Amanda Sthers — Der Gesang der Zikaden

Amanda Sthers — Der Gesang der Zikaden

von Caro­lin Hensler

Die Stil­le spielt in die­sen Geschich­ten ihre Haupt­rol­le. Und doch sind es die klei­nen Töne, die kaum hör­ba­ren, die sanf­ten Farb­tup­fer im bedrü­cken­den Grau, die das Ende zu einem Fina­le ohne Schwer­mut und die Geschich­te zu einer Lie­bes­er­klä­rung an das Leben wer­den lassen.

Die wirk­lich guten Geschich­ten schreibt das Leben nicht, es malt sie. In fes­ten, ein­prä­gen­den Stri­chen wer­den Lebens­li­ni­en nach­ge­zeich­net, wan­deln sich die Hand­lungs­strän­ge zu einem Farb­spiel aus allen Tönen. Manch­mal schnell und ohne erkenn­ba­res Mus­ter, manch­mal lang­sam und tief­ge­hend, als zeich­ne­te der Pin­sel nicht ledig­lich eine Geschich­te, son­dern ein Lebens­ge­fühl nach — einer Melo­die gleich, deren schwe­rem, melan­cho­li­schen Takt der Hauch eines stil­len Cre­scen­dos inne­wohnt. Die Stil­le spielt in die­sen Geschich­ten ihre Haupt­rol­le. Und doch sind es die klei­nen Töne, die kaum hör­ba­ren, die sanf­ten Farb­tup­fer im bedrü­cken­den Grau, die das Ende zu einem Fina­le ohne Schwer­mut und die Geschich­te zu einer Lie­bes­er­klä­rung an das Leben wer­den lassen.

Die Immo­bi­li­en­mak­le­rin Made­lei­ne ver­bringt ihr Leben als allein­ste­hen­de Frau in der Bre­ta­gne. Nicht nur die kah­len Fels­küs­ten und das bestän­dig unge­müt­lich feuch­te Kli­ma ihrer Umge­bung ver­düs­tern Made­lei­nes All­tag, son­dern auch die Selbst­zwei­fel und dar­aus resul­tie­ren­de Ein­sam­keit zeh­ren an der 40-Jäh­ri­gen. Als der adret­te Pari­ser Geschäfts­mann Antoi­ne Cas­tel­lot auf der Suche nach einem Anwe­sen in der Bre­ta­gne in ihr Leben tritt, fühlt sich Made­lei­ne stark zu ihm hin­ge­zo­gen. Mit Cas­tel­lot, der kühl und abwei­send wirkt, ver­bin­det sie ein stil­les Gefühl der Ver­traut­heit. Ihr klei­nes, durch über­ro­man­ti­sier­te Fern­seh­se­ri­en und ihren bur­schi­ko­sen Groß­va­ter in den Bah­nen gehal­te­nes Leben wird nach has­ti­gem Sex mit Cas­tel­lot völ­lig durch­ein­an­der gewor­fen. Cas­tel­lot flüch­tet sich über­stürzt in die Arme von Ehe­frau und Kin­dern, wäh­rend Made­lei­ne, gefan­gen in Kind­heits­er­in­ne­run­gen, mit ihren Selbst­zwei­feln und nagen­der Ein­sam­keit zurück­bleibt. Die Stil­le der Bre­ta­gne hält Made­lei­ne fest in ihrem Griff, bis Cas­tel­lot eines Tages mit sei­nem Leben im Gepäck vor ihrer Tür steht …

Die Bre­ta­gne zeigt sich der Prot­ago­nis­tin in Aman­da Sthers Frau­en­por­trät „Der Gesang der Zika­den” als eben­so rau, kalt und farb­los wie es Made­lei­nes eige­ne Lebens­ge­schich­te ist. Um Erin­ne­run­gen aus ihrem frü­he­ren Leben zu ver­drän­gen, umgibt Made­lei­ne sich mit einer Fas­sa­de aus Sehn­süch­ten. Der Seri­en­star Bran­don Brad­ley, des­sen Soap­le­ben sie inten­siv ver­folgt, ver­kör­pert die Kom­pri­mie­rung all ihrer Wün­sche. In ihrer nai­ven Lei­den­schaft für die Seri­en­fi­gur offen­bart sich Made­lei­nes Ver­zweif­lung an der selbst­er­zwun­ge­nen Emo­ti­ons­lo­sig­keit, an der hilf­lo­sen Lie­be in ihr, die in aller Ein­sam­keit für nie­man­den bestimmt sein darf. Den­noch hütet Made­lei­ne den frei­en Platz neben sich auf der Fern­seh­couch für den Mann ihrer Träu­me, in der bestän­di­gen Hoff­nung, den Geis­tern ihrer Ver­gan­gen­heit, die sie letzt­end­lich zu einer bei­na­he im Sumpf ihrer Lebens­er­fah­run­gen ertrin­ken­den Frau gemacht haben, ent­flie­hen zu kön­nen. Und so ersehnt Made­lei­ne sich mehr als nur einen Kerl, der sich dar­auf beschränkt, den Ein­gang zu ihr zu fin­den, nur um unmit­tel­bar danach den Woh­nungs­aus­gang zu suchen.

Der geheim­nis­vol­le Cas­tel­lot scheint genau die­ser ersehn­te Ret­ter zu sein. Doch Cas­tel­lot hat mit sei­nen eige­nen Geis­tern zu kämp­fen. Er steht nicht weni­ger neben dem Leben als Made­lei­ne, ist nicht weni­ger ledig­lich ein Zuschau­er sei­ner eige­nen unzu­frie­den stel­len­den Ent­schei­dun­gen. Auch er fühlt sich, wohl gera­de aus die­sem Grund, zu Made­lei­ne hin­ge­zo­gen, und doch jagen ihn in sei­nem per­sön­li­chen, stil­len Cha­os die Erin­ne­run­gen an sei­ne Kind­heit: an den Vater, der sei­nem Sohn jeden Som­mer Kanin­chen schenk­te, um sie letzt­end­lich bei leben­di­gem Leib zu ent­häu­ten und sei­ner Fami­lie zum Essen vor­zu­set­zen. Den Vater-Sohn-Kon­flikt konn­te Cas­tel­lot zu Leb­zei­ten sei­ner Eltern nicht aus der Welt schaf­fen — eine Tat­sa­che, für die er sich schul­dig fühlt und für die er in der Bre­ta­gne, der Begräb­nis­stät­te sei­nes Vaters, Abso­lu­ti­on erhofft. Sein Auf­ent­halt bei Made­lei­ne ist für ihn weit­aus mehr als nur ein flüch­ti­ges Ent­kom­men aus dem All­tag. In den Mona­ten, die er schließ­lich bei ihr ver­bringt, unter­zieht er sich selbst einem Ent­zug eben­die­ser ver­stö­ren­den Lebens­er­fah­run­gen. Ver­zwei­fel­te Lei­den­schaft­lich­keit und emo­tio­na­le Ste­ri­li­tät wech­seln sich im Lauf die­ser von ver­ste­hen­dem Schwei­gen gepräg­ten Zeit ab.

Durch die stil­le Zwei­sam­keit mit Cas­tel­lot, den Rausch an Gefüh­len in der ansons­ten so trost­lo­sen Atmo­sphä­re, lernt Made­lei­ne lang­sam, ihre Trau­ma­ta zu bewäl­ti­gen. Die Erin­ne­run­gen an eine lieb­lo­se Mut­ter, den prü­geln­den Säu­fer-Vater und nicht zuletzt ihren Stief­va­ter tre­ten mit jeder Minu­te, in der Made­lei­ne end­lich sich, ihren Kör­per und ihr Leben zu lie­ben lernt, zurück.

Aman­da Sthers schuf mit „Der Gesang der Zika­den” ein stil­les, jedoch aus­drucks­star­kes und nicht min­der ver­stö­ren­des Por­trät einer von ihren Mit­men­schen und nicht zuletzt dem Leben gepräg­ten Frau. Geschickt ver­mag sie es, durch die melan­cho­lisch anmu­ten­de Zeich­nung einer kah­len Bre­ta­gne einen tref­fen­den Hin­ter­grund für die zar­te Lie­bes­ge­schich­te zwei­er unter­schied­li­cher und doch so ähn­li­cher Men­schen zu erschaf­fen. Das Por­trät Made­lei­nes wird durch die Dar­stel­lung des gebro­che­nen Cha­rak­ters Cas­tel­lots an Aus­drucks­stär­ke berei­chert. Mit Sinn für die wich­ti­gen Klei­nig­kei­ten im Leben und einem Hauch trau­ri­gen Humors zeich­net sie ein Gemäl­de zwei­er Men­schen, die sich bei­na­he auf­ge­ge­ben hat­ten, letzt­end­lich jedoch anein­an­der wach­sen. Für Made­lei­ne und Cas­tel­lot kün­digt der Gesang der Zika­den kei­nes­wegs das Ende ihrer Leben an — er bringt für bei­de die Gewiss­heit, nach der Bruch­lan­dung, die sich Leben nennt, end­lich wie­der flüg­ge zu werden.