Bild: G. Schied
Von Veronika Metzger
Die bekannte Oper Alcina, welche von Georg Friedrich Händel komponiert wurde, feierte am 13.07.2026 im Prinzregententheater in München Premiere. Sie handelt von der mächtigen Königin Alcina, welche auf ihrer Suche nach der wahren Liebe immer wieder fremde Männer durch Magie verwandelt und auf ihrer Insel in Gefangenschaft nimmt. Doch als Ruggiero die Insel betritt, ist Alcina sicher, dass er der Richtige ist. In dieser Inszenierung sind Themen wie Liebe, Eifersucht und Intrigen eng miteinander verwoben und werden durch das Bayerische Staatsorchester musikalisch in Szene gesetzt.
Der erste Akt beginnt mit einem verwüsteten Bühnenbild, wodurch im Publikum unmittelbar Spannung erzeugt wird. Die Handlung spielt sich in einem wohnzimmerartigen Raum ab, in welchem alles durch Alcinas Wut verunstaltet wurde. Zu Beginn fällt es schwer in die Handlung einzutauchen, da die komplexen Figurenkonstellationen, Motive und Beziehungen der Charaktere erst allmählich nachvollziehbar werden. Doch mit fortschreitender Handlung gewinnt die Inszenierung an Klarheit und entfaltet ihre Wirkung. Besonders John Holiday als Ruggiero überzeugt durch eine gelungene Balance zwischen emotionaler Tiefe und Humor.
Das Prinzregententheater präsentiert mit Alcina eine eindrucksvolle Neuinterpretation eines barocken Stückes, indem bewusst mit der ästhetischen Erwartung gebrochen wird. Obwohl das Werk musikalisch fest in der Barockzeit verankert ist, setzt die Inszenierung auf ein modernes Bühnenbild sowie auf zeitgemäß anmutende Kostüme. Besonders auffällig dabei sind die extravaganten Outfits der Figuren, wie Alcinas pinker Jumpsuit oder Ruggieros goldene Lackhose. Auch die Möblierung ist modern und die vielen Blumen sowie die grüne Wandfarbe erschaffen ein Gefühl der Magie. Diese Stilisierung schafft eine Distanz zur barocken Vorlage und verweist auf die magische, entrückte Welt der Insel.
Inhaltlich lebt Alcina von einem dichten Geflecht aus Liebe, Eifersucht und Intrigen. Die Figur der Bradamante, die sich als Mann verkleidet, um ihren Verlobten Ruggiero zu retten, ist dabei ein zentrales Element. Die raschen Wechsel zwischen den Emotionen von der Wut über die Trauer bis hin zur Freude erzeugen Spannung und man stellt sich als Zuschauer:in ständig die Frage, wer nun welche Beziehung gegen beziehungsweise mit wem führt. Trotz der Länge der Aufführung, welche ungefähr 3 Stunden und 40 Minuten beträgt, entsteht keine Langeweile, sondern vielmehr ein positives „Durcheinander“, das die Vielschichtigkeit der Beziehungen unterstreicht.
Die letzte Szene vor der Pause kann als dramaturgischer Höhepunkt verstanden werden. Ruggieros Fluchtversuch fliegt auf und Alcinas Verzweiflung wird immer deutlicher.
Nach der Pause gibt es eine grundlegende Veränderung des Bühnenbilds: Es erinnert nun an ein antikes Museum mit Statuen, welche sich im weiteren Verlauf der Oper als die von Alcina verwandelten Männer entpuppen. Parallel dazu wird ihr Machtverlust sichtbar: sie ist nicht mehr in der Lage, die Geister zu beschwören und ihre Magie einzusetzen.
Die Inszenierung arbeitet gezielt mit Kontrasten. Während das äußere Chaos auf der Bühne immer direkt von den Hausangestellten Alcinas beseitigt wird, bleibt das innere emotionale Chaos der Figuren bestehen. Das verstärkt die Tragik der Titelfigur, die weniger als mächtige Zauberin, denn als verletzliche Frau erscheint, welche sich nach Liebe sehnt. Der doppelte Betrug, sowohl durch den Verlust ihrer magischen Kräfte als auch durch Ruggieros Abwendung, führt zu ihrem endgültigen Zusammenbruch.
Auch das Bayerische Staatsorchester überzeugt durch seine Leistung. Da man im Prinzregententheater nah an den Musiker:innen sitzen kann, lohnt es sich durchaus, gelegentlich einen Blick in den Orchestergraben zu werfen. Auch der Einsatz von barocken Instrumenten wie beispielsweise dem Cembalo oder der Theorbe trägt zum Klangerlebnis bei und bietet dem Publikum die Möglichkeit, die barocke Epoche musikalisch hautnah mitzuerleben.
Die Schlusssequenz, in der sich Alcina selbst als Statue inszeniert, markiert ihren völligen Machtverlust. Die einst machtvoll herrschende Königin wird selbst zum Objekt, eingefroren in ihrer Einsamkeit.
Trotz anfänglicher Verständnisschwierigkeiten erweist sich die Inszenierung als überzeugende und vielschichtige Interpretation eines barocken Opernstoffs. Auch wenn sie aufgrund der vielen Textwiederholungen bestimmt nicht jedermanns Sache ist, gelingt es dennoch, eine Inszenierung zu schaffen, welche sowohl visuell als auch inhaltlich nachhaltig im Gedächtnis bleibt. Interessierte können sich Alcina noch bis zum 28.07.2026 im Münchner Prinzregententheater ansehen.
