Anna Enquist — Kontrapunkt

Anna Enquist — Kontrapunkt

von Ulri­ke Jochum

Der Begriff „Kon­tra­punkt” kommt aus der Musik und bedeu­tet im wei­tes­ten Ver­ständ­nis Viel­stim­mig­keit. Er weist bereits auf die Haupt­the­men des Buches hin, sowohl im musi­ka­li­schen, als auch im über­tra­ge­nen Sinn — und auf die Ver­qui­ckung beider.

Die Musik, eine Mut­ter und eine Toch­ter ste­hen im Vor­der­grund von Anna Enquists neu­em Roman „Kon­tra­punkt”. Wie die Aria aus Bachs Gold­berg-Varia­tio­nen, so ist auch die­ses Buch „ein ruhi­ges, tra­gi­sches Lied”. Auf dem Cover sieht man eine Hand, noch in Bewe­gung, über einer dunk­len Was­ser­ober­flä­che, auf der sie sich spie­gelt. Das Bild strahlt die Stil­le aus, von der die Geschich­te han­delt, sowie die Ver­lo­ren­heit der Mut­ter: „Ob auch die Stil­le Musik war, wuss­te sie noch nicht so recht.” Die spie­geln­de Was­ser­ober­flä­che erscheint wie eine Gren­ze, die man nicht durch­drin­gen kann. Für die Mut­ter liegt dahin­ter die Ver­gan­gen­heit, die sie nicht an den „Wür­ge­griff” der Zeit ver­lie­ren möch­te. Und ihre Toch­ter. Die Hand auf dem Bild ist klein, viel­leicht eine Kin­der­hand — wie die der Toch­ter, die, so macht die Bewe­gung glau­ben, sich entzieht.

Der Begriff „Kon­tra­punkt” kommt aus der Musik und bedeu­tet im wei­tes­ten Ver­ständ­nis Viel­stim­mig­keit. Er weist bereits auf die Haupt­the­men des Buches hin, sowohl im musi­ka­li­schen, als auch im über­tra­ge­nen Sinn — und auf die Ver­qui­ckung bei­der. Der Grund­ton der Erzäh­lung ist ein­fach, auf Aus­schmü­ckun­gen wird ver­zich­tet: „Die Frau hieß ein­fach nur ‚Frau’, viel­leicht auch ‚Mut­ter’. Es gab Pro­ble­me mit der Benen­nung. Es gab vie­le Pro­ble­me. Im Bewusst­sein der Frau waren es vor­ran­gig Pro­ble­me mit der Erin­ne­rung.” Eine Frau ver­liert ihre 27-jäh­ri­ge Toch­ter und kommt mit dem Ver­blas­sen der Erin­ne­run­gen nicht klar. Sie ist Pia­nis­tin und beginnt zur Bewäl­ti­gung ihres Schmer­zes Bachs Gold­berg-Varia­tio­nen ein­zu­stu­die­ren, da sie die­se mit einer Zeit ver­bin­det, in der ihre bei­den Kin­der noch klein waren — 30 Jah­re zuvor hat­te sie sie schon ein­mal gespielt.

Die Aria zu Beginn und am Ende sowie deren 30 Varia­tio­nen bil­den das Glie­de­rungs­ge­rüst des Buches. Die Musik nimmt gro­ßen Raum ein. Nicht nur ist zu Beginn eines jeden Kapi­tels ein Noten­aus­schnitt der jewei­li­gen „Varia­tio” abge­bil­det, auch fühlt sich die Frau immer wie­der in das Leben des Kom­po­nis­ten, des Meis­ters der Kon­tra­punk­te Johann Sebas­ti­an Bach ein. Doch was noch viel wich­ti­ger ist: Jede Varia­ti­on beschwört in ihrer evo­zier­ten Stim­mung ver­gan­ge­ne Sze­nen mit der Toch­ter her­auf. Die Viel­stim­mig­keit ist auch eine zwi­schen Mut­ter und Kind, ein Kanon, zu dem der Vater nach des­sen Geburt als Bass hin­zu­kommt — „Der Bass ließ sich nicht mehr weg­den­ken, er misch­te sich ins Gesche­hen ein und wur­de zum unver­zicht­ba­ren Bestand­teil des Gan­zen.” Musik und Leben ver­qui­cken sich hier auf das Innigs­te, und aus der Musik wird schließ­lich Text: „Durch die Hin­ter­tür hat­te Bach ihr Zugang zu ihrem Gedächt­nis ver­schafft: Jede Varia­ti­on hat­te Erin­ne­run­gen an das Kind wach­ge­ru­fen, die sie in dem Heft notiert hatte.”

Die Bezie­hung zwi­schen Mut­ter und Toch­ter ist eng. Die Per­spek­ti­ve der Mut­ter ein­dring­lich geschil­dert, tra­gisch ihr Schock nach dem Aus­ein­an­der­bre­chen der Sym­bio­se, als das Kind älter wird: „Was läuft denn da bloß ab?” Intim ihre Über­le­gun­gen bezüg­lich der erwach­se­nen Toch­ter: „Sie will auf den Schoß, und ich will, dass sie zu mir auf den Schoß kommt. So ist das.” Doch etwas stimmt da nicht, die Vor­bo­ten des Unheils sind für den Leser spür­bar. Liegt es an den gro­ßen Schwie­rig­kei­ten, die die jun­ge Frau auch nach ihrem Stu­di­um noch hat, ins Leben zu fin­den? Das ist es nicht. Gera­de in sei­ner Zufäl­lig­keit ist ihr Tod umso erschüt­tern­der. Wo der Mut­ter dar­über die Wor­te feh­len, lässt sie Fer­ne­seh­be­rich­te und Akten spre­chen. Auch für ihren eige­nen Zustand fin­det sie bloß Wort­bro­cken: „Das kal­te Kind. Die Schlaf­ta­blet­ten. Die Unfä­hig­keit zu essen. Die Unfä­hig­keit. […] Die Inbe­sitz­nah­me des Fried­hofs als Wohn­zim­mer außer Haus”. Zutiefst trau­rig sind die­se Stel­len, wie auch der letz­te Abschied — eine Lie­bes­er­klä­rung an ein ver­stor­be­nes Kind: „Jetzt spielt sie, jetzt und all­zeit spielt die Frau die Aria für ihre Tochter.”

Die hol­län­di­sche Kon­zert­pia­nis­tin, Psy­cho­ana­ly­ti­ke­rin und Schrift­stel­le­rin Anna Enquist schrieb einen so zar­ten wie bewe­gen­den Text über die Fas­sungs­lo­sig­keit eines eigent­lich nicht zu ver­win­den­den Schmer­zes. Zugleich ist es ein sehr intel­lek­tu­el­les Buch, das auch einem Lai­en viel über das Wesen und die Mög­lich­kei­ten von Musik ver­mit­telt und dann am bes­ten ver­stan­den wird, wenn man sich par­al­lel zur Lek­tü­re auch Bachs Varia­tio­nen anhört.