#7.3 Sars Mundi 21 – ein Jahresrückblick (3 von 3)

#7.3 Sars Mundi 21 – ein Jahresrückblick (3 von 3)

Von Ste­ven Gab­ber und Felix Krauß

Sie hat­ten 2021 das ein oder ande­re Mal das Gefühl, Sie ver­stün­den die Welt nicht mehr? Mir ging es genau­so. Ins­be­son­de­re im Kon­text von Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen oder „alter­na­ti­ven Fak­ten“, die im ver­gan­ge­nen Jahr eine regel­rech­te Blü­te­zeit erle­ben konn­ten. Wir wis­sen mitt­ler­wei­le, dass Men­schen ins­be­son­de­re in Kri­sen­si­tua­tio­nen dazu nei­gen, sich ein­fa­che Erklä­rungs­mo­del­le für ihre kom­ple­xe Lebens­welt zu schaf­fen. Die Wirk­lich­keit ist undurch­sich­tig gewor­den. Es gibt zahl­rei­che Fak­to­ren, die es für uns schwie­rig machen, uns in einer „post­mo­der­nen“ Gegen­wart zurecht­zu­fin­den. Etwa die Tat­sa­che, dass ein Groß­teil unse­rer Wahr­neh­mung nun ver­mit­telt statt­fin­det, so der Medi­en­wis­sen­schaft­ler Mar­shall McLu­han – sprich, es fehlt uns an Pri­mär­er­fah­rung mit dem Gegen­über. Dass die Tech­nik mitt­ler­wei­le erlaubt, Rea­li­tät zu simu­lie­ren, hat­te bereits der fran­zö­si­sche Kul­tur­theo­re­ti­ker Jean Baudril­lard erkannt, als er die Gegen­wart als hyper­rea­le Simu­la­ti­on beschrieb. 

Steven, 25, studiert Ethik der Textkulturen, hat eine Schwäche für 70er-Filme

The Conversation

Mit 2021 bli­cken wir auf ein Jahr zurück, in dem im Janu­ar ein jäh­zor­ni­ger Prä­si­dent auf Twit­ter sei­ne Wahl­nie­der­la­ge zum Sieg erklär­te. Im Juli rui­nier­te ein Wahl­kampf­kan­di­dat auf einem ande­ren Kon­ti­nent sei­ne Kar­rie­re, als er vor einer Kame­ra­lin­se unan­ge­bracht lachen muss­te. Indes­sen insze­nier­te sich ein skru­pel­lo­ser Mul­ti­mil­li­ar­där zum bra­ven Steu­er­zah­ler und wur­de den­noch im Times Maga­zin im Dezem­ber zur „Per­son of the Year“ gewählt. Was haben die­se Ereig­nis­se gemein­sam? Sie alle spie­geln sym­pto­ma­tisch die ent­frem­de­te Kom­mu­ni­ka­ti­on unse­rer Gegen­wart wider, in der das Medi­um den Gehalt einer Bot­schaft fun­da­men­tal mit­be­stimmt. Es liegt für mich nahe, in die­sem Kon­text ein Kunst­werk aus der Film­ge­schich­te zu ent­stau­ben, das sich mit genau die­sen Schwie­rig­kei­ten mensch­li­cher Wahr­neh­mung und Kom­mu­ni­ka­ti­on aus­ein­an­der­setzt. Ich zie­he daher den Mys­te­ry-Thril­ler The Con­ver­sa­ti­on unter der Regie von Fran­cis Ford Cop­po­la aus dem DVD-Regal. Die­ser 1974 erschie­ne­ne Film stellt Har­ry Caul ins Zen­trum der Hand­lung. Eine Figur, die von Beruf Abhör­auf­trä­ge aus­führt. Obwohl er sich sonst nie in die Moti­ve sei­ner Kun­den ein­mischt, ver­strickt er sich in einen poten­zi­el­len Mord­fall. Weil er ein abge­hör­tes Ton­band falsch inter­pre­tiert, gerät Har­ry zu der fal­schen Annah­me, dass er durch sei­ne Bespit­ze­lungs­tä­tig­keit sei­nem womög­lich kri­mi­nel­len Kli­en­ten beim Mord an des­sen Ehe­frau assis­tiert. Bei Har­rys Ver­such, dies zu ver­hin­dern, ent­puppt sich die­ser Schluss jedoch als falsch: Die Gat­tin ist unver­sehrt und der Kli­ent selbst ist tot. Har­ry ver­steht die Welt nicht mehr.

Doch wie gelang­te er in das Netz sei­ner eige­nen Ver­schwö­rungs­theo­rie? Eine Ant­wort lie­fert die dem Film ein­ge­schrie­be­ne Phi­lo­so­phie des radi­ka­len Kon­struk­ti­vis­mus. Sie besagt, dass man mit der eige­nen Wahr­neh­mung nicht auf die Wirk­lich­keit zugrei­fen kann. Die­se wird im Rah­men sub­jek­ti­ven Erle­bens ledig­lich kon­stru­iert, ist damit nichts wei­ter als ein Inter­pre­ta­ti­ons­pro­zess. Jede® Wahr­neh­men­de hat damit sei­ne eige­ne Ver­si­on von der Wirk­lich­keit und macht eigen­stän­dig Beob­ach­tun­gen zu einem Nar­ra­tiv. The Con­ver­sa­ti­on reflek­tiert die­sen Umstand auf inhalt­li­cher Ebe­ne, wenn er uns mit Har­ry eine Figur prä­sen­tiert, die sich aus ihren sub­jek­ti­ven Erfah­run­gen ein feh­ler­haf­tes Wirk­lich­keits­kon­strukt erschafft. Schnell wird deut­lich, dass Har­ry mit der Kom­ple­xi­tät sei­ner Lebens­welt über­for­dert ist. Als mora­lisch zwei­fel­haf­ter Kapi­ta­list nimmt er lukra­ti­ve Abhör­auf­trä­ge an, doch weil er sich von den Inhal­ten der Auf­nah­men prin­zi­pi­ell abschot­tet, ver­küm­mert Har­rys Fähig­keit, mit sei­ner Umge­bung zu kom­mu­ni­zie­ren. Schließ­lich beloh­nen sei­ne Kli­en­ten nur das Beschaf­fen der Inhal­te, nicht das Ver­ste­hen und Inter­pre­tie­ren. Obgleich Har­ry durch den Rück­griff auf tech­no­lo­gi­sche Mit­tel (Ton­band­auf­zeich­nun­gen) ver­sucht, sei­ner sub­jek­ti­ven Wahr­neh­mung eine ver­meint­lich objek­ti­ve Zuver­läs­sig­keit zu ver­lei­hen, rei­chen sei­ne Fähig­kei­ten zur Sinn­bil­dung nicht aus. Im Gegen­teil – das viel­ver­spre­chen­de, tech­nisch ver­sier­te Auf­nah­me­ver­fah­ren birgt gera­de durch sei­ne Medi­a­li­tät fata­le Inter­pre­ta­ti­ons­pro­ble­me, an denen Har­ry in sei­ner fal­schen Ver­schwö­rungs­hy­po­the­se letzt­end­lich scheitert.

Doch nicht nur auf inhalt­li­cher, son­dern auch auf for­ma­ler Ebe­ne beweist der Film sei­ne Viel­schich­tig­keit. Ein Film kann Fra­gen zur Per­spek­ti­vi­tät von Wis­sen durch sei­ne Bild­lich­keit mar­kie­ren. Eine Kame­ra­ein­stel­lung kann zum Bei­spiel Sub­jek­ti­vi­tät (z.B. durch POV-Shots) oder Objek­ti­vi­tät sug­ge­rie­ren. The Con­ver­sa­ti­on ver­mit­telt zahl­rei­che Ein­drü­cke sub­jek­tiv, zeigt damit Bil­der durch den Blick von Figu­ren oder der tech­ni­schen Medi­en, die sie benut­zen. Der Film unter­streicht damit auch for­mal, was wir auf inhalt­li­cher Ebe­ne beob­ach­ten konn­ten: Dass Wis­sen sub­jek­tiv kon­stru­iert wird und damit mög­li­cher­wei­se unzu­ver­läs­sig ist. 

Der Jah­res­wech­sel erlaubt es mir tra­di­tio­nell, ein didak­ti­sches Fazit zu zie­hen: Was The Con­ver­sa­ti­on bereits 1974 in Bil­der fass­te, kann uns durch­aus hel­fen, die zahl­rei­chen Bei­spie­le für fehl­schla­gen­de Kom­mu­ni­ka­ti­on bes­ser nach­zu­voll­zie­hen. „Alles, was gesagt wird, wird von einem Beob­ach­ter gesagt“, for­mu­liert es der Phi­lo­soph Hum­ber­to Matu­rana. Wenn wir das berück­sich­ti­gen, ver­ste­hen wir bes­ser, war­um ver­schie­de­ne Men­schen ver­schie­de­ne Ver­sio­nen der Wirk­lich­keit haben.

Felix Krauß, 20, Lehramtsstudent für Gymnasium für die Fächer Deutsch und Mathematik, art should be a question mark, not an answer

Die Filmsoundtracks von Hans Zimmer 

Lan­ge schon setzt Hans Zim­mer mit sei­ner Film­mu­sik Maß­stä­be für das Gen­re. Beweis dafür sind sei­ne zahl­rei­chen Aus­zeich­nun­gen (1xOscar, 3xGolden Glo­be) und Nomi­nie­run­gen (10xOscar, 12xGolden Glo­be). Zu sei­nen wohl bekann­tes­ten Wer­ken gehö­ren die Sound­tracks zu König der Löwen, The Dark Knight, Gla­dia­tor, Fluch der Kari­bik oder auch Incep­ti­on.

Er sel­ber sag­te mal 2015 in einem Inter­view mit dem ZDF: „Ich ver­su­che immer, eine Geschich­te zu erzäh­len.“ Wäh­rend der Pan­de­mie fand sich dann mal eher die Zeit, die Kopf­hö­rer ein­zu­schal­ten, die Augen zu schlie­ßen und sei­nen musi­ka­li­schen Geschich­ten zuzu­hö­ren. Das gro­ße Talent Zim­mers liegt dar­in begrün­det, Gefüh­le mit einem ein­zi­gen Ton zu erzeu­gen. Zu hören ist das zum Bei­spiel bei dem Sound­track von The Dark Knight, wenn die Hör­ner ein­set­zen und ihre  ers­ten bei­den Töne mit einem Cre­scen­do ver­se­hen wer­den. Damit weckt Zim­mer Erin­ne­run­gen an das Pil­ger­mo­tiv aus der Tann­häu­ser Oper. Zudem wird damit die Ankunft des Hel­den und somit Hoff­nung ver­kün­det. Eben­so scheut er sich auch nicht, etwas Neu­es aus­zu­pro­bie­ren, ande­re Instru­men­te, ande­re Sti­le. Vor Fluch der Kari­bik tat man die Orgel ger­ne als alter­tüm­li­ches Kir­chen­in­stru­ment ab, doch spä­tes­tens seit­dem wir Davy Jones gese­hen haben, der mit Ten­ta­keln die Melo­die sei­ner Spiel­uhr sehr stür­misch auf der Pfei­fen­or­gel nach­spielt, gilt die Orgel wie­der als inter­es­san­tes und viel­sei­ti­ges Instrument. 

Obwohl sich durch­aus Ähn­lich­kei­ten zwi­schen sei­nen Wer­ken erken­nen las­sen, ist es fas­zi­nie­rend, dass selbst bei mehr­ma­li­gem Anhö­ren ein und der­sel­ben Kom­po­si­ti­on unter­schied­li­che Geschich­ten erzählt wer­den. Bei Time aus Incep­ti­on denkt man unwill­kür­lich an das Urbild des Melan­cho­li­kers – ein Mann der aus dem Fens­ter dem Regen zuschaut und dabei nach­denk­lich drein­blickt –, das nächs­te Mal an das Ehe­paar, wel­ches ver­zwei­felt in der Paar­the­ra­pie sitzt, um ihre Bezie­hung noch zu retten. 

Im Fall von Man of Steel sieht man das Baby, wel­ches sich am Bett­git­ter hoch­zieht, dann los­lässt und sei­ne ers­ten eige­nen Schrit­te macht. Genau­so erblickt der Zuhö­rer aber auch einen Jet­pi­lo­ten, der sei­nen Flie­ger von einem Flug­zeug­trä­ger in die hohen Lüf­te manövriert. 

Ely­si­um aus Gla­dia­tor malt das Bild einer armen Gestalt, die in der Wüs­te umher­irrt und vor sich dann nach Stun­den der Wan­de­rung eine Stadt am Hori­zont auf­blit­zen sieht, aber es lässt auch die Vor­stel­lung eines Qi Gong-Kur­ses zu, aus dem man gestärkt für den All­tag wie­der hinausspaziert. 

Ich will Sie ermu­ti­gen: suchen Sie sich einen belie­bi­gen Sound­track Hans Zim­mers aus. Spie­len Sie die­sen ab. Schlie­ßen dabei Ihre Augen und las­sen Sie Ihren Kopf dazu Bil­der malen.