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Von Josipa Grubeša
Im vergangenen Jahr hielt Judith Schalansky als Gastprofessorin die berühmten Poetikvorlesungen an der Frankfurter Goethe-Universität. Nun ist daraus ein Buch entstanden, in dem es – wie bereits im Klappentext der Neuerscheinung angekündigt – „um alles geht“.
Wenn es ein Zufall war, dass ausgerechnet Judith Schalansky an eine nach Goethe benannte Universität eingeladen wurde, dann war es ein glücklicher. Auch wenn Schablansky und Goethe im Allgemeinen schwer miteinander verglichen werden können, eines haben sie gemeinsam: eine große Leidenschaft für die Naturwissenschaften. Und daraus wird kein Hehl gemacht, sondern das Interesse ist bereits titelgebend – Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist. Außerdem ist Schalansky seit über zehn Jahren die Herausgeberin und Buchgestalterin der Buchreihe Naturkunde; auch in ihren mittlerweile mehrfach ausgezeichneten Werken wie Der Hals der Giraffe oder Verzeichnis einiger Verluste spielt die Natur eine zentrale Rolle.
Die zitierte Verlagsankündigung des neuen Prosawerks – es geht darin „um alles“ – ist nicht metaphorisch zu verstehen. Denn bereits der erste essayartige Text nutzt den titelgebenden Marmor als Impuls, nicht nur über den Marmorabbau und altgriechische Architektur sowie Bildhauerei zu sprechen, sondern auch die latente Frauenfeindlichkeit hinter dieser häufig unkritisch bewunderten Kunst zu entlarven. Ein Blick in die Altsteinzeit zeigt auf, dass die altgriechische Bildhauerei nur eine Fortsetzung einer seit langem etablierten Vorstellung über Frauen ist und Schalansky kann nur resigniert feststellen, „dass kultische Überhöhung für Frauen kaum weniger fatale Folgen hat als ihre wortwörtliche Erniedrigung“. Im zweiten Text namens Quecksilber ist das kritische Moment ebenfalls präsent, wenn auch nicht im Fokus der Betrachtungen. Schalanskys Vortrag über Typographie an einer mexikanischen Universität bildet den Rahmen des Textes, der im Ton eher einer Erzählung als einem Essay ähnelt. Die Erzählung widmet sich persönlichen Erfahrungen, die sich, wie Quecksilber, von einer Lebensphase in die andere ergießen und das Individuum zu dem machen, was es ist. Auch der dritte Text bleibt dem titelgebenden Nebel treu und stellt alles in den Mittelpunkt, was sich als nebelig oder nebulös beschreiben lässt. Es wird eine breite Spanne an Phänomenen besprochen – vom echten Naturphänomen der Kondensation bis zu den großen Sprachmodellen, deren zukünftige Möglichkeiten noch im Nebel liegen und für deren Datenbankserver bereits der kleinste Tropfen dieses Wetterphänomens gefährlich ist und auf ihnen gespeicherte Daten unwiderruflich zerstören kann. Das Prinzip aller drei Texte ist dasselbe – die sogenannte „tote“ Natur dient als Ausgangspunkt der Überlegungen, die häufig sehr philosophisch und komplex werden und die Grenze zwischen Natur und Kultur auflösen, was den Essayband in die Tradition des Nature Writing einordnet.
Ein weiterer, sehr zentralerer Aspekt ist das Schreiben selbst. Im Grunde handelt es sich um poetologische Essays, die den Akt des Schreibens reflektieren. Jeder Text widmet sich einer anderen Perspektive des literarischen Schreibens. Während es im ersten Text noch darum geht, wie ein Block Marmor entsteht, aus dem dann eine literarische Skulptur auszumeißeln ist, fragt der zweite Text nach persönlichen Voraussetzungen der Schreibenden und der letzte Text beschäftigt sich folgerichtig kritisch mit der Zukunft des Schreibens, insbesondere vor dem Hintergrund der generativen Sprachmodelle.
Die Essays zeichnen sich durch lange verschachtelte Sätze aus, der Ton ist philosophisch, auch wenn einige Vergleiche vielleicht etwas deplatziert sind. Ein Block Marmor, der mit einem „gigantischen Stück Speck“ verglichen wird, kann sogar vor dem Hintergrund nicht gerechtfertigt werden, dass am Ende des ersten Textes tatsächlich über marmorne Schweinfiguren die Rede ist. Und das Lesen mit einer Art Geschlechtsverkehr zu vergleichen, bei dem die Buchstaben eine „unendliche Potenz“ haben, greift so kurz, dass der Vergleich von der Autorin selbst gleich am Anfang des nächsten Absatzes verworfen wird. Nicht alle Vergleiche und Metaphern funktionieren also. Jedoch finden sich zahlreiche treffende Beschreibungen und tiefere Einsichten, denen eine lange Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst und dem eigenen Schreiben vorausgegangen sein müssen. So etwa in diesem Satz aus dem mexikanischen Vortrag:
„Die Erfahrung lehre, fuhr ich fort, ohne eine Antwort abzuwarten, dass die schillernde Vielfalt des Wissens nicht ohne das Seltene und Seltsame, das Obskure und Okkulte, das Apokryphe und Abwegige, manchmal sogar das Abstruse zu haben sei – Ansichten, Kenntnisse und Geschichten, deren wahren Wert wir erst aus einer zukünftigen Rückschau werden ermessen können.“
Im Meer der profunden autoreferenziellen Betrachtungen wird auch eine Antwort auf die Frage gegeben, was das Ideal des literarischen Schreibens für die Autorin darstellt:
„[…] das Ideal einer ›Brühwürfelliteratur‹, eher Zustand als Werk, ein Text im Werden, Erinnerungssplitter und Notate, Zitate in Anführungszeichen, aber ohne Quellenangaben, aus dem Zusammenhang Gerissenes, eine diffuse Geschichte, die sich im Halbdunkel erzählt – ihr Motor die vage Ahnung, dass im Nebel etwas Erhellendes zu finden ist, im getrübten Blick auf eine fremdgewordene Welt, in dem Unbehagen und Unbeschwertheit nicht mehr auseinanderzuhalten sind.“
Es sind nicht nur tiefgreifende Selbstbeobachtungen oder einzigartige Überlegungen über das Wesen des literarischen Schreibens, die dieses Buch zu einem Labsal machen. Erfrischend ist auch, auf welche Art und Weise über die künstliche Intelligenz und die dadurch beeinflusste Zukunft des Schreibens nachgedacht wird. Denn weder wird der künstlichen Intelligenz bösartig jegliche Fähigkeit der Textverfassung abgesprochen, noch wird sie unreflektiert als die Zukunft des literarischen Schreibens verklärt. Vielmehr werden die Sprachmodelle in ihrer, paradoxerweise, fehlerhaften Natur dargestellt, während die Zukunft des literarischen Schreibens als eindeutig menschliche Tätigkeit bezeichnet wird:
„Wir werden nicht weiter auf die Natur dieses Orakels eingehen, außer zu sagen, dass es keine Maschine sein kann.“
Somit war es nicht nur ein glücklicher Zufall, dass ausgerechnet Judith Schalansky die Poetikvorlesungen an der Goethe-Universität Frankfurt am Main halten konnte. Ihr neues Buch zeigt, dass es eher ein Volltreffer war. Wenn man also den Maschinen so häufig viele Fehler verzeiht, dann kann man auch bei unsereiner einige misslungene Vergleiche oder vertrackte Sätze nachsehen. Schließlich verraten gerade diese, dass das Buch ein Menschenwerk ist – kompliziert, anregend, herausfordernd, nebelig und absolut lesenswert.
Das neue Buch von Judith Schalansky „Marmor, Quecksilber, Nebel – Woraus die Welt gemacht ist“ erschien im Suhrkamp Verlag am 20. April 2026.
