Übermorgen, wie komme ich dahin?

Übermorgen, wie komme ich dahin?

von Veronika Raila

Sei­ne Hand lag auf dem Notiz­buch, sei­ne rech­te Hand. Er leg­te sie sanft auf das Leder, lie­be­voll strich er über die Nar­ben. Sei­ne Hän­de, weich in der Hal­tung, aber ent­schlos­sen in der Hand­lung, waren Kla­vier­tas­ten gewöhnt, Kla­vier­tas­ten aus Elfen­bein und Eben­holz. Selt­sam mute­te es an, dass man Ele­fan­ten­stoß­zäh­ne Elfen­bein nann­te, wo doch die bei­den Kör­per so gar nichts gemein haben.

Schma­les Hand­ge­lenk, wei­cher Hand­rü­cken, lan­ge Fin­ger, die bei­den Gelen­ke mit sam­ti­gen Haut­fal­ten gepols­tert, gepfleg­te, kur­ze Nägel. Unmiss­ver­ständ­lich spra­chen sei­ne Hän­de zu ihm. Die­se Hän­de taten nie schwe­re Arbeit, schau­fel­ten kei­ne Koh­le, hiel­ten weder Ham­mer noch Sen­se, gru­ben auch nicht in der Erde, roll­ten kei­ne Fäs­ser und wer wuss­te, was sie alles noch nicht machen konn­ten. Ste­hen, ja das woll­te er jetzt, auf­ste­hen und in die Fer­ne bli­cken, ohne einen Blick zurück­wen­den zu müs­sen, nicht im Zorn, son­dern im Nebel. Der Nebel ver­schlei­er­te alles, an man­chen Stel­len lagen meh­re­re Schich­ten über­ein­an­der. Die Ver­dich­tung hielt das Ges­tern fern.

Ein Gedan­ke konn­te es schaf­fen, ein Gedan­ke konn­te eine Lage weg­zie­hen. Die Umris­se eines Erleb­nis­ses, ein Gefühl, ein Geruch etwas Far­be kam zum Vor­schein. Er streng­te sich an, mehr zu erken­nen, aber der Nebel wur­de nie so dünn, dass er klar sehen konn­te. Manch­mal schien es ihm auch, dass, je mehr er sich anstreng­te, der Nebel genau an die­ser Stel­le wie­der dich­ter, undurch­dring­li­cher wur­de. Er leg­te sich nie­der, das wei­ße Laken kühl­te sei­ne Gedan­ken, kühl­te den erhitz­ten Kör­per, umhüll­te sei­ne See­le. Der Schlaf über­fiel ihn, Mor­pheus nahm ihn in die Arme, ließ ihn fal­len, ganz tief fal­len, er schlug nicht auf, nie­mals. Es war immer wie­der der glei­che Traum.

Er saß im Zug, schau­te aus dem Fens­ter, die Land­schaft flog an ihm vor­bei, das Rat­tern der eiser­nen Räder auf den Schwel­len beru­hig­te ihn, er dös­te ein. Und er hat­te einen Traum. Er saß im Zug, die Land­schaft flog an ihm vor­bei, sie wur­de mit zuneh­men­der Geschwin­dig­keit immer mehr ins Röt­li­che getaucht, das Rat­tern der Eisen­rä­der beru­hig­te ihn, und er schlief ein. Er saß im Zug, die ins Rot ver­scho­be­ne Land­schaft flog an ihm vor­bei, das Rat­tern der Eisen­rä­der ver­än­der­te den Ton, wur­de dump­fer, er schlief ein.

Sein Kopf nick­te im Takt der Schwel­len, er war noch zu Hau­se, lag in sei­nem Bett. Ein schar­fer, bei­ßen­der Geruch stach in sei­ne Nase, hin­der­te ihn dar­an, einzuschlafen.

Sei­ne Hän­de strei­chel­ten die Nar­ben, die Nar­ben des Leders. Er blät­ter­te die Sei­ten des Notiz­bu­ches auf. Fein säu­ber­lich waren zu den meis­ten Kalen­der­da­ten Ein­trä­ge geschrie­ben. Begin­nend am 1. Janu­ar des Jah­res, mit Rosch ha-Scha­na, nach sei­nen Auf­zeich­nun­gen, fei­er­te er da mit Esther und ihrer Fami­lie. Der nächs­te und die dar­auf­fol­gen­den Tage waren der Übung von einer fast unbe­kann­ten kano­ni­schen Stu­die von Men­del­son gewidmet.

Er saß im Zug, blut­rot zog die Land­schaft vorüber.

Sei­ne Hand blät­ter­te um, hier stand, dass er am 10. des­sel­ben Monats ein Haus­kon­zert bei Esthers Fami­lie gab. Die Wag­ners waren auch da, ja so hat­te er es ver­merkt. Die Rosen­steins und sein Leh­rer, Kan­tor Stein­fuß, neben ein paar ande­ren. Ja, genau so stand es geschrie­ben. Er las es, als ob die Noti­zen nicht die sei­nen wären, als ob es ein Frem­der geschrie­ben hät­te. Aber nein, das Notiz­buch gehör­te zu ihm, da stand sein Name, da stand sei­ne Adresse.

Er lag in sei­nem Bett, nick­te im Takt mit den Schwel­len, deren Klang immer dump­fer wur­den. Ein klei­ner Vogel, unschein­bar auf einer dür­ren Gabe­lung sit­zend, zwit­scher­te los, tiri­lier­te die Freu­de, die unbän­di­ge Lebens­lust heraus.

Nun will der Lenz uns grüßen, 

zu Mit­tag weht es lau;

aus allen Wie­sen sprießen

die Blu­men rot und blau.

Draus wob die brau­ne Heide ….

 

… den Sand unter den Soh­len mar­schier­te er in gro­ßen Schrit­ten durch den Park, das angren­zen­de Wäld­chen hin­ter sich las­send, hin­aus, hin­aus  in die wei­te Welt.

Und er saß wie­der im Zug, der die Schwel­len fraß, die Grä­ser rot, die Blü­ten grün und schwarz. Die Schei­ben der Klar­heit trüb­ten ein, milch­far­ben schütz­ten sie.

Nach dem Kon­zert, also genau genom­men vom 10. bis zum 17. Janu­ar such­te er eine neue Blei­be. In der alten über­rasch­ten ihn oft Eis­blu­men auf der Bett­de­cke, mor­gens, beim Auf­wa­chen. Trepp­auf und trepp­ab lenk­ten ihn sei­ne Schrit­te quer durch die Stadt, bis er end­lich ein klei­nes, aber gemüt­li­ches Zim­mer­chen bei einer alten Dame fand. Zwei Tage spä­ter zog er ein, stand da.

Der Kopf nick­te schon auto­ma­tisch, über­nahm den Takt der Räder, beschleu­nig­te ihn, über­nahm das Regi­ment, um end­lich ans Ziel zu kom­men. Dort wür­de der Nebel stei­gen, wür­den die Schei­ben wie­der klar wer­den, das Gras grün, die Blü­ten rot und weiß.

Er lag im Bett, sein Blick fiel auf die weiß­ge­stri­che­ne Tür mit grün­ge­tön­ten Schei­ben in den Ober­lich­tern. Dane­ben, an der Wand, wei­ße Kacheln, die an man­chen Stel­len schon etwas abge­sto­ßen waren. Ein Wasch­tisch und auf der Stan­ge, ein Hand­tuch, dun­kel­rot, dun­kel­grün und dun­kel­blau gestreift. Der Bade­man­tel hing dane­ben, eben­falls gestreift nach Her­ren­art. Kein Spie­gel. Das Fens­ter zum Park, zim­mer­hoch, mit wei­ßen Git­ter­stä­ben geschützt. Kein Schrank, nichts für die per­sön­li­che Habe und die Selig­kei­ten. Was hat­te ich getra­gen, an und bei mir? Lan­ge Hosen, kur­ze Hosen, Hemd, weiß oder kariert, Jackett mit Spie­gel, oder kra­gen­los? Mur­meln, einen Bind­fa­den, oder einen Blei­stift mit Radier­gum­mi? Er konn­te sich nur an etwas Glat­tes, Küh­les erin­nern, Far­be ver­schwand hin­ter Schlei­ern aus Nebel.

Der Schlüs­sel dreh­te sich im Schloss. Knar­zend öff­ne­te sich der Flü­gel ein klei­nes Stück, das Licht der Glüh­bir­ne im Gang zeich­ne­te einen hel­len Strei­fen am Boden, bis zum Fens­ter. Drau­ßen war es dun­kel gewor­den. Eine Schwes­ter in Tracht kam und hielt mir ein klei­nes Glas­schäl­chen hin, wort­los deu­te­te sie, die bei­den Pil­len zu schlu­cken. Sei­ne Fin­ger zit­ter­ten, die Hand auch. Er nahm bei­de in den Mund, nahm einen gro­ßen Schluck Was­ser aus dem hin­ge­hal­te­nen Glas und sank wie­der in Mor­pheus Arme.

Wie­der saß er im Abteil, blick­te nach drau­ßen, die Land­schaft flog vor­bei. Das Rat­tern der eiser­nen Räder auf den Schwel­len beru­hig­te ihn, er dös­te ein. Und er hat­te wie­der den glei­chen Traum. Er saß im Zug, die ins röt­lich ver­scho­be­ne Land­schaft flog an ihm vor­bei, je schnel­ler der Zug fuhr, des­to roter wur­de die Land­schaft, bis das Gan­ze kipp­te. Das Gras blut­rot, die Bäu­me weiß, die Blü­ten schwarz. Gel­be Blu­men waren mit Tin­te über­gos­sen, die oran­gen ins Vio­lett gefal­len. Das Rat­tern der Eisen­rä­der beru­hig­te ihn nicht mehr, den­noch sank er in ein tie­fes Loch. Er träum­te, er saß im Zug, ver­dreh­te Land­schaft flog an ihm vor­bei, das Rat­tern der Eisen­rä­der ver­än­der­te sei­nen Ton, wur­de pochender.

Die Hand lag auf dem Leder mit den Nar­ben. Das ver­gilb­te Papier des Notiz­bu­ches offen­bar­te eine Lücke zwi­schen dem 19. Janu­ar und dem 2. Febru­ar. An die­sem Tag war eine Ker­ze zu fin­den, eine Ker­ze, deren Bedeu­tung er sich nicht mehr ent­sin­nen kann, aber die dar­auf­fol­gen­den Tage waren wie­der mit Übun­gen ange­füllt, Tscha­j­kow­skijs 6. Sym­pho­nie nahm viel Raum ein.

Am Ende der Musik schwoll der Applaus an, eigent­lich soll­te man sagen, er braus­te über ihn hin­weg, rausch­te auf den hin­te­ren Teil der Büh­ne, und mach­te sich davon, stahl sich hin­aus, durch den Büh­nen­aus­gang und war dann ein­fach weg. Der Applaus konn­te nicht zu ihm gehö­ren, er war zu groß, zu mäch­tig, sei­ne Ohren konn­ten ihn nicht ertra­gen. Schwar­ze Blu­men an den Fens­tern, sei­ne Haut eis­kalt und schwit­zend. Den­noch: Hier war etwas, was zu ihm gehör­te, etwas Klei­nes, Lei­ses. Er durch­fors­te­te sei­nen Kör­per von oben bis unten, vom Kopf bis zu den Füßen, ja genau, die Füße, mit denen er die Peda­le trat, am lin­ken Fuß die Fer­se, die, an die erin­ner­te er sich genau. Der Schmerz war immer da, der Schmerz, der ihn an etwas erin­ner­te, aber das Gan­ze war hin­ter den sie­ben Schlei­ern ver­bor­gen. Erleich­tert atme­te er auf, an den Schmerz konn­te er sich genau erin­nern, ja der gehör­te zu ihm.

Er schlief ein, Land­schaf­ten in Rot, Blu­men in Schwarz, Zug fraß die Schwellen.

Er erwach­te. Der Mor­gen ver­trieb das Dun­kel der Nacht, die Son­ne strahl­te so hell, klär­te auf, und wog ihn in Gewiss­heit. Es gab noch den Tag, der die Nacht ablös­te. Dar­auf konn­te er bau­en. Er sog die frü­he Mor­gen­luft durch die Nase in die Lun­gen. Er ver­band sich mit der Welt.  Er woll­te nicht aus der Rea­li­tät fal­len. Durch das Atmen ver­knüpf­te er sich mit ihr, ver­zurr­te sich in ihr. Bloß nicht auf­hö­ren zu atmen, immer wei­ter­at­men, sein Brust­korb hob und senk­te sich im Rhyth­mus der Ver­knüp­fun­gen. Ich spü­re mich, ja hier bin ich, noch nicht in der abso­lu­ten Lee­re ver­schwun­den. Trun­ken vor Freu­de schlief er ein.

Land­schaft blut­rot, Blu­men kohl­ra­ben­schwarz, das Häm­mern der Schwel­len erschlägt.

Die Hand lag wie­der auf dem genarb­ten Leder. Die dar­auf­fol­gen­den Tage, also die nach Tscha­j­kow­skij „Sechs­ter“ nahm er sich Liszt vor. Er fiel in die Klang­räu­me von Noc­turne. Sie umarm­ten ihn, umwan­den sei­nen Kör­per, strei­chel­ten die wun­de See­le. Die ein­zel­nen Töne baten um Ein­lass, schmei­chel­ten sich in sein Ohr, ver­brei­te­ten ein Gefühl der Liebe.

Er lag in sei­nem Bett, blick­te auf die wei­ßen Git­ter­stä­be, die die Welt drau­ßen hiel­ten, die Schlei­er des Ver­ges­sens umhüll­ten sei­nen Kopf, umhüll­ten das, was er such­te, die Erin­ne­rung. Aber er ließ es gesche­hen, wehr­te sich nicht, ließ sei­nen Kör­per ent­glei­ten, trenn­te Kör­per vom Geist, hoff­te auf Vergebung.

Gehör­te der Name im Notiz­buch zu ihm? War es sein Notiz­buch? Braun ver­narb­tes Leder, ver­gilb­te Sei­ten, das Papier schon mit­ge­nom­men, abge­tra­gen vom ange­feuch­te­ten Zei­ge­fin­ger, nein, nicht vom Fin­ger, son­dern von der Feuch­te und dem Papier, das anquoll und bei jedem Umblät­tern ein klei­nes biss­chen abrieb, ein paar Fus­sel, die dann zu Boden fie­len, die das Blatt ver­klei­ner­ten, die ein­fach nicht mehr da waren. So gese­hen, ein schmerz­haf­ter Ver­lust sei­ner Auf­zeich­nun­gen, ein unwie­der­bring­ba­rer Ver­lust. Jedes Mal, wenn er etwas nach­schlägt, ver­sucht sein Leben zu ord­nen, die Bil­der, die unter dem Schot­ter zer­streut, teil­wei­se zer­bors­ten lie­gen, zusam­men­zu­set­zen und dann noch chro­no­lo­gisch zu ord­nen, fällt es ihm schwe­rer. Je mehr er sich erin­nern möch­te, des­to weni­ger ist da, ein­fach abge­rie­ben, abge­rie­ben zwi­schen Fin­ger und Papier.

Ja, was gehör­te zu ihm, was war sei­nes? Das Notiz­buch mit sei­nem Namen, des­sen war er sich aber nicht ganz sicher, was, wenn es doch einem ande­ren gehör­te, einem Freund viel­leicht, einem Freund, den er gut kann­te, des­sen Vor­lie­ben die sei­nen waren, des­sen Gefüh­le den sei­nen ähnel­ten, oder sich auf­grund einer beson­de­ren Zunei­gung bereits ein­ge­schrie­ben hat­ten? War es die beson­de­re Vor­lie­be für glat­te und küh­le Stof­fe, die sich durch den Nebel kämpf­ten, oder war das auch eine Einbildung?

Er sah an sich hin­un­ter, begann von oben. Der Kopf, ja der gehör­te zu ihm, mit­samt sei­nes Inhalts, die Arme, ja auch die­se, die Hän­de waren ihm ver­traut, er lieb­te sie sogar ein klei­nes biss­chen. Sein Kör­per, bes­ser gesagt, sein Rumpf, zäh aus­ge­formt, oder soll­te man sagen, hager, der gehör­te wohl auch dazu, ganz ein­fach, weil er am Kopf fest­ge­wach­sen war. Nun waren da sei­ne Bei­ne, die in die Füße aus­lie­fen. Und hier war ein star­kes, ein siche­res Merk­mal. Hier war der Schmerz, der Schmerz, der manch­mal vom gan­zen Kör­per Besitz ergriff. Genau die­ser Schmerz, des­sen bin ich mir ganz sicher, die­ser Schmerz gehört zu mir.

© Mark Michel

Vero­ni­ka Rai­la, 1992 in Augs­burg gebo­ren muss­te schon immer alles auf­schrei­ben, was sie zu sagen hat­te.  Nach einer ver­kürz­ten Gym­na­si­al­zeit fing sie an der Uni Augs­burg an, Neue­re deut­sche Lite­ra­tur­wis­sen­schaf­ten und katho­li­sche Theo­lo­gie zu stu­die­ren. Bald gab es auch ers­te Ver­öf­fent­li­chun­gen und Prei­se für ihr Schrei­ben (Medi­en­echo & Prei­se). Nach der Bache­lor­ar­beit wid­me­te sie sich voll und ganz ihrem auto­bio­gra­phi­schen Film „Das Sand­mäd­chen“, der Prei­se in der Kurz­ver­si­on und eini­ge in der Lang­ver­si­on (Sand­mäd­chen – Ein Doku­men­tar­film von Mark Michel und Vero­ni­ka Rai­la) erhielt. Danach kehr­te sie an die Uni zurück, um ihre Stu­di­en fort­zu­set­zen. Lite­ra­risch sind ihre Arbei­ten meist im phan­tas­ti­schen Rea­lis­mus anzu­sie­deln. Kaf­ka hat sie immer unglaub­lich inspi­riert, dane­ben Botho Strauß und die Lek­tü­re der mit­tel­al­ter­li­chen Hel­den­ge­schich­ten. Soll­te sie ein­mal nicht schrei­ben oder lesen, frönt sie dem Malen, dem Malen ihrer inne­ren Bilder.