Bild: M. Rittershaus
Von Veronika Metzger
Am 10.05.2026 stand die Uraufführung der englischsprachigen Oper „OF ONE BLOOD“ im Nationaltheater in München an. Der australische Komponist Brett Dean schafft in zwei Akten eine dramatische Darstellung des Schicksals von Elizabeth Tudor und Mary Stuart, welche hier als Gegenspielerinnen desselben Blutes inszeniert werden.
Die Inszenierung ist eine außergewöhnliche und visuell eindrucksvolle Bearbeitung des historischen Stoffes. Bereits zu Beginn fällt das ungewöhnliche Bühnenbild auf: Ein steriler, fast laborartiger Raum bildet den äußern Rahmen, in dem die Vergangenheit wie in einer Art Vergrößerungsglas untersucht und auf der Bühne rekonstruiert wird. Durch diese Dialektik von Vergangenheit und Gegenwart entsteht ein spannender Kontrast, welcher den Stoff in der Gegenwart ansiedelt, zugleich aber auch aus der Distanz heraus betrachtet. Besonders überzeugend ist die Art und Weise, wie das Verhältnis von Macht und Gesellschaft anhand der Figuren Mary Stuart und Elizabeth Tudor szenisch dargestellt werden.
Die geteilte Bühne im ersten Akt macht die Trennung der beiden Königinnen sichtbar, obwohl sie durch ihre Herkunft und politische Situation eng miteinander verbunden sind. Durch die räumliche Gegenüberstellung wird der Eindruck eines unversöhnlichen Konflikts verstärkt. Auch die Requisiten wie etwa Thron und Babywaage verdeutlichen die unterschiedlichen Rollen der beiden Frauen. Auf der einen Seite steht Elizabeth Tudor, die herrschende Monarchin, auf der anderen Seite Mary Stuart, die Mutter und bedrängte Gegnerin. Es wird mit starken Bildern gearbeitet, die teilweise etwas überzogen wirken. Das wiederholte Entfernen von Leichen und das Reinigen der Bühne erzeugen eine fast beklemmende Künstlichkeit. Dadurch wird der Eindruck verstärkt, dass Gewalt und Tod in dieser Inszenierung zwar allgegenwärtig sind, aber zugleich in eine kontrollierte Ordnung gezwungen werden. Gerade diese Idee ist interessant, auch wenn sie für manche Zuschauer: innen möglicherweise zu laborhaft oder expressiv wirkt.
Dass das musikalische Historiendrama nicht jedermanns Sache ist, macht sich nach der Pause bemerkbar. Einige Personen haben den Saal bereits verlassen. Doch ich bin gespannt darauf, welche unkonventionellen Klangtechniken und unerwarteten Momente die Oper noch zu bieten hat. Im zweiten Akt verdichtet sich die Tragik noch einmal deutlich. Der Konflikt zwischen den beiden Königinnen kulminiert im Urteil gegen Mary Stuart, das nicht nur politisch, sondern auch moralisch als schwerwiegende Entscheidung erscheint. Besonders eindrucksvoll ist die Schlusssequenz, in der die schottische Königin hingerichtet wird und rotes Licht die Bühne beleuchtet. Der Moment wirkt erschütternd, trifft das Publikum durch emotionale Intensität und hinterlässt einen bleibenden Eindruck.
Auch musikalisch entfaltet die Oper eine große Wucht. Der Chor und die Konsorten untermauern das Schicksal der beiden Königinnen und machen so den inneren und äußeren Machtkampf intensiv hörbar. Allerdings führt die Lautstärke der Musik an einigen Stellen dazu, dass der Gesang schwer zu verstehen ist. Die eingeblendeten Untertitel sind deswegen unverzichtbar. Hervorzuheben sind besonders die Leistungen der beiden Sopranistinnen Vera-Lotte Boecker und Johanni van Ostrum, welche die beiden Königinnen verkörpern. Es gelingt ihnen, sowohl die inneren Konflikte als auch die Würde ihrer Figuren stimmlich und auch spielerisch auszudrücken. Auch das Orchester und die Konsorten überzeugen durch eine kraftvolle und sehr gute Leistung.
Nach einer kurzen Stille im Publikum folgt der Applaus. Insgesamt ist die Inszenierung keine leichte Kost, aber wer sich auf expressive Bildsprache und die klangliche Intensität einlässt, erlebt eine Oper, die er sicher nicht mehr so schnell vergessen wird. Da die Geschichte aus Briefen von Mary Stuart und Elizabeth Tudor zusammengestellt wurde und sich somit auch ein Stückchen Wahrheit hinter der Inszenierung verbirgt, ist die Oper somit sicherlich auch für Geschichtsinteressierte sehenswert.
Vor der Spielzeitpause gibt es leider keine Vorstellungen mehr, aber ab dem 03.10.2026 wird „OF ONE BLOOD“ wieder im Nationaltheater zu sehen sein.
