Von Hechten, Lammkeulen und anderen Speisen: Sinnliche Grenzerfahrungen in Monika Marons Endmoränen und Ach Glück

Von Hechten, Lammkeulen und anderen Speisen: Sinnliche Grenzerfahrungen in Monika Marons Endmoränen und Ach Glück

von Ste­fa­nie Arend

Sowohl in den End­mo­rä­nen als auch in Ach Glück lässt sich ein vir­tu­os gehand­hab­ter Dis­kurs der Mahl­zei­ten und Spei­se­zei­chen nach­voll­zie­hen. Auf sinn­li­che und fast syn­äs­the­ti­sche Wei­se erzählt der Text mit Hil­fe die­ses Dis­kur­ses von Grenz­erfah­run­gen, von Annä­he­rung und Rück­zug, von Ent­gren­zung und Begren­zung und von For­men der Entfremdung.

Als im Jahr 2007 Moni­ka Marons Roman Ach Glück erschien, zeig­te sich die öffent­li­che Kri­tik ver­hal­ten. Zu durch­sich­tig und in gewis­sem Sin­ne banal erschien die­se Geschich­te, die auch als Fort­set­zung von Marons End­mo­rä­nen (2004) zu lesen ist. Sie erzählt von Johan­na, einer Frau von etwa fünf­zig Jah­ren, die in ihrem All­tag, in ihren beruf­li­chen und pri­va­ten Zusam­men­hän­gen, kei­ne Zufrie­den­heit und kein Glück mehr emp­fin­det. Der Roman beginnt, als Johan­na im Flug­zeug nach Mexi­ko sitzt, um alles ande­re für einen Moment hin­ter sich zu las­sen, unge­wiss dar­über, was sie auf der ande­ren Sei­te des Oze­ans erwar­tet. Der Text nutzt gleich­sam zeit­de­ckend die Flug­zeit zu Refle­xio­nen und Erinnerungen.

Ach Glück sei „kein gutes Buch”, so eine Kri­ti­ke­rin, erzäh­le auf ner­vi­ge Wei­se „von den Tücken des Alters”, von den „Schre­cken des Älter- und Unat­trak­tiv­wer­dens” — und gebe sich ledig­lich als „eine Gei­sel der Lau­ne sei­ner Haupt­fi­gur” Was dem Buch offen­bar fehlt ist die Span­nung, blei­be doch, so ein Kri­ti­ker, alles „all­zu sehr im Vagen” und „merk­wür­dig in der Luft”. ((Wolf­gang Schnei­der: Hund und Hel­fer. Frau­chen in Kater­stim­mung: Mit ihrem neu­en Roman „Ach Glück” knüpft Moni­ka Maron an „End­mo­rä­nen” an und lässt ihre Hel­din Johan­na den Kampf gegen das Alter und den All­tag fort­set­zen. In: Frank­fur­ter All­ge­mei­ne Zei­tung. 25. 8. 2007, Nr. 197, S. Z5.)) Immer­hin aber wird dem Text aus erzähl­tech­ni­scher Per­spek­ti­ve ein gewis­ser Plus­punkt ein­ge­räumt, da er „die Mög­lich­kei­ten der dop­pel­ten Per­spek­ti­ve” aus­schöp­fe. ((Ebd.)) So wer­den die Wahr­neh­mung und das Urtei­len der Prot­ago­nis­tin Johan­na immer wie­der rela­ti­viert. Dies erzeu­ge gera­de dann, wenn die erzäh­len­de Instanz aus der Per­spek­ti­ve ihres lang­jäh­ri­gen Ehe­manns Achim Erin­ne­run­gen Revue pas­sie­ren lässt, tat­säch­lich ein gewis­ses „Ver­gnü­gen”. ((Ebd.))

Die Ich-Erzäh­le­rin Johan­na, deren Per­spek­ti­ve in End­mo­rä­nen die Sze­ne­rie beherrscht, ist ver­schwun­den. Ach Glück ist in der drit­ten Per­son erzählt. Johan­na fun­giert hier zwar in gewis­ser Wei­se wei­ter als Prot­ago­nis­tin, jedoch wird Achim und sei­nen Refle­xio­nen und Erin­ne­run­gen ein min­des­tens eben­so gleich­wer­ti­ger Raum gewährt. Maron erläu­tert in ihrer Poe­tik­vor­le­sung selbst den Wech­sel der Erzähl­hal­tung. „Auf kei­nen Fall” habe sie, wie in End­mo­rä­nen „in der ers­ten Per­son schrei­ben” dür­fen, weil sie „die Wahr­neh­mun­gen und Refle­xio­nen nicht allein der depri­mier­ten und rat­lo­sen Johan­na” habe „über­las­sen” wol­len. ((Moni­ka Maron: Wie ich ein Buch nicht schrei­ben kann und es trotz­dem ver­su­che. Frank­furt am Main 2005, S. 9.)) Im Ver­gleich zu End­mo­rä­nen gewinnt so beson­ders Achim in sei­nen Eigen­ar­ten schär­fe­re Kon­tu­ren. Sei­ne Per­spek­ti­ve ver­leiht wie­der­um der Figur der Johan­na plas­ti­sche­re Züge.

Nicht nur durch die­sen alter­nie­ren­den Per­spek­ti­ven­wech­sel erweist sich die Ästhe­tik des Romans Ach Glück als weit­aus inter­es­san­ter als der viel­leicht etwas land­läu­fig anmu­ten­de plot, des­sen Bri­sanz sich auch in den End­mo­rä­nen in Gren­zen hält. Es ist zu beob­ach­ten, dass in bei­den Tex­ten beson­de­re ästhe­ti­sche Ver­fah­ren eines mar­kan­ten und sinn­li­chen Bild­fel­des die Pro­ble­ma­tik der Figu­ren reflek­tie­ren: Die Bild­lich­keit der Mahl­zei­ten und Spei­se­zei­chen leuch­tet auf spe­zi­fi­sche Wei­se die Bezie­hun­gen der Figu­ren unter­ein­an­der aus. Die Mahl­zei­ten erschei­nen beson­ders in End­mo­rä­nen als Exer­zier­fel­der, auf denen Johan­na ver­sucht, eige­ne Gren­zen abzu­ste­cken. In Ach Glück ver­än­dert sich die­ses Bild­feld im Ver­gleich zu End­mo­rä­nen ent­schei­dend. Es ist schließ­lich auf­fäl­lig, dass Johan­na bei der­je­ni­gen Mahl­zeit, die gegen Ende aus­führ­lich geschil­dert wird, nicht dabei ist: Sie sitzt im Flug­zeug nach Mexi­ko (vgl. 190–206). ((Ach Glück wird im lau­fen­den Text zitiert nach der Aus­ga­be: Moni­ka Maron: Ach Glück. Frank­furt am Main 2007.))

In End­mo­rä­nen reiht sich Sze­ne an Sze­ne, in denen Johan­na ver­sucht, auf dem Exer­zier­feld gemein­sa­mer Mahl­zei­ten einen Platz in ihrer Lebens­welt zu behaup­ten. Stets, so wird im Fol­gen­den gezeigt, gera­ten die­se Ver­suchs­an­ord­nun­gen zu einem inne­ren Desas­ter, sind Abgren­zung und das Fin­den eige­ner Gren­zen nicht mög­lich. Johan­na scheint jedes Mal in einen Zustand der Irri­ta­ti­on und Auf­lö­sung zu gera­ten, auch dann, wenn sie selbst tätig wird, selbst Mahl­zei­ten insze­niert. Sie könn­te als Ich-Erzäh­le­rin als Zube­rei­te­rin des eige­nen Tex­tes erschei­nen, die ihre Rol­le als Opfer und Täte­rin zugleich erschreibt. In Ach Glück ist sie in beson­de­rer Wei­se zur Täte­rin avan­ciert. Sie hat sich aus dem Raum künst­lich anmu­ten­der Gesel­lig­keit hin­aus­be­wegt und schaut nun von außen auf das Gesche­hen. Sie hat in die­ser Hal­tung inso­fern Ähn­lich­kei­ten mit der erzähl­tech­ni­schen Instanz, die den Text kunst­voll arran­giert und sich ent­schie­den hat, das Leben der Ande­ren zum Objekt auch von Zube­rei­tun­gen wer­den zu las­sen, nun von text­li­chen Zube­rei­tun­gen, die Grenz­zie­hun­gen inso­fern stif­ten, als dass Stim­men pari­tä­tisch zu Wort kom­men, die als bis­wei­len unver­ein­bar ver­nom­men wer­den. ((Die in der Poe­tik­vor­le­sun­gen ver­fass­ten Pas­sa­gen aus Ach Glück erpro­ben meh­re­re Per­spek­ti­ven. Nach­dem bereits dar­über reflek­tiert wur­de, dass die­ser Text einen „Drit­ten” als „Erzäh­ler” benö­ti­ge, fol­gen bemer­kens­wer­ter Wei­se Text­bau­stei­ne, in denen zunächst die Ich-Erzäh­le­rin, dann ein ‚Drit­ter‘ und schließ­lich Achim als Ich-Erzäh­ler zu Wort kom­men. Vgl. Maron: Wie ich ein Buch nicht schrei­ben kann und es trotz­dem ver­su­che (wie Anm. 5), S. 10–12, S. 15–18, S. 22–27, S29-32, S. 68–76, S. 77, S. 96–104.)) Die Rei­se im Flug­zeug, mit der Ach Glück beginnt, ist inso­fern auch ein Sinn­bild für ein inne­res Abhe­ben, für jenen Blick von oben, der Vor­aus­set­zung dafür ist, sich selbst, aber auch die Ande­ren im Kon­text ihrer lebens­welt­li­chen Zusam­men­hän­ge betrach­ten zu kön­nen, ohne aber abschlie­ßen­de Urtei­le über Ursa­chen und Wir­kun­gen zu wagen.

Das Abhe­ben stellt Johan­na die Mög­lich­keit in Aus­sicht, inne­re Gren­zen kon­sti­tu­ie­ren zu kön­nen, die offen­bar Bedin­gung für jenes Glück sind, das sie sucht. Die­ses Glück ist mit Ein­schrän­kung an jene Dis­kur­se über das geglück­te Leben anzu­schlie­ßen, die ihren Ursprung in der Anti­ke haben und die in popu­la­ri­sier­ter Form in der Gegen­warts­kul­tur erschei­nen. Den wei­te­ren Aus­füh­run­gen zu sinn­li­chen Grenz­erfah­run­gen in Marons Roma­nen sei dazu eine kur­ze Erläu­te­rung vorangestellt.

Auf den ers­ten Blick erschei­nen bei­de Roma­ne Marons nur­mehr als Refle­xe des popu­lä­ren The­mas der Glücks- oder Sinn­su­che, das sich in unzäh­li­gen Glücks­rat­ge­bern min­de­ren oder weni­ger min­de­ren Niveaus nie­der­schlägt, des­sen sich aber auch bekann­te Phi­lo­so­phen der Gegen­wart anneh­men. So ver­ein­te das ‚Phi­lo­so­phi­sche Quar­tett‘ mit Rüdi­ger Safrank­si und Peter Slo­ter­di­jk Moni­ka Maron mit dem bekann­ten Lebens­kunst- und Glücks­be­ra­ter Wil­helm Schmid. ((Aus­ge­strahlt im ZDF, 25. Novem­ber 2007, 23. 30 Uhr, Phoe­nix, 9. Dezem­ber 2007, 13.00 Uhr. Von Wil­helm Schmid zuletzt erschie­nen: Mit sich selbst befreun­det sein: von der Lebens­kunst im Umgang mit sich selbst. Frank­furt am Main 2007, Glück: alles, was Sie dar­über wis­sen müs­sen, und war­um es nicht das Wich­tigs­te im Leben ist. Frank­furt am Main, 2. Aufl. 2007.)) Die­se Auf­merk­sam­keit für das The­ma Glück mag einer­seits aus aktu­el­len gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen und Stim­mun­gen resul­tie­ren oder auch medi­al gelenkt sein. Ande­rer­seits ist das The­ma Glück — oder Eudai­mo­nie — und wie man es am bes­ten erlangt im Grun­de ein zeit­lo­ses und fest in der abend­län­di­schen Denk­tra­di­ti­on verankertes.

Die Fra­ge nach dem glück­li­chen Leben ist immer auch eine nach der eige­nen Exis­tenz und ihren Vor­aus­set­zun­gen. Sie hat ihre Geburt im Hel­le­nis­mus, als mit dem Zer­fall der grie­chi­schen Polis und dem Ent­ste­hen von olig­ar­chi­schen und auto­kra­ti­schen Herr­schafts­struk­tu­ren der Ein­zel­ne aus sei­ner geschicht­li­chen und poli­ti­schen Mit­ver­ant­wor­tung ent­las­sen und auf sich selbst zurück­ge­wor­fen wur­de. Die abend­län­di­sche Tra­di­ti­on des Den­kens über Glück ist ursprüng­lich eng an den heu­te etwas alter­tüm­lich anmu­ten­den Begriff der ‚Tugend‘ (are­té) gebun­den, an die Vor­stel­lung einer mora­li­schen ‚Vor­treff­lich­keit‘, der Eupra­xía, der Idee eines mög­li­chen „vor­treff­li­chen men­schen­wür­di­gen Wohlverhalten[s]”, und an die­je­ni­ge der Kalo­ka­ga­thia, des schö­nen und guten Han­delns. ((Wolf­gang Jan­ke: Das Glück der Sterb­li­chen. Eudä­mo­nie und Ethos, Lie­be und Tod. Darm­stadt 2002, S. 23.))

Es wären folg­lich eini­ge Umwe­ge nötig, um von hier aus den Anschluss an Marons Roma­ne End­mo­rä­nen und Ach Glück zu leis­ten. Bedenkt man jedoch, dass das abend­län­di­sche Den­ken über das glück­li­che Leben sei­ne Initi­al­zün­dung durch den Zer­fall poli­ti­scher und geschicht­li­cher Ord­nung erhielt, so ist bemer­kens­wert, dass den Hin­ter­grund von Marons Tex­ten eben­falls die Auf­lö­sung einer poli­ti­schen Ord­nung bil­det, hier der­je­ni­gen der DDR. Im Ver­gleich zu den anti­ken Ethik­kon­zep­ten bleibt die Ant­wort auf die Fra­ge, was danach kom­men soll, was das Ziel der neu­en Denk- und Hand­lungs­mög­lich­kei­ten sein könn­te, unbe­stimm­ter. Sicher ist aber, dass die Figu­ren in Marons Tex­ten eine Frei­heit erhal­ten haben, die sie zwingt, sich neu zu ori­en­tie­ren, das Ver­hält­nis zu den Ande­ren, aber auch das Ver­hält­nis zu sich selbst, neu zu gestal­ten. ((Die Roma­ne End­mo­rä­nen und Ach Glück neh­men im Ver­gleich zu Marons frü­he­ren Tex­ten, wie etwa Flug­asche, Stil­le Zei­le sechs oder Die Über­läu­fe­rin ande­re Gewich­tun­gen vor, indem nicht mehr die Pro­ble­ma­tik des All­tags in der DDR im Zen­trum steht, son­dern all­ge­mein­mensch­li­che Pro­blem­la­gen. Aller­dings ist der Hin­ter­grund der DDR-Ver­gan­gen­heit doch wei­ter­hin kon­sti­tu­tiv für die Zeich­nung der Figu­ren. Vgl. dazu Dirk Nief­an­ger: Von Bit­ter­feld nach Ber­lin. Moni­ka Marons stra­te­gi­sches Schrei­ben. In: Auto­no­mie und Auf­merk­sam­keit. Hrsg. von Nor­bert Chris­ti­an Wolf et al. Im Druck.))

In Marons Poe­tik­vor­le­sung erschei­nen der Zer­fall der Ord­nung und die Mög­lich­keit von Aus­bruch und Rei­se, die äuße­re „Frei­heit”, einer­seits als Bedin­gun­gen für mög­li­ches Glücks­emp­fin­den. ((Moni­ka Maron: Wie ich ein Buch nicht schrei­ben kann und es trotz­dem ver­su­che (wie Anm. 5), S. 58.)) Ande­rer­seits ent­steht nach der Eupho­rie über den „Wohl­stand” und der nun „berechenbare[n] Ord­nung der west­li­chen Zivi­li­sa­ti­on” dann doch wie­der eine neue „Sehn­sucht”, deren Ziel jedoch unbe­stimmt ist: „Wonach seh­ne ich mich also […]?”, fragt hier die Erzäh­le­rin, wäh­rend sie sich in gren­zen­lo­ser Frei­heit durch Mexi­co-City drän­gelt, in deut­li­cher Anspie­lung auf die Mexi­ko-Rei­sen­de Johan­na. ((Ebd., S. 61. Hier fin­det sich eine der bio­gra­fi­schen Remi­nis­zen­zen, die häu­fig in Marons Tex­ten zu fin­den sind.)) Gera­de in der Fra­ge nach dem Ziel scheint der Faden zur abend­län­di­schen Denk­tra­di­ti­on gekappt, denn in die­ser ist das Ziel, das télos, zumin­dest abs­trakt unfrag­lich: das tugend­haf­te Leben. ((Vgl. Jan­ke (wie Anm. 9), S. 27.))

Marons Glücks­su­che­rin Johan­na kennt kei­ne defi­ni­ti­ve Ant­wort, sie weiß nicht, wonach sie sucht, kann es nicht benen­nen. Sie tas­tet sich an mög­li­che Ant­wor­ten her­an, indem sie eher stets bereit ist, Man­gel und Unbe­ha­gen zu kon­sta­tie­ren, Man­gel und Unbe­ha­gen dar­über, trotz der gewon­ne­nen Frei­heit in Abhän­gig­kei­ten wei­ter fort­zu­le­ben. Die­se tas­ten­de Suche führt in End­mo­rä­nen und in Ach Glück gleich­sam sinn­lich und fast syn­äs­the­tisch die Bild­lich­keit der Mahl­zei­ten und Spei­se­zei­chen vor Augen. Sie gibt einer­seits Auf­schluss dar­über, dass mit der gewon­ne­nen Frei­heit kul­tu­rel­le Gren­zen zwi­schen Ost und West wei­ter bestehen. Sie führt ande­rer­seits bis­wei­len dras­tisch die Schwie­rig­kei­ten vor, sich selbst zu behaup­ten, neue inne­re Gren­zen zu zie­hen, wodurch eine wesent­li­che Bedin­gung von Glück gege­ben ist. ((Die Fra­ge nach inne­rer Abgren­zung stellt sich eben­falls in Marons frü­hen Roma­nen, besitzt hier jedoch vor dem Hin­ter­grund der poli­ti­schen Situa­ti­on in der DDR eine beson­de­re Kon­no­ta­ti­on. Vgl. etwa Chris­ti­an Rausch: Repres­si­on und Wider­stand. Moni­ka Maron im Lite­ra­tur­sys­tem der DDR. Mar­burg 2005. Katha­ri­na Boll: Erin­ne­rung und Refle­xi­on: Retro­per­spek­ti­ve Lebens­kon­struk­tio­nen im Pro­sa­werk Moni­ka Marons. Würz­burg 2002 (Epis­te­ma­ta 410). Moni­ka Maron in per­spec­ti­ve. „Dia­lo­gi­sche Ein­bli­cke in zeit­ge­schicht­li­che, inter­tex­tu­el­le und rezep­ti­ons­be­zo­ge­ne Aspek­te ihres Wer­kes”. Ams­ter­dam, New York 2002. Hrsg. von Elke Gil­son. Ant­je Doß­mann: Indi­vi­dua­ti­on und Auto­ri­täts­kri­se in Moni­ka Marons erzäh­le­ri­schem Werk. Ber­lin 2003. Hsin Chou: Von der Dif­fe­renz zur Alteri­tät. Das Ver­hält­nis zum Ande­ren in der Fort­schrei­bung von Iden­ti­täts­su­che in den Roma­ne Die Über­läu­fe­rin und Stil­le Zei­le sechs von Moni­ka Maron. Frei­burg im Breis­gau 2007.))

Über das Spei­sen in den End­mo­rä­nen

Im Roman End­mo­rä­nen nimmt die Prot­ago­nis­tin Johan­na, die sich aufs Land nach Base­kow zurück­ge­zo­gen hat­te, nach etli­chen Jah­ren den Kon­takt zu einem ehe­ma­li­gen Freund aus dem Wes­ten wie­der auf. Chris­ti­an hat­te sie einst, als sie noch mit ihrem Mann Achim, einem lei­den­schaft­li­chen Kleist-For­scher, in Ost-Ber­lin zusam­men­leb­te, besucht. In ihrer Ein­sam­keit in Base­kow ver­fasst sie an Chris­ti­an P. etli­che Brie­fe, die den Roman durch­set­zen und die auch wie­der beant­wor­tet wer­den. Chris­ti­an avan­ciert zu einem zuver­läs­si­gen Gesprächs­part­ner in der Fer­ne, der offen­bar etwas zu ver­hei­ßen scheint, wäh­rend sich die Ehe mit Achim erschöpft hat. Vom eige­nen Mann, der ihr all­zu oft, ver­gra­ben in sei­ner phi­lo­lo­gi­schen Arbeit, den „Rücken” (47) zukehrt, ((End­mo­rä­nen wird im lau­fen­den Text zitiert nach der Aus­ga­be: Moni­ka Maron: End­mo­rä­nen. Frank­furt am Main 2004.)) kei­ne Anspra­che mehr erfah­rend, fun­giert Chris­ti­an P., den die Erzäh­le­rin nicht nahe her­an­kom­men las­sen will, um ihn nicht zu ‚ent­zau­bern‘ (vgl. 162), als Pro­jek­ti­ons­fi­gur für uner­füll­te Wün­sche. Die­ses regel­mä­ßi­ge Spiel von Fra­gen und Ant­wor­ten, das sich in ihrem Brief­wech­sel ent­spinnt, ver­mag ein Gefühl zu sug­ge­rie­ren, das in der übri­gen Lebens­welt ver­lo­ren gegan­gen ist, das Gefühl, etwas in der Hand zu haben, die Fäden des eige­nen Lebens selbst knüp­fen, sich selbst ent­schei­den zu kön­nen. Weil der Ande­re phy­sisch nicht prä­sent und stets Zeit für Refle­xio­nen gege­ben ist, bie­tet der Brief­wech­sel die Mög­lich­keit, aus siche­rer Ent­fer­nung inne­re Gren­zen neu zu zie­hen, die durch die Erleb­nis­se in der nun eigent­lich gren­zen­lo­sen Lebens­welt stän­dig bedroht erschei­nen. Für die­se Bedro­hung fin­det die Erzäh­le­rin in einem Brief an Chris­ti­an ein dras­ti­sches Bild:

Haben wir alle ver­lernt, um unser Glück zu kämp­fen? Oder sind wir nur unsi­cher dar­in gewor­den, was unser Glück sein könnte?

Vor ein paar Tagen habe ich zuge­se­hen, wie die Fische­rin mir einen Hecht aus­nahm und das klei­ne, von sei­nen Adern geris­se­ne Herz auf das Schlacht­blech leg­te, wo es wild wei­ter­schlug, ein sinn­lo­ses ein­sa­mes Herz ohne Hirn, Sin­ne, Kör­per und schlug und schlug, als hät­te es den Tod sei­nes Fisches noch gar nicht bemerkt. Die Kat­ze fraß schon die Leber, die Fische­rin schrubb­te dem Hecht die Schup­pen von der Haut, und dane­ben schlug in irr­sin­ni­ger Hoff­nung sein tap­fe­res, blu­ten­des Herz. Glaubst du, unse­re Her­zen schlü­gen auch ein­fach so fort, wenn man sie uns aus den Leis­ten ris­se? Wenn man es recht besieht, ist es ja so. Wäh­rend unser Fleisch lang­sam an den porö­sen Kno­chen ver­fällt, tut unser idio­ti­sches Herz, als mer­ke es nichts, und pocht rhyth­mus­ge­stört auf sei­nen alten Gewohn­hei­ten her­um, so ver­nunft­los wie die­ses lebens­hung­ri­ge Hecht­herz. (208f.)

Die­ses Bild einer Fisch­schlach­tung führt nicht nur den Pro­zess eines Alterns vor Augen, in dem Kör­per und See­le getrenn­te Wege gehen. Denn das Altern ist ein natür­li­cher Pro­zess, für den ein Täter oder eine Täte­rin, hier die Fische­rin sowie die fres­sen­de Kat­ze, nicht not­wen­dig wären. Im Zen­trum steht eher der Ein­druck des gewalt­sa­men Zuge­rich­tet-Wer­dens von der Außen­welt, des Ver­zehrt-Wer­dens nicht nur durch die Zeit, die ver­streicht, son­dern auch durch das eige­ne Erle­ben, dem sich Johan­na offen­bar wehr­los aus­ge­lie­fert sieht. Es ist vor allem die Angst, die im Bild des rhyth­mus­ge­stör­ten Her­zens auf­ge­ho­ben ist.

Auch die Fort­set­zung des Brie­fes weist dar­auf­hin, dass die­ses Bild nicht nur den Pro­zess des Alterns beschreibt, son­dern den Ein­druck einer gewalt­tä­ti­gen Bedro­hung durch die Außen­welt. Es fun­giert als zukunfts­ge­wis­se Vor­aus­deu­tung. In direk­tem Anschluss an die­ses Bild erzählt die Ich-Erzäh­le­rin von einem Spa­zier­gang zu einer ein­sam gele­ge­nen Kapel­le. Der Weg dort­hin führt über eine nur wenig befah­re­ne Stra­ße, die von Fel­dern umge­ben ist. Plötz­lich fühlt sie sich von einem roten Auto bedrängt, in dem sich zwei kahl­köp­fi­ge jun­ge Män­ner nach ihr umdre­hen. In die­sen ver­mu­tet sie jene, die einst an dem in der Nähe gele­ge­nen See mar­tia­li­sche und ras­sis­ti­sche Gesän­ge ange­stimmt haben und über die sie sich bei der Poli­zei beschwert hat­te. Achim rech­ne­te schon damals mit einem Rache­akt, den Johan­na nun, auf der ein­sa­men Stra­ße spa­zie­rend und das rote Auto vor sich sehend, angst­voll erwar­tet: „[…] mein Herz schlug so wild, so wild wie das arme Hecht­herz” (212).

Jen­seits von Fra­gen nach Recht und Unrecht han­delt es sich um die Schil­de­rung eines all­täg­lich mög­li­chen Schar­müt­zels, das sich aber durch eine beson­de­re Inten­si­tät vor ande­ren aus­zeich­net: „Die­se fünf Minu­ten Angst waren das wirk­lichs­te Gefühl, das ich seit lan­gem hat­te. Ich wuss­te ganz genau, woher es kam und wem es galt […]” (212). Das Gefühl der Bedro­hung ruft jenes der eige­nen Gren­zen wie­der wach, die jedoch zugleich durch die mög­li­chen bei­den Täter im roten Auto in Auf­lö­sung begrif­fen schei­nen. Ent­spre­chend fin­den sich im Bild von der Hecht­schlach­tung zwei jedoch weib­li­che Täte­rin­nen, die Fische­rin und die Kat­ze, die sich bereits dar­an machen, ihr Opfer zu zer­stü­ckeln. Ver­gleicht die Ich-Erzäh­le­rin ihre Situa­ti­on auf der Stra­ße im Ange­sicht des roten Autos mit jener des geschlach­te­ten Hech­tes, so befin­det sie sich hier wie dort bereits in einem Zustand der gewalt­sam von außen zuge­füg­ten Auf­lö­sung und des Verzehrt-Werdens.

Es ist mög­lich, das Bild des geschlach­te­ten Fisches als Sinn­bild zu lesen für ein ex nega­tivo zu ermit­teln­des Ver­ständ­nis von Glück, auch des­halb, weil die Erzäh­le­rin mit der Fra­ge nach Glück und was es denn sein könn­te die­ses dras­ti­sche Bild vom Fisch­schlach­ten ein­lei­tet. Die Ver­knüp­fung des abs­trak­ten Begriffs ‚Glück‘ mit die­ser all­täg­li­chen und auch grau­sa­men Sze­ne lässt bereits dar­auf schlie­ßen, dass die Mög­lich­keit, Glück zu erlan­gen, offen­bar jene Opfer­rol­le aus­schließt, in der sich jener Fisch befin­det, mit dem die Erzäh­le­rin ihre gegen­wär­ti­ge Situa­ti­on vergleicht.

Die kan­ni­ba­lis­ti­sche Meta­pher ver­bild­licht den all­täg­li­chen Über­le­bens­kampf aller gegen alle und den ver­zwei­fel­ten Ver­such, noch im Gefühl des Ver­zehrt-Wer­dens sei­ne eige­nen Gren­zen zu behaup­ten. In die­sem Sin­ne nimmt der geschlach­te­te Hecht Anteil an einem Dis­kurs der Spei­se­zei­chen, der sich wie ein roter Faden durch den Text hin­durch­zieht. ((Die Meta­pho­rik erin­nert in gewis­ser Wei­se an Gün­ter Grass’ Der Butt.)) Die insze­nier­ten Spei­se­sze­nen erschei­nen stets als expe­ri­men­tel­le Ver­suchs­an­ord­nun­gen, in denen Gren­zen aus­ge­han­delt wer­den. Sie bie­ten, wie das Bild vom geschlach­te­ten Hecht andeu­tet und wie es die bedroh­li­che Situa­ti­on auf der ein­sa­men Stra­ße extrem aus­führt, Gele­gen­hei­ten zu Schar­müt­zeln, die über die Spei­se­zei­chen sinn­lich aus­agiert wer­den. Alle geschil­der­ten Spei­se­sze­nen enden schließ­lich ent­we­der im Streit oder zumin­dest im Ein­druck der Disharmonie.

Über den Ein­satz von Spei­se­zei­chen wer­den Gren­zen aus­ge­han­delt. Sie ver­sinn­li­chen einer­seits die fak­ti­sche Absenz einer äuße­ren poli­tisch-geschicht­li­chen Gren­ze, ande­rer­seits ihre unsicht­ba­re und ins Inne­re ver­leg­te Per­ma­nenz, die Bezie­hun­gen und die für sie auch not­wen­di­ge Abgren­zung zum Pro­blem wer­den las­sen. So kann beob­ach­ten wer­den, dass Spei­se­zei­chen im Text bestimm­te Funk­tio­nen besit­zen und auf Bewe­gun­gen der Annä­he­rung und des Rück­zugs, der Ent­gren­zung und zugleich der Begren­zung hinweisen.

Zunächst ist von Inter­es­se, dass die Erzäh­le­rin in ihrem Brief an Chris­ti­an P. den Hecht als Nah­rungs­mit­tel erwähnt. In die­sem Kon­text ver­mag die Erwäh­nung des Hech­tes zumin­dest nach außen eine kul­tu­rel­le Ver­bun­den­heit zu sug­ge­rie­ren, zumin­dest die fak­ti­sche Absenz von poli­ti­schen Gren­zen. Der Brief ist eine Ant­wort auf den ers­ten Brief von Chris­ti­an P. Die­ser erin­nert sich hier an die ers­te Begeg­nung mit Johan­na vor etwa drei­zehn Jah­ren. Er erin­nert sich, dass Johan­na damals „eine pol­ni­sche Gur­ken­sup­pe” gekocht hat­te, „aus Dill­gur­ken, Rind­fleisch und sau­rer Sah­ne” und sich „wort­reich” ent­schul­dig­te, weil sie mein­te, dass sei für einen Tos­ka­na-Rei­sen­den Münch­ner „zu unge­wöhn­lich” (94). Der Hecht im Brief sug­ge­riert inso­fern eine geglück­te kul­tu­rel­le Sym­bio­se, als dass Johan­na nun von der Sup­pen­kö­chin, die vor Chris­ti­an P. mit „Sup­pen­topf und Schöpf­kel­le” her­um­rann­te, zu einer Zube­rei­te­rin eines fei­nen Spei­se­fi­sches avan­ciert ist (ebd.). In der Erin­ne­rung erregt die auf­ge­tisch­te Sup­pe bei Johan­na immer noch Scham. Chris­ti­an P. ruft ihr mit sei­ner Erzäh­lung einen Abend ins Gedächt­nis, an den sie „lan­ge nicht […] den­ken” woll­te (99), einen Abend, an dem sie mit Achim bei Chris­ti­an P. und sei­ner Frau zu Besuch war und auf einem ele­gant gedeck­ten Tisch „Lamm­kar­ree und klei­ne, in Speck gewi­ckel­te grü­ne Boh­nen” vor­ge­setzt bekam (100). „Ich genier­te mich”, so Johan­na in ihrem Brief, „nach­träg­lich für jene Sup­pe, die ich Dir, ein Küchen­brett unter dem Tel­ler, auf die Knie gestellt habe, weil wir bis heu­te nur in der Küche einen Eßtisch haben” (ebd). Die Situa­ti­on des gemein­sa­men Essens, eigent­lich ein gemein­schafts­stif­ten­des Ereig­nis, wird zu einem Spiel­feld, auf dem die Figu­ren zu Kom­bat­tan­ten avan­cie­ren, die ihre inne­ren Gren­zen mit Hil­fe sinn­li­cher Spei­se­zei­chen abste­cken. Gera­de weil die­se Zei­chen sinn­lich syn­äs­the­tisch, mit Augen, Mund und Nase erfahr­bar sind, blei­ben sie im Gedächt­nis und ver­mö­gen noch im Rück­blick das Gefühl des Von­ein­an­der-Getrennt­seins wachzurufen.

In die­sem Sin­ne insze­niert der Text der­ar­ti­ge Situa­tio­nen noch öfter. Die wie bei­läu­fig ein­ge­streu­ten Hin­wei­se auf Nah­rungs­mit­tel sug­ge­rie­ren zwar einer­seits eine fak­ti­sche Absenz von poli­ti­schen Gren­zen, inso­fern doch alles, was auf den Tisch kommt, leicht zu beschaf­fen ist und nicht mehr von „Abge­sand­ten” aus dem Wes­ten (49), wie einst Chris­ti­an einer war, her­bei­ge­bracht wer­den muss. Sind die Res­sour­cen jedoch gleich­sam uner­schöpf­lich und rea­li­ter für jeden zu haben — inso­fern die mate­ri­el­len Vor­aus­set­zun­gen dies zulas­sen — und hat man die Wahl, was und wie man etwas zube­rei­tet, so gestal­tet sich doch die­se gren­zen­lo­se Frei­heit der Mög­lich­kei­ten zu einem neu­en Gefäng­nis, eben zu einem Spiel­feld eines sinn­lich aus­ge­tra­ge­nen Kamp­fes um die Gestal­tung der eige­nen indi­vi­du­el­len Lebens­welt. ((Über den Wohl­stand der Bun­des­re­pu­blik äußert sich Maron in ihrem ers­ten Bericht an die Sta­si 1976. Dass die Leu­te „bekom­men, was sie wol­len” und das auch wüss­ten, mache sie „weni­ger hek­tisch”. Moni­ka Maron: Zwei Berich­te an die Sta­si, 1976. In: Dies.: quer über die glei­se. Arti­kel, Essays, Zwi­schen­ru­fe. Frank­furt am Main, 2. Aufl. 2000, S. 24–33, hier S. 25. Aller­dings wer­tet Maron den Ver­zicht auf Kon­sum im Ver­gleich mit der poli­ti­schen Situa­ti­on als zu ver­schmer­zen: „Der Ver­zicht auf einen gewis­sen Wohl­stand, auf Kon­sum und spa­ni­sche Aus­tern ist nichts und gar nichts im Ver­gleich zum Ver­zicht auf eine frei­wil­li­ge Gemein­schaft, die leben­dig ist in ihren Zie­len und ihrer Arbeit” (ebd., S. 30). Noch nicht vor­aus­ge­se­hen wird, wel­che neu­en Pro­blem­la­gen sich eröff­nen, wenn plötz­lich alles vor­han­den ist.))

Nicht von unge­fähr lässt die Erzäh­le­rin Karo­li­ne, die in Lübeck gebo­re­ne West­ber­li­ner Male­rin, ihren Gäs­ten, Johan­na und dem Gale­rie­be­sit­zer Igor, der dem Leser etwas anders gezeich­net in Ach Glück wie­der begeg­net, ein noch fei­ne­res Fisch-Menü auf­ti­schen: „Aal mit Sal­bei” (73). Sie selbst, so reflek­tiert Johan­na, koch­te „den Aal immer noch in Dill­sauce” und wäre, obwohl es mög­lich war, „nicht auf die Idee gekom­men, […] ein neu­es Leben zu erfin­den” — sprich: den Aal mit Sal­bei zuzu­be­rei­ten (77). Johan­na bewahrt fast trot­zig ihre Iden­ti­tät, indem sie sich nicht auf das Ande­re ein­lässt. Vom eigent­lich sinn­li­chen Geschmack des Aals in Sal­bei ist dabei nicht die Rede. Johan­na nutzt die­ses Zei­chen, um ein Res­sen­ti­ment zu näh­ren, das es ihr ermög­li­chen soll, inne­re Gren­zen zu zie­hen. Zu die­sem Ein­druck trägt auch der lei­se Spott bei, mit dem das Anrich­ten erzählt wird. Caro­li­ne rich­tet den Aal mit Sal­bei „deko­ra­tiv” an, ((Ebd., S. 74.)) „auf einer fisch­för­mi­gen Scha­le, die am einen Ende in einen aus­ge­form­ten und bemal­ten Zan­der­kopf mün­de­te, am ande­ren in eine gra­zi­ös gespreiz­te Schwanz­flos­se. Alles pass­te […]”. ((Ebd., S. 75.)) Johan­na ver­mag es nicht, sou­ve­rän mit die­ser Situa­ti­on umzu­ge­hen, die Spei­se­zei­chen offen­ba­ren ihr auf sinn­li­che Wei­se die Unmög­lich­keit, sich sicher auf einem Platz in der Run­de zu behaup­ten. So ent­steht die Situa­ti­on, dass der deu­ten­de Umgang mit den Spei­se­zei­chen die poli­ti­sche Gren­ze unsicht­bar wie­der errich­tet und die Kon­struk­ti­on einer not­wen­di­gen inne­ren, gleich­sam pri­va­ten Gren­ze, die Sicher­heit und Gelas­sen­heit gewährt, verhindert.

Wäh­rend Karo­li­ne, die auch auf dem außer­eu­ro­päi­schen Kunst­markt mit ihren Bil­dern erfolg­reich ist und ein mon­dä­nes und leicht gla­mou­rö­ses Leben zu füh­ren scheint, ihren Gäs­ten Aal mit Sal­bei und zum Nach­tisch fran­zö­si­sche „Bir­nen-Tar­te” auf­tischt (77), ver­zeh­ren die Gäs­te — Karo­li­ne und Igor sowie Elli, eine Freun­din aus dem Osten, die einst einen Aus­rei­se­an­trag gestellt hat­te — bei Johan­na hand­fes­te­re „Rou­la­den” (123, vgl. 114). Johan­na ist eben­so unsi­cher wie vor etli­chen Jah­ren, als es ihr unan­ge­nehm war, vor Chris­ti­an P. als ‚Sup­pen­kö­chin‘ auf­zu­tre­ten. Sie traut sich nicht, der gla­mou­rö­sen Karo­li­ne „außer einem deut­schen Schmor­ge­richt auch noch deut­schen Rot­kohl zuzu­mu­ten”, son­dern fährt „fünf­zehn Kilo­me­ter weit”, „um Pfif­fer­lin­ge zu besor­gen” und so die Rou­la­den zu „neu­tra­li­sie­ren” (123f). Hier, als Täte­rin und Zube­rei­te­rin eige­ner Spei­sen, ver­mag es Johan­na nicht, ange­sichts der leib­haf­ti­gen Prä­senz einer Ver­zeh­re­rin mit offen­bar ver­wöhn­tem Gau­men, ihre inne­ren Gren­zen zu behaup­ten. Hier erfin­det sie ihr Leben dann doch für einen kur­zen Moment ‚neu‘, wobei sie eine gewis­se Inko­hä­renz der Spei­sen in Kauf nimmt. Die Pfif­fer­lin­ge stel­len im Kon­text des deut­schen Schmor­ge­richts einen Fremd­kör­per dar, einen eben­sol­chen Fremd­kör­per wie Karo­li­ne, von der Johan­na nie­mals sagen konn­te, ob sie ihr „eigent­lich sym­pa­thisch” war (68). So sind sie doch nur ein hal­bes, ein halb­her­zi­ges Zuge­ständ­nis an den ver­wöhn­ten Gau­men der erfolg­rei­chen Kunst­ma­le­rin, gab es doch zum Des­sert wie­der­um hand­fest und natio­nal deut­lich codiert „Apfel­stru­del mit Vanil­le­so­ße” (124). Die man­geln­de Kohä­renz der zusam­men gewür­fel­ten Spei­se ‚Rou­la­den mit Pfif­fer­lin­gen‘ mag sich nun auch in der feh­len­den Har­mo­nie des Abends wider­spie­geln, der in einer hef­ti­gen Dis­kus­si­on über Men­schen- und Tier­ver­su­che endet. Wie im Fal­le der Zube­rei­tung ihres Gerich­tes kann sich Johan­na nicht für ein Für oder Wider ent­schei­den, son­dern nimmt mal die­se, mal jene Posi­ti­on ein, ohne sich aber am Gespräch ent­schlos­sen zu betei­li­gen (vgl. 136f.).

Pil­ze spie­len im Spei­se­dis­kurs auch an ande­rer Stel­le eine Rol­le. Ver­tre­ten die Pfif­fer­lin­ge in der Begeg­nung mit Karo­li­ne in gewis­ser Wei­se ein kul­tu­rel­les Zuge­ständ­nis, so neh­men gene­rell Pil­ze als Spei­se­zei­chen in der Schil­de­rung des Ver­hält­nis­ses zu Achim eine beson­de­re Funk­ti­on ein. Als die­ser Johan­na auf dem Land besucht, ver­zich­tet sie auf jede Vor­be­rei­tung einer Mahl­zeit, geschwei­ge denn dar­auf, extra weit zu fah­ren, um Pfif­fer­lin­ge zu besor­gen. Selbst natur­lie­bend, fährt sie mit Achim in den Wald, um Pil­ze zu sam­meln. Jen­seits zivi­li­sa­to­ri­scher Bequem­lich­kei­ten und einer Lebens­welt, in der alles aus zwei­ter Hand zugäng­lich ist, wird hier die Nah­rung noch selbst gesucht, gleich­sam als nost­al­gi­sche gemein­sa­me Erin­ne­rungs­tat an jene Zei­ten, als man noch nicht gren­zen­los die Wahl hat­te. Könn­te die­se Tat auch ver­bin­den und jene Gren­zen, die das Paar inner­lich von­ein­an­der trennt, etwas auf­lö­sen, so ist doch das Gegen­teil der Fall. Dass die Pil­ze Aus­lö­ser dafür sein könn­ten, dass die Ent­frem­dung noch ein­mal schmerz­haft bewusst wer­den kann, ist nun wie­der­um abzu­se­hen, sam­melt das Paar doch seit zwan­zig Jah­ren zusam­men Pil­ze. Es ist vor­aus­seh­bar, dass Johan­na wie­der nur „sei­nen [Achims] Rücken” sieht (84). Der gelehr­te Achim lässt es sich zudem nicht neh­men, auf sei­ne Art an die Spei­se her­an­zu­ge­hen und sorg­fäl­tig, wie er es seit zwan­zig Jah­ren tut, mit einem „Pilz­buch” die ein­zel­nen Exem­pla­re zu bestim­men (85). Auf sei­ne Art nutzt Achim die Nah­rung, um sich abzu­gren­zen, muss ihm doch bewusst sein, dass Johan­na die­se Ges­te, das wis­sen­schaft­li­che Bestim­men der Pil­ze mit Hil­fe eines Buches, als Ansamm­lung und Dar­stel­lung von „Herr­schafts­wis­sen” (85) wahr­nimmt. Es ist deli­kat, dass sich Johan­na einer­seits durch den gelehr­ten wis­sen­schaft­li­chen Ehe­part­ner vor­ge­führt fühlt, der sich ande­rer­seits, bewusst oder unbe­wusst, zugleich selbst zu schüt­zen ver­steht, kann sein Wis­sen doch über Leben und Tod ent­schei­den. ((Im anti­ken Rom wur­den Pil­ze ger­ne ver­wen­det, um unlieb­sa­me Wider­sa­cher beim opu­len­ten Fest­mahl zu ver­gif­ten.)) Auch die­ses Mahl hat jeden­falls kei­ne gemein­schafts­stif­ten­de Funk­ti­on. Frü­her als geplant bricht der Gast wie­der nach Hau­se auf. Die übrig geblie­be­nen Pil­ze packt Johan­na ihm ein (vgl. 92).

Auch im Ver­hält­nis zur Toch­ter wird die Situa­ti­on des gemein­sa­men Essens letzt­lich zum Anlass, dass das Tren­nen­de schmerz­lich offen­bar wird. Als Lau­ra unver­hofft von ihrer Ame­ri­ka-Rei­se zurück­kehrt, über­fällt Johan­na der alte Kom­plex, den sie schon als ‚Sup­pen­kö­chin‘ gegen­über Chris­ti­an P. emp­fun­den hat­te. Sie ent­schul­digt sich, nicht vor­be­rei­tet zu sein, hät­te sie doch „einen Fisch” oder „eine Ente” pro­blem­los ‚besor­gen‘ kön­nen, wor­auf­hin Lau­ra lachend ant­wor­tet: „Mama, du redest wie eine Mut­ter im Film. Mach doch Brat­kar­tof­feln.” (169) Lau­ra des­avou­iert das Ange­bot der für­sorg­li­chen Mut­ter als miss­glück­ten insze­na­to­ri­schen Akt, um der weit gereis­ten und an Frem­derfah­run­gen rei­che­ren Toch­ter nahe zu kom­men und macht dadurch zugleich das Miss­ver­ste­hen schmerz­lich deut­lich. Nähe ist wie­der­um nicht das Resul­tat die­ser gemein­sa­men Mahl­zeit. Hin­sicht­lich ihrer unge­woll­ten Schwan­ger­schaft zieht Lau­ra ihre Mut­ter jeden­falls nicht ins Ver­trau­en und kün­digt zugleich an, für län­ge­re Zeit nach Ame­ri­ka zu gehen (vgl. 173).

Der nach­ge­zeich­ne­te Dis­kurs der Spei­se­zei­chen und Essens­sze­nen führt ein­dring­lich die stets miss­glück­ten Ver­su­che Johan­nas vor Augen, sich in der oft künst­lich und insze­niert anmu­ten­den Gesel­lig­keit einen eige­nen Raum zu schaf­fen, inne­re Gren­zen in Gelas­sen­heit zu wah­ren oder auf­zu­bau­en. Gera­de die Mahl­zei­ten mar­kie­ren immer wie­der schmerz­lich das Miss­ver­ste­hen der Figu­ren unter­ein­an­der. Auf die­sem Feld wird zwar die fak­ti­sche Absenz poli­ti­scher Gren­zen offen­bar, die Situa­tio­nen gesel­li­gen Zusam­men­seins in Frei­heit ermög­licht. Die Mahl­zei­ten füh­ren jedoch auf unter­schied­li­che Wei­se Aspek­te des Tren­nen­den, der Ent­frem­dung, sinn­lich vor Augen. Sind die Mahl­zei­ten auch Orte, um Nähe und Ver­ste­hen her­zu­stel­len, so gera­ten sie im Gegen­teil zu Situa­tio­nen, die gera­de deren Unmög­lich­keit demons­trie­ren und inne­re Unsi­cher­hei­ten pro­du­zie­ren. Johan­nas Ver­such, sich sicher zu plat­zie­ren und zu bewe­gen, schei­tert. Am Ende von End­mo­rä­nen ent­schei­det sie sich, ihre Enkla­ve auf dem Land zu ver­las­sen und nach Hau­se zu Achim zurück­zu­keh­ren. Wie­der ein­mal bestellt sie bei jener Fische­rin einen Hecht, des­sen Schlach­tung sie einst zuge­schaut und die in ihr das Gefühl des eige­nen Ver­zehrt-Wer­dens wach­ge­ru­fen hat­te. Sie resü­miert: „und ich war froh, dass ich dies­mal nicht Zeu­gin der Schlach­tung sein muss­te” (251). Auf dem Weg nach Ber­lin sam­melt sie einen ver­las­se­nen Hund auf einen Park­platz auf, jenen Hund Bre­dow aus Ach Glück, dem Achim eifer­süch­tig miss­trau­en wird. ((Der Hund Bre­dow mag wie­der­um eine Remi­nis­zenz an Marons eige­ne Bio­gra­fie sein. Für das Spie­gel- Inter­view zu Ach Glück lässt sie sich mit ihrem Hund Bru­no ablich­ten. Vgl. „Das Glück bleibt uner­reicht”. Die Schrift­stel­le­rin Moni­ka Maron über ihren neu­en Roman, die Sehn­sucht nach einem gelun­ge­nen Leben und das Ver­lust­ge­fühl im Osten. In: Der Spie­gel Nr. 30 / 2007, 22. 7. 2007, S. 140–142, hier S. 140. In ihrer Poe­tik­vor­le­sung erläu­tert Maron die Bedeu­tung des Hun­des für den Gang der Hand­lung: „Der Hund hat, wonach der aus sei­ner tran­szen­den­ten Ver­an­ke­rung geris­se­ne Mensch sich sehnt: etwas, zu dem er gehört, das grö­ßer ist als er selbst. Und daß wir einem ande­rem Geschöpf das sein kön­nen, was wir selbst zwi­schen Phi­lo­so­phie und Stern­deu­tung ver­geb­lich suchen, rührt uns bis an den tiefs­ten Punkt unse­rer See­le.” Maron: Wie ich ein Buch nicht schrei­ben kann und es trotz­dem ver­su­che (wie Anm. 5), S. 36f.)) Wie die letz­te anvi­sier­te Hecht-Mahl­zeit aus­geht, dar­über lässt uns die Ich-Erzäh­le­rin im Unklaren.

Der Ein­satz der Spei­se­zei­chen in Ach Glück

Der Text End­mo­rä­nen expo­niert Johan­na zugleich zum einen als Zube­rei­te­rin von Mahl­zei­ten, zum ande­ren als Erzäh­le­rin ihrer eige­nen Geschich­te sowie als Schrei­be­rin von Bio­gra­fien, in die­sem Fall über Wil­hel­mi­ne Enke, die Mai­tres­se von Fried­rich Wil­helm II. Der Roman ist durch­setzt mit Noti­zen die­ses Tex­tes, der von Mal zu Mal aus­führ­li­cher wird und mehr Form und Gestalt annimmt. Zugleich schei­nen sich durch das ange­le­se­ne Mate­ri­al immer mehr Fra­gen bezüg­lich der Per­son Wil­hel­mi­ne Enke zu stel­len. „Sicher ist nur” — so wird der letz­te Satz der Noti­zen ein­ge­lei­tet (204). Hier ver­schwin­det die Ich-Erzäh­le­rin, die in den ers­ten Noti­zen noch ihre eige­ne Per­son und Wahr­neh­mung deut­lich mar­kiert und die­se durch die Ver­wen­dung der Pro­no­mi­na ‚ich‘ und ‚uns‘ in den Text mit ein­bringt (vgl. 81f.).

Wie die Ich-Erzäh­le­rin zuneh­mend aus die­sem Text ver­schwin­det, so ver­schwin­det sie auch im Über­gang von den End­mo­rä­nen zu Ach Glück. Man könn­te sich vor­stel­len, dass sich die Ich-Erzäh­le­rin der End­mo­rä­nen in eine zu ima­gi­nie­ren­de Erzählin­stanz ver­wan­delt, die sich selbst zu einer Figur ihrer eige­nen Geschich­te sti­li­siert und zugleich den Plan fasst, nicht wei­ter Bio­gra­fien über Ande­re zu ver­fas­sen (vgl. 111). ((Zitiert wird Ach Glück im lau­fen­den Text nach der Aus­ga­be: Moni­ka Maron: Ach Glück. Frank­furt am Main 2007.)) Sie hebt im Flug­zeug, jedoch viel­leicht vor allem inner­lich, ab. Man könn­te sich vor­stel­len, dass sie die Vogel­per­spek­ti­ve für das Auf­schrei­ben einer Geschich­te nutzt, in der sie sich selbst zu einer Figur gestal­tet. Erst das Abhe­ben ermög­licht den Mul­ti­per­spek­ti­vis­mus des Tex­tes, so dass auch Achims Per­spek­ti­ve erheb­lich zum Tra­gen kommt. Ein Relikt der Erzähl­hal­tung der End­mo­rä­nen bil­det ledig­lich die Stim­me von Nata­lia Tim­ofe­jew­na, deren Brie­fe aus Mexi­ko den Roman durch­set­zen. Die­se machen Johan­na auf die Künst­le­rin Leo­no­ra Car­ring­ton neu­gie­rig und lie­fern den Anlass zur Rei­se. Ins­ge­samt domi­niert folg­lich die inter­ne Foka­li­sie­rung in alter­nie­ren­dem Wech­sel von Johan­na zu Achim und wie­der zurück, die jedoch durch homo­die­ge­ti­sche Pas­sa­gen auf­ge­lo­ckert ist. ((Vgl. zu den Begrif­fen: Mati­as Mar­ti­nez / Micha­el Schef­fel: Ein­füh­rung in die Erzähl­theo­rie. Mün­chen, 4. Aufl. 2003, S. 64 und S. 81.)) Was so ent­ste­hen könn­te, ist der Ein­druck einer gewis­sen Ver­ein­ze­lung der Figu­ren, die ein aukt­o­ria­ler Erzähl­ges­tus, der durch die Über­sicht stets auch ein ver­mit­teln­der ist, zugleich abmil­dert. Die Ver­ein­ze­lung der Figu­ren wird sogleich zu Beginn wie­der­um in einem Bild des Spei­sens mani­fest: Wir fin­den Achim allein beim Früh­stück im Café Ein­stein: „Er fühl­te sich wie jemand, der spiel­te, dass er allein früh­stü­cken ging, aber es gefiel ihm. Johan­na saß in einem Flug­zeug nach Mexi­ko und er in einem Café bei Mohn­ku­chen und Milch­kaf­fee” (28).

In Ach Glück nimmt die zu ima­gi­nie­ren­de Erzählin­stanz in der Zube­rei­tung ihres Tex­tes Grenz­zie­hun­gen vor, die der Johan­na in End­mo­rä­nen nicht mög­lich waren. Die­se Erzähl­kunst ermög­licht erst die Distanz, die sinn­bild­lich das Abhe­ben im Flug­zeug reflek­tiert. Die Per­spek­ti­ve scheint dabei bis­wei­len durch die Figu­ren hin­durch zu gehen und sie zu ver­dop­peln. Beson­ders deut­lich wird die­se Ver­dop­pe­lung der Per­spek­ti­ve, als der Blick von Achim auf Johan­na schwenkt, die in Igors Gale­rie sitzt und über ihr Leben, die Bezie­hung zu ihrer Mut­ter und über ihre Toch­ter Lau­ra nach­denkt. Plötz­lich ver­neh­men wir die Stim­me der Ste­war­dess: „Beef or chi­cken? Excu­se me, beef or chi­cken? Spre­chen Sie Deutsch? Rind oder Hühn­chen” (85)? Es scheint, als höre man mit der Prot­ago­nis­tin mit, die aus ihren Erin­ne­run­gen durch die Stim­me auf­ge­weckt wird. So allein und ver­sun­ken wie Achim im Café Ein­stein ist auch sie. Bei­den dient die im Grun­de unge­sel­li­ge Nah­rungs­auf­nah­me nur­mehr zum Zeit­ver­treib. Im Fal­le der Flug­zeug­mahl­zeit mar­kiert der Regis­ter­wech­sel zugleich das Abge­ho­ben­sein in Rich­tung einer ande­ren, noch frem­den Lebenswelt.

Die zu ima­gi­nie­ren­de Erzählin­stanz figu­riert im Bild der Hecht­schlach­tung aus den End­mo­rä­nen nun gleich­sam als die Fische­rin, die den Fisch in Ein­zel­tei­le zer­legt, wäh­rend die Rezi­pi­en­ten die­se Ein­zel­tei­le selbst zusam­men­fü­gen, ihren Sinn selbst kom­bi­nie­ren, aus dem Hecht selbst ein stim­mi­ges Gericht zube­rei­ten müs­sen. Der Text ver­setzt somit die Rezi­pi­en­ten in die Lage Johan­nas als Schrei­be­rin von Bio­gra­fien, inso­fern die­se wei­ter­hin, obwohl sie es eigent­lich nicht vor­hat (vgl. 111), die Bruch­stü­cke der Infor­ma­tio­nen über jene Künst­le­rin Leo­no­ra Car­ring­ton zusam­men­fügt. ((Leo­no­ra Car­ring­ton ist eine noch leben­de sur­rea­lis­ti­sche Künst­le­rin und Autorin, die heu­te in Mexi­ko lebt. Im Spie­gel-Inter­view erzählt Maron, dass sie sich selbst auf ihrer Mexi­ko-Rei­se auf Spu­ren­su­che bege­ben hat­te. Vgl. „Das Glück bleibt uner­reicht” (wie Anm. 21), S. 142. Vgl. auch Maron: Wie ich ein Buch nicht schrei­ben konn­te und es trotz­dem ver­such­te (wie Anm. 5), S. 43.)) Im Flug­zeug „ord­ne­te sich” Johan­na „in ihrem Kopf alles, was sie über Leo­no­ra erfuhr, nach Ver­wert­bar­keit und Fol­ge­rich­tig­keit, nach Kri­sen und Höhe­punk­ten” und „spür­te […] nach dem Urei­gens­ten, dem Ursprung ihrer Bio­gra­fie” (ebd.).

Im Schrei­ben der Geschich­ten in Ach Glück herrscht eben­so ein Ver­such vor, Ord­nung zu stif­ten, deren Grund­zü­ge aber dar­in bestehen, dass ein klar ein­seh­ba­rer Zusam­men­hang in die Ereig­nis­se ver­wehrt bleibt. Im Aner­ken­nen die­ser blin­den Fle­cken durch das Schwen­ken in jeweils alter­nie­ren­de Per­spek­ti­ven liegt die ethi­sche Dimen­si­on des Tex­tes, der dazu auf­for­dert, vor­sich­tig tas­tend zu ver­ste­hen. Wie aber im Fal­le der his­to­ri­schen Figu­ren, über die Johan­na Infor­ma­tio­nen und Details zusam­men­sam­melt, wirft der Text bezüg­lich der Prot­ago­nis­tin und ihres Ver­hält­nis­ses zum Ande­ren Fra­gen auf. So bleibt bei­spiels­wei­se unklar, ob Achims ehe­ma­li­ges Ver­hält­nis zu einer ande­ren Frau, des­sen Ver­lauf aus sei­ner Per­spek­ti­ve geschil­dert wird, eine mög­li­che Ursa­che der Ent­frem­dung dar­stellt (vgl.139–150). In den Bruch­stü­cken der Erin­ne­rung kann Achim jeden­falls kei­nen objek­ti­ven und über­zeu­gen­den Ursa­che- und Wir­kungs­zu­sam­men­hang aufspüren.

Der Drang zur Ord­nung, zur objek­ti­ven und gerech­ten Rekon­struk­ti­on der Ereig­nis­fol­ge, zeich­net auch Achim aus, jedoch auf eine Wei­se, die Johan­na offen­bar als Bedro­hung erlebt und die sich für sie sinn­lich wahr­nehm­bar in ihrer all­täg­li­chen Lebens­welt bemerk­bar macht. Um den Ein­druck, den Achims phi­lo­lo­gi­sche Arbeit in ihr erweckt, zu ver­an­schau­li­chen, wer­den Spei­se­zei­chen humo­ris­tisch ein­ge­setzt. Beim gemein­sa­men Abend­essen bemerkt Johan­na an Achim eine „Zer­stü­cke­lungs­wut” (135). Er bedeckt sein Brot „lücken­los” mit genau zuge­schnit­te­nen Schin­ken­schei­ben, schnei­det sich alles zu „mund­ge­rech­ten Häpp­chen” zu, die „von Jahr zu Jahr klei­ner wur­den” (134). Je klei­ner sie wur­den, des­to grö­ßer wur­de Johan­nas „Wider­wil­len”, vor allem, weil die­ser Zer­klei­ne­rungs­wut bald auch „Scho­ko­la­de” zum Opfer fiel und Achim begann, selbst „Eis oder Joghurt aus den kleins­ten im Haus­halt befind­li­chen Espresso­tas­sen, und das mit Mok­kal­öf­feln, die er nur zu einem Drit­tel füll­te” zu ver­zeh­ren (135). Johan­na nimmt die­se Ange­wohn­hei­ten als „Berufs­krank­heit” (135), weil Achim mit sei­nen Kleist-Tex­ten eben­so ver­fah­re: „Alles wur­de in sei­ne kleins­ten Tei­le zer­legt, in Sze­nen, Sät­ze, Wör­ter, Sil­ben, Buch­sta­ben, bis es nichts mehr zu tei­len gab, bis das Werk ent­häu­tet, aus­ge­blu­tet und ske­let­tiert unter dem Halo­gen­ke­gel auf sei­nem Schreib­tisch lag” (135).

Werk und Leben des Ande­ren gera­ten hier in die Rol­le eines zu schlach­ten­den Hech­tes, der aber dann wie­der­um „lücken­los” zu einem har­mo­ni­schen Gericht ver­ar­bei­tet wird. Die­sen Zugriff auf das Ande­re ver­gleicht Johan­na auch mit „Mord­lust” (135), weil dabei eine Zurich­tung des Ande­ren erfolgt, die sie bereits selbst im Ange­sicht der Hecht­schlach­tung als Bedro­hung emp­fun­den hat­te. Ein sol­cher Zugriff ist ihr indes selbst nicht unbe­kannt. Obwohl sie selbst „es leid war, frem­den Lebens­we­gen wie ein Schat­ten zu fol­gen” und alle ver­wert­ba­ren Details zu prü­fen (111), reizt es sie wei­ter­hin, die Leben Ande­rer zu ver­ste­hen und zu objek­ti­vie­ren. Ob sie jedoch jemals die Bio­gra­fie über jene Male­rin Leo­no­ra schrei­ben wird, ist unklar. Durch ihr Abhe­ben hat sie sich jedoch den Spiel­raum für eine neue Blick­rich­tung geschaf­fen, sich vor Achims Zer­stü­cke­lungs­wut, von der sie sich offen­bar bedroht fühlt, und vor quä­len­den Situa­tio­nen insze­nier­ter Gesel­lig­keit in Sicher­heit gebracht.

Die letz­te Mahl­zeit in Ach Glück ist zugleich die letz­te Pas­sa­ge, in der aus Achims Per­spek­ti­ve erzählt wird. Sie bil­det inso­fern den Höhe­punkt im Dis­kurs der Spei­se­zei­chen, der seit den End­mo­rä­nen ver­folgt wur­de, und schlägt zu die­sen zugleich sub­til und gekonnt einen Bogen.

Mit Genug­tu­ung stellt Johan­na im Flug­zeug sit­zend fest, dass sie, säße sie nicht im Flug­zeug, an dem Abend­essen bei Achims Chef Krei­hu­ber hät­te teil­neh­men müs­sen (151). Krei­hu­bers kom­men aus dem Wes­ten und beson­ders Frau Krei­hu­ber hegt Res­sen­ti­ments gegen ihre „ost­deut­schen Nach­barn” (ebd.). Johan­na ent­win­det sich durch ihr Abhe­ben einer ihr bekann­ten Situa­ti­on, in der zwar die Absenz der poli­ti­schen Gren­zen sinn­lich offen­bar wird, zugleich aber auch die Unmög­lich­keit, sich inner­lich gelas­sen in gefes­tig­ten Gren­zen zu bewe­gen. Mit­zu­den­ken ist jene bereits erwähn­te Erin­ne­rung in den End­mo­rä­nen, als sie mit Achim bei dem west­deut­schen Freund Chris­ti­an P. zum Abend­essen ein­ge­la­den waren. Die Situa­ti­on erscheint ana­log. Dort saßen sie „wie Ange­stell­te, die zum ers­ten Mal bei ihrem Chef ein­ge­la­den sind” (99) und aßen „Lamm­kar­ree und klei­ne, in Speck gewi­ckel­te grü­ne Boh­nen” (100), ein Mahl, das Johan­na ange­sichts ihrer eige­nen Rol­le als ‚Sup­pen­kö­chin‘ pein­lich war. Sie „genier­te” und „schäm­te” sich (100). In der Schil­de­rung des Abend­essens bei Krei­hu­bers in Ach Glück haben die Spei­se­zei­chen nichts von ihrer Seman­tik ver­lo­ren: Es gibt „Lamm­keu­le und Bün­del­chen in Speck gewi­ckel­ter Boh­nen” (200), immer noch ein Aus­weis ela­bo­rier­ter west­deut­scher Gastlichkeit.

Der Text über­gibt nun Achim die Rol­le, die einst Johan­na bei die­sen Mahl­zei­ten spiel­te. Auch er ver­mag es nicht, einen siche­ren Platz zu behaup­ten und inne­re Gren­zen abzu­ste­cken. Für ihn haben die Ein­la­dun­gen in die Krei­hu­ber­sche Vil­la mit ihren for­mel­len Ritua­len trotz eini­ger Übung immer noch „etwas Demü­ti­gen­des” (166). Das Mal­heur ist gleich­sam vor­pro­gram­miert. Nach der „Möh­ren­creme­sup­pe mit Ing­wer”, den Achim „hass­te” (195), kommt es zu spöt­teln­den Gesprä­chen der Gelehr­ten über die „Ein­heit” (199), wor­auf­hin die Glä­ser geho­ben wer­den sol­len. Achim streift dabei eine Fla­sche Wein, die umfällt und dabei auf eine Scha­le aus Por­zel­lan fällt, in der Köp­fe von Früh­lings­blu­men schwim­men und die nun „platt und bedau­erns­wert zwi­schen den kan­ti­gen Scher­ben auf dem von Was­ser und Wein durch­tränk­ten Tisch­tuch” lie­gen (200). Achim, gleich­sam Zer­stö­rer von Zei­chen, die Anfang und Erneue­rung, eine reno­va­tio der Kul­tur, anzei­gen könn­ten, starrt „wort­los auf das von ihm ver­schul­de­te Cha­os” (201). Die Lamm­keu­le wird wie­der her­aus getra­gen und sich bemüht, die Ord­nung schnell wie­der her­zu­stel­len. Als Aus­weis mon­dä­ner Gast­lich­keit wird schließ­lich „Mousse au cho­co­lat” gereicht (205). Die äußer­lich wie­der­her­ge­stell­te Ord­nung der Menüfol­ge hält nur müh­sam die Atmo­sphä­re in Schran­ken. Achim scheint mit sei­ner Zer­stö­rung ein Feu­er­werk an Gesprä­chen in Gang gesetzt zu haben. Kaum erträgt er die spöt­teln­den Gesprä­che sei­ner nar­ziss­ti­schen Kol­le­gen und ver­misst zudem Johan­na, die bei sol­chen Gele­gen­heit immer imstan­de war, ihre Wut zu äußern (vgl. 200). Er sehnt das Ende des Abend­essens her­bei. Gefüh­le der Ein­sam­keit und des Ver­lus­tes bemäch­ti­gen sich sei­ner. Er denkt an den Tod sei­ner Mut­ter vor drei­ßig Jah­ren. Die­se Erin­ne­rung ver­bin­det sich syn­äs­the­tisch wie­der­um mit Gerü­chen ein­fa­cher Spei­sen. Nach­dem er damals die Todes­nach­richt erfah­ren hat­te, aß er am Bahn­hof Fried­rich­stra­ße „Kar­tof­fel­puf­fer”, trank in Fried­richs­hain „zwei Bier” und erin­nert sich, dass er den „Schwei­ne­bra­ten mit Sem­mel­knö­deln” sei­ner Mut­ter geliebt hat­te wie sie selbst (206).

Hier schließt sich der Kreis zu den Erin­ne­run­gen in den End­mo­rä­nen. Ant­ago­nis­tisch wer­den Kul­tu­ren oder Lebens­wei­sen mit Hil­fe der Spei­se­zei­chen gegen­über­ge­stellt, wobei beson­ders das Lamm­fleisch west­deutsch codiert erscheint. Bestimm­te Spei­se­zei­chen ver­hei­ßen zwar Wohl­stand, Ord­nung und Erfolg, ver­wei­sen jedoch auf einen Ver­lust an Ver­trau­tem und an Gebor­gen­heit und evo­zie­ren daher im Gedächt­nis jene ande­ren Spei­sen, die an eine ande­re, unwie­der­bring­li­che, Welt erin­nern. Der Text wer­tet dabei nicht, son­dern lässt die Ereig­nis­se aus der Per­spek­ti­ve des sich erin­nern­den Achim Revue pas­sie­ren, dem es nicht gelingt, sei­ne Bewe­gun­gen zu koor­di­nie­ren, son­dern der unsi­cher und zer­streut ein sicht­ba­res und sinn­li­ches Cha­os anrich­tet. Um sol­che Situa­tio­nen, die auf schmerz­haf­te Wei­se einer­seits die fak­ti­sche Absenz poli­ti­scher Gren­zen, ande­rer­seits ihre imma­nen­te Prä­senz vor Augen füh­ren, zu ver­mei­den, hat Johan­na abge­ho­ben. Wie Achim ver­moch­te sie es nicht, bei die­sen Gele­gen­hei­ten künst­lich arran­gier­ter Gesel­lig­keit unter den Bedin­gun­gen neu gewon­ne­ner Frei­heit sich einen siche­ren Platz zu erobern. Sie flüch­tet in die Distanz und gewinnt so einen Spiel­raum, die Ereig­nis­se von oben zu betrachten.

Sowohl in den End­mo­rä­nen als auch in Ach Glück lässt sich ein vir­tu­os gehand­hab­ter Dis­kurs der Mahl­zei­ten und Spei­se­zei­chen nach­voll­zie­hen. Auf sinn­li­che und fast syn­äs­the­ti­sche Wei­se erzählt der Text mit Hil­fe die­ses Dis­kur­ses von Grenz­erfah­run­gen, von Annä­he­rung und Rück­zug, von Ent­gren­zung und Begren­zung und von For­men der Ent­frem­dung. Die geschil­der­ten gesel­li­gen Mahl­zei­ten erschei­nen bis­wei­len als expe­ri­men­tel­le Ver­suchs­an­ord­nun­gen, in denen über den Ein­satz der Spei­se­zei­chen Kom­mu­ni­ka­tio­nen in Gang gesetzt wer­den, die im Nicht­ver­ste­hen enden. Wel­ches Glück der Prot­ago­nis­tin vor­schwebt, kann nur ex nega­tivo ermit­telt wer­den. Es ist jedoch offen­bar an die Mög­lich­keit geknüpft, sich in kom­pli­zier­ten Bezie­hungs­ge­flech­ten, die zudem von einer spe­zi­el­len his­to­ri­schen Ver­gan­gen­heit unter­füt­tert sind, einen siche­ren und geschütz­ten Ort ver­schaf­fen, gelas­sen inne­re Gren­zen behaup­ten zu kön­nen. Das Abhe­ben von Johan­na ist Sinn­bild für eine kör­per­li­che und geis­ti­ge Los­lö­sung aus Situa­tio­nen, die sol­che Gren­zen offen­bar nicht ermög­li­chen. So könn­te man über­le­gen, ob nicht hier eine ein­fa­che abend­län­di­sche Glücks­for­mel mit­zu­den­ken ist: Glück als das Frei­sein von Angst. ((Vgl. Epi­kur: Von der Über­win­dung der Furcht. Ein­ge­lei­tet und über­tra­gen von Olof Gigon. Zürich 1949, S. 46 und 52.))

PD Dr. Ste­fa­nie Arend, Stu­di­um der Ger­ma­nis­tik und Lati­nis­tik an der Uni­ver­si­tät zu Köln, Pro­mo­ti­on 2000 an der Uni­ver­si­tät zu Köln (The­ma: Rast­lo­se Welt­ge­stal­tung. Sene­cai­sche Kul­tur­kri­tik in den Tra­gö­di­en Gry­phi­us’ und Lohen­steins), 2001: DAAD-For­schungs­auf­ent­halt an der Mai­son des Sci­en­ces de l’Homme und der Sorbonne/Paris IV, 2001–2003: wis­sen­schaft­li­che Mit­ar­bei­te­rin an der Phil­ipps-Uni­ver­si­tät Mar­burg, seit 2003 wiss. Assis­ten­tin an der Fried­rich-Alex­an­der-Uni­ver­si­tät Erlan­gen-Nürn­berg, Habi­li­ta­ti­on 2008 (The­ma: Inne­re Form. Wie­ner Moder­ne im Dia­log mit Frank­reich). Lehr- und For­schungs­schwer­punk­te: Lite­ra­tur und Kul­tur der Frü­hen Neu­zeit bis zum 21. Jahr­hun­dert, Ästhe­tik, Gedächt­nis­küns­te, Anti­kere­zep­ti­on, Inter­kul­tu­rel­ler Dialog