Jeder Mensch wird sterben

Jeder Mensch wird sterben

© Lukas Sche­pers

von Mesut Bayraktar

Es gibt kei­ne Wie­der­kehr, zu kei­nem Augen­blick. Bogu­mi­la, weiß geklei­det wie unbe­schrie­be­nes Papier, berei­te­te in der Küche das Mit­tag­essen vor, seit zwan­zig Jah­ren, jeden Tag, wenn sie nicht für den Spätdienst ein­ge­teilt war. Dabei glich der eine Tag dem vor­an­ge­gan­ge­nen nicht nur wie Eier im Regal eines Super­markts. Viel­mehr schien, die Tage wären ein und die­sel­ben, sodass das Wort All­tag sei­nen Betrug vor aller Augen ver­tu­schen und sei­ne Absich­ten beim gleich­zei­ti­gen Altern aller ver­fol­gen konn­te. So wird eine Ein­bil­dung, wird sie kon­se­quent ein­trai­niert, Wirklichkeit.

Nach­dem die Bewoh­ner sich inzwi­schen gesam­melt und um die Tische gesetzt hat­ten, ver­teil­te Bogu­mi­la Essen und Getränke. Sie hat­te sich dar­an gewöhnt, dass eini­ge Bewoh­ner nach trock­nem Atem und Urin rochen, wenn sie an ihren Rücken vor­bei­lief, oder dass ande­re sinn­wid­ri­ge Kom­men­ta­re äußerten, wenn sie nach wei­te­ren Wünschen frag­te. Das alles fand sie ver­zeih­lich, wei­de­te sich doch an Orten wie die­sen das Nichts, das sei­ne Sie­ge zele­brier­te und über die Fülle des Seins spot­te­te, die die Pfle­ger mit dem Weiß ihrer Hem­den, Hosen und Schu­hen als Ein­spruch erho­ben. Denn weiß ist das Licht, das auf dem Meer der Möglichkeiten perlt und auf ein bun­tes Trei­ben der Frei­heit war­tet. Jeder würde ein­mal alt wer­den, und schwach, dach­te Bogu­mi­la. Sie leg­te einem Bewoh­ner ein Tuch auf die Brust, ein­ge­hackt in sei­nem Kra­gen, und einer ande­ren Bewoh­ne­rin klemm­te sie eine Strähne hin­ter die Ohr­mu­schel. Danach strich sie für Frau Frank eine dünne But­ter­schicht auf eine Schei­be Voll­korn­brot. Sie teil­te es anschlie­ßend in vier Stücke, da das Gebiss von Frau Frank emp­find­lich war und nur in klei­nen Tei­len das Voll­korn zer­mal­men konn­te. Seit eini­gen Jah­ren wünschte sie zur Mit­tags- und Abend­mahl­zeit dunk­les Brot mit But­ter, dazu Tee oder, wenn ihr danach war, Trau­ben­saft. Das Frühstück ersetz­te sie mit einem verlängerten Schlaf. Sonst sprach sie wenig und seit sie sich nicht mehr frei bewe­gen konn­te, so gut wie gar nicht mehr. Überhaupt konn­te sie nie­mand ver­ste­hen, wenn sie sprach. So muss­te sie auf das gemein­sa­me Essen mit den ande­ren Bewoh­nern ver­zich­ten und sich ihre Nah­rung von den Pfle­gern mit einem klei­nen Wagen Tag für Tag ins Zim­mer rol­len lassen.

Als Bogu­mi­la behut­sam die Tür öffnete, strömte ihr der bit­te­re Geruch von Tod in die Nase. Auf ihren Ruf, dass die Zeit für das Mit­tag­essen gekom­men sei, ver­nahm sie ein wort­lo­ses Seuf­zen. Bogu­mi­la schob den Wagen neben das Bett von Frau Frank, goss mit einer Kan­ne etwas Was­ser in die bun­ten Blumentöpfe und öffnete, die bei­gen Gar­di­nen bei­sei­te­schie­bend, ein Fens­ter. Erst dann wand­te sie sich Frau Frank zu. Sie lag kraft­los auf der Matrat­ze mit­ten im Strei­fen des Son­nen­lichts, das sich durch das Fens­ter goss. Sie war klein, wie ab dem Schei­tel­punkt ihres Lebens mit jedem Jahr um einen Zen­ti­me­ter geschrumpft. Auf dem Kis­sen umkränzte ihr grau­es Haar das fah­le, gel­be Gesicht, in dem ihre hell­blau­en Augen leuch­te­ten, als schweb­ten Wol­ken über ihnen. Neben dem lin­ken Nasenflügel hock­te ein Mut­ter­mal wie ein Pilz zwi­schen Baum­wur­zeln, die sich in die Erde ver­sen­ken. Auf Bogu­mi­la mach­te sie den Ein­druck einer Ver­stor­be­nen, der ver­ges­sen wur­de, die Augen zu schließen.

„Wie geht es ihnen?“, rief Bogu­mi­la. Frau Frank stöhnte beim kläglichen Ver­such, sich auf­zu­rich­ten. Bogu­mi­la leg­te eine Hand unter die rech­te Ach­se und griff mit der ande­ren den lin­ken Unter­arm von Frau Frank. Der Unter­arm schien bloß aus Fleisch- und Fett­ge­we­be zu bestehen, ohne Kno­chen, ganz weich. Als ihr Ohr sich dem Mund von Frau Frank näherte, ver­klar­te sich das Gemur­mel zu einem Wort: „Warm… warm…“, das sie wie­der­hol­te. Dann erst ver­stand Bogu­mi­la das Unbe­ha­gen von Frau Frank. Sie leg­te die alte Frau vor­sich­tig wie­der auf den Rücken und nahm ein dünnes, kurzärmliges Shirt aus dem Klei­der­schrank. Als sie ihr das langärmlige aus­zog, hef­te­te sich ihr Blick auf die Brüste. Aus­ge­trock­net und zer­beult fie­len sie über den Bauch und auf ihren Spit­zen hat­te sie eine Rosafärbung, die auf Brust­war­zen ver­wies, von denen Kin­der wie Männer gelernt hat­ten, was Gebor­gen­heit heißt. Doch nun schie­nen sie eine Last für Frau Frank zu sein, die ankündigten, dass ihre Orga­ne im Ver­fall waren. Sie war die älteste Bewoh­ner­hin im Alten­heim, über neun­zig Jah­re alt, und es kur­sier­ten auf der Sta­ti­on Gerüchte, dass sie in Aus­sch­witz inhaf­tiert war. Damals, als die Bar­ba­rei wütete, die bis heu­te Stel­lung hält. Ob sie wirk­lich in Aus­sch­witz war, wuss­te kei­ner, auch nicht, wer sol­che Gerüchte in die Welt setz­te. Man wuss­te nur, dass sie seit einem Jahr­zehnt nicht mehr besucht wur­de und dass sie Jahr­zehn­te in einem Kabel­werk gear­bei­tet hat­te, bis die Knie nicht mehr mit­mach­ten. Auch war sie wohl eine Poli­ti­sche gewe­sen, eine Kom­mu­nis­tin, was jedoch auch nie­mand mit Gewiss­heit wuss­te und was die jüngeren Kol­le­gen auch nicht recht ver­stan­den. Auf der Sta­ti­on erwar­te­te man zumin­dest seit zwei, drei Jah­ren jenen Tag, an dem einer von ihnen das Voll­korn­brot mit But­ter und Tee in ihr Zim­mer rol­len würde, um anschlie­ßend zurückzukommen und den Tri­umph des Todes zu verkünden. Eini­ge stan­den die­sem Tag gleichgültig gegenüber, ande­re schau­der­ten davor, weil das Ver­ges­sen die Bil­der noch nicht bezwang, auf denen Frau Frank im Gar­ten Blu­men pflückte oder im Ess­zim­mer zwi­schen den ande­ren Bewoh­nern lächelte. Bogu­mi­la, die gedul­dig die Brotstückchen in den Mund von Frau Frank schob, gehörte zu den Schaudernden.

„Brau­chen Sie noch etwas?“, sprach Bogu­mi­la.
Frau Frank blick­te ihr mild ent­ge­gen, ein wenig teil­nahms­los, und ver­sank mit dem Kopf wie­der in das wei­che Kis­sen. Die Hel­le ihrer Augen erweck­te den Ein­druck, als blätterte sie in ihrem Gedächtnis durch ein Bil­der­buch ihrer Jugend und ihrer Kämpfe. Mit einem leich­ten Händedruck, bei dem Bogu­mi­la jeden Fing­er­wir­bel spürte, ver­ab­schie­de­te sie sich von Frau Frank. Sie leg­te den Tel­ler auf den Wagen und schloss hin­ter sich die Tür.
Nach­dem sie das Geschirr von den Tischen im Ess­zim­mer geräumt und die Spülmaschine ein­ge­schal­tet hat­te, tausch­te sie ihre wei­ße Klei­dung um in eine Jeans und ein grünes Shirt. Sie dach­te nicht mehr an Frau Frank. Ein jun­ger Kol­le­ge war bereits ein­ge­trof­fen, obwohl sein Dienst erst zwei Stun­den später begann. Er hat­te sich bereit erklärt, Bogu­mi­la früher abzulösen, da sie einen Ter­min beim Arzt hat­te. Auf die­sen Ter­min hat­te sie lan­ge war­ten müsse. Die Geschäftsleitung wuss­te nichts von der Abre­de zwi­schen den Kol­le­gen. Bogu­mi­la hat­te zwar vor einem Monat einen ent­spre­chen­den Wunsch gemein­sam mit dem Betriebs­rat vor der Geschäftsleitung geäußert, die ihn jedoch mit dem Ver­weis auf die Arbeits­zei­ten abge­wie­sen hat­te. Dass ihr nicht ein ande­rer Ter­min ange­bo­ten wer­den konn­te, abge­se­hen von sol­chen, die Bogu­mi­la auf wei­te­re Mona­te Unge­wiss­heit ver­ur­teil­ten, akzep­tier­ten sie nicht und an die wirk­li­chen Chefs konn­te sie sich nicht wen­den. Sie waren Gesichts­lo­se, die die Börsen bewohn­ten und dort über ihr Schick­sal, mit­samt dem ihrer Kol­le­gen und der Bewoh­ner, mit Wert­pa­pie­ren vom Alten­heim ent­schie­den. Des­to dank­ba­rer war Bogu­mi­la über das Verständnis ihres Kol­le­gen. Sie mach­te sich mit einer Enge in der Brust auf den Weg zur Arztpraxis.

Nach weni­gen Minu­ten im War­te­zim­mer rief eine bebrill­te Frau mit gewölbtem, rotem Haar über den Ohren Bogu­mi­la auf. Sie bat sie in ein Zim­mer mit einer Lie­ge, dane­ben ein Gerät mit Ver­ka­be­lun­gen und Instru­men­ten, die auf Bogu­mi­la einen bedroh­li­chen Ein­druck mach­ten. Sie fürchtete sich vor den Bot­schaf­ten, die die­se Instru­men­te aus ihrem Körper zie­hen und ihrem Geist wie ein Faust­schlag auf die Schläfe als unleug­ba­re Wahr­heit zufügen konn­ten. Sie gehörten zum Waf­fen­ar­se­nal der Macht.

Bogu­mi­la muss­te sich etwa zwan­zig Minu­ten gedul­den, bis der Arzt in das Zim­mer ein­trat. Er war ver­mut­lich so alt wie sie, Anfang fünfzig. Sein kurz­ge­scho­re­nes Haar war über den Ohren leicht ergraut und sei­ne Haut von zar­ter Bräune. Anders als Bogu­mi­la, die schwerfällig ihre Bei­ne und ihre Arme beweg­te, mach­te der Arzt flin­ke, leb­haf­te Bewe­gun­gen. Zwei­fel­los mach­te er regelmäßig Sport und aß das, was man in gebil­de­ten Klas­sen gesund nennt. Er setz­te sich an den Schreib­tisch, tipp­te kurz auf der Tas­ta­tur, guck­te nach­denk­lich auf den Bild­schirm und wand­te sich dann Bogu­mi­la zu, die auf der Lie­ge saß. Er bat sie, auf­zu­ste­hen und das Shirt hoch­zu­zie­hen, um ihren Rücken abzu­tas­ten. Dann lausch­te er mit einem Ste­tho­skop in ihre Lun­gen. Jedes Mal, wenn der Arzt das Bruststück auf ver­schie­de­ne Stel­len links wie rechts neben den Band­schei­ben drückte, schnapp­te sie schlag­ar­tig mit der Nase nach Luft und drückte die Lip­pen zusam­men. Die Kälte des Edel­stahls schreck­te sie auf, als setz­te der Arzt eine Pistolenmündung auf ihren Rücken, um ihr zu befeh­len, dass sie vorwärtsschreiten soll wie eine Gei­sel. Dann blick­te er in ihre Ohren, in ihre Mundhöhle und in ihre Rachen. Orte, die ihr Selbst aus­mach­ten, aber zu denen ihr Ein­bli­cke ver­wei­gert wur­den wie dem Pas­san­ten in das, was hin­ter Betriebs­to­ren geschieht. Mit jeder Sekun­de wur­de ihr der Körper, den der Arzt unter­such­te, ein Objekt, etwas Frem­des, Schritt für Schritt ent­eig­net. Sie stand außer sich und beob­ach­te die Hand­fer­tig­kei­ten des Arz­tes auf einem Körper, der jemand ande­rem gehören muss­te. In ihrem Kopf kreis­te nur ein ein­zi­ger Gedan­ke: Was wird der Arzt nach der Unter­su­chung sagen?

Die­ser Gedan­ke gehörte ihr, ganz allein. Denn er speis­te sich aus ihrer Angst und Angst ist eine Kern­schmel­ze, die man Ich nennt, wenn man Ich sagt und Ich meint. Das wuss­te sie, während der Arzt mit wei­te­ren Instru­men­ten in ihren Mund blick­te und bei­de Dau­men auf ihren Hals legte.

Es muss irgend­was mit mei­nem Hals sein, dach­te sie indes­sen, irgend­was mit mei­nem Mund. Dann ver­ließ der Arzt für weni­ge Augen­bli­cke das Zim­mer und kam mit einer dünnen Map­pe zurück. Dar­aus zog er Röntgenbilder, ver­teil­te sie über den Tisch und dreh­te den Bild­schirm in Bogu­mi­las Rich­tung. In einem tech­ni­schen Ton, ganz zweck­ge­bun­den, sprach der Arzt über das, was die Instru­men­te ihm über ihren Körper ver­ra­ten hat­ten. Er sprach von Not­wen­dig­kei­ten, von Chan­cen, schob sein Latein dazwi­schen, das Bogu­mi­la nicht ver­stand, von Schat­ten, hel­le­ren und dunk­le­ren, von ange­schwol­le­nen Lym­phen, von Tee, Sup­pe und Sport, von einem lan­gen Kampf, der auf­zu­neh­men sei; er sprach viel, zu viel, und je mehr er sprach, des­to abwe­sen­der wur­de Bogu­mi­la, die sich in das Laby­rinth ihrer Angst ein­grub wie ein Maul­wurf in sei­ne Unter­welt, weil er unge­bro­che­nem Licht nicht traut. So in sich ver­sun­ken, in einem Gefühl von Angst und Miss­trau­en, schoss plötzlich eine Fra­ge aus ihr her­aus, die sie weni­ger dem Arzt als viel­mehr dem Kos­mos stell­te: „Womit habe ich das verdient?“

Für einen Augen­blick war die Stil­le stärker als die Red­se­lig­keit des Arz­tes, der überrascht Bogu­mi­la anstarr­te. Dann ergriff er wie­der das Wort und ant­wor­te­te: „Nie­mand hat das verdient.“

Und doch geschieht es

dach­te Bogu­mi­la.
Der Arzt leg­te ihr eine Hand auf das Knie, als wäre er, wie zuvor mit dem Ste­tho­skop, in ihre Ein­ge­wei­de ein­ge­bro­chen und hätte ver­nom­men, was sie dach­te. Dar­auf ant­wor­te­te er: „Jeder Mensch wird ster­ben.“
Nur ein bedin­gungs­lo­ses „Ja“, ohne ein ergänzendes „aber“, war sie imstan­de, aus­zu­sto­ßen. Ihr „Ja“ klang wie eine Kapi­tu­la­ti­on, kurz, lei­se, ohne Satz­zei­chen, weder davor noch dahin­ter. Der Arzt drückte ihr Rezep­te und eine Überweisung zu einem Kol­le­gen in die Hand und ver­ab­schie­de­te sich.
Nach­dem sie bei einem Apo­the­ker unter Zuzah­lung die Medi­ka­men­te erhielt, stieg sie in einen Bus, der sie nach Hau­se in die Miet­woh­nung eines fünfstöckigen Hau­ses fuhr. Auf der Heim­fahrt blick­te sie durch die trüben Bus­fens­ter und sah Bäume. Sie waren scham­los grün. Während das Son­nen­licht auf den Blättern spiel­te, schien sie für einen Augen­blick mit dem Grün der Bäume versöhnt zu sein, ver­gaß die Not in ihrem Leben und emp­fand nicht mehr das Fall­ge­setz ihres Daseins, bis im nächsten Augen­blick die dunk­len Schat­tie­run­gen auf den Röntgenbildern vor ihren Augen erschie­nen, beglei­tet von den Wor­ten des Arz­tes: „Sehen Sie, die­se Stel­le, dort ist es.“ Dort, am Zun­ge­nen­de, im Hals, dort ist das Geschwür, das sie von Innen zer­frisst, ohne zu wis­sen, wer oder was es ihr in den Hals gesteckt hat. Einer muss es ihr doch in den Hals gesteckt haben, irgend­wer, viel­leicht nachts, viel­leicht am Tag, auf der Arbeit oder im Schlaf, der sie auf den nächsten Arbeits­tag vor­be­rei­te­te. Viel­leicht wohn­te Gott an die­ser Stel­le. Oder viel­leicht war das Leben der Täter, der es ihr seit ihrem acht­zehn­ten Lebens­jahr, als sie aus Dan­zig nach Deutsch­land gekom­men war, in den Hals steck­te. Erst mit einem Mob in Büroräumen, dann in wei­ßer Klei­dung mit ster­ben­den, ver­las­se­nen Körpern im Alten­heim. Oder waren es die ständigen Nebeneinkünfte durch pri­va­te Kin­der­be­treu­ung, mit der sie den Acht­stun­den­tag ergänzen muss­te, um mit ihrem Mann auch mal in den Süden rei­sen zu können, wo das Meer das Salz der Erde über die Wel­ten­en­den schüttet. Dann blick­te sie wie­der auf die Bäume, wie sie scham­los grünten, und bemerk­te, dass die Versöhnung, die sich in ihr angekündigt hat­te, eine fal­sche war, eine Hin­nah­me ohne eige­nes Zutun, eine Fol­ter ohne Wider­stand, ein kampf­lo­ses Erge­ben. Wut stieg in ihren Bauch und stemm­te sich im Hals wie ein Wall gegen das Geschwür.
Zuhau­se aß sie mit ihrem Mann Pawel zu Abend, der nach wie vor gebro­che­nes Deutsch sprach. Er arbei­te­te auf dem Bau, seit er nach Deutsch­land gekom­men war. Zwar oft den Lohn­ge­ber wech­selnd, aber stets auf dem Bau. Ent­spre­chend war er breit­schult­rig, hat­te stei­ner­ne Unter­ar­me, doch zugleich hat­te sich mit den Jah­ren auch ein Fettgürtel um den Bauch gespannt und auf dem Kopf war sein rost­brau­nes Haar licht­durch­flu­tet. Bei­de kann­ten sich schon das gan­ze Leben, waren aus dem­sel­ben Dorf im Umland der Hafen­stadt Dan­zig, gin­gen gemein­sam in die Schu­le und hei­ra­te­ten, als Bogu­mi­la acht­zehn und Pawel drei­und­zwan­zig war. Nur er nann­te sie nicht beim rich­ti­gen Namen, son­dern sag­te kurz „Mila“, was ihm bes­ser gefiel. Nach dem Mau­er­fall lock­te sie ein gro­ßes Ver­spre­chen in den Wes­ten, auf des­sen Einlösung sie bis heu­te war­ten, obwohl sie den Wort­laut des Ver­spre­chens schon in den ers­ten Jah­ren ver­ges­sen hat­ten. Sie hat­ten zwei Söhne, ein drit­tes Kind konn­ten sie sich nicht leis­ten. Der Ältere kam schon in Polen auf die Welt und arbei­te­te inzwi­schen bei einer Ver­si­che­rungs­ge­sell­schaft in einer ande­ren Stadt. Er hat­te eine Freun­din, eine Leh­re­rin, und alle war­te­ten auf die Hoch­zeit und das ers­te Kind. Der Jüngere kam in Deutsch­land auf die Welt, hat­te nach der Schu­le eine Aus­bil­dung als Tisch­ler gemacht, eini­ge Jah­re gear­bei­tet und eini­ge in der Arbeits­lo­sig­keit verloren.

Bis auf das Übliche hat­ten Bogu­mi­la und Pawel an die­sem Abend kein Wort mit­ein­an­der gewech­selt. Nur ein­mal bemerk­te Pawel eine tränenlose Trau­er auf den Lidern sei­ner Frau. Instink­tiv frag­te er, ob alles in Ord­nung sei. Bogu­mi­la nick­te eben­so instink­tiv, obwohl Unru­he augen­blick­lich in ihr Gehirn schnell­te, und bei­de starr­ten wie­der den Fern­se­her an. Pawel wirk­te, als wäre dies sei­ne Art Joga, womit er im Geist die Wun­den leck­te, die ihm die schwe­ren Geräte, das Zement und die Befeh­le des Bau­herrn tagsüber zugefügt hat­ten. In den Aben­den ver­gan­ge­ner Tage, Wochen, Mona­te fühlte sich auch Bogu­mi­la oft so, auch wenn manch­mal der Trost glücklicher Tage und Nächte bei­de überraschte und für Hei­ter­keit und Freu­de sorg­te. An die­sem Abend war aller­dings weder das eine noch das ande­re der Fall. Ihre Gedan­ken waren hin­ter Gitterstäben gefan­gen, die sich mit den Röntgenbildern um sie gelegt hatten.

Irgend­wann, nach­dem die Körper der Bei­den ein­ge­se­hen hat­ten, dass sie vor­erst nicht mehr von einer frem­den Macht ver­braucht wer­den würden, leg­ten sie sich ins Bett. Sie kamen zur Ruhe. Ein letz­tes Mal streck­te einer der Gedan­ken von Bogu­mi­la einen Arm aus den Gitterstäben, im Ver­such, nach Pawel zu grei­fen, um ihm zu sagen, dass er sie von nun an ganz fest hal­ten müsse, ohne los­zu­las­sen, ganz fest hal­ten. Doch als sie sah, dass Pawel, weni­ger aus Unacht­sam­keit als viel­mehr aus Erschöpfung, bereits ein­ge­deckt sein Gesicht in das Kis­sen grub, gab sie den Gedan­ken auf. Sie wuss­te, dass er für sie da war, dass er sie lieb­te. Eben­so wuss­te sie, dass sie für ihn da war, dass sie ihn lieb­te. Doch wuss­te sie auch, dass Lie­be Kraft brauch­te, wie Mus­keln Nah­rung brau­chen und wie Den­ken Man­gel­lo­sig­keit und Wohl­stand braucht. Die­se Kraft hat­te in die­sem Moment weder sie noch Pawel. Viel­mehr blitz­te der Gedan­ke in ihr auf, während sie die stop­pe­li­ge, gerötete Wan­ge von Pawel ansah, dass sie schon lan­ge nicht mehr die Wärme sei­nes Körpers auf ihrer Haut und die Härte sei­nes Glieds in ihrem Körper gespürt hat­te. Sie woll­te mit ihm schla­fen, aber nicht heu­te, son­dern viel­leicht mor­gen oder übermorgen oder irgend­wann. Jeden­falls kit­zel­te eine Lust an ihren Leis­ten, die ihr zeig­te, dass sie noch leb­te. Sie knips­te das Licht auf ihrer Kom­mo­de neben dem Bett aus und schloss die Augen.

Kurz spuk­te der Gedan­ke durch ihren Kopf, ob die­se Lust, moch­te sie auch gering sein, durch die The­ra­pie ausgelöscht wer­de, da sie womöglich ihre Geschmacks­ner­ven ver­lie­ren wer­de, wie der Arzt sag­te. Wird sie dann auch ihren Geschmack, ihre Lust am Leben ver­lie­ren? Und plötzlich stürzte die­se Angst in das Gedächtnisbild von den aus­ge­trock­ne­ten, zer­beul­ten Brüsten von Frau Frank. Am nächsten Mor­gen knüpften Bogu­mi­las Gedan­ken hier an und setz­ten sich an die­sem Strang zu einer Ket­te fort, nur wuss­te sie nicht, ob sie darüber vor dem Ein­schla­fen nach­ge­dacht hat­te oder ob es sich bereits um Traum­bil­der han­del­te, die die Wel­len ihres Unbe­wuss­ten über Nacht in ihr Bewusst­sein gespült hatten.

Mit die­sem Rätsel, das sie unmöglich lösen konn­te, ging sie zur Arbeit. Die Geschäftsleitung schien kei­nen Ver­dacht wegen der Abre­de zwi­schen ihr und ihrem jun­gen Kol­le­gen zu hegen, vor­erst. Sie wech­sel­te ihre Jeans und ihr grünes Shirt gegen ein wei­ßes Hemd, eine wei­ße Hose und wei­ße Schu­he. Später ging sie zu der Sta­ti­on, wo Frau Frank lag, wie immer zur Mit­tags­zeit, wenn sie Frühdienst hat­te. Dies­mal zog sie irgend­et­was zu ihr, zu Frau Frank, irgend­et­was, was nichts mit ihrem Beruf als Pfle­ge­rin zu tun hat­te. Bogu­mi­la ver­teil­te das Mit­tag­essen im Ess­zim­mer an die Bewoh­ner, frag­te eini­ge, ob sie noch was wünschten und stell­te dann die vier­ge­teil­te Schei­be Voll­korn­brot, but­ter­be­schmiert, und eine Tas­se Tee auf den klei­nen Wagen. Erst klopf­te sie an, um ihr Ein­tre­ten anzukündigen, dann öffnete sie lang­sam die Tür. Wie gewohnt pus­te­te ihr der Tod sei­nen Atem ins Gesicht.

„Das Mit­tag­essen ist da“, rief Bogu­mi­la und stell­te den Wagen neben das Bett, um die beige Gar­di­ne bei­sei­te­zu­schie­ben und das Fens­ter zu öffnen. Frau Frank lag wie­der mit­ten im Strei­fen des Son­nen­lichts, das sie ein­deck­te. Die Hel­le ihrer blau­en Augen war auf die Wol­ken gerichtet.

„Wie geht es Ihnen?“, sprach Bogu­mi­la. Frau Frank ant­wor­te­te nicht. Bogu­mi­la dach­te, dass sie zu lei­se gespro­chen hat­te, und wie­der­hol­te lau­ter: „Wie geht es Ihnen?“
Frau Frank reagier­te nicht.
Erst dann fiel Bogu­mi­la auf, dass die alte Frau nicht wie üblich gemur­melt oder geseufzt hat­te, als sie das Zim­mer betre­ten hat­te. Sie näherte sich ihr, setz­te sich neben sie auf das Bett und such­te an Hals und Hand­ge­lenk einen Puls­schlag, ver­geb­lich. Dann blick­te sie lan­ge in die hell­blau­en Augen, die Bogu­mi­la an den Him­mel über der Ost­see erin­ner­ten, deren bei­der Blau am Hori­zont zusam­men­schmolz. Es schien, dass der Blick, der an den offen­ste­hen­den Augen von Frau Frank haf­te­te, den­sel­ben Him­mel sah, den sich Bogu­mi­la vor­stell­te. Nun schloss Bogu­mi­la die Augen von Frau Frank und dach­te dabei an die Wor­te des Arz­tes: „Jeder Mensch wird sterben.“

Als das Zim­mer, das Frau Frank bewohnt hat­te, in den fol­gen­den Tagen geräumt und jede Spur ihrer Exis­tenz aus dem Zim­mer radiert wur­de, als nie­mand außer die Kol­le­gen auf der Sta­ti­on von ihrem Tod etwas ver­nom­men hat­ten, da nie­mand kam, um ihr die letz­te Ehre zu erwei­sen, da spürte Bogu­mi­la die tota­le Anwe­sen­heit des Todes, der sich mit tota­ler Lee­re zeigt. Das mach­te Bogu­mi­la Angst. Noch immer hat­te sie Pawel nichts von dem Geschwür in ihrem Hals gesagt. Auch wuss­ten ihre Söhne noch nichts davon, auch nicht der Jüngere, dem gegenüber sich Bogu­mi­la frei­er öffnen konn­te, ohne zu wis­sen war­um. Sie spürte eine Hand um ihren Hals, viel­leicht wegen der Dicke der ange­schwol­le­nen Lymph­kno­ten, als würde der Tod sie erwürgen wol­len. Während sie sich räusperte und hus­tend nach Luft schnapp­te, zog ein Bil­der­strom von der Mühseligkeit ihres Lebens vor ihren Augen vor­bei. Dabei fiel sie auf die Knie und woll­te sich vom Würgegriff befrei­en. War Frau Frank wirk­lich in Aus­sch­witz gewe­sen, schoss es plötzlich durch ihren Kopf.

In die­sem Moment ent­deck­te sie ein Kol­le­ge und brach­te ihr ein Glas Was­ser, das sie rasch aus­trank. Ihr Hals beru­hig­te sich und sie rich­te­te sich wie­der auf. Die Kol­le­gen frag­ten, ob sie nicht nach Hau­se oder zum Arzt gehen wol­le. Nein, ant­wor­te­te sie, da sie ahn­te, dass Zuhau­se die Lee­re und beim Arzt die Macht auf sie war­te­te. Eine Kampf­lust, scheu und ganz zag­haft, zuck­te durch ihre Glie­der. Etwas hat­te sich verändert, auch wenn alles gleich­ge­blie­ben war. Es gab für Bogu­mi­la kei­nen All­tag mehr. Es hat­te nie einen All­tag gegeben.

Pünktlich zum Beginn des Spätdienstes ver­ließ sie ihren Arbeitsplatz.

Mesut Bay­raktar, geb. 1990 in Wup­per­tal, grün­de­te »nous – kon­fron­ta­ti­ve Lite­ra­tur« 2013 gemein­sam mit Kamil Tybel. Er hat Rechts­wis­sen­schaf­ten und Phi­lo­so­phie in Düs­sel­dorf, Lau­sanne, Köln und Stutt­gart stu­diert. Er ist Autor der Roma­ne »Brie­fe aus Istan­bul« (Dia­log-Edi­ti­on, 2018), »Wunsch der Ver­wüst­li­chen« (Autum­nus Ver­lag, 2021) und »Aydin – Erin­ne­rung an ein ver­wei­ger­tes Leben« (Unrast Ver­lag, 2021) sowie eines Buchs über G.W.F. Hegel mit dem Titel »Der Pöbel und die Frei­heit« (Papy­ros­sa Ver­lag, 2021). Auch erschien sein Thea­ter­stück »Die Bela­ger­ten« als Buch (Dia­log-Edi­ti­on, 2018), das 2020 in tür­ki­scher Über­set­zung mit dem Titel »Kuşa­tıl­mışlar« durch Tay­fun Demir ver­öf­fent­licht wur­de. 2019 hat er vom Thea­ter tri-büh­ne sei­nen ers­ten Stück­auf­trag zum The­ma Ger­da Taro und der spa­ni­sche Bür­ger­krieg erhal­ten. Der Text wur­de fer­tig­ge­stellt, die Urauf­füh­rung Anfang 2020 fiel jedoch auf­grund der Coro­na-Pan­de­mie aus. Im Rah­men des Pro­jekts »Fehlt Ihnen / Dir Schil­ler« des Deut­schen Lite­ra­tur­ar­chivs Mar­bach im Som­mer 2021 wur­de er als Sti­pen­di­at durch den Pro­jekt­pa­ten Burk­hard C. Kos­min­ski (Inten­dant des Staats­thea­ters Stutt­gart Schau­spiel) aus­ge­wählt. Sein Thea­ter­stück »Gast­ar­bei­ter-Mono­lo­ge« wur­de als Sze­ni­sche Ein­rich­tung (Micha­el Weber) am 25. Novem­ber 2021 am Deut­schen Schau­Spiel­Haus Ham­burg urauf­ge­führt. Auf­füh­run­gen in Hanau, Ber­lin, Bochum, Köln u.a. fol­gen. Er ist Sti­pen­di­at der Kunst­stif­tung Baden-Würt­tem­berg in der Spar­te Lite­ra­tur 2019.