Sprachliche Arabesken in Berliner Kanalgewässern

Sprachliche Arabesken in Berliner Kanalgewässern

von Tabea Krauß

Die­ses Buch sei eine Zumu­tung, schreibt Ijo­ma Man­gold in der ZEIT. Schwer ver­ständ­lich, fast unles­bar, die Lek­tü­re sei kein Spaß. Man­gold hat recht, der Band ist eine Zumu­tung, aber eine, die gran­di­os gelun­gen ist, eine loh­nens­wer­te Zumutung.

Ann Cot­ten, als Lyri­ke­rin bekannt, hat einen Erzähl­band geschrie­ben, mit 18 Stü­cken, die trotz der Ver­wen­dung voll­stän­di­ger Sät­ze so kryp­tisch sind wie ihre Gedich­te. Bereits die Titel der Erzäh­lun­gen klin­gen meta­pho­risch-rät­sel­haft: „Talg­bla­sen“, „fal­scher Jas­min“, „See­kü­he der Kunst“ „Huli­gan“ oder „Le bou­gie de Wuki“. Cot­ten sagt, sie habe die Pro­sa­form gewählt, um ver­ständ­li­cher zu wer­den. Das gelingt ihr kaum. Dafür sind die Geschich­ten so ver­dich­tet wie Lyrik, inten­siv und asso­zia­tiv. Man muss lang­sam lesen und behut­sam, sie las­sen sich genie­ßen wie Gedich­te, jeder Satz will aus­ge­kos­tet werden.

Cot­tens Geschich­ten spie­len an den unter­schied­lichs­ten Orten: in Ber­lin, der Wahl­hei­mat der in Iowa gebo­re­nen und in Öster­reich auf­ge­wach­se­nen Autorin, in Japan, in der alge­ri­schen Wüs­te und im Kau­ka­sus. Auch wenn jede Geschich­te für sich steht, sind die ein­zel­nen Tex­te nicht völ­lig unab­hän­gig von­ein­an­der. Schau­plät­ze und Per­so­nal wie­der­ho­len sich, vor­al­lem aber gibt es eine wie­der­erkenn­ba­re Ich-Erzäh­le­rin, aus deren Per­spek­ti­ve ein Groß­teil der Geschich­ten geschrie­ben ist.

Die­se Ich-Erzäh­le­rin tut in der Haupt­sa­che etwas, das in der Lite­ra­tur­ge­schich­te meist den Män­nern vor­be­hal­ten geblie­ben ist: sie begehrt. Sie will nicht begehrt wer­den, das ist ihr gera­de­wegs zuwi­der oder lang­weilt sie bes­ten­falls. Sie begehrt Män­ner, Frau­en, Tran­sen, manch­mal auch nur ein abs­trak­tes Kon­zept von Schön­heit. Män­ner jedoch, hei­ßen in Cot­tens Erzäh­lun­gen nicht „Män­ner“, son­dern Jüng­lin­ge, Kna­ben, Ber­li­ner Jungs.

Das Begeh­ren ist eine Grat­wan­de­rung zwi­schen macht­vol­lem Blick, Aneig­nung des Ande­ren und Demü­ti­gung durch den Ande­ren. Die­se Grat­wan­de­rung weiß Cot­ten mit sub­ti­ler Grau­sam­keit zu schil­dern. In der Erzäh­lung „Huli­gan“ zum Bei­spiel bahnt sich die Prot­ago­nis­tin in einem win­ter­li­chen Ber­lin ihren Weg durch einen Pulk von Jungs, anzie­hend in ihrer jugend­li­chen Unbe­küm­mert­heit und nai­ven Eitel­keit. Da ist die Fas­zi­na­ti­on am Gedan­ken des Inak­zep­ta­blen, Per­ver­sen, die sie, ohne eigent­li­che Not­wen­dig­keit, gera­de­wegs in die­se Grup­pe hin­ein­treibt, die Bli­cke der Jun­gen auf sich spü­rend: „Und ich gehe, gehe gera­de, die Stra­ße lang, umweht von den Stimm­fet­zen, die sie mir um die Ohren knat­tern las­sen wie unab­sicht­lich […]. Sie mer­ken, mer­ken genau. Was hält sie davon ab, mich auf­zu­grei­fen und zu zer­rei­ßen aus Rache für die unheim­li­chen, unmög­li­chen Gedan­ken, die ich ver­strö­me?“ Ann Cot­ten reicht es nicht, die­se Gedan­ken Gedan­ken sein zu las­sen, sie treibt ihre Prot­ago­nis­tin einen Schritt wei­ter: Ein Jun­ge trifft sie mit dem Schnee­ball, auf sei­ne all­zu höf­li­che Ent­schul­di­gung drückt sie ihn in den Schnee, kurz dar­auf wäl­zen sie sich in einem Hin­ter­hof, der Jun­ge knöpft ihre Blu­se auf, die ande­ren Jun­gen ste­hen her­um, hin und her­ge­ris­sen zwi­schen Spott und Begehren.

Schwer les­bar sind die Geschich­ten, weil es kaum äuße­re Hand­lung gibt. Jeder Ansatz äuße­rer und inne­rer Hand­lung wird durch einen Gedan­ken­strom beglei­tet, der sie über­la­gert und das Gesche­hen zer­setzt. Man muss zwei­mal lesen um aus der Spra­che einen Inhalt zu extra­hie­ren. Die Ver­glei­che sei­en „vor­sätz­lich schief“, schreibt Ijo­ma Man­gold. Sie mögen kon­stru­iert und manie­riert sein, aber schief sind sie in der aller­meis­ten Fäl­len nicht. Ganz im Gegen­teil, beim zwei­ten Lesen, wenn man über die Bedeu­tung der ein­zel­nen Wör­ter, die auf­grund ihrer Bild­haf­tig­keit zunächst kei­nen Sinn erge­ben, hin­aus­zu­den­ken ver­mag, erscheint das, was sich aus den Sprach­bil­dern her­aus­schält, schär­fer, kla­rer und inten­si­ver als es durch die kon­ven­tio­nel­le Begriff­lich­keit beschrie­ben wer­den könn­te. So zum Bei­spiel wenn das Hadern mit einer Ent­schei­dung, die nur mit hal­ber Über­zeu­gung getrof­fen wur­de, gleich­ge­setzt wird mit dem Schwan­ken einer Per­son, die man auf einem Fahr­rad­ge­päck­trä­ger mit­nimmt: „Sie mach­te kehrt und fuhr mit dem Ent­schluss zurück, der wackel­te, aber nicht fiel. Als hät­te sie jeman­den aufs Rad genom­men“. Oder wenn die Erzäh­le­rin für eine eige­ne, wil­lent­lich aus­ge­führ­te Ges­te das Bild von Natur­ge­wal­ten wählt: „Ich wen­de sei­nen Kopf nach vorn und strei­che die Haa­re zurück, als wäre ich Was­ser oder ein küh­ler Wind […]“. Nicht trotz, son­dern gera­de wegen der Selt­sam­keit der Spra­che kann die Lek­tü­re sehr wohl auch Spaß machen. Der Wech­sel von mit aller­hand alt­mo­di­schen Wen­dun­gen durch­setz­ter Intel­lek­tu­el­len-Spra­che und lako­ni­schem Pop-Sprech lässt einen hin und wie­der unwill­kür­lich auflachen.

Die ein­zi­gen über­flüs­si­gen Stel­len sind die­je­ni­gen, in denen die Erzäh­len­de, die dann auch eine Schrei­ben­de ist, sich selbst reflek­tiert, übers Schrei­ben nach­denkt. Die Erzäh­le­rin ver­sucht dann ein mög­li­ches Urteil über die absur­den Asso­zia­tio­nen und die abwe­gi­gen Sprach­bil­der vor­aus­zu­neh­men und fragt selbst: „Merkt man an den zwi­schen den ver­schie­de­nen Ebe­nen so hem­mungs­los ver­schal­te­ten Argu­men­ta­ti­ons­ket­ten mei­nen Kater?“ oder „Wer braucht sol­che Meta­phern?“ Die­se Selbst­re­fle­xi­on ist unnö­tig, fast stö­rend. Der Text ist wun­der­schön in sei­ner sprach­li­chen Wirr­nis, jedoch nur, solan­ge er sie nicht selbst in Fra­ge stellt, schon gar nicht mit Koketterie.

In der Erzäh­lung „Le bou­gie de Wuki“ beschreibt die Erzäh­le­rin, wie sich ihr Gesprächs- und vor­aus­sicht­li­cher Sexu­al­part­ner lang­sam ent­spannt, mit dem Bild sei­nes Gehirns, das sich löst wie eine „Blü­te in war­mem Was­ser “. Das Gehirn voll­füh­re nun „zier­li­che Ara­bes­ken, müßig, flüs­sig bewegt wie Algen in einem die­ser mehr­deu­ti­gen Ber­li­ner Kanal­ge­wäs­ser“. Viel­leicht trifft das auch auf die Denk- und Schreib­wei­se der Autorin selbst zu: kunst­voll und ver­schlun­gen wie Ara­bes­ken, beweg­lich wie bei leich­ter Strö­mung im seich­ten Was­ser schlin­gern­de Algen, dabei undurch­schau­bar und abgrün­dig wie Ber­li­ner Kanal­ge­wäs­ser in der Dämmerung.

Ann Cot­ten: Der schau­dern­de Fächer

Suhr­kamp 2013
251 Sei­ten