geschichten sind dann angelegt als Kapitel, Kapitel eines Romans könnte man sagen. Aber man könnte auch sagen, Ferda ist auch eine Figur in einem Traum – und das hat mir gefallen. Es hat mir gefallen, nicht so eine Kulisse aufzubauen, sondern ihm – ich bin ja ein visueller Mensch – eher mit der Kamera zu folgen. Der Leser/ die Leserin bekommt das ganze Panorama nicht gleich mit, sondern es erschließt sich nach und nach. Das ist so ein stilistischer Trick von mir gewesen, Ferda mal wie einen Statisten zu behandeln, mal wie einen großen Protagonisten. Er taucht ab, taucht wieder auf, je nachdem. Es ist in diesem Buch ja viel von Nebel die Rede. Mal verdeckt ihn der Nebel und dann sehen wir plötzlich einen anderen, oder eine andere. Ich habe in diesem Roman ja viel mit verschiedenen Perspektiven gearbeitet, das kommt noch hinzu. Es war spannend, so etwas zu versuchen.

SCHAU INS BLAU: Ich glaube, dass man als Leser oder Leserin – gerade in ihrem Roman hinterland – versucht, Orientierungspunkte zu suchen, und sich Ferda zunächst als Protagonisten setzt. Genauso wie man versucht, die Beziehung zwischen Ferda und Aneschka als Haupthandlung zu sehen, in die sich alle anderen Geschichten dann doch irgendwie verstricken.

FERIDUN ZAIMOGLU: Wissen Sie, das Erstaunliche war, dass die männlichen Kritiker völlig irritiert bis erbost waren. Es ist so seltsam, dass ich das sage, aber ich habe auch auf dem Papier mit meinem Geschlecht gebrochen, in Leyla, da war ich sozusagen ein kleines Mädchen.
Die männlichen Kritiker waren erbost, die dachten, ich veräppele sie. Aber, wenn wir hier sitzen, dann kriegen wir natürlich auch mit, was an anderen Tischen normalerweise gesprochen wird. Immer wieder ist mir aufgefallen, dass ein Mann seiner Freundin gesagt hat: „Du hörst mir nicht zu!”, dabei kann diese Frau verschiedene Dinge gleichzeitig machen. Was diese Frau aber nicht tut, ist ihn anzustarren wie ein Fisch, sondern sie überlegt meinetwegen, was sie gleich in einer Stunde machen wird. Sie denkt: „Soll ich mir jetzt den Rock kaufen, oder nicht, oder ist er zu teuer?”, und dann bekommt sie außerdem noch mit, was am Nebentisch gesprochen wird – und so ist dieses Buch. In diesem Buch begegnet man einer weiblichen Architektur und das sind viele, viele fremde Einflüsse – und Sie wissen wie das ist. Besonders Männer mögen fremde Einflüsse nicht. Sie mögen Umrisse, sie mögen klare Strukturen. Da habe ich mir gedacht, ihr könnt mich mal! Hier existieren – gewissermaßen als Landschaft – viele Dinge nebeneinander. Bloß weil ich in eine bestimmte Richtung schaue, heißt es ja nicht, dass das Leben erstarrt hinter meinem Rücken, rechts und links von mir. So ist das Buch auch angelegt: Vieles passiert gleichzeitig. Mal verlassen wir diese Figur, mal folgen wir jener Figur. Aber da ist ein großer – jedenfalls habe ich den Versuch unternommen – ein großer Zusammenhang, in dem diese Personen stehen.

SCHAU INS BLAU: Dieser Aspekt der Multiperspektivität ist ja besonders mit der vielschichtigen Fremdheit verbunden, die in Ihrem Text aufgemacht wird: Zum einen durch die verschiedenen Erzählinstanzen, die dem Leser einen ‚normalen’ kohärenten und linearen Verlauf der Geschichte unmöglich machen und ihn auch mit der Andersheit von Perspektiven konfrontieren. Zum anderen aber auch durch das Spiel mit den Pronomen. Teilweise lassen Sie den Leser völlig im Ungewissen, um wen es eigentlich gerade geht. Auch die Figuren selbst erfahren die divergentesten Perspektiven: sowohl geographisch als auch im Umgang mit Anderen, meist auch fremden Mitmenschen, Kulturen etc. Dieses Wechselspiel kulminiert in meinen Augen in einer gewissen Verwirrung.

FERIDUN ZAIMOGLU: Ja – halleluja, eigentlich!

SCHAU INS BLAU: Spielen Sie vielleicht so eine Art doppeltes Verwirrspiel mit dem Leser und den Figuren?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich bin ein Kindskopf und ich habe einen Kindersinn! Mich nehme ich schon mal gar nicht ernst. Und das Schreiben gefällt mir deswegen, weil es mich zum Verschwinden bringt. Ich tauche ein, dann bin ich nicht nur in der Rollenpose, sondern viel mehr als das. Ich konnte das nie, dass ich sagen konnte, ‚da‘ spielt sich die Geschichte ab und ‚dort‘ passiert gar nichts. Ich bin auch schon als Kind immer einer gewesen, der nicht anders konnte, als die Dinge um sich herum aufzusaugen. Das bedeutete für mich aber nicht ein heilloses Durcheinander. Manch einer in meiner Umgebung hat sich schon Sorgen gemacht, was wird denn mit diesem Kind passieren? Aber ich schwieg und war eigentlich berauscht, manchmal gelähmt, aber berauscht an dem, was da alles Eingang fand in mich. Das bedeutet: Die Unruhe ist für mich nicht nur kein Problem, ich kenne es nicht anders.

SCHAU INS BLAU: Als produktives Moment?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ja, aber auch sonst. Ich bin neugierig, ich bin unruhig, ich langweile mich schnell, dann gibt es einfach viel zu viele schöne Sachen, die ich sehen möchte. Das bedeutet aber keineswegs – ich versuche es wenigstens – nur an der Oberfläche zu sein. Ich hoffe, dass ich so einiges auch mitbekomme! Verwirrspiel – ja. Verwirrung – ja. Es ist doch alles verwirrend was da draußen passiert!

SCHAU INS BLAU: Und gerade in dieser Verwirrung liegt auch eine gewisse Faszination. Sie sagen, Sie saugen alles auf und irgendwie findet all das dann wieder Eingang in den Roman. Die verschiedensten Geschichten laufen nebeneinander ab und ganz viele verschiedene Details kommen in verschiedenen Situationen vor. Sie haben vorhin gesagt, es ist wie ein Traum und gerade haben Sie gesagt, es ist wie ein Rausch und genauso fühlt sich das beim Lesen auch an: Wie ein Traum und ein Rausch. Es ist auch ganz schwierig, das anders wahrzunehmen -man kann den Roman hinterland auch gar nicht lesen wie eine Geschichte…

FERIDUN ZAIMOGLU: Genau!

SCHAU INS BLAU: In verschiedenen Rezensionen sind Sie auch gerade dafür kritisiert worden. Vielleicht geht es aber gar nicht darum, den Text zu lesen wie eine kohärente Geschichte, die in ihrer Abfolge im Gedächtnis bleibt, sondern darum, die Geschichten und die traumartigen Bilder auf sich wirken zu lassen, ohne den Versuch, Ordnung zu stiften und den Handlungssträngen Hierarchien zuzuweisen.

FERIDUN ZAIMOGLU: Es ist ein hochinfektiöses Traumbuch. Wissen Sie, ich war in dieser Verfassung. Ich war derzeit sehr melancholisch und ich ging unter – das war das Gefühl: Ich gehe unter. Dann habe ich mir die Finger wund geschrieben. Ich habe geschrieben, man sagt ja „bis zum Umfallen”, aber es ist wirklich keine Übertreibung. Ich saß da und schrieb und mir fiel dies ein, mir fiel das ein und ich war all diese Personen. Ich war Farbe, ich war Ton, ich war Stoff, ich war Zunge, ich war Gedanke…

SCHAU INS BLAU: Sie sind ein sehr genauer Beobachter.

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich versuche es! Mir entgeht natürlich viel… Man muss versuchen, sich zuweilen zu verschließen, um nicht verrückt zu werden – also verrückt vor Reizüberflutung. Und natürlich muss man sich zurückziehen und sich verbergen vor den anderen Leuten. Also viele Kleinigkeiten, viele Details, viele Reize, ja. Und es ist doch schier und jetzt zum Verrücktwerden – ist das nicht großartig? Ist das nicht herrlich? Manchmal flippe ich wirklich aus, wenn ich schaue, wenn ich beobachte. Mir fallen bestimmte Dinge ein, dann kommen mir Ideen, ich mache mir Notizen, ich wirke manchmal vielleicht auch entrückt, dann bin ich in einer anderen Welt. Dann bin ich in einer Welt des Romans, an dem ich gerade schreibe. Ich bin ja aufgewachsen mit vielen starken Frauen um mich herum. Und vor allem mit Frauen, die erzählt haben – die Geschichten erzählt haben. Das war ein Fluss! Meine Tante, meine Mutter, meine Schwester, meine Großmutter, Nachbarinnen…Und ich stand dabei, habe die meiste Zeit geschwiegen und nur geguckt. Und das hat mich geprägt! Ich habe nicht so viel Literatur gelesen, aber ich habe Geschichten – also die Tradition der mündlichen Überlieferung, die gelebte Tradition – erlebt und ich habe dann eingesehen, dass ich das zum Überleben brauche! Um das Schäbige schön zu machen, braucht es schöne Geschichten, bedarf es der Worte. Aber man darf sich nicht abkapseln. Das ist die große Illusion: Isolation ist Gift! Also schreibe ich die Geschichten nieder, die mir so einfallen: Mal fällt mir das ein, mal fällt mir dies ein und ehe ich mich versehe, ist draus ein Roman geworden (lacht).

SCHAU INS BLAU: Ist das Erzählen also eine Möglichkeit der Identitätskonstitution? Das Geschichtenerzählen sozusagen als eine Lebensgrundlage, als etwas, was Sie geprägt und zu dem gemacht hat, der Sie heute sind?

FERIDUN ZAIMOGLU: Das Leben ist spannender! Ich kann nur sagen, ich schreibe es auf, dann gehe ich wieder raus – ich bin an so vielen Orten! Als Kind wollte ich nie reisen. Ich wollte in meinem Zimmer oder im Garten sein und spielen. Aber ich wollte nicht weg! Es hat sich aber gezeigt, dass ich jetzt nur am Reisen bin. Ich bin auch, bevor das mit den Lesungen anfing, viel herumgereist. Das Leben war stärker, das Leben war spannender! Ich kann also nur sagen, wenn ich Geschichten schreibe, ist es nur eine Momentaufnahme, im wahrsten Sinne des Wortes. Weil ich aber so unruhig bin, geht es dann weiter und weiter. Im Grunde genommen müsste ich jedes Jahr einen Roman schreiben.

SCHAU INS BLAU: Sie leben in Geschichten?

FERIDUN ZAIMOGLU: Ich fühle die Geschichten, ich erlebe diese Geschichten, ich phantasiere und habe dann große Lust, diese Geschichten aufzuschreiben. Dann schreibe ich diese Geschichten auf, sie sind aber in keinster Weise ein Notbehelf oder eine verzweifelte Maßnahme, durch die Verschriftlichung gewissermaßen an Kontur zu gewinnen- nein, das nicht. Denn dann lockt wieder der Tag! Dann lockt die Stunde!

SCHAU INS BLAU: Sind Sie also neugierig und durchlässig für das Fremde?

FERIDUN ZAIMOGLU: Das Fremde, die Fremdheit…Das Erstaunliche ist, weil ich mich nie fremd gefühlt habe und nie fremd fühle, kann ich Geschichten schreiben, in denen die Fremdheit herrscht. Die existenziellste Fremdheit, die ich kenne, ist die zwischen Mann und Frau. Und ich finde sie herrlich!

SCHAU INS BLAU: Herr Zaimoglu, vielen Dank für dieses Gespräch!

FERIDUN ZAIMOGLU: Sehr sehr gerne!

 

Feridun Zaimoglu wurde 1964 in Bolu (Türkei) geboren, wuchs in München, Berlin und Bonn auf und lebt seit 1985 in Kiel. Dort studierte er Kunst und Humanmedizin. Heute arbeitet Zaimoglu als Schriftsteller, Dramaturg, Drehbuchautor und freier Journalist. Sein Debütroman Kanak Sprak (1995), der eine Debatte zu Subkultur und Migration entfachte, wurde ein multimedialer Erfolg. Zaimoglu gilt als Gründer der gesellschaftspolitischen Bewegung Kanak Attak, die sich für eine multikulturelle Gesellschaft einsetzt. Neben zahlreichen Stipendien und Förderungen, wie u.a. das Literaturstipendium Inselschreiber (2003), das Villa-Massimo-Stipendium (2005) und die Tübinger Poetik-Dozentur (2008), wurde Zaimoglu u.a. mit dem Friedrich-Hebbel-Preis (2002), dem Grimmelshausen-Preis (2007), dem Jakob-Wassermann-Literaturpreis (2010) und dem Berliner Literaturpreis (2016) ausgezeichnet. 2015 war Zaimoglu außerdem Mainzer Stadtschreiber und Nominierter für den Deutschen Buchpreis (Longlist).