Manó

Manó

von Manu­el Paß

Ers­tens kommt es anders und zwei­tens, als Manó eines Sams­tag­abends über die Brü­cke lief, unter der sich gera­de der kitsch­pin­ke Abend­him­mel im Was­ser spie­gel­te, sah er die Frau sei­ner Träume.

Seit einem Monat hat­te er sie jede Nacht gese­hen. Wie sie an einem Kla­vier saß, einen schie­fen Hut trug und rus­si­sche Wal­zer schmet­ter­te. Oder wie sie gemein­sam mit ihm durch ein spät­som­mer­li­ches Wei­zen­feld lief und er schon einen Trop­fen Milch gespürt hat­te, und sie schnel­ler lie­fen, um nicht in einen Früh­stücks­flo­cken-Hagel zu gera­ten. Oder wie sie stun­den­lang am Fluss saßen und Enten füt­ter­ten, und dar­an war nun wirk­lich nichts Auf­re­gen­des gewe­sen, und Manó hat­te fest­ge­stellt, dass es auch in Träu­men mög­lich war, sich zu langweilen.

Und nun stand sie leib­haf­tig vor ihm. Und er hat­te nicht die gerings­te Ahnung, was er sagen soll­te. „Ich ken­ne dich.“ Nein. „Ich habe von dir geträumt.“ Bes­ser nicht. „Sieht nach Milch aus, die Wol­ken dahin­ten gefal­len mir gar nicht.“ Noch wäh­rend er über­leg­te, ob ihm der Spruch pas­send erschien, muss­te er fest­stel­len, ihn längst laut geäu­ßert zu haben. Kurz war er etwas unsi­cher, aber sie lach­te und hak­te sich bei ihm unter, und so spa­zier­ten sie gemein­sam die Brü­cke hin­auf und er schwitz­te furchtbar.

Hin­ter sei­ner Stir­ne rat­ter­te es. Etwas muss­te gesagt wer­den. Viel­leicht soll­te er ihr von sei­nem Pro­jekt erzäh­len? Er arbei­te­te in jenen Wochen fie­ber­haft dar­an, alle Trep­pen, die er fin­den konn­te ein­mal ganz nach oben zu stei­gen. Ein sehr wei­ser Mann, der aus dem Mund stank, hat­te ihm in einer Bar davon erzählt, dass Gott einem wenn man starb eine Trep­pe erschei­nen las­se, die man dann im Licht von hun­der­ten Büh­nen­schein­wer­fern unter dem Gesang tau­sen­der Engels­stim­men hin­auf zu schrei­ten habe.

Der Mann war danach vom Bar­ho­cker gekippt und hat­te sich ein paar Minu­ten lang nicht bewegt, und Manó wuss­te nicht, ob die Sani­tä­ter es geschafft hat­ten ihn zu reani­mie­ren, aber seit­dem hat­te ihn jeden­falls die Angst nicht mehr los­ge­las­sen, er habe die rich­ti­ge Trep­pe bereits ver­passt, er sei viel­leicht bereits tot und könn­te längst im Para­dies Apfel­ku­chen essen, hät­te er nur die ver­damm­te Trep­pe erkannt, als sie sich ihm dar­ge­bo­ten hat­te. Eine lei­se Hoff­nung hat­te er aber doch, dass die rich­ti­ge Trep­pe viel­leicht noch gar nicht dabei gewe­sen sei.

Nun war er sehr dar­auf bedacht, sei­ne Chan­ce nicht zu ver­pas­sen, wenn sie sich ihm dar­bö­te. Das brach­te eini­ge Schwie­rig­kei­ten mit sich. Ers­tens gab es vie­le Trep­pen. (Wie vie­le, wur­de einem erst klar, wenn man sie alle bestieg.) Und zwei­tens über­kam ihn jedes Mal ein lei­ses Unbe­ha­gen, wenn er sie wie­der nach unten ging, schließ­lich wuss­te man ja nicht, wie wie­der­um der Teu­fel einen nach dem Tod in sein Reich ein­la­den wür­de, das hat­te ihm der wei­se Mann lei­der nicht mehr ver­ra­ten. Eine Zeit lang war er dazu über­ge­gan­gen, immer mit dem Auf­zug nach unten zu fah­ren wenn es einen gab, irgend­wann war ihm aller­dings klar gewor­den, dass das nicht viel bes­ser war, eher schlim­mer noch, da er sich den Weg in die Höl­le bei genaue­rem Nach­den­ken doch eher vor­stell­te wie eine Fahr­stuhl­fahrt nach unten, bei der der Auf­zug ein­fach das gewünsch­te Stock­werk über­springt und bis ins Kel­ler­ge­schoss hin­un­ter­fährt, wo sich dann die Türen öff­nen und der Gehörn­te einen höchst­per­sön­lich empfängt.

Manó wur­de klar, dass er zu lan­ge nichts gesagt hat­te, das Mäd­chen an sei­nem Arm sah ihn schon seit eini­gen Minu­ten mit etwas rat­lo­ser Mie­ne an. Er blick­te sich hek­tisch nach einem Stroh­halm um, sei­ne Augen streif­ten die stäh­ler­nen gol­den glit­zern­den Vor­hän­ge­schlös­ser, die da zu hun­der­ten mit Initia­len und Plus­sen ver­se­hen am Gelän­der der Brü­cke hin­gen. Und um nicht noch län­ger zu schwei­gen, schlug er vor, ein Schloss zu kau­fen, ein Vor­hän­ge­schloss, und den jeweils ers­ten Buch­sta­ben ihres Vor­na­mens dar­auf zu schrei­ben, links und rechts neben ein dickes Plus. Laut aus­ge­spro­chen, kam ihm der Gedan­ke sofort unbe­schreib­lich dumm vor. Ihm wur­de klar, dass er ihren Namen über­haupt nicht kann­te und sich bla­mie­ren wür­de beim Beschrif­ten des Schlos­ses. Und dass ein Schloss sowie­so ein schlech­tes Sym­bol war, für so ziem­lich alles, vor allem für Lie­be. Wie soll­te man das ver­ste­hen? Unse­re Lie­be ist wie ein Vor­hän­ge­schloss? Des­sen Schlüs­sel man irgend­wann in einen rei­ßen­den Fluss gewor­fen hat. Das neben hun­dert ande­ren bil­lig glit­zern­den Vor­hän­ge­schlös­ser­paa­ren fest an sei­nem Platz hängt und lang­sam vor sich hin rostet.

Manó hass­te sich dafür, das dum­me Schloss erwähnt zu haben. Aber sie? Sie schien es ihm über­haupt nicht übel zu neh­men, lach­te nur wie­der, und zog ihn wei­ter, an ihrer Hand, und Manó ließ sich mit zie­hen und hör­te ihr andäch­tig zu, denn sie hat­te ange­fan­gen etwas schräg eine recht schö­ne Melo­die zu sin­gen, deren Wor­te ihm fremd erschie­nen, kei­ne der Spra­chen, die er schon ein­mal gehört hat­te. Vor dem Ein­kaufs­zen­trum blie­ben sie kurz ste­hen. Einen Moment lang sah Manó dem Asphalt mit zusam­men­ge­knif­fe­nen Augen dabei zu, wie er in der Son­ne glitzerte.

Dann zog sie ihn mit sich und er fühl­te sich sehr leicht, wie sie so durch die Luft­schleu­se über der Ein­gangs­tü­re des Ein­kaufs­zen­trums glit­ten, und wie ein Luft­zug zog sie ihn auf die Stu­fen der Roll­trep­pe und lang­sam fuh­ren sie nach oben. Manó sah aller­lei schö­ne Din­ge, glit­zern­des Papier und ein­la­den­de Aus­la­gen und alles war hell erleuch­tet, und roch leicht par­fü­miert. So fuh­ren sie sie­ben Stock­wer­ke hoch, und nach jedem Stock­werk, dreh­ten sie eine Run­de und die Pracht wur­de noch rei­cher und herr­li­cher. Manó war es wie ein Tanz die gerif­fel­ten Metall­wen­del­trep­pen nach oben, die letz­te Roll­trep­pe, die in den ach­ten Stock führ­te war aus­ge­fal­len, und so eil­ten sie zu Fuß hin­auf, aber Manó schien es kaum noch zu bemer­ken so beschwingt war er von allem, und von der lieb­rei­zen­den Gestalt die ihn da an ihrer Hand Stu­fe für Stu­fe emporzog.

Da stan­den sie. Auf den etwas nas­sen Holz­die­len der Dach­ter­ras­se und ver­ein­zelt tröp­fel­ten noch wei­ße Per­len vom Rand eines Vor­dachs auf sie her­un­ter. Manó sah über die Dächer in denen sich der quitsch­pin­ke Him­mel spie­gel­te und sog den wal­di­gen Geruch der Luft nach einem Milch­re­gen in sich ein und hielt die Hand der Frau sei­ner Träu­me fest in sei­ner. Sie lächel­te. Und wie er sie so ansah, wur­de ihm klar, dass er wäh­rend des gesam­ten Auf­stiegs kei­ne Roll­trep­pen gese­hen hat­te, die nach unten führ­ten. Dass alle Roll­trep­pen an denen er vor­bei gekom­men war in die glei­che Rich­tung unter­wegs gewe­sen waren, nach oben, immer nach oben. Sie lächel­te erneut. Er lächel­te zurück, sie nick­te ihm auf­mun­ternd zu, und gemein­sam gin­gen sie bis vorn ans Gelän­der, und das Bild, das noch für einen Sekun­den­bruch­teil auf Manós Netz­haut nach­flim­mer­te, als das klei­ne Licht hin­ter sei­nen Augen schon erlo­schen war, war das ihrer wun­der­schö­nen blon­den Haa­re, wie sie im Wind fla­cker­ten, und das ihrer lachen­den wei­ßen Zäh­ne. Und pures Glück floss auch dann noch durch sei­ne Adern, als die­se sich bereits dem grau­en Asphalt zur freund­li­chen Umar­mung geöff­net hatten.

Manu­el Paß, gebo­ren 1995 in Graz, stu­diert in Bam­berg Ger­ma­nis­tik und Phi­lo­so­phie. Seit acht Jah­ren schreibt er Rap-Tex­te (CD-Ver­öf­fent­li­chung 2014: Der Teu­fel singt Schla­ger), seit drei Jah­ren ver­mehrt Lyrik und Kurz­ge­schich­ten. 2016 nahm er an den Baye­ri­schen Meis­ter­schaf­ten in Poe­try Slam teil, im Febru­ar 2017 las er im Rah­men der PULS-Lese­rei­he des Baye­ri­schen Rund­funks in Würz­burg und beim Fina­le in Mün­chen. Zudem gibt er seit 2016 mit Kom­mi­li­to­nin­nen in Bam­berg die stu­den­ti­sche Lite­ra­tur­an­tho­lo­gie for­tis­sis­si­mo her­aus. Manó war einer sei­ner Bewer­bungs­tex­te für die Baye­ri­sche Aka­de­mie des Schreibens.