Ein Text von Barbara Blum

Ein Text von Barbara Blum
Schwe­den wäre stolz auf die­ses Wohn­zim­mer. Oder wenn nicht Schwe­den, dann zumin­dest das Mar­ke­ting-Team von Ikea. Mir gefällt es nicht. Ich neh­me einen tie­fen Schluck von mei­nem zu war­men Rot­wein, des­sen sau­rer Geschmack an mei­nen Zäh­nen kle­ben bleibt. Ein paar roten Trop­fen ver­si­ckern in mei­nem Bart, aber das hat nie­mand gese­hen. Die Stim­mung scheint gut zu sein. Irgend­je­mand macht einen Witz und alle lachen. Ich habe den Witz nicht gehört. Neben mir plumpst ein blon­der Pagen­kopf auf EKTORP. „Na was geht?“ Sie grinst mich mit rot­wein­blau­en Lip­pen freund­lich an. Was sagt man auf die­se Fra­ge? Ich ent­schei­de mich für „gut“ und hof­fe, dass sie das gel­ten lässt. Anschei­nend war es die rich­ti­ge Ant­wort, denn das Rot­wein­grin­sen wird brei­ter und sie redet wei­ter. Sie scheint kei­ne Ant­wort zu erwar­ten, aber ganz sicher bin ich mir nicht. Trotz­dem zie­he ich es vor, die ande­ren Gäs­te zu beob­ach­ten. Am Ess­tisch sit­zen drei Pär­chen, die sich über den Auto­kauf unter­hal­ten. Ein gro­ßer Typ, der im schwar­zen Roll­kra­gen aus­sieht, als wür­de er für das Bio­pic von Colin Firth vor­spre­chen, doziert über die Vor­tei­le von Iso­fix. Zwei Mäd­chen auf dem Fens­ter­brett strei­cheln eine Kat­ze. „Und wen kennst du hier? Ich habe dich noch gar nie gese­hen.“ Blon­die rück­te näher zu mir und legt mir ver­trau­ens­voll die Hand auf den Ober­arm. Eine Wol­ke aus Rot­wein und Chips – unga­risch tip­pe ich – schlägt mir ent­ge­gen. „Bei­de eigent­lich.“ Ich über­le­ge, ob es sich loh­nen wür­de, mei­nen Platz auf dem Sofa auf­zu­ge­ben, um Blon­die, die ich schon auf zwei Geburts­ta­gen und einer Examens­fei­er getrof­fen hat­te, zu ent­kom­men. Ich exe den Mer­lot und will gera­de auf­ste­hen, um ein neu­es Getränk zu orga­ni­sie­ren, als sie ins Zim­mer kommt. Sie sieht umwer­fend aus. Viel bes­ser als Jus­tus eigent­lich. Obwohl es Novem­ber ist, trägt sie ein rotes Som­mer­kleid mit Blu­men. Ihr Blick wan­dert durch das Wohn­zim­mer und bleibt an uns hän­gen. „Tim! Frie­da! Wie geht es euch? Gefällt euch die Par­ty?“ Ihre Lip­pen sind auch rot, aber von L’Oréal, nicht von Rot­wein. „Ja tol­le Par­ty! Die Woh­nung ist rich­tig schön gewor­den“, beteu­re ich. „Dan­ke noch­mal für dei­ne Hil­fe mit der Couch! Das hät­te ich ohne dich wirk­lich nicht geschafft. War ja klar, dass Jus­tus wie­der län­ger arbei­ten muss­te!“ Ich win­ke ab, aber ich spü­re, wie mei­ne Wan­gen heiß wer­den und das ärgert mich. Ich bli­cke hin­ab auf den lee­ren Boden mei­nes Gla­ses. „Ganz schön heiß hier“, sage ich statt­des­sen. „Kön­nen wir ‘mal ein Fens­ter auf­ma­chen?“ „Echt, fin­de ich gar nicht“, wirft Blon­die ein und kichert häss­lich. Ich ver­su­che mit mei­nen Bli­cken ein Loch durch die Was­ser­stoff­haa­re in ihren Hin­ter­kopf zu bren­nen. „Nad­ja, hast du mal eben einen Kor­ken­zie­her“, ruft Colin Firth durch den Raum. „Sor­ry, bin gleich wie­der da.“ Sie lächelt uns ein letz­tes Mal zu, dann lässt sie mich wie­der mit Blon­die zurück. „Ich gehe mal Nach­schub holen“, deu­te ich auf mein lee­res Glas und ergrei­fe die Flucht. Die Tür zur Küche steht offen und ver­strömt den Geruch nach frisch Auf­ge­ba­cke­nem. Ein paar Leu­te ste­hen mit Papp­tel­lern in der Hand am Tre­sen und unter­hal­ten sich. Die drei Glä­ser Rot­wein las­sen mei­ne Augen­lie­der schwer wer­den. Wie von selbst tra­gen mei­ne Füße mich an der Küche vor­bei, den schma­len Gang ent­lang zur Tür am Ende des Flurs. Letz­te Woche habe ich noch gehol­fen, ein Bett­ge­stell dort zusam­men­zu­schrau­ben, aber heu­te fühlt es sich irgend­wie ver­bo­ten an, als sich mei­ne Fin­ger um die kal­te Klin­ke legen. Ein lei­ses Kli­cken und schon schwingt sie auf. Ich husche hin­ein und schlie­ße die Tür hin­ter mir. Was sage ich, wenn jemand her­ein­kommt? Den Weg zur Toi­let­te nicht gefun­den? Die kal­te Luft ist eine will­kom­me­ne Abwechs­lung zum über­hit­zen Wohn­zim­mer. Vor­sich­tig set­ze ich mich auf die Bett­kan­te, um die sorg­fäl­tig dra­pier­te Tages­de­cke nicht zu zer­knit­tern. Ohne dass ich mich bewusst dafür ent­schie­den hat­te, strei­chen mei­ne Fin­ger über den Sei­den­stoff. Kühl und abwei­send glei­tet er durch mei­ne Haut, als wür­de er davon­schwim­men. Nicht mehr warm, weich und mit aus­geb­li­che­nen Stern­chen drauf, so wie Jus­tus alte Bett­wä­sche. Kurz bin ich ver­sucht, zuzu­grei­fen, dann fällt mir zum Glück selbst auf, wie pein­lich das ist, auch wenn ich allei­ne bin. Von der Wand gegen­über star­ren mich hun­dert Augen­paa­re an. Eigent­lich nicht hun­dert, son­dern nur zwei. Eins blau, eins braun. Für alle Ewig­keit in einer rie­si­gen Col­la­ge aus Span­plat­ten und Glück gefan­gen. Wan­dern im Sand­stein­ge­bir­ge. Pär­chen­ur­laub in Bar­ce­lo­na. Ein Bild unter dem Weih­nachts­baum. Ich tre­te näher her­an. Die ältes­ten Fotos sind über drei Jah­re alt. Da kann­te ich Nad­ja noch gar nicht rich­tig. Ihre Haa­re waren frü­her län­ger. Und sie war ein biss­chen dicker. Und dane­ben er. In Bade­ho­sen, im Anzug und immer mit dem glei­chen stol­zen Lächeln, so als hät­te er gera­de etwas Groß­ar­ti­ges voll­bracht. Er hat sich in den letz­ten zwölf Jah­ren nicht viel ver­än­dert. Die Haa­re sind kür­zer gewor­den und die Locken ver­schwun­den. Sei­ne Schul­tern sind jetzt auch brei­ter. Frü­her war er immer ein biss­chen schmäch­tig. Ich glau­be die Mäd­chen moch­ten das damals in der Schu­le, aber Jus­tus hat es immer gehasst und ist wie ver­rückt ins Fit­ness­stu­dio gerannt. Ein lei­ses Kli­cken. Ich fah­re her­um und star­re in blau­en Augen, die mir eben noch von der Sagra­da Famí­lia ent­ge­gen gestrahlt hat­ten. „Was machst du hier?“ Ich bin nicht ganz sicher, ob er erfreut oder genervt klingt. Der Rot­wein hilft mir nicht gera­de, die Lage bes­ser ein­schät­zen zu kön­nen. „Ähm, ich…“, stamm­le ich und ent­schei­de mich dann, gar nichts zu sagen. Was auch. Er macht einen Schritt ins Zim­mer und schließt die Tür hin­ter sich. „Wie geht’s dir denn?“, fragt er kon­zen­triert auf einem unsicht­ba­ren Fleck auf sei­nem Jackett her­um­wi­schend. „Ganz gut… den­ke ich. Und dir?“, fra­ge ich und las­se mein immer noch lee­res Wein­glas von einer Hand in die ande­re wan­dern. „Ja toll. Alles bes­tens. Job ist stres­sig, aber sonst alles super.“ Er schweigt. Ich auch. „Super“, sage ich irgend­wann, aber mer­ke selbst, wie bescheu­ert das klingt. Eine schwar­ze Haar­sträh­ne ist ihm ins Gesicht gefal­len. Wie von selbst hebt sich mei­ne Hand, um sie weg­zu­wi­schen. Doch noch bevor ich ihn berüh­ren kann, packt er mei­ne Hand. Fest. Aber nicht hart. „Was machst du, Mann?“ Sei­ne Stim­me klingt selt­sam. Zum ers­ten Mal an die­sem Abend sieht er mich rich­tig an. Sei­ne Augen sind zusam­men­ge­knif­fen. Blau und Schwarz ver­mi­schen sich. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Weiß nicht, was ich sagen will. Will nur noch raus. Dann sagt er etwas. „Es tut mir leid. Sag ihr nichts. Bit­te.“ Hei­ßer Atem in mei­nem Nacken. Die Hit­ze des Wohn­zim­mers umfängt mich wie die Umar­mung einer unge­lieb­ten Groß­tan­te. Heiß, sti­ckig und unaus­weich­lich. Ich spü­re wie mei­ne Backen­zäh­ne auf­ein­an­der mal­men und mei­ne Kie­fer­mus­keln zu einem brei­ten Lächeln ver­stei­nern. Ich grei­fe nach der ers­ten Wein­fla­sche, die mir begeg­net und fül­le mein Glas bis ganz oben. „Hey, lass‘ und auch noch was übrig“, lacht Colin Firth und schlägt mir freund­schaft­lich auf die Schul­ter. Ver­blüfft stel­le ich fest, dass ich ihm zupros­te. Er lacht. Die ande­ren lachen. Auf ein­mal lacht die gan­ze Party.

Bar­ba­ra Blum, gebo­ren, 1992, besuch­te das Wel­fen-Gym­na­si­um in Schon­gau. Nach dem Bache­lor­stu­di­um der Anglis­tik und Geschich­te an der Uni­ver­si­tät Regens­burg, wech­sel­te sie zum Mas­ter Buch­wis­sen­schaft an die Fried­rich-Alex­an­der-Uni­ver­si­tät Erlan­gen-Nürn­berg. Nach dem Kurs „Crea­ti­ve Wri­ting: The Art of Short Fic­tion“ an der Uni­ver­si­ty of New­cast­le, Aus­tra­li­en, ist die Baye­ri­sche Aka­de­mie des Schrei­bens ihre ers­te Schreib­werk­statt in Deutschland.