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Von Lina Jaidi
Der inzwischen allgegenwärtige Einsatz von Künstlicher Intelligenz in allen möglichen Bereichen ist nicht nur aufgrund seiner ästhetischen Defizite ein viel beklagter Umstand, sondern wird vor allem deshalb kritisiert, weil er „echten“ Menschen die Arbeit abnimmt. Die Angst, dass KI sich zu einer Bedrohung für den lebensunterhaltsichernden Job entwickelt, ist daher längst keine irrationale mehr. Park Chan-Wook, zuletzt vor allem bekannt durch seinen Noir-Thriller „Die Frau im Nebel“, führt dieses höchstmoderne Problem in seinem neuesten Streifen „No Other Choice“ satirisch ad absurdum. Während die Buchvorlage „The Ax“ von Donald E. Westlake bereits 1997 erschienen ist, verlegt Park Chan-Wook die Handlung in unsere technische hochentwickelte Zeit und außerdem nach Südkorea, wo Leistungsdruck noch einmal eine ganz andere Bedeutung gewinnt. Wie der Film selbst betont, ist der Verlust des Arbeitsplatzes hier gleichbedeutend mit: „Kopf ab!“
Für den Protagonisten Yoo Man-soo, Familienoberhaupt einer nach außen bilderbuchhaft wirkenden Mittelstand-Familie, wird der Albtraum wahr: Im Zuge der Automatisierung seiner Firma wird er entbehrlich und verliert seinen Job als hochgestellter Mitarbeiter einer Papierfabrik. Weil Man-soo traditionellerweise der Alleinversorger der Familie ist, trifft das Unheil auch unmittelbar seine Ehefrau Mi-Ri sowie seine beiden Kinder. Die Tennisstunden, der Musikunterricht und das Netflix-Abo müssen gekündigt werden, die beiden Hunde sind „zwei Mäuler zu viel zum Stopfen“ und schließlich wird sogar das Haus, in dem die Familie lebt, zum Verkauf angeboten. Man-soos verzweifelte Suche nach einem neuen Job in der Papier-Branche bleibt erfolglos. Endlich aber – so meint er zumindest – erkennt er den Grund dafür: Die Konkurrenz ist zu stark. So fasst er den Entschluss, seine Mitbewerber ausfindig zu machen und zu beseitigen. Es beginnt eine teils kafkaesk anmutende Jagd auf seine Konkurrenten in der Papier-Branche, allesamt verzweifelte Mittelklasse-Männer, die ihre Liebe zum guten, alten, analogen Medium Papier einfach nicht loslassen können, allesamt Spiegelbilder seiner selbst.
In grellen, klaren, schonungslos präzisen Bildern verfolgen wir als Zuschauende Man-soos moralischen Abstieg, wobei die Kluft zwischen technischem Fortschritt und der Rolle des Menschen auch visuell immer wieder in den Fokus genommen wird, zum Beispiel wenn die Ehefrau eines Mitbewerbers auf einem Tablet die Waffe erkennen soll, mit der soeben ihr Mann erschossen wurde, während die spiegelnde Oberfläche des Geräts ihr emotionsloses Gesicht reflektiert. Man-soo lehnt außerdem auch während seiner ganzen Gräueltaten keinen einzigen Videocall seiner Frau ab. Glücklicherweise wird dabei nur ein digitaler Ausschnitt der Realität übermittelt und die Leiche, die sich nur knapp unter dem Handydisplay befindet, bleibt geheim.
Der Grundton des Films pendelt zwischen absurd-humoristisch und dramatisch-schockierend. Dieser Kontrast wird auch durch die Musikauswahl noch einmal unterstrichen. Abscheuliche Mordszenen werden von koreanischen Schlagern oder belebender Pop-Musik begleitet. Diese ständige Diskontinuität führt dazu, dass zu keinem Zeitpunkt absehbar ist, wohin die Handlung als nächstes abbiegen wird. Dem Publikum wird die schwierige Aufgabe gestellt, selbst zu entscheiden, wann es zu lachen, und wann es sich schockiert abzuwenden hat.
Die Ambivalenz des Films wird nicht zuletzt auch durch die karikaturistisch anmutenden Charaktere, beziehungsweise durch die schauspielerische Leistung ihrer Darsteller getragen. Lee Byung-hun, ein Shootingstar des südkoreanischen Films, hat durch seine Rolle als moralisch verkommener Hauptantagonist in der Netflix-Serie „Squid Game“ internationale Bekanntheit erreicht. Auch in No Other Choice gelingt es ihm wieder, den moralischen Verfall des Protagonisten authentisch zu verkörpern, ohne dabei jedoch eindimensional zu werden. Der hilflose Familienvater schimmert auch in den schockierendsten Szenen stets durch den Mörder hindurch.
„No Other Choice“ führt uns auf satirische Art und Weise höchstaktuelle gesellschaftliche Probleme vor Augen. Technischer Fortschritt, Leistungsdruck, die männliche Versorgerrolle, die Frage nach der Identität des Einzelnen in der kapitalistischen Gesellschaft und so vieles mehr werden unter Park Chan-Wooks scharfem Blick zum Spielball einer eindrucksvoll inszenierten, umfassenden Gesellschaftskritik, bei der einem das Lachen im Hals stecken bleibt.
