Foto: Jan-Pieter Fuhr
Eine Theaterkritik zu „hildensaga. ein königinnendrama.“ von Ferndinand Schmalz
Aufführung am Staatstheater Augsburg, brechtbühne im Gaswerk
von Nadja Fleischmann
Ferdinand Schmalz’ Hildensaga verwandelt die mittelalterliche Nibelungenerzählung in ein zeitgenössisches Seziermesser, das den Mythos heldenhafter Männlichkeit, Macht und Gewalt freilegt. Der Stoff wird dabei nicht aktualisiert, um ihn gefälliger zu machen, sondern um patriarchale Strukturen sichtbar zu machen und kritisch zu reflektieren.
Im Zentrum der Inszenierung stehen zwei Figuren: Kriemhild, im fliederfarbenen Kleid, und Brünhild, ganz in Weiß, mit Krone und Gürtel. Bereits über ihre Kostümierung werden sie klar typisiert, ohne dabei eindimensional zu wirken. Während Kriemhild das Bild der jüngeren, scheinbar verletzlicheren Figur erfüllt, trägt Brünhild die Last der Königin, der Kämpferin, der Frau, die sich weder ihrem Vater noch dem selbsternannten Helden Siegfried unterordnen will.
Zu Beginn stehen die Figuren nebeneinander und streiten darüber, wer den Dom zuerst betreten darf. In dieser Anfangsszene wird das Konfliktpotenzial um Rang und Ordnung deutlich, zugleich aber auch die strukturelle Gemeinsamkeit der beiden Frauen sichtbar. Aus dieser Spannung entwickelt sich im Verlauf der Inszenierung ein Frauenbild, das auf Solidarität und gemeinsamen Widerstand gründet.
Schmalz nutzt die Nibelungengestalten, um die Mechanik patriarchaler Erzählungen offenzulegen. Siegfried erscheint als überzeichnete Verkörperung des „Superhelden“: blond, muskulös, eine Karikatur toxischer Männlichkeit, die Stärke über Gewalt definiert. Das weibliche Gegenüber fungiert für ihn als Beute, Siegertrophäe und Bestätigung seiner Rolle. Mit riesigem Siegesgürtel ausgestattet, stets zum „Schattenkampf“ bereit und getragen von der naiven Gewissheit, immer auf der guten Seite zu stehen, entfaltet die Figur für das Publikum eine selbstironische, amüsante Wirkung.
Die Abweisung des Helden macht Brünhild zur Störung im System — einem System, das ungebrochene männliche Linien, heroische Schlagkraft und klare Verfügungsordnungen verlangt. Ihr Widerstand provoziert nicht nur Siegfried, sondern auch den Vater, der den Zwang zur Heirat als „ersten Schritt zur Liebe“ verklärt.
Besonders eindrücklich zeigt die Inszenierung die Dynamik der Männerbünde, die sich gegenseitig Mut, Stärke und Heldenruhm zusprechen. Der König von Burgund zieht mit seinen Männern nach Island, um Brünhild zu „erobern“. Angst, Zweifel und Unsicherheit werden im Kollektiv weggeschoben und im gemeinsamen Gehabe aufgelöst. Das Lachen über die überzeichneten männlichen Figuren entfaltet dabei eine kathartische Wirkung, indem es Distanz zu den dargestellten Gewalt- und Machtfantasien schafft.
Hier glänzt Schmalz’ Text besonders deutlich: Er zeigt, wie männliche Gewaltstrukturen nicht aus individueller Überzeugung entstehen, sondern aus gruppenperformativem Verhalten. Der König selbst wirkt isoliert feige, in der Gruppe jedoch mutiert er zum Eroberer. Das gestufte Bühnenbild, das stellenweise wie eine Rutschbahn wirkt, übersetzt Machtverhältnisse in räumliche und körperliche Erfahrungen. Figuren sprechen von oben herab, rutschen ab, straucheln oder kriechen am Boden. Heldentum erscheint so nicht als stabile Position, sondern als permanentes Ringen um Halt — ein Bild für die Brüchigkeit der patriarchalen Ordnung, die das Stück verhandelt. Dass der Kampf letztlich nur heimlich mithilfe Siegfrieds gewonnen wird, entlarvt die Inszenierung endgültig als Farce: Die vermeintliche Heldenleistung basiert auf Betrug.
Das Zentrum des Abends und zugleich der stärkste Moment der Inszenierung ist die Hochzeitsnacht. Die Andeutungen und die verschämten Abwendungen des Volkes führen zu einer bitteren Erkenntnis: Brünhild wurde in der Hochzeitsnacht vergewaltigt, und niemand spricht darüber oder bietet ihr Hilfe an.
Schmalz legt hier eine erschreckend gegenwärtige Realität offen. Taten werden vertuscht, relativiert oder legitimiert. Es ist eine „wichtige Nacht für die Ehe“, während die Verletzlichkeit der Frau keine Rolle spielt und die Ehre des Mannes über allem steht.
Der entscheidende Bruch folgt, als Brünhild sich direkt an das Publikum wendet und fordert, dass endlich jemand spricht. Dass niemand – weder die SpielerInnen auf der Bühne noch die ZuschauerInnen – reagieren, wird zum brutalen Spiegel:
Das Schweigen ist real.
In diesem Moment wird das Publikum selbst Teil der Erzählung und Teil des Problems. Brünhilds anschließender Ausbruch, in dem sie Gott anruft, die Männer als falsche Helden entlarvt und die Welt verflucht, macht sie zur stärksten weiblichen Stimme des Abends.
Am Ende steht eine radikale Botschaft: Heldentum, das auf Gewalt basiert, ist kein Heldentum. Die Inszenierung zwingt dazu, sich mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Problemen auseinanderzusetzen – mit sexualisierter Gewalt, die verschwiegen wird, und mit kollektivem Wegschauen, das Täter schützt und Opfer isoliert. Die Anklage Brünhilds, das Publikum sei mitschuldig, wirkt als notwendiger Schock: Solange wir schweigen, machen wir uns selbst zu KomplizInnen. Hildensaga ist ein Stück, das weh tut – und genau deshalb notwendig ist.
Dass es sich bei Hildensaga um eine Wiederaufnahme handelt, unterstreicht die anhaltende Relevanz der verhandelten Themen. Die Inszenierung trifft offenbar auf ein Publikum, das bereit ist, sich erneut mit patriarchalen Gewaltstrukturen und gesellschaftlichem Schweigen auseinanderzusetzen.
